Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 631 (12.2.1937)
- Date
- 1937-02-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712256--6308-2720041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 631 vom 12. Februar 193T Mt&StkeMet, (kt kMe $di$t&epAOiiUa Von Dr. phil. und iur. Paul J. Diamant Von dem großen, reichen Schatze der hebräischen Literatur im Altertum ist nur ein kleiner Bruchteil auf uns gekommen. Alles, was sich erhalten hat, Bibel und Propheten, historische Schriften und Dichtungen, ist an Umfang nicht größer als ein mittlerer Klassikerband. Weniges an hebräischen Sprachdenkmälern ist sonst noch bekanntgeworden, einige Inschriften, die Münzlegenden, ein paar Briefe, wenig genug. Unsere Vorfahren waren nicht geschwätzig und scheinbar auch nicht besonders schreiblustig. Nicht nur die gesamte weltliche Literatur ist nicht auf uns gekommen, auch ein großer Teil der erbaulichen Werke hat sich üicht erhalten, da sie nicht in den Kanon aufgenommen Wurden und so in Vergessenheit geraten sind. Nur jener Teil der erbaulichen Literatur, der sich nicht im hebräischen Original, wohl aber in g r i echischer, lateinischer oder sonstiger Uebersetzung erhalten hat, ist noch heute vorhanden; diese Schriften werden mit einem nicht ganz autreffenden, aber allseits bekannten Namen als Apokryphen bezeichnet. Wer die Literatur der Juden seit der Exilszeit sucht und sie begreiflicherweise im Kanon vergeblich sucht, findet sie hier. Hier ist das Makkabäerbuch, das uns von dem Freiheitskampf gegen die syrischen Unterdrücker erzählt, hier das Buch T o b i t, das von der Belohnung pietätvoller Gesetzeserfüllung im Privatleben berichtet,- hier das Buch Judith, das von dem Erfolg hingebungsvoller Frömmigkeit bei nationaler Bedrängnis spricht, hier finden wir die Spruchsammlung des Ben S i r a, der ein wenig hausbacken, aber grundgescheit, im Altertum ein Buch schreibt, das man heute: „Die Kunst, als Jude zu leben" nennen könnte. Wie schade, daß alle diese Literaturwerke dem späteren Judentum restlos verlorengegangen sind, obwohl sie im Talmud noch zitiert werden, und das Werk des Ben Sira noch Saadja Gaon und Salomo bekannt war. Eines dieser „apokryphen" Literaturwerke, das fälschlich als „Viertes Esra-Buch" bezeichnet wurde, ist nun nach langer Vergessenheit dem jüdischen Volke neuerdings geschenkt worden. Es ist das große Verdienst des bekannten Forschers Dr. Armand Kaminka, der diesem verkannten und mißverstandenen Werke seine richtige Würdigung zuteil werden ließ, seine richtige Ursprungszeit ermittelte und seinen richtigen Autor fand. Die hebräische Rückübersetzung samt Kommentar erschien 1936 im Dwir- Vorlag, Tel-Aviv, die schöne Edition' ist leider durch zahlreiche vermeidbare Druckfehler verunziert. Um die hochbedeutsamen Resultate Kaminkas gleich vorwegzunehmen: Das bisher „Viertes Esra-Buch" genannte Werk erwies sich als eine prophetische Schrift von großem dichterischem Schwung und tiefem Gedankeninhalt, es wurde nicht, wie man bisher annahm, im Jahre 100 nach Chr., sondern im Jahre 556 vor Chr. verfaßt, sein Autor ist niemand anderer als Prinz S, c h e a 11 i e 1, der Sohn des unglücklichen Königs J e c h o n i a. Nicht nur für die Fachgelehrten, sondern auch für alle Liebhaber der jüdischen Literatur wird es interessant sein, zu erfahren, auf welche Weise es Dr. Kaminka gelungen ist, zu seinem überraschenden Resultat zu gelangen. Der Ausgangspunkt seiner Forschungen war die Feststellung, daß das Vierte Esra- Buch, das nur in lateinischer, syrischer, armenischer und äthiopischer Sprache auf uns gekommen ist, ursprünglich