Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 624 (19.1.1937)
- Date
- 1937-01-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 624 vom 19. Jänner 1937 berühmte englisch-jüdische Dichter Israel Z an g will aus der zionistischen Organisation aus und gründete die J. T. O. (Jewish Territorial Organisation) mit dem Zweck, außerhalb Palästinas einen Judenstaat zu errichten. Die J. T. O. schickte Forschungsexpeditionen nach mehreren Ländern (Madagaskar, Portugiesisch- Afrika usw.). stellte aber nach einigen Jahren die Tätigkeit ein. Nun, nach mehr als 25jähriger Pause, werden, wohl unter dem Eindruck der immensen Judennot und der Schwierigkeiten in Palästina, Versuche unternommen, die J. T. O. wieder zu beleben. Es haben sich in London, Paris, vor kurzem auch in Wien und jetzt in Warschau neue J.-T.-O.-Vereine gebildet, deren Tätigkeit aber bis jetzt eine sehr beschränkte ist. Am Polen Sondergesetze für Juden und Ausschluß vom Militärdienst gefordert. Aus Warschau: Zum ersten Male wurden im polnischen Sejm Sondergesetze für die Juden und ihr Ausschluß vom Militärdienst gefordert. Abgeordneter B a k o 1, der diese Forderungen erhob, erklärte, Gleichheit vor dem Gesetze sei eine im Zeitalter der französischen Revolution entstandene gefährliche Illusion. Es seien für die Juden besondere Gesetze notwendig, die ihrer Mentalität angepaßt sein müßten. Bakol behauptete weiter, die Juden seien schlechte Soldaten. Er werde deshalb anläßlich der Beratung des Heeresbudgets den Antrag stellen, die Juden vom Militärdienst auszuschließen. Dieser Ausschluß könnte zwar als Privileg für die Juden aufgefaßt werden, in Wirklichkeit aber werde der polnische Staat daraus Nutzen ziehen. Schließlich verlangte Bakol, daß die Zulassung der Juden zum ärztlichen, juristischen und zu anderen freien Berufen eingeschränkt werde. Aehnliche Forderungen wurden auch von anderen antisemitischen Abgeordneten erhoben. Trotz der im allgemeinen judenfeindlichen Stimmung machten die Ausführungen des Abgeordneten Bakol in ihrem krassen Radikalismus einen peinlichen Eindruck auf einen Teil des Hauses. Der nichtjüdische Abgeordnete Jablonski sah sich veranlaßt, gegen die maßlosen Forderungen Bakols Einspruch zu erheben und zu erklären, daß es in Polen ein Recht und ein Gesetz für alle geben müsse. Von jüdischer Seite ergriff in Debatte der Abgeordnete Minzberg das Wort. wies auf die zahllosen Prozesse hin, die in letzter Zeit gegen Juden wegen angeblicher Beleidigung des polnischen Volkes inszeniert werden, und erwähnte als bezeichnendes Beispiel dafür, wie es zu solchen Beschuldigungen kommt, den bekannten Fall, in dem ein betrunkener Pole einen Juden wegen Beleidigung des polnischen Volkes angezeigt hatte und es sich nachher herausstellte, daß der Beschuldigte taubstumm war. In jüdischen parlamentarischen Kreisen hat es peinlich berührt,.daß Justizminister Grabowski in seiner Antwort die judenfeindlichen Aeußerungen des Abgeordneten Bakol mit keinem Worte zurückwies. Dagegen hat der Berichterstatter für das Budget des Justizministeriums, Sioda, erklärt, daß Ausnahmegesetze in Polen unmöglich seien. ■» In der jüdischen Presse Polens wird der Erbitterung über den Verlauf des „Judentags" im Sejm Ausdruck gegeben. Es wird darauf hingewiesen, daß es ein Führer der Regierungspartei gewesen ist, der erklärte, es gebe nur Raum für 5 0.0 0 0 Juden in Polen, so daß fast die ganze jüdischeBevölkerung von drei Millionen auswandern müßte. Insbesondere die Erklärung des Außenministers Beck wird zum Gegenstand der Kritik gemacht, der sagte, daß es zwecklos und eine große Dummheit sei, die Notwendigkeit j üdischer Auswand erung aus Polen zu