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Die neue Welt · 1937-01-08 · Heft 621 (8.1.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 621 (8.1.1937)
Date
1937-01-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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«*. 921 vom 8. Jänner 1937 DIE NEUE WELl «eite f 317 Juden gesucht I Das Jüdische Kulturtheater hat bisher sieben jüdische Bühnenwerke herausgebracht, die von der allgemeinen Presse sehr wohlwollend besprochen worden sind. Als Stücke, als Bühnenleistungen. Wie steht der Wiener Judenkunst-Kritiker von Format (gemeint iät Dr. Oskar Rosenfeld) der Tat selbst, der Bedeutung solchen Tuns gegenüber? Er weiß, daß das Theater der (damals mächtigen) sozialdemokratischen Organisation (Carltheater) nach wenigen Wochen zusammengebrochen äst, daß der Bühne des städtischen Volksbildungsvereins (Rolandbühne) im Vorjahr nicht einmal ein Lebensmonat beschieden war, daß die kleine Jüdische Kulturstelle ohne jede öffentliche Hilfe eine Kammerbühne zwar, aber nun schon ein ganzes Jahr hindurch hält. Hier werken Leute daran, jiddischen und anderssprachigen jüdischen Bühnenwerken den Weg in die Welt zu öffnen, zumindest für den deutschen Sprachbereich eine Dramenliteraturquelle zu erschließen, die vorderhand nur den Juden interessant werden könnte. Wenn Dichter, Schauspieler und Angestellte des Kulturtheaters die Wiener nur gelehrt haben, das Wort Perez auszusprechen, wenn die nur deutschsprechenden Juden jetzt zu hören bekommen, daß Scholem Alechem nicht nur ein Gruß der „Polischen", sondern auch ein großer Humorist ist, verdienen sie keine Rezension, von der der Verfasser selbst konstatiert, sie sähe wie Nörgelei aus. Wenn man vom einzigen Regisseur Wiens, der für solche Arbeit, in Frage kommt, nur zu sagen weiß, daß ihm öfter Fehlbesetzungen gelingen, hat man ihn ungefähr ebenso erschöpfend behandelt, wie etwa einen Rezensenten, dem man auf Grund solchen Vorgehens nachsagen wollte, ihm wäre schon Öfter zwar keine nörgelnde, aber eine feindselig anmutende Kritik entflossen. Man spricht verschiedene „Jüdisch-deutsch" im Kulturtheater. Hörte man je bei einem Schünherrstück alle korrekt tirolerisch reden, bei Hauptmanndramen nur schlesisch? Gerade beim Kulturtheater fällt so etwas auf, , notabene, wo es sich um ein Emigrantentheater handelt — und gerade, da man die bühnenwelthistorische Tat gesetzt hat, Scholem Alechem in hochdeutschen Aufführungen zu bieten. Ich bin diesmal auch mit zwei Schauspielern nicht zufrieden gewesen aber das läßt meine Dankbarkeit nichtgeringer werden, daß man mir als Westjuden diese köstliche Perle zum ersten Male überhaupt zugänglich gemacht hat. Ich zum Beispiel wäre mit dem alt-deutschtümelnden Idiom nicht einverstanden, die nichfczionistischen. Westjuden würden es als Jüdeln empfinden, während es den Östjuden nach wie vor"'j'.jek'isch'" vorkäme. Angesichte , des wahrhaften Pioniertums der Kulturth'eatermitarbeiter, denen trotz ,kleinstmöglichem Fassungsraum im Monat durchschnitlich 317 Plätze freibleiben, für die man Abonnenten finden muß, ist es eine Zumutung, bei den ach so dünn gesäten humoristischen Stücken die Betonung der tragischen Seite zu. verlangen. Der große Theaterkenner weiß um das Geheimnis, daß die Juden auch im jüdischen Theater lieber lachen, und müßte dem Dramaturgen sogar zureden, das Blut des Spasses in „Schwer zu sein ein Jud'" tunlichst verschwinden zu machen. Auch so aktuell genug, daher tragisch! .. Das