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Die neue Welt · 1937-01-19 · Heft 624 (19.1.1937) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 624 (19.1.1937)
Date
1937-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 624 vom 19. Jännar 1Ö37 DIE NEUE WELT Seite S RUNDSCHAU Pressefreiheit und Judenhel%e Der Genfer Stadtrat verbot kürzlich im Zusammenhang mit antisemitischen Angriffen der Genfer Wochenschrift „Reaction" die; Veröffentlichung von Angriffen gegen Religionsgesellschaften, insbesondere gegen die Juden. Die „Reaction" fühlte sich in ihrer „kulturellen Tätigkeit" beengt und rekurierte gegen diesen Beschluß beim Bundesgerichtshof in Lausanne mit der Motivierung, daß die einzelnen Ka,ntone kein Recht haben, Verordnungen gegen die Pressefreiheit zu erlassen. Der Bundesgerichtshof in Lausanne bestätigte nun den Beschluß des Genfer Stadtrates «und traf hiebei folgende Entscheidung: .»Die Pressefreiheit ist nicht unbegrenzt. Die «tttntone haben das Recht, sich gegen ihren Mißbrauch zu wenden und Polemiken zu unterdrücken, welche, um eine Sonder^osetzgebung gegen die Juden propagieren, den Boden objektiver Kritik verlassen und versuchen, den Haß der Oeffentlicheit gegen die Juden zu erwecken, indem man ihrer Gesa rat. *«9t allo Fehler einzelner Individueen imputiert oder sie mit gehässigen Ausdrücken belegt, die mit einem emstzunehmenden Journalismus nichts zu tun haben." Uns, die wir jeden Tag vom Morgen- bis zum Abendblatt die Haßgesä.nge gegen das Judentum lesen tmd beobachten können, daß dieser so geübten Pressefreiheit keine Zügel angelegt werden, berührt <3ie Entscheidung der Schweizer Behörde wie ein Stück TJnwirklichkeit. Hemmungslos kann sich bei uns cer Journalismus in Sachen der Judenfrage auslesen; ein Journalismus, der — fern vom Boden objektiver Kritik — Perfidie mit Ignoranz zu verbinden versteht. Darum ist die Lektüre des zitierten rsundesgerichtshofbeschlusses jenen Kreisen zu emprenien, die sich für die Wahrung der österreichischen Gesittung verpflichtet fühlen. P 'eifkreuz Hakenkreuz "Oer Graf Festeticz, einer der reichsten Großgrundbesitzer Ungarns, hat in seiner Heimat eine Bewegung forciert, die unter dem Titel „Pfeilkreuz 1 e r" all das propagiert, was in Deutschland vom Hakenkreuzlertum seit Jahr Und Tag in die Welt gesetzt wird. Wie in Deutschland, so wird auch in Ungarn — seitens der Pfeilkreuzler — die Lehre von der Erbmasse, .der Rasseauslese, dem „jüdischen Unternienschentum" verbreitet. Bisher hat die Partei der ungarischen Pfeilkreuzler als autochthon magyarisch gegolten, obwohl das Vorbild klar war: der reichsdeutsche Nationalsozialismus. Seit kurzer Zeit besteht diese Tarnung nicht mehr. Die ungarischen Pfeilkreuzler deklarieren sich als eine Fraktion der deutschen nationalsozialistischen Partei. Ihr Programmheft wurde in Deutschland gedruckt, als ob es in ganz Ungarn keine technisch hochstehende Druckerei gäbe. Jetzt geht also die antisemitische Hetze in Ungarn nach nazistischem Vorbild los. Das nationalsozialistisch-rassistische Blatt „Holnap" spricht in folgendem Tone über Frankreich: An der Spitze Frankreichs stehe eingewöhnlicherTalmudjude und das ganze Parlament bestehe aus verkauften Freimaurern und Juden. Der französische Ministerpräsident betrachte die