Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 623 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 DIE NEUE WEM? Nr. 623 vom 15. Jänner Jj$gr. Joel Maslbaum mtuc Kürzlich traf ich mit Vätern und Müttern und Verwandten jener Märtyrerfamilien zusammen, die in den Tagen der Unruhen Angehörige verloren hatten. Noch waren sie voll des Schmerzes über den Verlust, aber das innige .Verbundensein mit dem großartigen Werk der Wiedergeburt des Volkes, dem Wiederaufbau der alten Heimat erfüllte sie mit dem Gedanken, daß der Strom des Lebens auch weiterfließe, anstelle jedes entwurzelten Baumes ein neuer gepflanzt und in vervielfachter Herrlichkeit blühen werde ... Es war in einer der Siedlungen, die stark mitgenommen worden waren von den Angriffen aus den Bergen, von durchwachten Nächten, von schweren, gefahrvollen Arbeitstagen. Plötzlich gewahrte ich in der Nähe des Friedhofs eine Frau vorgerückten Alters, in einem Aufzug, der fast dem Wahnsinn glich: Das Haar aufgelöst und zerzaust, lief sie umher, dann warf sie sich auf eines der Gräber unter erschütterndem Gewein und Wehklagen. Wer war sie? Lebt etwa in ihr noch der Schmerz in seiner ganzen Größe, nachdem schon vor mehreren Monaten der Sarg geschlossen und der Erde anvertraut worden war? Antwort auf diese Frage erhielt ich erst, nachdem ich veranlaßt hatte, die Frau vom Friedhof nach Hause zu bringen. Sie wehrte sich. Schließlich gelang es. Einer ihrer Verwandten erzählte nun ihre Geschichte, all das, was sie in der letzten Zeit durchgemacht hatte. Da ist sie: Knapp vor Ausbruch der Unruhen beabsichtigte einer der Chawerim aus der Moschawah, seine alte Mutter, die in Polen lebte, nach Erez Israel zu bringen. Ihre Alijah wurde durch die Geschehnisse im Lande verhindert. Ihr einziger Sohn befand sichunter den ersten Verwandten und starb im Krankenhaus. Den Verwandten in Polen gelang es, der kranken Mutter die Trauerbotschaft zu verheimlichen; sie erklärten ihr, die Verbindung mit Erez Israel sei durch die Ereignisse unterbrochen, daher bekäme man keine Briefe von dort. Der Sturm legte sich und die Alte kam ins Land, trotz heftigem Widerstand der Verwandten; eine Tochter hatte sie in der gleichen Moschawah. Zu ihr ging sie. Auch die Tochter, erkennend, daß die Mutter zu schwach sei, eine solche Nachricht zu ertragen, verschwieg das Unglück und redete ihr ein, der Sohn sei eben mit etlichen Chawerim im Auftrage der Moschawah nach Chuz l'aarez gereist; sie hatten im Interesse-der Mosebawah eine wichtige Mission zu erfüllen. In der ersten Zeit schenkte die Mutter dieser Auskunft Glauben. Die Ortsbewohner hüteten sich, ihr etwas vom wahren Sachverhalt zu verraten. Alle schwiegen darüber. Selbst auf den Trauerversammlungen und in den Maskir-Andachten, in denen man die Namen der Gefallenen aufzählte, verschwieg man den Namen ihres Sohnes. Man bemühte gi.ch, xie mit Heiterkeit zu umgeben. Es nützte wenig; ihrem leidenden Herzen entrang sich stets ein Seufzer, der einer immer wachsenden Sehnsucht nach ihrem einzigen Sohne entsprang. Oft gingen die jungen Frauen und Männer mit ihr hinaus auf die leuchtenden Felder, erfreuten sie mit Gesang, Tanz und Geschichten. Sie lebte auf, der Druck wich, aber schließlich bekannte sie, wieder der nagenden Sehnsucht anheimgefallen: „Ach, wie wäre ich froh, wenn ich auch meinen Sohn unter euch erblickte . . ." Einmal war sie zugegen, als ein Chawer der Moschawah ein Bild aus Chuz l'aarez empfing: darauf sah man seinen Bruder und dessen junge Frau, ein Hochzeitsbild. Die