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Die neue Welt · 1937-01-22 · Heft 625 (22.1.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 625 (22.1.1937)
Date
1937-01-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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vom 22. Jänner 1937 DIE NEUE WELT Seite 7 J. L. Perez: Ka66attsieH... In schlechten Zeiten knickt alles ein — sogar das Lernen der Thora... Von der großen} ruhmreichen Laschziwer Jeschiwa ist nichts mehr zurückgeblieben als der Rosch-Jeschiwa Reb Jekl — und ein einziger Jünger. Reb Jekl ist ein alter, gebeugter Mann mit langem, zerzaustem Bart, alten, erloschenen Augen; Lemech, sein geliebter Schüler, ein Jüngling, schmächtig, hochaufgeschossen, mit blassem Gesicht, schwarzen, wunderbar gelockten Pejes, feurigen, schwarzen, üefgelegenen Augen, eingefallenen Wangen, vertrockneten Lippen, zittrig-spitzem Kropf... Beide — mit „aufwärtsstrebenden, ewig steigenden" Herzen und Seelen; ohne Hemden; in weißen Laken. Reb Jekl kann kaum seine großen, bäuerischen Stiefel erschleppen, dem Jungen fallen die Schuhe, er trägt sie ohne Socken, von den Füßen... Das ist noch geblieben von der berühmten Jeschiwa! Das verarmte Städtel schickte immer weniger Essen — so verliefen sich die ausgehungerten Jeschiwa-Bachurim. Reb Jekl aber will hier sterben und sein treuer Schüler ihm die Scherben auf die Augen legen. Und auch diese zwei leiden manchmal Hunger. Von magerem Essen kommt magerer Schlaf, von durchwachten und durchhungerten Tagen und Wochen: Drang nach Kabbala... Gewiß! — wenn schon Nächte durchwachen, Tage durchfasten: dann soll das wenigstens einen Sinn haben! Die Riegel vor den Toren der Welt sollen sich öffnen, die letzten Rätsel sich offenbaren, die tiefsten Geheimnisse erfaßt und erfühlt und erkannt werden! Eindringen in die hohe Welt der Geister und Engel! Und so lernen sie schon geraume Zeit: Kabbala! Jetzt sitzen sie beim langen Tisch im Beth Midrasch. Ganz allein. In jeder anderen Stube ist jetzt „Nachmittag" — bei ihnen noch vor dem Frühstück. Sie sind daran gewöhnt... Der Rosch Jeschiwa schließt die Augen und lernt, der Schüler sitzt ihm zu Füßen, den Kopf in die Hände gestützt, und zu ihm aufgerichtet, lauscht er seinen Worten... . „ ... darin, mein Sohn, gibt es viele Stufen: der eine kennt nur ein Stückchen, der, andere einen halben, wieder ein . anderer einen ganzen ,Niggun'! Er, der heilige Rabbi, sein Andenken gereiche uns zum Segen, Er hat einen ganzen .Niggun" gekannt, sogar noch mit einem Vorgesang!... Ich (fügte Reb Jekl traurig hinzu) ... ach, mir ward kaum die Gunst für ein ganz, ganz winziges Teilchen zuteil... für ein so winziges..." Reb Jekl zeigte dem Schüler die Spitze des dünnen Fingers und wob weiter seine Lehre: „... Es gibt einen ,Niggun', einen heiligen Gesang, der Worte haben muß... das ist die niedrigste Stufe ... und es gibt eine höhere Stufe... einen Gesang, eine Melodie, die sich allein singt, ganz ohne Worte — eine reine Melodie!..". Aber die Melodie braucht noch eine Stimme und Töne... Und Lippen, von welchen die Melodie herausdringt!... Und Lippen... verstehst du?... Lippen sind doch: körperlich! . Und der Ton sogar, obwohl zart und edel, so doch: körperlich! Immer noch: Körper, Körper!!... Sündiger Körper!... Mag sein, daß der Ton an der Grenze zwischen Materie und Geist steht! Trotzdem: die Melodie, die durch Töne erklingt, von Lippen dringt, ist noch nicht rein, noch nicht ganz rein... noch nicht reiner, wahrer Geist!... Die wahre Melodie erklingt ohne Stimme, ohne Töne... sie singt drinnen, im Herzen, in der Und... du hörst?... das ist der tief /erborgene Sinn, der Worte des Königs