Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1937-02-05 · Heft 629 (5.2.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 629 (5.2.1937)
Date
1937-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2712245-2712254--6291-2720022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 629 vom 5. Februar 1937 DIE NEUE WELT \ Seite 3 1 ..Man wird uns keine Ruhe geben" Zur „Abwehr des Antisemitismus" Kurz nach der Installierung des national« Bozialistischen Regimes in Deutschland gab der Berliner „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" seine Auflösung kund, mit der Motivierung, daß seine Aufgabe erfüllt sei. Ob dieser Entscheid das Resultat der Resignation war oder der Genugtuung über geleistete Ärbe.H\ kann heute nicht mehr Gegenstand der Prüfung Bein. Das was seither über die Juden Deutschlands hereingebrochen ist, läßt hier jede Analyse als überholt erscheinen. Seither hat das, wogegen der Verein sich wehrte, der Antisemitismus, einen anderen Inhalt und eine andere Form bekommen. Ein psychologischer, bzw. pathologischer Prozeß hat begonnen, dessen Teilnehmer — Inszenatoren und Betroffene — tmter anderen Voraussetzungen ihre Rollen zu spielen haben als bisher. Das Ausmaß dieses Prozesses war nicht einmal bei äußerst pessimistischer Beurteilung der Weltlage zu erwarten. Prophezeiungen von einer Düsterkeit, wie sie jetzt über den meisten jüdischen Zentren lagert, wären in solchem Ausmaß als hirnrissig zurückgewiesen worden. Die Kulturmenschheit sträubte sich gegen die Annahme, daß die wildgewordene Bestie im Menschen so leicht organisiert und fast ohne Widerstand zur Macht gebracht werden könnte, wie es im Fall des Hakenkreuzes geschehen ist. Herzls Vorausblick in seiner These „Man wird uns keine Ruhe geben" findet seine grauenvolle Bestätigung. Welch bescheidene Zeiten, wo die Angriffe auf Juden und Judentum Sache privaten Gemüts und persönlicher Liebhaberei waren! Die Gesellschaft fühlte sich nicht erschüttert, nicht einmal in Mitleidenschaft gezogen, und sogar die antisemitischen Gruppen und Parteien hatten nicht die Kraft, den jüdischen Menschen überall in der Welt ernstlich zu gefährden. Im zaristischen Rußland waren die Pogrome Reflexe der Angst vor einer Revolutionierung der Massen, blutige Zuckungen des konservativen Obrigkeitsstaates, der durch die Knute tausender Kosaken beschützt wurde und der den jüdischen Bevölkerungsteil ohnehin schon in einem Ausnahmszustand festhielt. In Mitteleuropa, Deutschland, Rumänien konnte die latente, teils irrationell zu. bewertende, teils bewußt geschulte Aversion gegen das Judentum nichts mehr als eine Beschimpfung des jüdischen Menschen erreichen, die von einer Diffamierung des jüdischen Volkes weit entfernt \v -\ Das Unlustgefühl in solchem Dunstkreis ließ Abwehrmaßnahmen entstehen, die — von außen besehen — der Art der Gegnerschaft angemessen waren. Man schämte sich damals noch, durch ein Bekunden antisemitischer Gesinnung der Rückständigkedt und Kulturlosigkeit bezichtigt zu werden, zrumal Juden von höchster Seite, seitens kaiserlicher und republikanischer Herrscher, der subtilsten Würden teilhaftig wurden und eine Gleichberechtigung genossen, die nicht aufs Gesetz gegründet war, sondern auf die ewigen Menschenrechte. Die „Abwehr des Antisemitismus" entsprach ungefähr den Mitteln, mit denen dieser arbeitete, wenn man von den perfiden und verleumderischen Methoden absieht, welche bereits das Erscheinen der „Protokolle der Weisen von Zion" und der anderen Schundliteratur reichsdeutscher Provenienz ankündigten. In diesen beschaulichen und bescheidenen Zeiten waren antijüdisoher Feldzug und jüdische Abwehr Aktionen gesellschaftlicher Naitur. Die Erkenntnis, daß hier die Ursachen solchen Tuns tiefer liegen, blieb auf die nationaljüdischen Kreise beschränkt. Da nun aber das jüdische Nationalbewußtsein, organisiert im Herzischen Zionismus, noch nicht hoffähig war, konnte sich die „Abwehr" seiner Argumente und seiner Taktik nicht bedienen. Als dann schließlich der Hitlerismus sein schreckliches Gesicht zeigte, fand sich das liberale, in den Vereinen zur „Abwehr des Antisemitismus" erstarrte Judentum dem Tempo dieses neudeutschen Idealismus nicht gewachsen. Es versagte. Es verzweifelte. Es schlug hysterisch um