in hebräischer Sprache geschrieben war. Schon-Wellhausen und Gunkel haben dies behauptet, nun aber hat Kaminka eine solche Fülle von Beweismaterial beigebracht, daß kein Zweifel mehr berechtigt ist. Ueberhaupt kann man annehmen, daß ein Teil der Apokryphen ursprünglich hebräisch geschrieben war. Die hebräischen Originale sind aber verlorengegangen, als das Judentum diese Schriften als unkanonisch ablehnte. Die jungen christlichen Gemeinden aller Sprachgebiete hatten aber bereits die Apokryphen als Erbauungsliteratur übernommen, sie wurden bald so beliebt, daß zahlreiche Uebersetzungen angefertigt wurden. So fügte es sich, daß Teile der alt jüdischen Literatur sich nicht in hebräischer Sprache, sondern in der Sprache Roms, Syriens, Armeniens, Arabiens und Aethiopiens erhalten haben. Durch diese Uebersetzungen sind nicht wenig Zusammenhang- und sinnstörende Fehler entstanden. Kaminka gelang es nicht nur, nachzuweisen, daß zahlreiche dunkle Stellen durch eine fehlerhafte Auffassung des hebräischen Urtextes entstanden sind, sondern auch, daß zahlreiche syntaktische und stüistische Eigentümlichkeiten darauf hinweisen, daß die Sprache des Urtextes das klassische, biblische Hebräisch war. Was nun den Inhalt anbelangt, so nimmt Kaminka an, daß zwei Visionen politischen Inhalts nicht in den ursprünglichen Text gehören, sondern um die Zeit Alexanders dea Großen als effektvolle Aktualität hinzugefügt wurden, der Rest des Buches, vorwiegend die Kapitel 3 bis 10, aber ist die Grundschrift, das Werk des Prinzen Schealtiel, wie nun erwiesen, das älteste, an die prophetische und psalmistische Literatur sich anlehnende Werk. Was ist nun der Inhalt von Prinz Schealtiels Schrift? Man wird diesem Werke am ehesten gerecht, wenn man es mit den biblischen Büchern Daniel und Hiob vergleicht. Zwei Arten von Stoffen hat der Autor darstellen wollen: erstens die Lehren von der prophetischen Enthüllung der zukünftigen Vollendung des Gottesreiches, und zweitens religiöse Probleme und Gedankengänge, die sich auf die letzten Dinge beziehen. Not lehrt nicht nur beten, Not lehrt auch denken, grübeln, phüosophieren. Die große Katastrophe, die das jüdische Volk in seiner Gesamtheit und in besonders empfindlicher Weise die davidische Dynastie und damit auch den Prinzen Schealtiel betroffen hat, zwingt ihn gebieterisch, sich mit irdischen, aber auch mit überirdischen Problemen auseinanderzusetzen. Von famüiärem Unglück bewegt, von der nationalen Katastrophe erschüttert, lernt er sich mit den ewigen Problemen der Menschheit zu beschäftigen und nach Gottes Absichten zu forschen. Gleich Hiob stellt er die faustische Frage, warum das Leid in der Welt sei und ob es in Gottes Welt göttliche Gerechtigkeit gebe. Doch während dem mittelalterlichen Faust betörend und höhnisch grinsend der Teufel erscheint, so gesellt sich zu dem jüdischen Faust des Altertums freundlich belehrend und tröstend der Engel U r i e 1. Der grübelnde und zweifelnde Mensch fragt und klagt, der Engel aber, als Verteidiger des Glaubens, tröstet ihn in Zwiegesprächen von dramatischer Spannung und Steigerung, belehrt ihn, Wirrnisse klärend und erklärend, Weltliches und Ueberweltliches deutend, bringt ihm so Klarheit und Ruhe und flößt ihm so Vertrauen zur göttlichen Weltordnung ein, auch wenn er die letzten Rätsel nicht zu erraten, die Urgründe nicht zu ergründen vermag. So wie der mittelalterliche Faust nicht nur zum tätigen, schaffenden Leben gewiesen wird, sondern auch zu dem Ursprung, „zu den Müttern" hinabsteigen soll, so erhält schließlich Schealtiel den Auftrag, die alten Geschichts- und