David: ,kol azmotai tbmaraah*,.. ,all deine Glieder sollen es künden'... im Schritt der Glieder, in den Gebeinen soll es singen, dort soll die Melodie erklingen — der höchste Lobgesang für den, der unaussprechlich ist! Das ist nicht Melodie des erdgebundenen Menschen aus Fleisch und Blut, das ist nicht erdachte, künstlich g <smachte Melodie! Diese Melodie, die wahre Melodie, ist schon ein Teil jener Melodie, mit der der Ewige die Welt erschaffen, ein Teil auch der Seele, die er dieser Welt eingeflößt..." Den Unterricht unterbricht ein Kerl, groß, wuchtig, im Sackstoffkleid, das von einem dicken GESUCHT Wird, reichhaltige BIBLIOTHEK beinhaltend allgemeine Klassiker und Belletristen in deutscher Sprache, zionistische Werke, jüdische Standardwerke u. Hebraistik. Anbot unter Chiffre „Reichhaltig, preiswert" Strick um die Lenden zusammengehalten war — ein Lastträger. Er tritt lärmend in das Beth Midrasch ein, stellt eine dicke Schüssel mit Grütze auf den Tisch vor Reb Jekl und sagt mit grober, harter Stimme: „Reb Tewl schickt dem Rosch Jeschiwa Essen!" Dreht sich um, geht mit harten Tritten zur Tür, bleibt stehen: „Später hol' ich die Schüssel!" und geht... Herausgerissen durch die grobe Lastträgerstimme aus der göttlichen Harmonie, erhebt sich Reb Jekl und geht, die schweren Stiefel nachschleppend, keuchend zum Wasserfaß: sich die Hände waschen. Gehend, spricht er weiter, aber mit weniger Begeisterung, und sein Jünger eilt ihm nach mit den feurigen Augen, lauschenden Ohren und schweratmendem Herzen ... Traurig setzt Reb Jekl fort: „ ... Aber ach----ich, siehst du, mein Sohn!... mir ward nicht einmal die Gunst, zu wissen, wann die wahre Melodie. ertönt, auf .welcher Stufe des Emporsteigens sie gehört wird!... Die Kasteiungen und die Läuterungen, die man dazu braucht, die weiß ich... und dich werde ich sie vielleicht noch heute lehren... dich, nur dich,-meinen einzigen Schüler..." Die Augen des Schülers brennen, er' hält den Mund geöffnet,' fängt jedes Wort mit Begierde auf, hält den Atem an — der Rebbe aber bricht ab, wäscht sich, trocknet die Hände, geht zurück zum Tisöh uiid spricht mit zitternder Stimme den Segensspruch.... Die schwachen Hände heben die große 'Schüssel hoch. Der warme Dunst legt sich auf sein' knorriges Antlitz. Er stellt sie wieder vor sich hin, nimmt den hölzernen Löffel in die rechte Hand und enyärmt die linke Hand am Rand der Schüssel. Mit den erwärmten Händen fährt er sich über das kalt gewordene' Gesicht, legt die Stirn in Falten, zieht die blutlösen, blassen Lippen zusammen und bläst... Während^der ganzen Zeit wendet sein Schüler keinen Blick von ihm und als der Rebbe den ersten Löff el heißer' Grütze zum ausgehungerten Mund führt — packt ihn etwas beim Herzen... Er bedeckt sein Gesicht mit beiden Händen und sackt ganz in sich zusammehy -'Etliche Minuten später kam ins Beth Midrasch ein anderer Bursche mit einer Schüssel und darauf '«ui' - Stück Brot: „Reb Josef schickt dem .Talmid' Essen!" Aber der „Talmid" hat noch immer seüi Gesicht bedeckt... Der Rosch-Jeschiwa legt den Löffel weg, erhebt sich und geht zum „Talmid". Eine Weile betrachtet er, ihn mit stolzer; Liebe, dann berührt er ihn an der -Achsel. Zart, sehr zart: ,,Sohn, rnein Sohn, man hat/dir Essen gebracht", spricht er zu ihm mit freundlicher, von Liebe durchwärmter Stimme. Traurig und langsam zieht der .Schüler die, Hände vom Gesicht. Und sein Antlitz ist noch bleicher» die tief gelagerten Augen noch wilder brennend geworden: „Ich weiß, Rabbi — aber ich, will, heute nicht essen!".;' >•■ „Schon - der vierte Fasttag!... Der vierte!... Und — allein, ohne mich?!.. <" „Rabbi! .... das Fasten heute hat anderen Sinn: Buße!. . ." ' „Was redest du! Du! und: Buße? wofür? ..." „Ja, Rabbi! Buße!... Vor wenigen Sekunden: als der Rabbi aus der Schüssel die warme Grütze zu essen anfing, da erhob sich üi mir eine Begierde — das Gebot: ,Du sollst nicht, gelüsten!' zu verletzen" In der gleichen Nacht; sehr spät, weckt plötzlich der „Talmid" seinen Rabbi; sie lagen beide auf Bänken im Beth Midrasch nebeneinander. „Rabbi! Rabbi!" rief er mit zitternder Stimme. „Wasist dir?" fragt der Rosch-Jeschiwa erschrocken. . >,Rabbi! Ich hatte soeben die höchste Stufe erreicht .