Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 633 (19.2.1937)
- Date
- 1937-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«reite 6 DIE NEUE WELT Nr. 633 vom 19. Februar 1937 tk pMustkes MM Aus dem Jiddischen von Emil H ü 11 r e r. Auf der Fahrt in die kleine galizische Stadt drehen sich die Gedanken immer wieder um die Frage, wie das weltferne Nest, von dem manvor mehr als zwanzig Jahren Abschied genommen hatte, heute wohl aussehen mag. Haben die umwälzenden Ereignisse der beiden letzten Dezennien sein Antlitz von Grund auf geändert, ist vielleicht in diesem verlassenen Winkel aiies oder doch fast alles beim Alten geblieben? Beim ersten Anblick scheint es, als wären die Stürme der Zeit hier vorübergegangen, ohne merkbare Spuren zu hinterlassen. Dieselben Gassen und Gäßchen wie einst, dieselben vertrauten Häuser, wenn auch älter und verwitterter, und sogar auch noch derselbe Schmutz auf der Fahrbahn. Nur der Marktplatz hat sein Aussehen augenfällig verändert. Die hölzernen Buden sind verschwunden und ein neues, stockhohes Rathaus blickt im Glänze seiner hellleuchtenden Fassade hochmütig auf die kleinen Gebäude seiner Umgebung hernieder. Mit Stolz wird einem auch die neueste Errungenschaft der Stadt gezeigt, die elektrische Straßenbeleuchtung, die dafür Sorgt, daß man sich nicht wie früher des Nachts durch eine ägyptische Finsternis durchkämpfen muß. Und die Menschen? Die alten Gesichter mit Bart und Pajes, die alten Trachten, das alte, nervöse Gehaben, die alten Typen, versorgt und gehetzt, auf der Jagd nach Erwerb, heute wie einst Erst wenn man ein paar Tage wieder die Luft des Städteis geatmet hat, vermag man die tiefgreifenden Aenderungen, die «ich hier vollzogen haben, ganz zu erfassen. * Vor allem spürt man, daß die geistige Atmosphäre eine gewaltige Wandlung durchgemacht hat. Es fehlt der zündende Hauch der chassidischen Glaubensinbrunst, die einst hier die stärkste geistige Triebkraft darstellte, freilich auch in fanatischer Unbeugsamkeit Zwietracht und Feindschaft nicht für Jahre, sondern für Generationen in die Gemeinde trug. Seit dem Weltkrieg sind die Rabbonim weg» weggezogen, in die „Verbannung" gegangen und nicht wieder zurückgekehrt; die Scharen ihrer Jünger und Anhänger zerstreuten sich in den blutigen Wirren in alle Winde. Nur mehr von Zeit zu Zeit kommt der „Rebbe" zu kurzem Aufenthalt, „seine Herde um sich zu versammeln", wie die Spötter sagen. Dann strömen wieder in Scharen Chassidim von nah und fern zur Residenz ihres verehrten „Zaddik" und das lebhafte Treiben im Städtel erinnert fast an die guten Tage vor 1914. Vergessen ist die jahrzehntelange Fehde zwischen den Czortkower und Wischnowitzer Chassidim; sie haben Frieden gemacht,,und beten nun in einer gemeinsamen „Klaus", seit die der Czortkower im Kriege niederbrannte und kein Geld aufzutreiben war, sie neu aufzubauen. Die erbitterten Streitigkeiten wegen eines Rabbiners oder eines Schochets gehören schon der Geschichte an. Bei den nicht seltenen Meinungsverschiedenheiten, die im Rathaus ausgetragen werden, geht es heute weniger um ideologische Grundsätze als um Angelegenheiten des täglichen Lebens; man ereifert sich nicht mehr wegen eines „Baruch w'omer" oder eines „M'schabchim w'Omrim", sondern muß sich mit Ehrenbeleidigungen oder Zwistigkeiten aus einem Handelsgeschäft befassen. I So macht sich der schwere Druck des immer härter | werdenden Existenzkampfes bis in die „Klaus" hinein