sich. Es wollte nicht glaubein. Es bewahrte immer noch bis zu einer gewissen Grenze seine Anschauung von der fortschreitenden Kultur, die sogar den Terminus „Antisemitismus" über Bord werfen werde. Aber nicht der grauenerregende Haß des Hakenkreuziertums kapitulierte, sondern der Glaube an den Respekt vor der Menschlickheit, vor dem europäischen Humanismus. Der gesellschaftliche Antisemitismus machte einem politischen, der Staatsführung anvertrauten Platz. Durch die nazistische Propaganda gewann dieser politische Antisemitismus irrationalistischer Färbung Terrain. Die These, die Behandlung der Judenfrage müsse sich wesentlich von der Behandlung der Minoritätenfrage für die anderen Völker unterscheiden, gebar ein durchaus neues politisches Gebilde, mit der Hui ziemlich unvermittelter Einbruch mystizistischer Ideologien in die alte „antisemitische Weltanschauung" verbunden war. Je schwächer wir wurden, desto dreister geberdeten sich die Wortführer und Handlanger der antijüdischen Hetze, die nicht mehr nach den überlieferten Methoden betrieben wurde, sondern die Aufgabe hatte, die politische Struktur jedes einzelnen fcaaides zu ändern. Man schJ&rate sich nicht mehr des öffentlich ausgesprochenen antisemitischen Bekenntnisses. Es war nicht mehr der Jude, der wegen gewisser Rasseeigentümlichkeiten und geschichtlich bedingter Untugenden zu meiden sei — es ging gegen das Judentum schlechthin, gegen das jüdische Volk, gegen das Dasein des jüdischen Wesens in der Welt. Die Perfidie, mit der dieser Kampf geführt wurde, die Hartnäckigkeit, die diesem Feldzug innewohnte, der Geld- und Nervenaufwand, der dieser Kampagne diente, all das hatte zur Folge, daß nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland,- sondern in vielen anderen Ländern und Räumen, die Gesellschaft psychologisch zur Aufnahme der hakenkreuzlerischen Verleumdungsthesen reif gemacht werden konnte. Die Intensität solcher Aktionen war nicht zu überbieten, Eine große Partei mit ihrem mächtigen Apparat, Presse, Radio, Rednertribüne wurden in den Dienst dieses Vernichtungswillens gestellt, und die Parole „Juda verrecke!" als Resultat heroischen Denkens in die Welt gesetzt. Man erfand plötzlich, nur um dem Angriff eine „wissenschaftliche" Basis zu geben, die Existenz eines — jüdischen Volkes, das zwar auch bisher vorhanden war, aber in der Terminologie des vormärzlichen Antisemitismus keinen Platz hatte. Jetzt plötzlich erschien das Riesengespenst Juden tum auf dem Horizont der arischen Völker, und der' inferiore Fanatismus der zu „Volksgenossen" avancierten Kleinbürger konnte sich an der Verjagung dieses Gespenstes austoben. Der neue Antisemitismus gebärdete sich als Weltanschauung, als politisches Machtinstrument. Keine Stunde verging ohne den Versuch, Judentum und Bolschewismus als Geschwisterpaar zu deklarieren und mit einem Schlag zwei Fliegen zum Verrecken zu bringen — wobei die bewußte Absicht vorwaltete, durch dieses Manöver auch solche Kreise zu gewinnen, denen eine „Lösung der Judenfrage" im Sinne der Verbreiter der „Protokolle" nicht am Herzen lag oder nicht aktuell erschien. Im Judenpunkt entstand eine Front extremster Ideologien — betont rassistischer und betont konservativer Bewegungen; eine Front, die einer Auseinandersetzung auf der Basis von Tatsachen die brutale Bedrohung des Judentums vorzog. Sogar Menschen mit kulturellem Bewußtsein wurden wankend' gemächt, und da bekanntlich überall die bedauernswerte Neigung besteht, dem Erfolg nachzulaufen, konnte der antijüdische Angriff als praktischer „Dienst am Volke" überall (in Form von Schwarz-, Braun-, Blau-, Grün-, Silber-, Goldhemden) Triumpfe feiern. Wirkliche Erlioluiif der Haut ist die schnelle, sanft-scharfe Wäre dieser Angriff auf ein bloß liberales, volklich kränkelndes Judentum gestoßen, so hätte er kraft seines Fanatismus unaussprechliches Unheil angerichtet; er hätte ein Judentum zurückgelassen, das seinen Namen nur noch aus historischer Trägheit weitergeführt hätte. Er stieß aber auf ein im Leiden geprüftes und gehärtetes Volk, das in nicht minder großen Zeitläuften zu denken gewohnt ist als der reichsdeutsche Nazismus zu wirken vorgibt. Das jüdische Volk ist in seinem Glauben an die Unzerstörbarkeit seines Wesens nicht durch die schändlichsten