Theater benötigt die 317 zusätzlichen Besucher! Auf Grund so wenig liebevoller Besprechungen kommen sie nicht! Diese haben aufzuzeigen, daß hier ohne Tamtam ein jüdisch-literarisches Theater gemacht worden ist, nicht fehlerfrei, aber sauber, ehrlich und gut! Solches Werk ist der großen jiddischen Volksmasse nicht gelungen, keine öffentliche Körperschaft hat mitgeholfen, Emigranten- und Rückwandererfürsorge im edelsten Wortsinn einerseits, Verbreitung jüdischer Literatur andererseits zu fördern. . Wenn der „Reichsposf'-Kritiker dieser Bühne den Ehrentitel „Jüdisches Burgtheater" verliehen hat, Franz Theodor Csokor, der berühmte Dichter und Dramaturg, vom Kulturtheater gemeint hat, „die ganze Stadt müßte darum wissen, daß hier ein Theater spielt, das noch etwas von wahrster Kunst besitzt", darf der Kritiker der „Neue Welt" getrost mit auf die Suche nach den 317 fehlenden Abonnenten gehen. Martin Tossi. * Unser Mitarbeiter Dr. Oskar Rosenfeld schreibt uns hiezu: „Anregender Kritik mit Kritik zu begegnen, scheint mir kein fruchtbarer Weg zu sein ... Es Hegt die Gefahr nahe, daß durch unfertige Aufführungen weder das Publikum unterhalten und erzogen noch der Rang des Dichters gewahrt wird. Viele hebräische Dichter beispielsweise wurden durch schlechte Uebertragungen erschlagen. Scholem Alechem spielen heißt: Scholem Alechem spielen und nicht etwa: Scholem Alechem zum Vorwand des Theaterspielens nehmen. Wenn die Aufführung Scholem Alechemscher Werke in deutscher Sprache nicht mit der Verpflichtung WienOTold-Stiefel mit Lederfutter u,Crouponsoh1e Sc^£Umat4Ui II - T A BOR 5 T R ASS E 1*8 innigster Treue zum Werke verbunden ist, erscheint die Aufgabe eines jüdischen Kultur theaters in Frage gestellt. Der Lockerung des Verantwortungsbewußtseins muß von einer besorgten Feder von Zeit zu Zeit entgegengetreten werden. Das zitierte Lob des deutschchristlichen Kritikers und deutsch-christlichen Autors entspringt ausschließlich der Dankbarkeit für etwas, das man anderswo nicht vorgesetzt bekommt." Die Juden bei der Internationalen Sfudenlenfagung in Wien Die Wiener J. T. A. meldet: Bei der zurzeit stattfindenden Tagung der Internationalen Studentenkonföderation wird die palästinensische Studentenschaft durch den Delegierten Daniel Scher vertreten. Dieser internationalen Korporation, die dem Völkerbundkomitee für geistige Zusammenarbeit der Nationen mit dem Sitz in Genf untersteht, gehörte bisher die palästinensische Studentenschaft als außerordentliches Mitglied an. Bei der gegenwärtigen Tagung beantragte der palästinensische Delegierte die Zulassung der palästinensischen Studentenschaft als ordentliches Mitglied, wobei er folgendes hervorhob: Die palästinensische Vereinigung der Studenten, die er repräsentiert, umfaßt alle Hochschüler Palästinas, auch die arabischen. Da der Prozentsatz der jüdischen Studentenschaft zirka 90 Prozent (in Palästina) ausmacht, erscheint es notwendig, daß die Leitung und die Repräsentanz dieser Hochschülerschaft auf internationalem Forum durch Juden ausgeübt wird. Von dieser Vereinigung palästinensischer Studenten wird jedoch niemand ausgeschlossen, im Gegenteil; jeder Hochschüler, der in Jerusalem oder Haifa studiert, wird automatisch Mitglied dieser Vereinigung. Der palästinensische Delegierte verwies auch darauf, die klare juristische Einheit Palästinas ergebe sich auch daraus, daß Palästina bereits in internationalen Organisationen, wie Völkerbundligen und Weltverband der Universitäten, dem 26 Staaten