fühlbar. Im sonstigen jüdischen Leben spiegelt sich getreulich, wenn auch in stark verkleinertem Rahmen, die große jüdische Welt wider, mit ihren Sorgen und Leiden, mit ihrer fast hoffnungslosen Zerrissenheit in Parteien und Gruppen, ebenso mit ihrem unablässigen Bestreben, aller Ungunst der Verhältnisse zu Trotz geistige Werte zu pflegen. Soll man darüber klagen oder lächeln, daß als Sinnbild jüdischer Uneinigkeit in dem kleinen Städtel gleich zwei Vereine, nur durch persönliche Gründe voneinander getrennt, sich der Kulturarbeit widmen? Ein gewisser Trost liegt jedoch darin, daß beide auf ganz ausgezeichnete Leistungen hinzuweisen haben. Jeder von ihnen verwaltet auch eine große Bibliothek, welche hier, fernab von den großen Kulturzentren, d|e Werke der modernen Literatur und Wissenschaft" den Bildungshungrigen zugänglich macht. Man kann sich ausmalen, wieviel Opfermut, Arbeitsfreude und Hingabe an die gestellte Aufgabe nötig sind, um derartige Einrichtungen zu schaffen und zu erhalten. Man zeige uns aber auch noch ein Volk, dessen MenBchen selbst in den Zeiten schwerster Bedrängnis und buchstäblichen Hungers so ungebrochenen Mutes nach geistiger Nahrung verlarigen! Dieser seelischen Einstellung entspringt auch die besondere Sorgfalt, die für die Erziehung der Jugend aufgewendet wird. Sie liegt noch zum überwiegenden Teil in den Händen der Orthodoxen, denen erst seit kurzem in der hebräischen Schule ein gewichtiger Rivale erwächst. Der „Cheder" vpn einst, der bis zum Weltkrieg bestand, mußte wieder neu eingerichtet werden und wird jetzt,-bei aller Wahrung der Tradition, auf sozusagen moderner Grundlage geführt. Seine Lehrer sind interessanterweise einst wohlhabende Kaufleute, die nach dem Verlust Ihres Yen mögens in der Krise sich ihrem neuen Berufe zuwandten. Man kann mit ihren pädagogischen Leistungen zufrieden sein, denn die Jugend, die unter ihrer Anleitung heranwächst, glänzt durch talmudisches Wissen und bildet den Stolz des gläubigen Städteis, das hier manch neue „Leuchte der Lehre" heranwachsen sieht. Die Hebräische Schule bestreitet ihre Existenz, wie die meisten ihrer Art im Lande, aus den Unterstützungen, die sie von Gönnern aus Amerika erhält. Sie hat schon eine stattliche Zahl tüchtiger Hebfaisten ausgebildet und konnte im vergangenen Jahr ihre Klassen bedeutend erweitern; Kurz, man bemüht sich nach Kräften, die Jugend nicht in Amhaarzuth verfallen zu lassen. Wie ho.ch die Leistungen auf diesem Gebiete anzurechnen sind, wird einem sinnfällig klar, sobald man die allgemeine ökonomische Lage betrachtet. Sie ist heute schon mehr als schlecht und bietet bei dem Bestreben der. öffentlichen Faktoren, die ohnedies schmale Existehzbasis der Juden weiter einzuengen, keine Hoffnung auf baldige Besserung. Der Kampf um das Stückchen Brot tobt erbittert, weil zu wenig da ist, als daß alle satt werden könnten. „Einer will dem anderen den Bissen noch vom Münde wegreißen", klagte mir der Kaufmann auf dem Marktplatz, wo Geschäft an Geschäft klebt, viel zu viele für die immer kleiner werdende Anzahl der Kunden, die noch nicht die genossenschaftlichen Verkaufsläden bevorzugen. Auch das jüdische Handwerk, das bescheiden in den armseligen Seitengäßchen haust, besitzt schon längst keinen goldenen Boden mehr, feine Kooperativ-Banfc und eine Gemilas-Chesed-Kasse bemühen sich, helfend beizuspringeh/aber ihre Kräfte sind zu schwach, dem allgemeinen Untergang zu steuern. Die Zahl der