und scheinbar erfolgreichsten Exzesse des internationalen Hakenkreuzlertums wankend geworden. Das neue, im Zionismus seine Wiedergeburt erlebende Judentum stellt seine Gestalt, so wie sie ist — mit all seinen Tugenden und Unvollkommenheiten und Lastern —, dem tückischen Feind entgegen, bereit, sich zu wehren, dabei von der Hoffnung getragen, daß sich vielleicht doch noch im Bund der Völker moralische Kräfte regen werden. Es verteidigt seine Positionen überall in der Diaspora, seine moralische, geistige, wirtschaftliche und religiöse Existenz. Es richtet sich gleichzeitig sein eigenes Haus ein, mag man es vorläufig Jüdisches Nationalheim oder Jüdische Heimstätte oder Judenstaat nennen. Der Zionismus sorgt dafür, daß das jüdische Volk seine feste Haltung bewahrt und seine Anklage sich nicht in fruchtloser Hysterie erschöpft. Die Angriffe gegen uns werden unser Gemüt nicht in Panik versetzen. Die Lage, in der wir uns heute befinden, die Bestätigung des Herzl- Wortes „M an wird uns keineRuhegeben..." werden wir, wenn die Menschheitsgeschichte einen Sinn hat, im Gallith und in Palästina zu meistern wissen. Der jüdische Genius wird sich weder vom Nazismus noch vom Bolschewismus unterkriegen lassen. o. r. Vortrag- Robert Stricker. Im Rahmen des Verbandes Alter Herren zionistischer Verbindungen spricht am Montag, den 8. Februar, im Saale des Cafe Bristol, I., Opernrimg, Oberbaurat Robert Stricker über „Königliche Kommission und politische Parität in Palästina". Beginn halb 9 TUtor abends. Gäste willkommen. j Dr. Nahum Goldmann Mitgied der Zionistischen Exekutive und Delegierter der Jewish Agency for Palestine vor dem Völkerbund spricht über Schicksalsfragen des jüdische» Volkes am Donnerstag, den 11. Februar 1937, Vst9 Uhr abends im Festsaale des „Hotel Continental", Wien II, Taborstraße 4 KARTIN ab S 1.- bei: Buchhandlung A.Mejstrik, Wien I. Wollzeile6,Tel. R-25-4-53; Buchhandlung M. Rath, Wien II, Taborstraße 20a, Tel. R-45-305; Jüdische Kultur stelle, Wien I, Franz-Josefs-Kai 3, Telephon R-28-2-36 Auszeichnungen Aus London: Das soeben veröffentlichte Ver« zeichnis der anläßlich des Neujahrs ausgezeichneten und in den Adelsstand erhobenen Personen enthält auch die Namen einer Reihe jüdischer Persönlichkeiten. Der konservative Abgeordnete Sir Arthur Michael Samuel wurdezum Lord mit dem Range eines Barons ernannt; der neue Lord war 1927 bis 1929 Finahzsekretär des Schatzamtes, 192 t bis 1927 Parlamentarischer .Sekretär des Handelsministeriums und Minister für Ueberseehandel, 1912 bis 1913 Oberbürgermeister von Norwich. — Mit dem Bath-Orden 3. Klasse wurde der vor kurzem in den Ruhestand getretene Bibliothekar der Abteilung für orientalistische Druckwerke und Manuskripte des Britischen Museums, Lionel David Barnett, mit dem Orden des> British Empire der palästinensische ■ Verwaltungsbeamte Alexander Epstein ausgezeichnet. Der stellvertretende Polizeikommissär von Haifa, Kaiman Jacob Cohen, wurde Ehrenmitglied des Ordens des British Empire. Schließt lieh wurde Isaak Rabbinowitch für hervorragende Tapferkeit bei der Beförderung englischer Truppen im Feuer in Palästina mit der Medaille des British Order ausgezeichnet. In dem Programm für den Besuch des englischen Königspaares im Londoner Judenviertel am 13. Februar ist u. a. eine Ehrengarde von vier Kompagnien vorgesehen. Eine dieser Ehrenkompagnien wird von dem Verband r ehemaligen jüdischen Kriegsteilneüimer gestellt. Die ungarischen Pfeilkreuzler Aus Budapest: In den Straßen von Budapest wurden Plakate angeschlagen, in denen die jüdische Bevölkerung im Namen einer „Internationalen jüdischen Liga" aufgefordert wurde, christliche Geschäfte u meiden. Unterzeichnet waren diese Plakate, auf denen der Drucker nicht angegeben war, mit „Die orthodoxe jüdische Jugend von Budapest". Die polizeiliche Nachforschung hat ergeben, daß diese Plakate im Auftrage einer Gruppe der antisemitischen „Pfeilkreuzle r" hergestellt und angeschlagen worden waren. Die Schuldigen werden sich vor Gericht zu verantworten haben. Inu« ausBäudisdic Hausbesitzer verwalten ihre WIENER HÄUSER durch behördlich korr/. Realltät-enkanzlel Dr. MAIR PAIS Wien I, Franz-Josefs Kai 1, Tel. R-21-5-10 Ersrkl assige Referenzen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.