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Die neue Welt · 1937-01-29 · Heft 627 (29.1.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 627 (29.1.1937)
Date
1937-01-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 627 vom 29. Jänner 1837 DIE NEUE WELT Seite 7 Emil Hülfrer luden, ick 6UW ein UuMnäkcl Dem Jiddischen nacherzählt Vor allem einmal will ich mich euch vorstellen: Ich bin ein Kleinhändler, ein Kleinhändler in einem Meinen Städtel. Also ist auch, wie ihr euch vorstellen könnt, mein Kramladen nicht sehr groß. Aber ich habe darin mehr Waren zu verkaufen, als ich euch in aller Geschwindigkeit aufzählen kann: Zucker, Kaffee und Schokolade, Tabak, Zigarren und Zigaretten, allerlei Gewürze, wie Vanille und Zimt und Muskatnuß, Aepfel und Pomeranzen, natürlich auch Mehl und Nudeln und Kartoffeln. Und wenn ihr einmal einen schönen Machsor braucht oder eine Mesuse oder Zizis für ein Arbekanfes oder Tefillin, das habe ich auch sflles auf Lager... Jetzt werdet ihr glauben, daß ich in Geld schwimme, vielleicht auf der Bank ein schönes Konto habe oder zu Hause im Kasten einen Strumpf voller Goldstücke. Da muß ich euch sagen, daß ihr euch aber schon sehr täuscht; mit dem Geld ist es bei mir „Lau mit einem großen Aleph", wie mein Vater — Gott hab' ihn selig — zu sagen pflegte. Stunden um Stunden muß ich in meinem Laden stehen und die Tür bleibt geschlossen, kein Mensch kommt herein und ich habe gar nichts zu tun. Ich schau' hinaus auf den Platz, ich schau* und suche einen Kunden, und bis wirklich einer kauft' und ich ein Stückchen Geld einnehme, hängen mir schon die Augen aus dem Kopf heraus. Ist das ein Wunder bei den schlechten heutigen Zeiten? Die Nationalökonomisten — oder wie man diese Leute heißt — haben nach vielem Nachdenken gefunden, was an dem elenden Geschäftsgang schuld ist. Sie sagen, so steht es im Wochenblatt, es herrscht eine Ueberproduktion an Kaufleuten. In unserem Städtel zum Beispiel würden zwanzig Händler mehr als genug sein, es gibt aber hier, Gott sei's geklagt, mehr als fünfzig! Und sie wollen nichts davon wissen, sich zu spezialisieren. Ein jeder muß alles führen, Galanterie- und Manufaktur- und Eisenwaren und Lebensmittel und Spezereien auch noch! So macht stets einer dem anderen Konkurrenz, man drückt gegenseitig die Preise und wenn man schon etwas verkauft, bleibt gar kein Verdienst. Einmal in der Woche ist Markt — am Dienstag. Dann kommen die Bauern aus. den Dörfern und es beginnt ein großer Handel mit Hühnern und Eiern, mit Pferden, Kälbern und Rindvieh, mit Hasen und ScKweiniböfsteri, mit Flachs " und Schwämmen und was weiß ich noch. Aber da ist schon wieder ein Haken dabei. Weil nur einmal in der Woche Markttag ist, kommen aus allen Städteln rundherum die Hausierer; mit ein paar Br-ettern und Pfosten und zwei, drei Sesseln zimmern sie sich einen Stand, legen ihre Ware aus, schreien und rufen und locken die Bauern mit ihren ganz billigen Preisen. Dann machen sie das gute Geschäft und ich mit meinem schönen Laden verdiene nicht einmal Wasser auf Suppe. Jetzt werdet ihr mich fragen: Wovon lebt man doch? Da muß ich euch antworten: Es ist wirklich ein Wunder, daß man lebt. Man läuft herum und leiht und borgt und kann nicht herauskommen aus den Schulden, den Anleihen und den Wechseln. Wem in Lemberg bin ich nicht schuldig? Bei der Volksbank habe ich einen Kredit genommen, von der Gemilas- Chesed-Kassa habe ich ein Darlehen gekriegt, von Bekannten schnorre ich mir ein paar Zlotys aus und so schlängle ich mich durch. Ich borge mir bei dem einen und zahle damit dem Zweiten, entleihe beim Dritten und zahle dem Vierten, Loch auf und Loch zu, mit diesem Geschäft verbringe-ich viele Stunden im Tag. Was ich mitmache, wenn ein Wechsel fällig wird! Mein Glück ist nur, daß ich Verwandte in Amerika habe, die mich nicht vergessen und mir zu den Feiertagen ein bißchen Geld in schönen Dollars schicken. Sonst hätte ich schon längst bei meinem Geschäft, mit Verlaub zu sagen, die Hosen verloren. Jetzt werdet ihr mir