Blutschande als eine natürliche Sache. Frankreich sei so tief gesunken, daß an seiner Spitze ein verfaultes Ungeheuer stehe. Auch an der Spitze der Türkei stehen die Juden Kemal und Arras R ü s d i, Jude sei A v e n o 1 und viele Häupter der englischen Politik usw. Der Ton ist, wie man merkt, nicht neu. Man kennt ihn aus den Lausenden nazistischen Blättern, insbesondere aus dem „Stürmer" des Herrn Streicher. Auch im finnisch-tatarischen Ungarn hat die arische Rassenlehre Fuß gefaßt. Das mögen jene Judäomagyaren zur Kenntnis nehmen, die von einem Unterschied zwischen Juden und pfeilkreuzelnden Magyaren nichts wissen wollten. Zu viele Juden Ein Appell an die falsche Adresse Vor einem Jahre hat das Mitglied der Leitung der Zionistischen Weltorganisation, Herr l2chak Grünbaum, in Warschau eine Rede gehalten, in welcher ausgeführt war, daß von den dreieinhalb Millionen Juden Polens eine Million in den Wirtschaftsprozeß nicht eingeordnet werden kann. Einige Monate später hat der Führer der Zionisten-Revisionisten, Herr Wladimir Jabotinsky, ebenfalls in Warschau in noch nachdrücklicherer Form festgestellt, daß im polnischen Wirtschaftsraum kein Platz für viele Hunderttausende der polnischen Juden vorhanden sei. Und vor wenigen Wochen wurde, gleichfalls von revisionistischer Seite, ein ähnlicher Vorstoß in Rumänien unternommen. Während sich Herr Grünbaum auf die Feststellung beschränkte, daß eine Million Juden ohne Existenzmöglichkeit und ohne jede Hoffnung auf eine solche dasteht und „evakuiert" werden müßte, wurden von revisionistischer Seite diesbezügliche Verhandlungen mit der polnischen und rumänischen Regierung angebahnt. Diese Reden und Aktionen zionistischer Persönlichkeiten haben sowohl auf antisemitischer als auch auf jüdischer Seite ein starkes Echo hervorgerufen. Die Antisemiten griffen die Sache gierig auf und verkündeten frohlockend: „Wir haben immer gesagt, daß der Juden im Lande zu viele sind und daß man sie entfernen muß! Jetzt müssen die Juden selbst zugeben, daß wir Antisemiten damit im Rechte sind!" Von jüdischer Seite wurde gegen Grünbaum und dann noch lebhafter gegen die revisionistischen Führer Klage geführt, daß sie durch ihre Reden und Handlungen die Lage der Juden in Polen und Rumänien noch verzweifelter gestaltet und Wasser auf die Mühlen der Antisemiten geleitet hätten. Größter Inventurverkauf QualitStsschuhe (Restbestände) werden zu sensationell niedrigen Preisen abgestoßen ab 18. Jänner einige Beispiele: Damen - Trottsur- und Luxusschuhe ob S1T80 Ganz-Gummi-Scltneeschuhe, sskäk.. . S 780 HßrrßllSCllUtlß, Boxealf, rahmengenäht, Doppelsohle . . S 19 50 II.TABORSTRASSE Was die Behauptung betrifft, daß der Antisemitismus gestärkt worden sei, so ist sie aus der Kampflage, in welcher sich die Judenschaft Polens und Rumäniens jetzt befinden, erklärlich. Aber sie darf in ihrer Bedeutung nicht überschätzt werden. Es ist eine Verkennung der Lage, wenn man glaubt, daß die Stärke des Antisemitismus nur durch solche Zwischenfälle wesentlich beeinflußt wird. Der Antisemitismus holt sich den Stock, mit welchem er die Juden schlägt, von überall her. Findet er ihn nicht da, so findet er ihn dort. Es ist einfach unvermeidlich, daß Feststellungen zur Lage der Juden von den Antisemiten in ihrem Sinne umgedeutet