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Die neue Welt · 1937-01-08 · Heft 621 (8.1.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 621 (8.1.1937)
Date
1937-01-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 V1&'*ßlC$-W&? Nr, 621 vom 8. Jänner -: '^...J.,!!- - Abraham Saks (Schluß.) tik Pjeed stießt Aus den Tog&t des k/ettlcciepes 191? (Aus dem Jiddischen von o. r.) IV. Und nun war wieder jeden Morgen Josche-Berls Platz auf der Gasse unter den Fuhrwerken besetzt. Wieder nahm Josche-Berl die Peitsche in die Hand und fühlte sich wie von den Toten auferstanden. Passagiere fehlten ihm nicht. Alle wendeten sich an ihn, mancher mit einem ,.Maseltow". Mit welcher Befriedigung sdß er jetzt oben auf dem Bock und wollte die Zügel gar nicht aus der Hand legen! Jetzt war etwas an ihm zu sehen, was man bisher gar nicht bemerkt hatte: die Sorge um das Pferd, die Pflege und das Hüten des Pferdes, seine Bereitschaft, jeden Augenblick der kleinsten Kaprize des Pferdes nachzugehen, rief bei allen ein Lächeln hervor. . . . Das geringste Schwitzen des Pferdes beunruhigte ihn. . . . Inmitten der Fahrt sprang er vom Wagen, um das Gespann zu prüfen, da den Riemen zuzuziehen, dort zu lockern, bisweilen den „Chomut" zu heben, die Deichsel zurechtzurücken, und es bei dieser Gelegenheit um Entschuldigung zu bitten: „Man ist dir ins Fleisch hinein, Fohlen armes!" „Laß es dir sagen, Reb Josche-Berl, zu sehr verzärteln darfst du ihn nicht", mahnte ihn manchmal ein Passagier. „Natürlich", fuhr ein anderer fort, „du wirst ihn so sehr verwöhnen, daß er am liebsten allein wird Spazierengehen wollen . . „Da kann man nichts mehr machen, es ist eben ein besonderer Herr", motivierte Josche-Berl sein Vorgehen und erklärte mit einer Menge von Gründen, daß ein Pferd jetzt tausendmal besser dran sei als ein Mensch: sein Brot — sagt er — hat er ringsum nach Herzenslust; das Gras auf den Wiesen wächst, ohne daß er es merkt; und wenn er den Wagen zieht, muß ihm der Hafer zur rechten Zeit geliefert werden: aber wir sündige Menschen . . . Uns füttert man mit „Brotkarten" ... mit Saccharin und Wruckenmarmelade ..." Und Josche-Berl schämte sich vor niemand :md diente seinem Pferd treu mit ganzem Herzen. Und traf es sich einmal, daß Hafersträhne in den Nüstern des Pferdes stecken geblieben waren, und es den ganzen Weg lang nieste, wurde Josche-Berl nicht müde, jedesmal mit „zur Gesundheit" zu antworten. Große, sommerliche Hitzen stellten sich ein. Die Julisonne brannte unbarmherzig und marterte Menschen und Tiere. Auch die Pflanzen wurden matt und welk. Die Grasspitzen wurden gelb vor der Zeit und auf den Wegen lag schwerer, heißer Staub. Als Josche-Berl bemerkte, daß sein „Fohlenliebling" mit dem vollbepackten Wagen nicht sehr zufrieden sei, sorgte er für weniger Belastung; er wird doch nicht sein eigenes Tier mißbrauchen! Es ist doch bloß ein 500-Rubel-Pferd, mit seinem Kaschtan nicht zu vergleichen. Früher machte man das nicht, aber jetzt wirkten sich scheinbar die Hitzen schädlich aus. Es „schmeckt" ihm nicht! Oft blieb es inmitten der Fahrt stehen, atmete schwer und seine Bauchseiten hoben und senkten sich. Josche-Berl sprang vom Wagen, schaute und schaute und sprach kein Wort. Sein Hirn durchzuckten sonderbare Gedanken und sein Gesicht war umdüstert: das Atmen des Pferdes gefiel ihm nicht. Er ließ einen Arzt kommen und fragte: „Sagen Sie mir die Wahrheit, vielleicht soll ich das Pferd nicht mehr einspannen!" Der Arzt aber beruhigte ihn, verschrieb ein Rezept und sagte, daß nichts Böses vorliege, er könne weiter mit ihm fahren, es sei nur ein wenig herzschwach. Seither pflegte Josche-Berl sein Pferd noch mehr, trug es sozusagen auf den Händen. „Ein schwaches Geschöpf, ein armes", dachte sich Josche- Berl mit Bedauern. Oefters in der Nacht sprang Josche-Berl auf und horchte, ob man hinter der Stallwand das Kauen des Pferdes vernehmen könne. Oft plagten ihn schwere Träume und voller Schreck riß er die Augen auf: „Pfui, nicht gedacht soll es sein! Nicht gedacht, für kein jüdisches Pferd gedacht!" V. Es ist ein trauriger Abend gekommen. Mit ein paar Fahrgästen im Ort angelangt, sah Josche-Berls Pferd nicht gut aus. Nach dem Ausspannen ließ es seinen Kopf sonderbar hängen und die großen Augen zogen sich mit tödlicher Müdigkeit zusammen. Die Beine rechts und links tasteten sich ineinander, kaum daß es sich