verhehlen. Die Presse weist darauf hin, daß niemand ein Interesse daran habe, etwas zu verhehlen, daß es aber allzu gut bekannt sei, daß fast alle Einwanderungsländer ihre Tore geschlossen haben. Keine Propaganda für Auswanderung von Juden könne an dieser Tatsache etwas ändern. Nordische Rabbinerkonferenz Aus Kopenhagen: Die hier abgehaltene Rabbinerkonferenz übergibt der J. T. A. das folgende Kommunique: Die zweite nordische Rabbinerkonferenz, welche die vier nordischen Länder: Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden umfaßt, tagte in Kopenhagen unter dem Vorsitz des Oberrabbiners Dr. Friediger vom 11. bis 13. Jänner 1937. Anwesend waren: Rabbiner Berlinger, Malmö; Oberrabbiner Prof. Dr. Ehrenpreis, Stockholm; Rabbiner Dr. Kronheim, Stockholm; Rabbiner Dr. Loeb, Göteborg; Rabbiner Dr. Samuel, Oslo; Oberrabbiner Dr. Federbusch, Helsingfors, wurde im letzten Augenblick dienstlich am Kommen verhindert. Herr A. I. Jacobsohn aus Trondheim, Norwegen, war als Experte für S c h echitaangelegenheiten zugezogen. Die Frage der Schechita wurde eingehend durchberaten und Mitteilungen über den bisherigen Verlauf von Versuchen mit vorhergehender Betäubun g, die gegenwärtig an zwei Stellen in Skandinavien vorgenommen werden, gemacht. Die Konferenz gelangte zu der einheitlichen Schlußansicht, in voller Unabhängigkeit die begonnenen Versuche fortzusetzen und zu Ende zu führen, worauf die Weiteren entsprechenden Schritte ergriffen werden sollen. Es wurde weiter eingehend die Frage der Hilfeleistung für die Emigranten sowie anderer Hilfsaktionen erörtert und Maßnahmen für die Vereinheitlichung der jüdischen Hilfsarbeit in den nordischen Ländern vereinbart. Es fand auch ein Gedankenaustausch statt über die gegen die Ehre des Judentums und seine Lehren verbreiteten Verleumdungen und über die den Rabbinern in dieser Frage obliegenden Verpflichtungen. < Die Konferenz hat sich zu einer ständigen Institution konstituiert; sie soll. periodisch zusammentreten, und zwar abwechselnd in den vier nordischen Ländern. An der Konferenz beteiligen sich ausschließlich die im Amte befindlichen autorisierten Gemeinderabbiner der vier nordischen Länder. Au&detluHty Utax JUe&ecfHCutH Ein Teil des großen Werkes Max Liebermarttis ist zur Zeit in Wien zu sehen. Dem Leiter der; Neuen Galerie, Dr. Otto K a 11 i r - N i e r e n s t e i n, , ist' es gelungen, eine Reihe von Hauptwerken des Meisters zu einer Kollektivausstellung zu vereinigen, die seit einigen Tagen allgemein zugänglich ist. Die Gemälde sind in III., Lothringer- Straß e 14 (Kunsthandlung Wawra), die Oelstudien und Handzeichnungen in I., G r ü n a n g e r g a s s e 1 (Neue Galerie), ausgestellt. Der Eröffhüngsabend am 15. Jänner zeichnete sich dadurch aus, daß ihm jede Offizialität fehlte. Kein Wort des Gedenkens oder der Würdigung für Liebermann fiel. Während sonst gewöhnlich jede unterdurchschnittlichex Ausstellung durch eine Ansprache irgend eines Funktionärs ausgezeichnet wird, wurde solch eine Ehrung Max Liebermann nicht zuteil. Der große jüdische Künstler, der repräsentative Maler Deutschlands bis zum Einbruch des Hakenkreuzlertums, wird auch ohne einen konventionellen Willkommengruß bei den' Wiener Kunstliebhabern, Sammlern, Künstlern, Kunstjüngern und Kulturbeflissencn die Resonanz. finden, die ihm vermöge seiner Bedeutung zukommt. Daß Hitler- Deutschland diesem Maler jedes Schaffen unmöglich machte und ihn — wie die anderen jüdischen'Geisteshelden — verfemte, wird ihn den „wahren Kunstbegeisterten nur noch verehrenswerter machen. * Ueber die Bedeutung der Ausstellung werden wir in unserer nächsten Ausgabe ausführlich berichten.' Die Leistungen der .luden in der Welt. In -Wien wird eine Enzyklopädie vorbereitet, die die Leistungen der Juden auf allen Gebieten der Kunst, Wissenschaft und Politik in der ganzen Welt 2usammehfas"sen soll. An diesem Werke werden u. a. mitarbeiten: Chief Rabbi Dr. Josef Hertz (London), Grand Rabbin Doktor I. Levi (Paris), Rabbi Stephen Wise (New York), Prof. Dr. Thieberger (Prag), Hofrat Üniv.