werden. Der Vorstoß, der mit der Aufrollung der Frage der „Evakuierung der Juden" hier begangen wurde, liegt also nicht darin, daß die ökonomische Wurzellosigkeit großer jüdischer Massen festgestellt und die Notwendigkeit ihrer Ueberführung betont wurde. Er liegt darin, daß man sich an die falsche Adresse gewendet hat. In Polen und Rumänien herrschen heute Elemente vor, deren Ziel nicht die Lösung der Judenfrage, sondern die Vernichtung der Juden ist. Diese Elemente, welche die Stimmung im Volke und vielfach auch in Regierungskreisen stark beeinflussen, wenn nicht beherrschen, kennzeichnen den Juden als den Feind in aller Welt. Ganz nach dem Beispiel Adolf Hitlers. Nicht nur den Juden aus dem eigenen Lande wegbringen, ihn überall bis zur Ausrottung bekämpfen, in Palästina genau so wie in Polen und Rumänien, dahin ist; ihre Mentalität gerichtet. J. K. J.» K Goldsdimiedgasse 9 RONACHER Samstag, 30.Jänner 1937 „JUGEND FÜR WINTERHILFE" PROGRAMM: Die Ronacher-Sensationen der zweiten Jännerhälfte, ferner RlfaG^org, Sonja Lewkowa, MaxBrod, Karl Parkas, Fritx Grünbaum, Duno Tendier, Martin Miller, 3 Melo-Parodisten, Friti Strehlen, 8 Makkablboys Conference: JOSef Baar; anschließend Tanz. Im Barstüberl: Edmund Helfer, und Jimmy Berg. Beginn 23 Uhr. Karten von S 2.— aufwärts. Pas Beiwrtrttgnts flitot «ur Ottn** d«m WintertWfsfond» <tmr isr. Kultusgamcinde tia Kartenvorverkmif: Konzertkasse Bernard, I, Schwarzenbernplaiz 1 (U-17-2-83); Oronner, I, Graben?8; lüdisclie Kultu'slelie I, Kai 3 'R-2*.?-Hli; J K. i.. t GolductimitdRHSse 9 sowie in den diversen riieiitcrliitrtfnbüros und bei allen Komiteeinitglipdrrii Mit so gearteten Parteien und Regierungsmenschen die Verhandlungen über eine Lösung der jüdischen Frage aufnehmen zu wollen, welche auch den Bedürfnissen der Juden gerecht wird, ist ein Bemühen, welches wohl vergeblich ist. Es ist aber nicht nur vergeblich, sondern auch geeignet, die Behandlung der Judenfrage im zionistischen Sinne zu schädigen, indem man Elemente zum Mitreden und Mi übe schließen auffordert und legitimiert, denen es — das sei wiederholt — nicht um eine gerechte und billige Lösung der Judenfrage, sondern um die Vernichtung der Juden geht. Die Faktoren, an welche sich der Zionismus wenden kann, sitzen heute nicht in den Parteilagern und Kabinetten Polens und Rumäniens. Nicht dort kann die Sache der planmäßigen Ueberführung existenzlos gewordener jüdischer Massen begonnen werden. Partner des jüdischen Volkes in dieser Sache können nur jene sein, die guten Willeus sind und die Macht besitzen, den guten Willen zu einer gerechten Lösung der Judenfrage in die Tat umzusetzen: Der Völkerbund, England als Mandatsträger in Palästina und alle jene Regierungen und kulturellen Mächte und Bewegungen, welche das Recht der Juden anerkennen, als freies Volk unter freien Völkern zu leben. Das ist der Weg. Er ist lang und beschwerlich, aber er ist nun einmal so. Ungeduld, auch wenn sie gefühlsmäßig vollauf berechtigt ist, kann daran nichts ändern. Hart ist die Arbeit in Genf, London und Paris, Sehr hart, und es ist begreiflich, daß mancher in schmerzende Ungeduld, in Verzweiflung gerät. Ja, man kann mit dem Gange der Dinge unzufrieden sein, und unzufrieden sein mit jenen, welche mit der Führung der zionistischen Arbeit heute