Weisheitswerke zu sammeln und neu niederzuschreiben, um so seinem Volke und allen Völkern einen gewaltigen, immer dauernden Dienst zu leisten. Kann ein Werk dieser Art, das. so sehr an die Bücher Daniel und Hiob erinnert, wie bisher allgemein angenommen wurde, erst um das Jahr 100 nach Chr. geschrieben worden sein? Ist nicht Kaminkas Ansicht, daß es ein alter Autor, zur-Zeit des babylonischen Exils verfaßt habe, von zwingender Beweiskraft? Hören wir einige seiner Gründe, einige nur an Stelle der vielen, die er anführt. Der Verfasser betrachtet die Zerstörung Zions als ein noch nicht-dagewesenes Ereignis und richtet an Gott die Frage, warum er die Feinde verschone und Jissrael bestrafe. Kann dies ein Mann um 100 nach Chr. tun, der. angeblich an die Zerstörung des Tempels unter Titus denkt? Dieser mußte doch wissen, daß der einst von den Babyloniern zerstörte Tempel wieder aufgebaut wurde, und daß der Vernichter, wenn seine Zeit kommt, selbst vernichtet wird. Aus seiner größeren historischen Kenntnis wußte er doch, daß große Weltreiche, wie das der Babylonier, der Perser, der Makedonier, zerfallen können, eine Erkenntnis, die einem Mann im sechsten Jahrhundert vor Chr. begreiflicherweise abgehen mußte. — Gott, an den er sich verzweifelnd wendet, wird in der wortgetreuen lateinischen Uebersetzung „altissimus" genannt, was auf das Wort „eljon" im hebräischen Original hinweist; so heißt aber Gott nur im alten hebräischen Schrifttum, im ersten und zweiten Jahrhundert nach Chr. sagte man „ha Makom" oder „ha Kodesch baruch hu". — Eine andere, ziemlich nebensächliche Bemerkung des Autors spricht auch für das hohe Alter der Schrift; er hält die Wasserfläche des Weltmeeres für ein Siebentel der Erdoberfläche, 600 Jahre nach Schealtiel hatte man schon eine zutreffendere Vorstellung von der Größe der Meere und schätzte sie auf ein Drittel der Erdoberfläche. Schealtiel trauert noch um die verlorenen zehn Stämme und hält ihre Rückführung für die hauptsächlichste Aufgabe des Erlösers. 600 Jahre später war man schon resignierter und realpolitischer und hielt sie bereits für endgültig verloren. — Schealtiel erzählt auch, daß er dreimal je eine volle siebentägige Woche gefastet habe, 600 Jahre später war das Fasten am Sabbat streng verboten. Kaum hätte es jemand gewagt, dieses Verbot zu übertreten, niemand aber sich erkühnt, von einer solchen Gebotsübertretung öffentlich Mitteilung zu machen. — Mehr Gründe hier anzuführen, ist unnötig, da kein Zweifel mehr obwalten kann, daä das Werk, das bisher Viertes Esra-Buch genannt wurde, zur Zeit des babylonischen Exils, um das Jahr 556 vor Chr., entstanden ist. Sein Autor aber ist, wenn man den Beweisgründen Kaminkas und der ausdrücklichen Mitteilung in der Einleitung des Werkes glaubt, Schealtiel, Sohn des Jechonia, Urenkel des kühnen Reformerkönigs Josias. Wir aber können mit Stolz und Freude die Tatsache feststellen: Ein neues Werk von großem Wert ist der hebräischen Literatur geschenkt worden und ein bisher kaum bekannter Mann erscheint nun unter den Heroen der jüdischen Geistesgeschichte: Schealtiel, der letzte jüdische Prophet, Schealtiel, der erste jiWische Theologe^ » ■•>. .,;: :.:, Zionistische Mäddienbewegung Von Dr. Rachel Offner Vor kurzem beging die Weltorganisation zionistischer Mädchen „Jung-iWizo" das zehnjährige Jubiläum ihres Bestandes. Durch Jahrhunderte stand das jüdische Mädchen an der Peripherie des jüdischen Lebens: es lastete auf ihm eine alte vorurteilsvoUe Erziehung. Im Mittelpunkt der jüdischen Mädchenerziehung stand die Vorbereitung zur Ehe. Für die „brave jüdische Haustochter, die