-Prof. Dr. S. Frankfurter (Wien), Eugenio Vi.1la (Buenos Aires) u. v. a. Der erste Teil des Werkes, der demnächst erscheinen soll, wird eine Darstellung des Judentums und seines Zusammenhanges mit den Problemen der Gegenwart geben und u. a. nachstehende Fragen behandeln: Judentum und Bolschewismus; Judentum und Sozialismus, Liberalismus, Faschismus ' und Demokratie; -das Judentum und seine Funktion in der Wissenschaft; das Judentum in der Politik; schließlich Aeußerungen hervorragender Persönlichkeiten über das Judentum und biographische Daten über bedeutende Juden. Jüdische Künstlerspiele, II., Praterstraße 34, Im Rahmen der Vereinsvorstellungen Donnerstag, den 21. d., in Abänderung des Spielplans „Der Radiosänger". Freitag, den 22. d., die große Lustspieloperette „Sein letzter Gesang" in reicher Ausstattung. KINO*PROGR AMME KREUZ-KINO Die Koronoff- I. Wonzeile M JUWelM Telephon W-24-2-16 "W^B™! Vorstellungen: Vtt.v*io mit Myrna Loy, Spancer Tracy SCHIFFER»' Marx £1» mmfol VI, Mariahilferstraße 37 Brothers Jn * II Will* «II Tetephon 8-20.203 IM flgf DDOr beginn: Vt», V*t,' VO0 _ III WfTlWl STAFA, VII Mari ahilferstraße 120 Telephon B-3S-0-68 Wochentags: », 7, Uhi ' Richard Tauber VOTIVPARK (X, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-S6 ileelnn: k, Vit, V*io ff M TABORSTR- 41S Die Rekord-Tiefpreise der Seiden-Sensation auch in dieser Woche unverändert! Bestätigungen über arische Abstammung unzulässig Die Aussiger Bezirksbehörde machte alle Gemeindeämter darauf aufmerksam, daß die Ausstellung von Bestätigungen über die arische Abstammung sowohl für den Bedarf einer Partei als auch von Behörden unzulässig ist. Vom American Jewish Comitutfee Aus New York wird berichtet: Das American Jewish Committee, die seinerzeit von Louis Marshall ins Leben gerufene Institution zur Wahrnehmung der Rechte der Juden in der Welt, hielt soeben, in New York seine 30. Jahresversammlung ab. Eine Reihe Führer der amerikanischen Judenheit wohnte der Versammlung bei. Das Hauptreferat hielt der Präsident des American Jewish Committee, Dr. Cyrus Adle r, der den Tätigkeitsbericht der Exekutive für das Jahr 1936 erstattete und einen Ueberblick über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern gab. Zunächst gab er einen Umriß der jüdischen Situation in Amerika und sprach den Glauben aus, daß die USA. nicht von antisemitischer Propaganda verseucht sein werden, sondern daß es gelingen werde, den Propagandisten das Handwerk zu legen. Dagegen sei, fuhr Cyrus Adler fort, die Lage der Juden in mehreren Ländern der Alten Welt nur als eine tief tragische zu bezeichnen. Der Redner wies darauf hin, daß die deutschen Nationalsozialisten ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm der antijüdischen Agitation in der Welt aufgestellt und es mit einem Aufgebot von fast unerschöpflich scheinenden Mitteln verwirklichen. Dr. Cyrus Adler wandte sich dann. auch gegen die Judenpolitik der rumänischen Regierung und zählte eine Reihe Diskriminierungen der jüdischen Gemeinschaft in Rumänien auf, deren Gleichberechtigung lediglich auf dem Papier stehe, (J. T, A.) Eigentümer, Verleger, Herausgebe« und. vejaateostUcUct Redakteur.; Qberbaurat Robert Stricker. — Druckt Druckerei* und Verlags*A,-G, Ignaa Steinmann, beide Wiftn. IX.. IimwrattätsatwiBfi <h-8.