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Die neue Welt · 1937-02-26 · Heft 635 (26.2.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 635 (26.2.1937)
Date
1937-02-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 635 vom 26. Februar 1937 Purim 5697 Der Purintring Von Dr. Israel Zwi Kanner (Wien). Maschwartha oder wie es im Talmud (Synhed. 64) # vollständig heißt: „Maschwartha d' Purja", der Sprungrftig des Purimfestes, hatte nach den Belehrungen, die uns der große Lexikograph R. Nathan (Aruch, Schlagwort „schwar") gibt, folgenden Ursprung: Seit der. ältesten Zeit war es in Babel undElam jüdische Volkssitte, vier oder fünf Tage vor dem Purimfest H a m a n s, des Erzfeindes, Büd, ans Kreuz geschlagen, auf den Dächern auszustellen, um die: Ankunft der Freudenzeit zu signalisieren.^ Waren nun der 14. A d a r, also der Vollmond, und das Purimfest herangekommen, so zündete man ein großes Feuer ah, umringte es, warf unter Liedergesang und Zimbelklang die Hamansbilder hinein, um sie zu verbrennen. Oberhalb des Holzstoßes aber war eiri R i n g oder Reifen angebracht, Maschwartha genannt (eigentlich Stelle des Springens), woran die Jünglinge sich anzuhängen und von der einen Seite der Flamme nach der anderen zu springen pflegten. Uebrigens führte denselben Namen auch der Ring (Reifen),. den die Possenreißer an Eseln- oder Pferden anbringen, um sich hin- und herzutummeln. Dieses volkstümliche Spiel ist sehr alt, jedenfalls älter als die Entstehung des Christentums, so daß nur argwöhnischer Fanatismus und tückische Bosheit den unschuldigen Brauch als Gehässigkeit gegen die Tochterreligion des Judentums verleumden und ein kaiserliches Dekret zu dessen Abschaffung erzwingen konnten. Am29. Mai408 mußte KaiserTheodosius (Lib. 16, Th. 8) einen Befehl an den Präfekten Athenius ergehen lassen, daß die Rektoren der Provinzen das Aufstellen des Hamankreuzes auf den Dächern der Judenhäuser hintanhalten und das Verbrennen der Puppe verbieten sollen; im Uebertretungsfali sind die Juden der Bürgerrechte und des gesetzlichen Schutzes v J '=3tig zu erklären. Die Juden gehorchten und u-zAten das Maschwartha-Spiel ein, was jedoch nicht verhinderte, daß es einige Jahre später zu Immestar zu blutigen Auftritten kam, die Hamannspuppe als Christenkind erklärt und von den Mönchen das M ä rchen von Christenblut trinkenden Juden 'in den Volksglauben verpflanzt und der Urheber unsäglicher Qualen, Judenhetzen und Judenmetzeleien wurde. So ward denn die Maschwarthaflamme zu einem Autodafe für die Juden. ' Der Talmud will einige •* A-e-h n'-li c h-k e i t zwischen dem Sprungring des Purim und dem uralten Satürnus- oder M o 1 o c h d i enst in 'einigen äußerlichen Prozeduren finden. So zum Beispiel ließ der Molochpriester, der das Kind als Opfer darbrachte, dasselbe wiederholt am Ringe, springen, bis es kraftlos niederfiel. Ist es übrigens richtig, was Raschi (in Jer. 7/31) referiert, daß das eherne Bild des Moloch ausgestreckte Menschenarme hatte, so wäre vor allem die Gestalt des Kreuzes erklärt. Und ist es richtig, was Esther rabba 7 berichtet, daß Haman an seinem Gewand einen Götzen trug, so daß die, welche-sich vor ihm verbeugten, gleichzeitig dem Götzen Ehrfurcht erweisen mußten, so wäre die Gestalt Hamans als Götze erklärt. Es ist wahrscheinlich, daß der. Purimfeier, wie fast allen mosaischen und nachmosaischen Festen der Juden, ein dreifaches Moment zugrunde liegt: Symbolisierung der Vorgänge in der Natur, Erinnerung an geschichtliche Denkwürdigkeiten und Versinnbildlichung moralisch-religiöser Ideen. Um die Zeit des Adar-Vollmondes mag irgendwie der Niedergang des feindlichen Winters in fröhlichem Beginnen und das Vorgefühl des freundlichen Lenzes durch lustige Schwanke