Stütze der Mutter", war der Haushalt da» alleinige Betätigungsgebiet. Der Sohn hatte in der jüdischen Familie eine bevorzugte Stellung. Durch Generationen bestanden hier nur für den Bruder Entwicklungsmöglichkeiten. Er allein sollte jüdisches Wissen erlangen. Dem jüdischen Mädchen wurde jede Beziehung zur jüdischen Kultur, jüdischem Wissen vorenthalten. So wuchs ein indifferentes, assimiliertes Mädchenelement ohne jeden Zusammenhang mit dem jüdischen Sein heran. Mit der jüdischen Nationalbewegung bricht für das jüdische Mädchen eine neue Epoche heran. Die Nachkriegszeit, die wirtschaftliche und seelische Krise des jüdischen Volkes gestattete dem jüdischen Mädchen nicht mehr das passive Vorbeileben an der jüdischen Not. Das bisher organisatorisch schwer zu erfassende jüdische Mädchen nimmt nun regen Anteil an der zionistischen Jugendbewegung. Das unvorbereitete häusliche Mädchen mußte aber sehr bald die geistige Ueberlegenheit und Vorherrschaft des männlichen Elements verspüren. Enttäuscht ziehen sich viele Mädchen aus den gemischten Jugend verbanden zurück. Das jüdische Mädchen erkannte dann die Notwendigkeit einer spezifisch weiblichen Jugendbewegung; es wurden in vielen Ländern zionistische Mädchengruppen geschaffen. Das Zusammenfassen aller dieser losen zionistischen Mädchenverbände in eine festgefügte Weltorganisation war das nicht abzusprechende Verdienst der vor zehn Jahren gegründeten „Jung-Wizo". Die ursprünglich autonome, selbständige Mädchenorganisation ist im Laufe der Entwicklung vollkommen unter den geistigen Einfluß der „Senior-Wizo" geraten. Sie ist heute nurmehr ihr Anhängsel. Wie dort, beschränkt sich der Wirkungskreis der „Jung-Wizo" lediglich auf „praktische" Arbeit für Palästina und Vermittlung jüdischer Kenntnisse. Der gesunde Kern in der „Jung-Wizo" wird von einer krankhaften Romantik umsponnen. Ein träumerischer Jungmädchengeist und Verschwärmtheit erfüllen die Bewegung. Ueber die Welt der jüdischen Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) England: Rembrandt — Bajazzo — Männer sind keine Götter. Frankreich: Schlafwagen Paris—Toulon. Amerika: Skandal in der Oper — Das Dreieck — San Franzisko — Dodsworth — Anthony Adverse — Der Garten Allahs — Vornehm und gefährlich — 1000 und 1 Affäre — Der lustige Desperado — So gut wie verheiratet — Amigo — Fury — Fünflinge geboren — Herrin der Dschungel — Romeo und Julia — Gefährliche Fracht — Die lieben Verwandten — Mordende Augen. Filme unter Arierparagraph Seine Tochter ist der Feter — Seine offizielle Frau — Mädchen in Weiß — Standschütze Bruggler — Glückskinder (Ufa) — Fahr'n ma, Euer Gnaden — Das Mädchen Irene — Blumen aus Nizza — Kontuschowka — Annemarie — Wo die Lerche singt — Romanze — Du kannst nicht treu sein — Lumpazivagabundus — Unter heißem Himmel — Wenn wir alle Engel wären — Der Bettelstudent —- Eine Frau ohne Bedeutung — Der lachende Dritte — Burgtheater — Ernte — Das Geheimnis eines alten Hauses — Letzte Grüße von Marin — Der Jäger von Fall *— Das Hofkonzert — Die Nacht mit dem Kaiser — Diener lassen bitten — Ritt in die Freiheit — Es geht iim mein Leben — Der Mann, von dem man spricht — Premiere — Panzerkreuzer Sebastopol. KlNO*PRO<iRAMME KREUZ-KINO I, Wollzeile 17 Telephon tf -24-2- 16 Vorstellungen; ». V**, V»8. 'MO Mordende Augen Edmund Lewe STAFA, VII MariahilferstraOe 120 Telephon B-83-0-68 Wochentags: 5, 7, » Ulli VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon Heßinn: <». 1 18-3-96 v«b, mio (Die TorJesbrlSadG) SCHÄFER VI, Mariahilterstraße 37 Telephon B-20-203 iieglnn; *M>, V»*, M Kf9 Zwischen Abend und Morgen mit Annabell«