Alte sprang von ihrem Sitz auf: .,. . . Das ist' m e i n Sohn . '. . Nein! ...Fast mein Sohn . . . O Gott! . . . Wenn doch auch er sich eine Frau nehmen und mit ihr hier in Frieden und Glück leben wollte . . . Wie würde das mein Alter verschönern!" Ein andermal kamen neue Chaluzim aus der Galuth in die Moschawah, unter ihnen auch ein Prachtkerl in Pfadfinderuniform und breitrandigem Hut. Sie fand, daß auch dieser ihrem Sohn ähnle, wie ein Bruder dem anderen .'; . Es schnitt jedem ins Herz, man drang in sie: „. . . Weshalb diese Seufzer, liebe Frau, weshalb diese Vergleiche zwischen eurem Sohn und fremden Menschen, wenn er selbst in Kürze kommen werde! . . ." Aber nach Wochen bangen Wartens wurde ein Ahnen in ihrem Gehirn wach. Das nahm ihr den Rest ihrer Ruhe. Sie forschte nach, fragte alle Ortsbewohner aus, bat die Verwandten, uan möge ihr die Wahrheit sagen, sie nicht quälen. Jeder hütete sich. Doch schließlich sah man ein, daß ein Entrinnen auf die Dauer unmöglich sei. Man schob nur den Tag hinaus, mehr konnte man nicht tun ... Die Unruhen im Lande nahmen ein Ende. Das Leben in der Moschawah begann wieder seinen normalen Weg zu gehen. Einige der Verwundetem kamen aus dem Krankenhaus zurück, nahmen: ihren alten Platz ein, arbeiteten mit'anderen die während der Unruhen m anderen keäDQfctsa Euakten. &g Landfia Wachtdienst verrichteten, trafen ebenfalls wieder ein, legten die Uniform ab, zogen das Werktagsgewand an, reihten sich in der Arbeitsfront ein. Die Alte war nicht zu beruhigen. Man suchte nach Ausreden. Da sagte man ihr, der Sohn, ihr einziger Sohn sei in Chuz l'aarez erkrankt, doch bestehe keine Gefahr. Er werde bestimmt in Kürze heimkommen, zu ihr, zu seiner guten alten Mutter . . . So wollte man ihr wieder Ruhe einflößen, Glauben und Hoffnung. Es war schwer — der Zweifel hatte sie gepackt und Heß sie nicht mehr los. Sie fragte weiter, täglich von neuem, täglich einen anderen und immer wieder. Schließlich konnte man ihren Fragen nicht mehr entgehen. Es gab keinen Ausweg mehr. Sie mußte die Wahrheit erfahren. Und einer der Chawerim nahm die schwere Aufgabe auf sich. Nach langer Vorbereitung sagte er ihr alles . . . Einer Mutter, einer jüdischen Mutter. Einer Mutter der Galuth, galuthbeladen, niedergedrückt von der Schwere des Schicksals draußen, in Chuz l'aarez. Was war ihr Leben dort? Trübe Tage, voll von Sorgen und Not, voll von Kummer und Elend, dort im polnischen Städtel. Die Moschawah beherbergt noch eine andere Mutter. Auch sie verlor ihren Sohn in den „finsteren Tagen". Auch ihr Herz blutete, als man ihren Liebling zum „Haus des Lebens" trug. Ihre Seele war zerrissen, ihr Leben verdunkelt: ihre Reden aber waren andere, ihr Wehklagen hatte andere Töne, Die zweite Mutter lebte in dieser Moschawah seit ihrer Gründung. Sie war dabei, als der erste Grundstein gelegt, als das erste Bäumchen gepflanzt, als die erste Blume gepflückt wurde. Hier erlebte sie gemeinsam mit ihrem Sohne Freudentage, Stunden des Glücks, aber auch Tage voll Mühsal, Jahre voll Kampf mit dem widerspenstigen Felsboden. Jeder Zoll Erde war ihr vertraut. Mit jedem Stein, mit jeder Garbe, mit jedem Zweig waren sie und ihr Sohn und alle in dieser schaffenden Moschawah innerlich verbunden. Im Jahre 1929, während der Unruhen, befand sich ihr Haus in großer Gefahr; damals blieben die Frauen und Kinder drinnen in den Häusern der Moschawah, die Söhne, Männer und Väter aber zogen mutig und pflichtbewußt hinaus auf das offene Feld, auf ihr Feld, stellten sich den Räubern, schützten