betraut sind. Aber man darf darum nicht glauben, daß man Genf, London und Paris durch Warschau und Bukarest ersetzen kann. Robert Stricker. General Smufs gegen südafrikanischen Nazismus Aus Johannisburg wird gemeldet: Das südafrikanische Parlament hat den Gesetzentwurf der Regierung, durch den die Einwanderungsbestimmuageu neu gefaßt werden sollen, In zweiter Lesung angenommen. Die Forderung des Führers der antisemitischen Nationalisten, Dr. Mal an, daß seine im besonderen gegen jüdische Einwanderung und die Gleichberechtigung der Juden in Südafrika gerichteten Anträge gleichzeitig mit der Neuregelung der Einwanderung erledigt werden sollen, blieb unberücksichtigt. Die judenfeindlichen Tendenzen der Malaiischen Anträge wurden anläßlich der Begründung der Gesetzesvorschlages der Regierung von dem Justizminister und früheren Ministerpräsidenten General Smuts aufs schärfste zurückgewiesen. General Smuts trat der Auffassung entgegen, als ob auch der Entwurf der Regierung gegen die Juden gerichtet sei. Die Neuregelung der Einwanderung ziele keineswegs darauf ab, jüdische Einwanderer vom Lande fernzuhalten. Vielmehr sei auch weiterhin in Südafrika jedermann willkommen, der den Erfordernissen der Einwanderungsvorschriften genüge. Der Minister erklärte weiter, volles Verständnis und Mitgefühl für die bedrängten Juden zu haben und volle Sympathie für die Bestrebungen zur Lösung der Judenfrage zu besitzen. In diesem Zusammenhang hob der Minister die hervorragenden Leistungen der Juden im nationalen Leben Südafrikas und die Beiträge hervor, mit deuen sie die kulturelle Entwicklung des Landos gefördert hätten. Der Minister fügte hinzu, die vom Rassegesichtspunkte ausgehenden Anträge des Abgeordneten Malan würden von dem Volke Südafrikas als abstoßend empfunden. (J. T. A.) Regeneration der J. T. O.? Aus Warschau wird gemeldet: Das Warschauer Regierungskommissariat hat die Eintragung der Jüdischterritorialistischen Liga „F r e i 1 a n d" ins Vereinsregister genehmigt. Nachdem die Ziomsten im Jahre 1903 den Antrag Englands, in der englischen Kolonie U g a n d a (Afrika) einen Judenstatt zu errichten, abgelehnt hatten, trat der „Jugend tut Wmtterhüte" Jugend für Winterhilfe ist mehr als nur ein Titel. Bs ist diu? Symbol für die Ballnacht im Ronacher, die der „Jüdische Klub der Jungen" unter dem Protektorat des Präsidium s der Kultusgomeindo veranstaltet und deren Reinertrllgnis zur Gllnze dem Winter Hilfsfonds der Israelitischen Kultusgemelnde zufließt. Die J.-K.-J.»Jugend ist am Werk, in ihrer Art für eine hohe und wichtige Sache zu werben: durch Frohsinn, gute Laune und Hoffnungsfreudigkeit, Aber nicht nur die Art. in der diese Veranstaltung vor sich gehen wird, ist neu, sondern auch die Tatsache der Veranstaltung ist es. Niemals zuvor bat eine Jugendorganisation gewagt, allein — ohne jode Unterstützung von außen — ein so großes Risiko auf sich zu nehmen, nur geführt von dem einen Gedanken: zu beweisen, daß die jüdische Jugend aus eigener Kraft imstande ist, Großes zu versuchen und zu schaffen. Es ist zu hoffen, daß njeht die jüdischen Organisationen allein, sondern auch alle jüdischen Menschen Wiens sich hinter diese Veranstaltung stellen und sie tutkräftigst unterstützen werden.

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