aufrechthielt. Josche-Berl brachte in einem Trog trockenen Hafer, aber das Pferd bewegte nicht einmal die Nüstern. „Nicht günstig", sagte Josche-Berl mit tiefem Seufzer zu sich. Man ging rasch in den Ort und brachte den Tierarzt Stepka. Stepka blickte das Pferd mit dem Auge des Sachverständigen an, klopfte es da und dort ab und zog die Schultern hoch. „Schlimm, schlimm!" Ringsherum standen bereits das Weib, das ganze Rudel Kinder, man rang die Hände und mit tränenvollen Augen blickte man auf den herabgelassenen Kopf des Pferdes. Auch die Nachbarn fehlten nicht. DIE WINTERHILFE der Israel. Kultuigemeinde Wien umfaßt 10 Ausspeisestellen, Die Verteilung von Kohle, Lebensmittel und Bekleidung, die Errichtung von Tee- und Wärmestuben usw. SPENDET REICHLICH! Postsparkassenkonto B 29.659. Stepka hieß das Pferd auf einen freien Platz hinausführen und die ganze Gesellschaft, mit dem Pferd an der Spitze, zog los. Josche-Berl hielt von der einen Seite das Pferd am Zügel und auf der anderen Seite ging Stepka, hinter ihm die anderen. Die Größeren gingen allein, die Kleineren trug man.. . und außerdem waren Fremde da, die mitwanderten und deren Zahl von Minute zu Minute wuchs. Die Kunde verbreitete sich rasch im ganzen Städtel und es kamen mit ernsten Gesichtern Mottel der Lez, Sissel „der weiberische Chossid" und noch andere „Verehrer" hinzu, die Josche-Berl „auf die Beine geholfen" hatten. „Was sagt ihr zu unserem Pferd?" fragte Mottel mit wehmütigem Lächeln. „Gar nichts, Allerweltsnarr", antwortete Sissel und zupfte kummervoll das kurze blonde Bürstchen. Auf dem freien Platz am Ende des Ortes ließ man das Pferd sich niederlegen und Stepka ging an die Sache heran. Er machte irgend ein Gemisch aus warmem Wasser, Salz, Seife und anderen Dingen und gab es dem Pferd ein. Aller Blicke waren mitleidig auf das kranke Geschöpf gerichtet. Plötzlich begann das Pferd zu zappeln, hob den Kopf hoch und überstürzte sich. Stepka sagte, daß das ein gutes Zeichen sei, und alle wurden mit einem Male zuversichtlicher. Die Kinderschar ringsum, bisher voller Tränen, blickte mit einem Hoffnungsschimmer auf das Pferd. Und in der Tat, das Pferd erhob sich mutig und stellte sich mit frischer Kraft auf die Beine. Alle begleiteten diesen Vorgang mit fröhlichen Bemerkungen. „Es wird davonkommen", hieß es allgemein. Das dauerte aber nicht lang. Es war nichts anderes als der letzte Kampf. Kurz darauf legte das Pferd sich wieder hin und diesmal so schwer, so unbeholfen wie ein angefüllter Sack, den Kopf sonderbar zur Seite streckend ... Stepka machte zuerst eine Bewegung mit der Hand, dann ging er... Rings um das Pferd blieben nur Josche-Berl, niedergedrückt, zusammengebrochen, die Peitsche unterm Arm, und seine Familie. Für sie war jetzt kein Geheimnis mehr, was geschehen werde... Klagende Stimmen erhoben sich, ein Gewein und Geschluchz und Ohnmächte... Sogar Josche-Berl, der kräftig gebaute, breitstämmige Mann, fiel — zum ersten Male in seinem Leben — zu den Füßen des Pferdes nieder, ohnmächtig... Und das Pferd, im letzten Todesjingen, hörte noch die gebrochene Stimme seines ihm ergebenen Herrn, der es stets mit den Kosenamen „Ernährer", „Brotgeber" bedacht hatte, des Weibes und der Kinder Jammerrufe, die denselben Klang hatten wie das Beweinen eines sterbenden Menschen. Das Pferd warf sich in letzten Krämpfen; es fiel ihm schwer, sich von einer Welt zu trennen, in der ihm soviel Ehre beschieden worden war... fai Kotiia Wie wir bereits meldeten, wird sich Donnerstag, den 14. Jänner, im Großen Musikvereinssaal der neue. Tenor Jose" Kania dem Wiener Publikum vorstellen« Bedeutende Fachleute sagen dem jungen jüdischen Künstler, der seine Gesangsstudien in [Wien betrieben hat, wegen seiner glanzvollen Stimme und seltenen Musikalität eine große Zukunft voraus. Professor Julius Wolfsohn, der Meisterpianist und Komponist, hat für diesen Abend seine Mitwirkung zugesagt. Begleitung der Gesänge: Professor Erlcix Meiler. SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEOSCHHAUEREI Zentrale; IX., Berggasse 19. Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für nyrhFlelsch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien Autozustellung kostenlos IX., Berggasse 85 / XVIII., Währlngerstr. 97 Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) England: Wie es euch gefällt. — Rembrandt.. 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