die Moschawah. So schmiedete das Leben sie alle zu einer Gemeinschaft zusammen. Und die Mutter dieses Lebens und, Erlebens kam zur anderen, der gäluthbelädenen, üm sie zu trösten: „. . . Mach dir doch dein Herz nicht schwer; trübe nicht seine Seele, gute Frau ... auch ich bin Mutter . , . habe Kinder . . . Das Unglück, das dir zugestoßen, hat auch andere Mütter getroffen . . . Viele Mütter in unserem heüigen Lande haben dieser Erde ihre Söhne geweiht, geweiht in der Zeit ihrer schönsten Blüte . . . Du sagst, dein Kind, dein ,Kaddisch' sei dir teurer als alles im Leben gewesen ... gut . . . aber auch den anderen Müttern waren ihre Söhne teurer und heiliger als alles ..." „. . . und das sagst du mir — um mich so zu trösten?" warf die galuthbeladene Mutter mit Bitterkeit ein. „. . . Verzeih' mir, zürne mir nicht, gute, teure Frau", nahm wieder jene das Wort, „ ich wollte dir bloß sagen, daß wir alle, trotz allem, an dem Leben in unserem Lande weiterweben, daß die Bäume blühen, die Blumen in ihrer Pracht erstrahlen, die Sonne in unsere Stuben lacht, unsere Kinder, die kleinen und großen, wieder spielen, singen und tanzen . . . Komm, Mutter! ... komm mit mir, schauen wir uns das Wunder des Unaussprechlichen an, dein Herz wird gesunden, deine Seele erstarken, dein Leben wieder erfüllt von Ruhe sein . . ." „Unmöglich! . . ." antwortete leise die trauernde Muter, „mir ist nichts mehr im Leben auf dieser Erde geblieben ..." * Und wenn du jetzt durch das Land ziehst, vorbei an den jüdischen Moschawoth, und du siehst und fühlst: das Land blüht und die Menschen schaffen — dann frag' nicht verwundert, wie es kommt, daß die großen, teuren Verluste die Herzen der Verwandten, der Mütter und Väter und Brüder und Schwestern nicht ganz zerrissen haben . . . Wisse: Groß war der Schmerz, aber hier ist kein Platz für Verzweiflung! Es ist unser aller Erkenntnis, daß das Rad des Lebens weiterrollt, daß für den gefallenen Schomer sein Chawer den Posten bezieht und daß an die Stelle des entwurzelten, gemordeten Baumes — ein neuer gepflanzt wird, der in vervielfachter Herrlichkeit Blüten und Früchte bringen wird.... (Aus dem Hebräischen von M. S. Brafmann.) Jüdische Kulturstelle Wien. I., Frani-Josefs-Kat d, Tel. B-28-2-30 Jüdisches Knltur t hea t er: Täglich 8 Uhr abends Scholem Alejchems Komödie „Schwer zu sein ein Jud"', deutsch von Jakob Rosenthal, ltegie: E. Jnhal. Sonn- und feiertags Nachmittagsvorstellung „Die Grenze" bei kleinen Preisen. Beginn: i.\4 Uhr. Die Kunstsektion: Samstag, den 10. Jänner, l Uhr nachmittags: Führung durch die Daumicr-Ausstcllung (Albertina). Treffpunkt: I., Augustinerbastei 6. Leitung: Hugo Friedmann. (Telephonische Anmeldung bis Freitag, den 15. Jänner, Tel. B-28-2-30). — Sonntag, den 17. Jänner, '/211 Uhr vormittags, At ellerftthrung bei Maler Latar Kr est in. Leitung: Hugo Friedmann. Treffpunkt: I., Concordiaplatz ß. Die Literarische Sektion: Sonntag, den 17. Jänner, 6 Uhr abends: Rezitationsabend Joachim Laatz, „Abenteurer und abenteuerliche Geschichten". (Aus Werken von Heine, Rilke, Th. Mann, Ringelnatz, Jack London, Wedekind, Meyrink, Folgar u. a. m.) — Sonntag, den 24. Jänner, 6 Uhr nbends: Alfred-Wcrner-Abend. (Es lesen Alice Koch und Martin Miller.) Premiere in den Jüdischen Kunstlerspielen' Trotzdem bisher die Vorstellungen der Melscls- Revue „Chassene im Städtel" ausverkauft waren, hat sich die Direktion der Jüdischen Künstlerspiele, n., Fraterstraße 34, entschlossen, für Freitag, den 15. Jänner, eine Premiere anzusetzen, um das