angehören, als Einheitsstaat aufgenommen wurde. Bei der Diskussion wurde der palästinensische Delegierte sowohl vom Generalsekretär wie auch von den Vertretern Belgiens, Frankreichs, Englands, Sc h w e i z und Luxemburg unterstützt, wogegen der Vertreter Italiens erklärte, daß er prinzipiell nichts gegen die Aufnahme der palästinensischen Studentenschaft als ordentliches Mitglied habe, jedoch verlange, daß vorher auch arabische Studenten eingeladen werden, damit man? auch ihren Standpunkt kennen lerne, da die Araber in Palästina die Majorität besitzen. Diesen Standpunkt unterstützte auch der Vertreter Griechenlands, der noch hinzufügte, daß die Zulassung der palästinensischen Studentenschaft, die durch die Juden repräsentiert wird, ein Präjudiz schaffen könnte für die HaitungderdeutschenStudentenachaftim Rahmen der Konföderation. Der Generalsekretär hob hervor, daß die Palästina-Regierung auf eine diesbezügliche Anfrage geantwortet habe, daß die jüdische Studentenschaft die einzige Vertreterin der Hochschüler d es Lan d es sei. Die Vertreter Deutschlands ebenso wie Oesterreichs enthielten sich jeder Stellungnahme. Da bezüglich der Aufnahme der palästinensischen Studentenschaft als ordentliches Mitglied noch Bedenken bestehen, ob hiezu eine gewöhnliche oder qualifizierte Majorität notwendig ist, wurde die Erledigung für die nächste Sitzung verschoben. Bemerkt wird, daß der Antrag nur bei einer einfachen Majorität Aussicht auf Erfolg haben kann, da außer Italien und Griechenland auch die Vertreter Estlands, Lettlands und Finnlands gegen den Antrag stimmen dürften. Die Tagung wird von einer Reihe von Festlichkeiten begleitet; es ist ein Empfang bei Minister Pernter, bei Bürgermeister Schmitz und eine Festvorstellung in der Staatsoper in Aussicht genommen. Zum Empfang bei Unterrichtsminister Pernter wurde auch der Vertreter des Weltverbandes der Jüdischen Hochschülerschaft und Beirat der Wiener Universität, Sektreär Alexander Teich, eingeladen. Letzte Nadiridtten aus Palästina Der erste arabische Zeuge vor der Kgl. Kommission Das Mitglied des Obersten Arabischen Ausschusses, Rechtsanwa*, Hassan Sidky Dajand, der als Organisator der arabischen Streikbewegung längere Zeit im Konzentrata^slager Sarafend interniert war, wird am Dorrerstag vor der Königlichen Kommission als Zeuge auftreten. Damit ist der von dem Obersten Arabischen Ausschuß über die Kommission verhängte Boykott tatsächlich beendet worden. (J. T. A.) Gerichtsprotokolle nur noch in englischer Sprache Ab 1. Jänner 1937 werden die Protokolle bei den palästinensischen Kreis- und Polizeigerichten nur noch In englischer, nicht aher auch in hebräischer oder arabischer Sprache geführt. Die Protokolle werden von den Richtern persönlich und nicht wie bisher von Gerichtssekretären niedergeschrieben. (J. T. A.) Sicherungsvorkehrungen und Sabotageakte Im Zusammenhang mit den Raubüberfällen, die sich in letzter Zeit in Palästina ereignet haben, hat das Polizeikommando des Süddistrikts beschlossen, die Beamten aller Eisenbahnstationen städtischer und ländlicher Siedlungen zu bewaffnen. Die Polizei hat den Stationsvorstehern bereits plombierte Kisten mit den erforderlichen Waffen ausfolgen lassen. In der Nacht vom Sonntag zum Montag ist der Stacheldrahtzaun um den Balfour-Wald in einer Ausdehnung von 400 Meter von arabischen Saboteuren durchschnitten worden. (J. T. A.) Neuer Bahnhof für Tel-Aviv In Tel-Aviv ist mit dem Bau eines großen, neuen Bahnhofes für den Personenverkehr begonnen worden. Die Kosten werden laut Voranschlag 30.000 Pfund Sterling betragen. (Palcor.) 