Luftmenschen wächst ... Die Jugend — Burschen wie Mädchen — erkennt die Aussichtslosigkeit, den Platz zu behaupten und wartet auf Zertifikate. Es gibt fast kein Haus, keine Familie, die nicht schon einen Angehörigen in Palästina hätte oder wo sich nicht zumindest einer vorbereitete, dorthin zu gehen. Durch solche sozusagen persönliche Beziehungen ist das kleine galizische Städtel mit Erez Jisrael, dem Lande unserer Zukunft, verbunden. Leider hört man nur mehr selten von Alijah, von Palästina-Wanderern, sprechen. Das bittere Schlagwort „Evakuation" ist in aller Munde. Noch ein kleines Fenster in die große, uns Juden wenig freundlich gesinnte Welt hat das Städtel. Abends versammelt man sich vor der Post, wo um diese Zeit die Warschauer und Lemberger Zeitungen eintreffen. Man reißt sich um die Blätter und verschlingt gierig, gewissermaßen in der Hoffnung auf ein Wunder, ihre Nachrichten. Leider gibt es keine Wunder mehr, leider sind die Neuigkeiten meist alles andere als trostbringend. Hier im Städtel, im ganzen Lande, ja in fast allen Ländern der Erde ist eine schwere Zeit der Prüfungen und Leiden für das jüdische Volk gekommen. Das ist der Kernpunkt all der stundenlangen, aufgeregten Debatten, die sich an die Zeitungslektüre knüpfen. Schwer lastet dumpfe Resignation über den Gesprächen der Alten; die Jugend aber, im Vertrauen auf die eigene Kraft, im Vertrauen auf dio große zionistische Idee, blickt hoffend und sehnsüchtig gegen Osten, gegen das Land der Väter. A. V.foedoH Zum 15. Todestag Eine seltene Erscheinung im jüdischen Volk, das 2000 Jahre lang nur der. Erinnerung an den eigenen Boden lebte. . . . Eine einzigartige Figur aus dem Osten, wo die Regenerierung sich im intellektuellen Bereich vollzog. . Wir können uns glücklich schätzen, einen . Mann wie A. D. Gordon zu besitzen. .Gleich bei Beginn der zionistischen Bewegung schließt der in einem podolischen Städtchen geborene Jude sich ihr mit Leib .und Seele an, um schon nach kurzer Zeit, zu einer neuen, .überraschenden, revolutionären Lösung zu gelangenf't)er*Gblus, so empfindet er, hat den jüdischen Menschen verkrüppelti seine natürlichen Instinkte getötet. Wie Jean Jacques Rousseau nach der Zeit der Aufklärung, so rief er das Wort „Zurück zur Natur!" in die jüdische Gasse, „Hinaus aus dem Golus!" und „Aufbruch nach Palästina!", dem Nährboden des Erlösungsgedankens. Man stelle sich das Staunenvor, das' Gordön hervorrief, als er von der golusgewohnten, traditionsgebundenen Generation die Schaffung einer neuen Lebensform verlangte; einer solchen, die sich auf Arbeit und Liebe zur Scholle gründet und auf Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Und den Sturm der Ueberraschung, als er selbst, A. D. Gordon, daranging, seine Ideen im Leben zu realisieren. A., D. Gordon ging . als reifer Mann nach Palästina. Es trieb ihn zur' Scholle, zur: Feldarbeit. Eine schwere Sache, Arbeit zu bekommen! Denn damals, vor Beginn der großen jüdischen Kolonisation, waren die Arbeitsstellen von Arabern besetzt; auch mutete man einem älteren Menschen keine schwere physische Beschäftigung zu. Schließlich gelingt es ihm, seinem Ideal zu dienen: der Propagandist, Schriftsteller, Ethiker, romantische Schwärmer,, sät und erntet auf den Feldern Erez Israels. Schweres Leid befällt ihn. Er verliert seine Frau und seinen einzigen Sohn, seinen Kaddisch. Er klagt nicht und verzweifelt nicht. Eine neue Weit hat sich ihm erschlossen, eine neue Welt hat