glauben, daß ich es schon mehr als satt habe, Kleinhändler zu sein. Lieber Steineklppfen oder Wassertragen, alles ist ein besseres Geschäft. Es kommt nämlich noch etwas dazu, was mir das Leben, sauer macht, das ist das ewige Jammern und Lamentieren meiner Frau. Immer wieder gibt sie mir mit bitteren Worten zu hören, daß ich zu wenig verdiene. „Mendel", sagt sie, „du bist der größte ßchlemihl; auf Gottes Erdboden. Andere Leute gehen herum als Holzhändler mit dicken Brieftaschen, andere Leute werden reich als Börseaner, andere. Leute gewinnen in der Lotterie, und dein Geschäft trägt was die Katze Futter braucht.' Gerade i e h habe so einen Mann bekommen müssen, wo ich doch den Uscher Weinstock hätte haben können, der heute Vorsteher bei „Aschel Awrohom" ist. Glaubst du, er ist das geworden, weil er ein frommer Mann ist und gut beten kann? Nein, er ist ein Amhorez, aber er hat viel Geld. Ueberhaupt, jeder andere wäre, besser gewesen als du. Was für ein Leben führe ich bei dir, du Schlimmasel ohne Parnosse und ohne Kowed in tter Gemeinde^ :; , .^-^____- - ......r"V*>*^ Recht hat sie leider, meine Frau. Wo hab' ich Kowed, wo hab' ich Pärnosse? Und ohne die zwei ist man kein vollkommener Mensch. Am Mebsten möchte ich meinen Laden zusperren, alles -Jnwerflen und Schluß machen mit dem ganzen Kleinhandel! Laufen will ich, wohin mich meine Füße tragen! Ich will Wasserschleppen oder Steineklopfen oder sonst eine schwere* Arbeit tun, um mir mit meinen beiden Händen mein Brot zu verdienen. Ein Kleinhändler ist doch, so sagen die modernen Gelehrten, ein „unproduktives Element", ein Mensch, der nur von der Arbeit der anderen, der „schaffenden, produktiven Elemente" lebt. Nicht einmal hören will ich mehr den Namen Kleinhändler! Aber wohin geht man, wohin läuft man, wohin fährt man. wenn alle Türen versperrt sind?! Ich habe einmal etwas gehört von einem „Evakuierungsplan", aber es scheint mir, für den ist „das Bad noch nicht geheizt", wie das Sprichwort bei uns in . Polen heißt. Verbittert und niedergedrückt bin ich in diesen Tagen herumgegangen, verfeindet mit der Welt und mit mir selbst, weil ich nicht gewußt habe, was anzufangen. Und die alten Sorgen um das Geschäft sind wegen der neuen Sorgen nicht kleiner geworden. Einmal in der Früh, knapp nachdem ich meinen Laden aufgesperrt habe, kommt der Steuerexekutor und schaut ins Geldfach. Es war aber noch ganz leer. Und kaum hat er die Tür ,von außen zugemacht, kommt der Sollizitator vom Advokaten und präsentiert einen Wechsel; ich habe nur, -ohne ein Wort zu reden, auf die leere Geldläde gezeigt;;' Dann bin ich hinausge- ' gangen, vor das Geschäft .ujtid .-habe mich dort hin und hergedreht,: ohne inmeinem Kummer etwas zu hören oder zu -Beben. >Da .:kömmett.'yier- Männer über den Gehsteig, alle sehr schön angesogen. Ich schrecke zusammen, jdehn ich erkehne;in;'dem einen unseren Herrn Bürgermeister. . Rechts yijfn. ihm , geht ein Herr mit einem großen, »weißen 'Schnurrbart, links. von ihm zwei Jude^.''Is^^^^^e>;ni^t Üscher Weinstrick, der reichste . Mann * im ' Städtfei, Vorsteher int 'Bethaus „Aschel Awrohom''?' Uhd:-?der andere ist doch Rubin Goldenberg, Städtel, auch Vorsteher in einem Bethaus,' nämlich bei „Machsike Hadass?". .: {. Und wie sie. hart-bei-mir-sind, bleibt der-Bürgermeister stehen, die anderen mit ihm, und er sagt zu dem Herrn rechts von ihm, während er auf mich weist: „Sehen Sie, Exzellenz, das ist ein Mann, den ich zu den bravsten Bürgern unserer Stadt zähle, ein tüchtiger, fleißiger Geschäftsmann, anständig und gewissenhaft, ein vorbildlicher Familienvater, ein pünktlicher Steuerzahler, kurz, der Typus eines produktiven Elements." Dann haben sie alle mir die Hand geschüttelt und der Uscher Weinstock hat noch bemerkt, daß er weiß, wie groß mein Ansehen auch in der jüdischen Gemeinde ist! Ich kann euch gar nicht erzählen, wie leicht und froh mir ums Herz geworden ist, als ich das hörte. Wenn der Bürgermeister es sagt, dann müssen es auch alle glauben, daß ein Kleinhändler kein unproduktiver