*.-.!" ' „Was war es?" „Es hat in mir gesungen!" Reb Jekl erhebt sich wie ein Jüngling. „Wie war es, sprich rasch ..wie war es?" „Rabbi!... ich weiß selbst nicht, wie... ich konnte nicht schlafen... ich habe mich in Eure Lehre vertieft... ich; wollte unbedingt die ganze Melodie kennen... aus Schmerz und Pein darüber, daß ich die Melodie nicht kannte, begann ich bitter zu weinen... alles in mir hat geweint.., alle Glieder haben vor dem Ewigen geweint!... Dabei machte ich alle Kasteiungen und Läuterungen durch, die Ihr mich gelehrt... Und wirklich wunderbar: nicht mit den Lippen, nein, drinnen... innen in mir geschah es... ganz von selbst! Plötzlich wurde es hell und voll Licht... ich hielt meine Augen fest geschlossen und es war doch hell, so licht, so strahlend und leuchtend... Rabbi! Sehr, sehr hell..." „Ja.'.. ja... weiter.'.. sprich!" „Dann wurde mir in dieser Helle so wohl, ich fühlte mich so gut... so leicht... es schien mir, daß ich das5 Gewicht verloren habe, daß ich nichts wiege und: Rabbi! fliegen könne!..." „Weiter... weiter!" „Dann wurde ich heiter, lebendig, freudig, lichüg... im Gesicht hatte sich nichts geändert, keine Miene verzog ich, keine Ader bewegte sich, die Lippen blieben geschlossen, und ich habe doch gelacht, gejubelt und gejauchzt. ... und so gut... so innig ... so wahrhaft innig!" „Ja... ja.;. gut, aus wahrer Freude, aus reiner „Simcha"« %#4 Weiterl" jü€*%r*< ^tißmk ^A,q\ 1 'e/b---0Tr"-fl?e'begÄ i^^ft^SH bZbee*- -;**>I H fyfctt nJ****i i 1 Sä \ f***6S§s8| Die Rekord-Tief preise der Seiden-Sensation auch in dieser Woche unverändert! „Dann begann es in mir zu summen... ganz, ganz leise... wie der Anfang einer Melodie..." Reb Jekl sprang mit einem Satz von seiner Bank, beugte sich über seinen „Talmid": „Nun... wie?... weiter, sprich... wie war die Melodie?" „Rabbi!... es begann in mir zu singen!" „Was hast du gefühlt?... Was? Was? Sprich!" „Rabbi!.... Rabbi!... ich habe gefühlt, daß alle meine Sinne verschlossen sind und etwas singt... Rabbi!... eine so edle Melodie... und, Rabbi, eine wahre, eine wahre Melodie ... ganz ohne Worte ... so ... so ..." ' „Wie?... wie?!" „ ... — Nein!... ich kann nicht... eben wußte ich es... Rabbi! Aus der Melodie und dem Gesang wurde dann... Rabbi!" „Was wurde aus der Melodie?... Sprich, mein Sohn, rasch... sprich!" „Aus der Melodie wurde eine Art: Fiedelspielen ... gleich als ob, es sei mir der Vergleich verziehen, drinnen, in mir eine Fiedel wäre und Jojne, der Fiedler, spielen würde die feinen, zarten Melodien wie damals beim Tisch des Zaddik! Aber es war noch besser, noch feiner, noch edler, mit mehr Geist!.Mit mehr Geist! Und alles: ohne Stimme, ohne Töne: Nur Geist!" „Wohl dir! wohl dir! wohl dir!" „Jetzt ist alles weg", setzte traurig der Schüler fort. „Alle Sinne öffneten wieder ihre Tore und ich bin so müde ... Rabbi... so furchtbar müde ... so müde ... daß ich ..." „Rabbi!" — schrie plötzlich der „Talmid" auf — „Rabbi!" — noch einmal, sich zum Herzen greifend — „sagt mir das Sterbegebet! Man ist mich holen gekommenl.». Am Throne des UnendU^hea

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