versinnbildlicht worden sein. Der Satürnus, der böse Geist, ist überwunden, er wird im Feuer, dem freundlichen und nunmehr siegenden Lichtelement, verbrannt. Nun aber wissen wir, daß man auch die wohltätigen Wirkungen des Winters nicht unbemerkt gelassen hat. Der Winter ist jener Geist der Verneinung, der stets das Böse will und da? Gute, doch wider eigene Absicht, vollbringt. Er selber breitet über die zarten Keime die schneeige Decke hin, und indem er sich der Triebkraft zu wehren scheinbar ausdrückt, verschafft er ihr Ruhe, sich zu sammeln und ihre, Macht vorzubereiten. Das ist der Haman, der unfreiwillig den Triumph des Mordechai veranlaßt. Das mochte ungefähr die Vollmondsfeier des Adar gewesen sein, bevor sich die SeraÜsgeschichte am Hofe des Achasohwerosch zugetragen, die dann als historisches Moment das Uebergewicht erhielt und die ursprüngliche Bedeutung des Festes in den Hintergrund drängte. Die e this c h-mora.l isch e Seite des Festes aber lehrt: Der Purimring hängt tief in die Flammen hinein und durch den Ring muß . jeder gehen, der vorwärtswill ... Du Jtoelep (Nach einem unbekannten Dichter) /ch weiß schon, was soll es bedeuten, Daß ich so lustig bin; Ein Märchen aus Streichers Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft ist schwül und man munkelt Und Sekt fließt reich in den Rheinj Das Hakenkreuz, es funkelt ... Bis in die Donau hinein« Der schönste Si-A.-Mdnn sitzet Dort oben in. Uniform, Er reckt die Hand und schwitzit Ersichtlich ganz enorm, Er wetzt'sein langes Messer r? Und singt ein Lied dabei, Das hat die allbekannte Horst-Wessel-Melodei. Er singt, von Rassenschande Und "heiligem Blubo, Vom* deutschen Vaterlande, Das reicht bis Mandschukuo. Es ist die Welt genesen Von ihrem Judenwahn. Das hat mit seinem Wesen Der B.-A'.-Mann getan. Purimfreude Von Dr. Rachel Offner (Wien) „Darum feiern die Juden... den 14. Tag des Monats Adar als Tag der Freude, des Mahles und als Festtag und schicken Gaben einer dem andern." Esther 9, 19. Das Buch Esther darf nicht nach dem Maßstab anderer Bibelbücher beurteilt werden; biblische Idealgestaiten Israels sind in anderen Büchern der Bibel zu suchen. Der Volksdichter dieser märchenhaften Geschichte schildert lebensnahe Gestalten mit ihren Freuden und Sorgen. Die Gestalten der Esther-Legende wurden instinktiv von der breiten Volksmasse aufgenommen. Das, Buch Esther wurde zum Volksbuch, wie keines der Bibelbücher. Die Fülle der dramatischen Momente regte die Volksphantasie an: das Purimfest wurde zum Volksfest. Purim, das fröhliche Fest, bringt Heiterkeit Freude, ja Ausgelassenheit in die düstere jüdische Gasse. Scherz, Spiel und Narretei beherrschen das ostjüdiscli- Städtchen. An jedem Feiertag soll der Jude fröhlich sein —> besonders aber am Purim; Die Freude muß an diesem Tage voll ausgekostet werden. Es wird viel Spaß und Ulk getrieben: die „Gassen" ertönen von Jubel. Mit Spiel und Tanz ziehen „Verstellte", von Musikanten begleitet, von Haus zu Haus Ein froher Kinderschwann, mit „Gragern" bewaffnet, folgt ihnen überallhin. Purim ist der Tag üppiger Freudenmahlzeiten und besonderer Purimspeisen: „Krepplech", „Harnan-Taschen'* und andere Purimspezialitäten erfreuen Kinder und Erwachsene. Am Abend bei der „Purim-Sudah" erreicht das Fest den Höhepunkt. Die Sudah ist besonders reichlich: auf dem festlichen Sudah-TIsche prangt der überdimensionale „Purim-Kojlitsch". Dem Weine wird viel zugesprochen; der sonst verurteilte übertriebene Alkoholgenuß ist für diesen Abend erlaubt. Allmählich füllt sich das Zimmer mit „Purimspielern" und „Verstellten": Purimspiele werden aufgeführt. Die Komik in der Situation Hamans, , die Dramatik der Esther-Legende, die Kontrastfiguren Esther-Vasti, Mordechai-Haman lockten die