Publikum mit dem Repertoire des Gastspielensembles Seidermann-Lerner bekannt zu machen. Zur Aufführung gelangt, völlig neu für Wien, die Lustspieloperette ,,Mädel von Warschau", ein überaus heiteres Stück mit zahlreichen Liedern und Tänzen, worin das ganze Ensemble des Theaters auftritt. Sonntag nachmittags „Mädel von Warschau" bei ermäßigten Preisen. Prof. S. Braslavsky, der bekannte Dirigent, der seit längerer Zeit in Boston wirkt, dirigierte jüngst mit seinem Boston Civic Chorus unter Mitwirkung des Symphonieorchesters Brahma' Requiem und hatte mit dieser Leistung außerordentlichen Erfolg. Die Bostoner Presse rühmt Braslavskys außerordentliche Musikalität und Stilreife und zollt auch seinem Chor volles Lob. Künstlerische Photos Die vornehmen Hella Katz-Photos sind ein beliebtes Geschenk für alle passenden Gelegenheiten. Atelier L, Stubenring 18.'Tel. R-21-8-40, Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) England: Wie es euch gefällt. — Rembrandt. — Bajazao. Amerika: Der König der Frauen — Ehe ohne Hochzeit — Lustig ist das Zigeunerleben — Skandal in der Oper — Das Dreieck — San Franzisko — Dodsworth — Shirley ahoi — Ein amerikanisches Duell — Anthony Adverse ~ Der Garten Allahs — Mensohenjagd — Vornehm und: gefährlich. ~ 1000 und 1 Affäre. — Dia Koronoff-Juwelen. Filme unter Arierparagraph Seine Tochter ist der Peter — Seine offizielle Frau — Mädchen in Weiß — Standschützc Bruggler — Glückskinder (Ufa) — Fahr'n ma, Euer Gnaden — Das Mädchen Irene — Blumen aus Nizza — Kontüschowka — Annemarie— Wo die Lerche singt — Romanze — Du kannst nicht treu sein — Lumpazivagabundus — Unter heißem Himmel — Wenn wir alle Engel wären — Der Bettclstudent — Eine Frau ohne Bedeutung ^- Der lachende Dritte — Burgtheater — Ernte — Das Geheimnis eines alten Hauses — Letzte Grüße von Marie — Der Jäger vom Fall. — Das Hofkonzert. — Die Nacht mit dem Kaiser. Interessante Filme Heute: „Die Koronoff-Juwelen" Im Kreuz-Kino findet heute die Premiere dea neuen Kriminalfilms der Metro „Die Koronoff« Juwelen" statt. Die Hauptrollen dieser Geschichte, welche sich um den Diebstahl kostbarer Perlen dreht* spielen die eleganten Myrna Loy und Spencer Tracy. „Anthony Adverse" im Rotenturm-Kino Die fast unübersehbare Fülle von Gestalten, Ge-- danken und Stimmungen, grausigen und grotesken Situationen, eine ununterbrochene Kette von Abenteuern haben den Roman von Hervey Allen weltberühmt gemacht. In seiner Verfilmung spielt Fredric March den Mann ohne Namen und ohne Heimat. Der Film läuft mit beispiellosem Erfolg in der zweiten Woche im Rotenturm- Kino. Film-Nachricht. Wie uns von der Wiener Niederlassung der Universal Pictures Corporation, New York, mitgeteilt wird, trifft Mr. J. Cheever Cowdin, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Universal Pictures Corp'n, New York, nächster Tage in Wien ein. Mr. Cowdin wird genauestens die Situation des amerikanischen Films An Wien studieren und der Wiener Presse wichtige Er- . klärungen über die amerikanischen Filmverhältnisse in bezug auf Oesterreich und die anderen europäischen Gebiete abgeben. KINO'PROGRAMME KREUZ-KINO Die Koronoffi, woiizeiie i? Juwelen Telephon R - 24- 2-16 #HW«l«Il Vorstellungen: *,Vit,v*io mit Myrna Loy! Spencer Tracy SCHXFFER VI, Mariahllferstraße 37 Telephon B-20-203 tieginn: Vi#, V*t, VO0 Die Marx Brothers in Skandal in der Oper STAFA, VII MarlahlJfeutraOe 120 Telephon B-SS-0-08 Wochentags: S, 1, * Uhr VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 B'gtyai...*, *W Richard Tauber in „Bajazzo"