30*000 jüdische Einwanderer im Jahre 1936 Aus Jerusalem: Laut den provisorischen Ziffern des Einwanderungsdepartements der Jewish Agency sind, im Jahre 1936 rund 30.000 Juden als Einwanderer nach Palästina gekommen. Von diesen waren S31S Kapitalisten mit je einem Mindestbesitz von 1000Pfund, 10.880Einwanderer auf Arbeiterzertifikate, 8550 Angehörige von Palästina-Einwohnern, 1557 Studenten und Schüler, 977 religiöse Funktionäre; der Rest setzte sich aus Einwanderern anderer Kategorien und aus Touristen, deren Aufenthalt nachträglich legalisiert wurde, zusammen. Im Jahre 1935 betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer 61.854. Erschwerung der Einwanderung von „Kapitalisten" Aus Warschau: Die jüdische Presse in Polen führt Klage darüber, daß die englische Administration neuerdings der Einwanderung von „Kapitalisten" aus Polen, die sich über einen Mindestbesitz von je 1000 Pfund ausweisen können, Schwierigkeiten bereitet. Eis wird gefordert, daß der Einwanderer den Nachweis erbringt, daß er sein Kapital noch vor Inkrafttreten des Devisenausfuhrverbots in Polen nach Palästina transferiert hat. (J. T. A.) Jaffa klagt Tel-Aviv Aus Jerusalem; Die Stadtverwaltung von Jaffa hat beschlossen, gegen die Tel-Aviver Stadtverwaltung Klage zu erheben, weil diese die jüdischen Stadtviertel von Jaffa, Schapiro und Florentin, mit Wasser beliefert. Indische Kulfurstelle Wien, I., Franz-Josefs-Kai 3, Tel. R-38-2-36 Der Volksbildungsreferent der Stadt Wien teilt mit: Der Jüdischen Kulturstelle und Volkshochschule wurde als erster und vorläufig einzigen jüdischen Institution die Führung des Titels einer „Volksbildungseinrich-- tung" im Sinne des neuerlassenen Gesetzes bewilligt. Gleichzeitig wurde die Bezeichnung der Leihbücherei als „Jüdische Volkshochschulbücherei" laut vorzitiertem Gesetz gestattet. Jüdische Kunstlerspi'ele U., Pratcrstraße 34, Tel. K-45-4-94 Der außerordentliche Erfolg der Meisels-Revue „C h a ssene im Städte 1" hat die Direktion der Jüdischen Künstlerspielo veranlaßt, dieses Bühnenwerk auch für die laufende Woche auf dem Repertoire zu halten. Als echtes Volksstück, das die Elemente des Ostjudentums mit den Kräften des neuen Krez Israels verbindet, vermag es aufklärend und erziehend zugleich zu wirken, so daß zurzeit das Repertoire der Künstlcrspiele mehr bietet als Unterhaltung im vulgären Sinne. Insbesondere der Hinweis auf Iwrith und die Reproduktion des neuen palästinensischen Volksliedes, Horra- und Maischlied, bezeugen, daß auch eine einfache Revue nationale Wirkung üben kann. Josef Kamen als Herscheie Osfropoler" In der Jüdischen Bühne (II., I'raterstroße 60) ist nach langer Zeit wieder Josef Käme i, der auagezeichnete Schauspieler und Regisseur, zu sehen. Im Rahmen des kurzen Gastspiels tritt er in seiner Glanzrolle als „II erschele Ostropolcr" auf und reißt wieder durch seine einzigartige Darstellung dieses interessanten ostjüdischen Typs hin. Humor, Sarkasmus, Lebensweisheit (vereint mit dem originellen Nigunim) bilden die Hauptelemente des Abends. Josef Kamen, der große „Wllnaer", wird jeden Abend stürmisch bejubelt. — Kein Freund jüdischer Theaterkunst lasse sich den seltenen Genuß entgehen. Ein Blick in die neuen, sehenswerten Schau* fenster in der Taborstraße 48 beweist: Auch die neuesten Tanzkleider. Kasaks und Dirndl kauft man am besten bei 3

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