und überflüssiger, sondern ein produktiver und nützlicher Mensch ist. Und daß man ihm den Kowed nicht versagt, das haben die'Worte von Uscher Weinstöck bewiesen. . Darum bin ich gleich nachher nach Hause geluafen und hab' meiner Frau alles erzählt. Und jedesmal, wenn sie den Mund aufmachen wollte, um mich zu unterbrechen, habe ich „Scha" gerufen und sie hat schweigen müssen. Ich werde nicht Steineklopfen oder Wasserschleppen, nein, ich weiß heute, daß ich mich nicht schämen muß, zu sein was ich bin, ein Kleinhändler. Im Gegenteil, ich kann auf mein Geschäft, auf meine nützliche und produktive Tätigkeit stolz sein, und darum, Juden, bleibe ich auch ein Kleinhändler! D** Fritz Eckstein gestorben Die Zionistische Organisation hat einen großen Verlust zu beklagen. Nach schwerem Leiden ist Samstag abehds Dr. Fritz Eckstein gestorben. Dr. Eckstein hatte sich als junger Mann der zionistischen Bewegung angeschlossen. Er trat in die akademische Verbindung „Libanonia" in Wien ein. Er widmete sich zuerst dem richterlichen Beruf, wurde später Rechtsanwalt in Wien. Er wirkte auf allen Posten, auf die ihn das Vertrauen seiner Gesinnungsgenossen berief, beispielgebend für die jüdische Sache. Er leitete die Palästina-Arbeit der österreichischen Bne-Brith-Logen, führte durch zwei Jahre den Herzl-Klub und wurde schließlich vom Keren Hajessod an die Spitze der österreichischen Abteilung gestellt. Sein umfassendes Wissen und seine Liebenswürdigkeit erwarben ihm die Liebe aller. Wir betrauern den Verlust eines Mannes, der unserer Idee bis zu seinem Tode in selbstvergessener Hingabe treu geblieben ist« Jiidisdie Kunslslelle ♦ Wien, f., Franz-Josefs-Kni 3, Tel. R-28-:J-.".<> J ü tl Ischüs Kulturtiieater: Täglich 8 Uhr abeiicl.-<: Scholem Alejchema Komödie ..Schwer zu sein ein Jud , deutsch von Jakob Rosenthal. Regie: E. Jubal. Sonn- und feiertags um «34 Uhr Nachmittags Vorstellung „Die Grenze". Kunst Sektion: Führung (im Zyklus „Gedächtnisausstellung Max Liebermann). Sonntag, den 31. Jänner, um 11 Uhr vormittags: „Gemälde." Kunstsalon Wawra, III.. Lothringeistraße 11. Leitung: Dr. Lona Löbl. Jüdische Volk s h o c h s c h nie: Hebräisch-, Englischkurse. Vortrüge Uber' jüdisches Brauchtum und Kulturgeschichte.__ „Hot W4ze* U» QaluJtU'' Das ist der Titel des neuen A.-Meisels-Stückes, das Freitag, den 29. Jänner, in den Jüdischen Künstlerspielen, II., Praterstraße 34, zur Erstaufführung gelangt. In einer Reihe von Bildern wird die seelische Wandlung des Juden, den man schon für die Gemeinschaft als verloren erachtete, aufgezeigt und der Zusammenklang von Golus-Stimmung und Palästina-Wirklichkeit symbolhaft gestaltet. A.. Meiseis, der Kenner dos jüdischen Brauchtums und der jüdischen Seele, hat wiederum ein reizvolles Bühnenwerk geschaffen.. Schon die kraftvollen Titel der Biidör„Dorf ohne Juden", „Juden erwünscht", „Brot und Salz", „Sedernacht", „Zwei Welten", „Ein Renegat", „Zurück ' zum Volk", „Kol Nidrej", „Ein Fest in Miron" deuten den Reichtum des Geschehens an. Die Musik stellte Kapellmeister M. Loubetzy nach jiddischen und yemenitischen Motiven zusammen. Neben David Seid er mann und Chana Lern er wirkt das ganze Ensemble mit. Das Stück bleibt bis auf weiteres auf dem Spielplan. Montag, den 1. Februar, Jubiläums-Festvorstellung (50. Aufführung) der Revue „Chassene im Städtel" von A. Meiseis. Jüdische Buhne II., rmterKtraße (iO Ab Freitag, den 20. Jänner, gelangt täglich die Komödie „Die. zerrissene Tnuim" von M. W i L 11 i n, Musik von A. B r a c- 1 a t s k 1, zur Aufführung._ IIIstatlrulli Iwrith, Chamischa-Assur-Feier. Samstag, den DO. Jänner, 8 Uhr abends, findet im Festsaal des Cafe Central. II.. Taborstra/Jo 8. die Chamischa-Assar-Feier der Histadruth mit folgendem Programm statt: Festansprache: Dr. D. Rothblum; Gesang: Hilda Dulilzkaja (am Klavier: G. May); Rezitation: Mario Gang: Violine: Kurt Fuchsgeib (am Klavier: W. Spitz): Gesang:-J. Segal- Rosenbach (am Klavier: Frl. Rieglei). Regiebeitrag. _

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