er den anderen geöffnet. Mit Schmerz allerdings bemerkt er, wie die chaluzischen Arbeiter sich den europäischen Proletarierbegriffen nähern, die Form des nüchternen marxistischen Sozialismus nachahmen und dem* Klassenkampfgedanken frönen. ,; Nein, so war es nicht, gedacht. Gordon verlangte die Erlösung, durch die Arbeit; auf der Scholle, nioht durch eine mechanisch-sozialistische Organisation. Es ging ihm um die Produktivierung des Lebens, , um den Glauben an den neuen jüdischen Menschen, der die abgestandenen europäischen. Phrasen über Bord wirft, der nicht mehr als Parasit leben will, sondern als freier Mensch auf freier Scholle. Solch ein Ideal konnte kein Massenideal werden. Es verlangte den edlen, opferbereiten nationalen Menschen; den sagen wir es geradeaus — philosophischen, idealisti- , sehen Menschen.. Das Hinführen des jüdischen Menschen zur Liebe, Land und Volk und Sprache — das war die Sehnsucht A. D. Gordons, die Sehnsucht und die Leidenschaft. Er starb, 66 Jahre alt, vor fünfzehn Jahren. Wer sein Volk liebt und das Leben des Volkes in seiner ganzen Schwere begreift, der wird auch Gordons mit respektvoller Liebe gedenken. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) England: Rembrandt— Bajazzo ■—■ Männer sind keine Götter. Frankreich: Schlafwagen Paris—Toulon — Die schuldige Stimme. Amerika: Skandal in der Oper — Das Dreieck — San Franzisko — Dodsworth — Anthony Adverse — Der Garten Allahs — Vornehm und gefährlich — 1000 und 1 Affäre — Der lustige Desperado — So gut wie verheiratet — Amigo — Pury — Fünflinge geboren — Herrin der Dschungel — Romeo und Julia — Gefährliche Fracht — Die lieben Verwandten — Mordende Augen — Swing Time — Sturm über England — Drei süße Mädels. Filme unter Arierparagraph Seine Tochter ist der Peter — Lumpazivagabundus Unter heißem Himmel — Der Bettelstudent — Burgtheater — Ernte — Das Geheimnis eines alten Hauses — Letzte Grüße von Marin — Der Jäger von Fall — Das Hofkonzert — Die Nacht mit dem Kaiser — Diener lassen bitten — Ritt in die Freiheit — Es geht um mein Leben — Der Mann, von dem man spricht — Premlere — Panzerkreuzer Sebastopol — Frldericus — Sein größter Erfolg. Heule Premiere vom //Drei süße Mädels" Heute findet im Burg-, Imperial-, Stafa-, Votivpark- Kino die Premiere von „Drei süße Mädels" statt. Der Film (Produktion der Neuen Universal), bringt in der Hauptrolle vor allem die erst 14jährige Deanna D u r b i n, die bereits zu den anerkanntesten Koloratursängerinnen Amerikas zählt. Die Wiener Komponisten Kaper und Jurman schrieben die Musik. Regie Henry Kost er unter der Produktionsleitung Joe Pasternaks. Heute Gitta Alpar im Sdiweden-Kino In dem Film „Die schuldige Stimme" spielt Gitta Alpar eine gefeierte Opernsängerin, deren Stimme dazu verwendet werden soll, auf einer Sohallplatte eine chiffrierte Mitteilung ins Ausland zu tragen. Der spannende Film gewährt Einblick in die Arbeit des Geheimdienstes und der Gegenspionage. Wer für PurJm Verwandten oder Freunden eine Freude bereiten will, kauft als Geschenk Palästina- Produkte. In großer Auswahl bei Samuel Haltern, IL, Förstergasse 6. „Hurra! eine Jaffa-Orange!" freut sich der Kenner. Jaffa-Orangen schmecken so famos! Ich nehme Jaffa- Orangen zu allen Mahlzelten und auch in der Zwischenzeit, wenn ich durstig oder erfrischungsbedürftig bin. Aber Jaffa-Orangen müssen es sein, denn Jaffa- Orangen sind saftiger und sUßer. Das Beste zum Schluß ==13. März' Sofl«ns8le