Vplksphantasie: der naive Volkssinn nahm die Purimgeschichte zum Anlaß von Spiel und Scherz. So manches schauspielerische Talent des Ghetto lebte sich hier aus. Die Stimmung wird immer ausgelassener: „Klesmorim", „Badchonim'f' bringen die echte Purimstimmung ins Haus. Almosen werden großherzig an Arme verteilt. Man tollt bis in die Mitternacht. „Heute ist Purim, morgen ist aus".., Einmal im Jahr wird für einen kurzen Tag das düstere Sem des jüdischen Volkes von einer sorglosen Freude-erhellt. Die lebensbejahende Lehre des Judentums gebietet Freude: „Du sollst dich vor dem Ewigen deinem Gött freuen", heißt es in der Bibel. Das Judentum suchte die Freude zu veredeln, zu versittlichen: die geistige Freude'ist die Quelle des jüdischen Lebens. Die erdgebundene, sinnliche Purimfreude hat 'wenig von der geistigen, verklärten Freude des klassischen Judentums. Der sentimentale Unterton der jüdischen. Freude wird von dem sorglosen Jubel des Volkes überschrien. Die Purimfreude ist der Ausdruck des Lebenswülens des jüdischen Volkes. \Jöh de*t faftCHÜUdtett Juden Vor der Kgl. Kommission erklärte der Mufti, daß „die Juden in den arabischen Ländern völlige Gleichberechtigung wie alle anderen Bürger genießen". Die Tatsachen lehren etwas anderes. Wir haben einige Male über die Lage der Juden im Jemen geschrieben und hervorgehoben, daß die menschenunwürdigen Verhältnisse, unter denen die Juden im arabischen Jemen leben, die starke jemenitische Auswanderung naoh Palästina ■erklärlich machen. Im hebräischen „Dawar" (Tel-Aviv) veröffentlicht Jemenitin bei de« Webearbeit ein jemenitischer Emigrant einen Brief, worin es unter anderem heißt: ,JDer gegenwärtige Iman von Jemen hat sofort nach seiner Thronbesteigung den gesamten , unbeweglichen Besitz der Juden konfisziert, der ihnen seit Generationen gehörte, und bald darauf den Juden vorgeschlagen, daß sie ihr konfisziertes Vermögen von ihm zurückkaufen. Die Juden waren auf diese Weise gezwungen, für ihr eigenes konfisziertes Vermögen zu zahlen. Trotzdem wird, wenn ein jemenitischer Jude nach Palästina übersiedeln will, sein gesamtes Vermögen erneut konfisziert. Dieses Gesetz gilt nicht für Araber und Christen, sondern ausschließlich für Juden. Alle Bewohner Jemens haben das Recht, auszuwandern, wann-und wohin sie wollen. Nur für die Juden gilt das Verbot, naoh Palästina zu wandern. Ein Jude darf in Jemen seinen ständigen . Wohnsitz nicht verlassen wnd muß jedesmal, wenn er irgend wohin fahren will, sogar im Lande selbst, eine hohe Kaution stellen als Garantie dafür, daß er zurückkehrt. Vor kurzer Zeit hat man einen Juden, der nach Katwa (bei Aden) fuhr, nach Jemen zurückgebracht, in Ketten gelegt und ihn im Gefängnis so gequält, daß er einige Tage nach seiner Entlassung starb. ..... Einige weitere Beispiele: Im Jemen darf ein Jude nicht gleichzeitig mit einem anderen auf einem Esel reiten, sondern er muß auf der Straßenseite reiten, Er darf nicht mit der B ah n fahren. Wenn ein Jude sich an einen Araber wendet und ihn nicht Herr* nennt, wird er bestraft. Ein Araber darf sich nicht an <einen Juden wenden und ihn nicht bei seinem Namen nennen. Er darf ihn auch nicht schlechthin Jude1 nennen, sondern muß ihn Jlund' oder ,Unreiner* nennen. In der letzten Zeit erschien eine Verordnung des Imam, daß sich die üdischen Frauen nicht mit Schmuck auf der Straße zeigen dürfen. Dies sind nur einige wenige Beispiele, gleichsam nur ein Tropfen aus dem Meere von Bedrückungen d,er Juden im Jemen." Der Sohreiber schließt seinen Brief mit der Versicherung, daß auch in Syrien und im Irak die Jucken einiges übe.r ihre tragische Lage unter der, arabischen, Herrschaft erzählen könnten. Jesmenittatilier Jude

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