Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 619 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 610 vdtt 31. Üfizemfcer 1036 DIE NEUE WELT Seite 5 Toscam'imKonzert in TekAviv (Eigenbericht der „Neuen Welt") Aus Jerusalem schreibt uns unser Korrespondent: Die gewaltigen Anstrengungen, die für das Zustandekommen des Palästina-Symphonieorchesters und des ersten Konzerts gemacht wurden, haben ihren Lohn gefunden. Die „Premiere" ist vorUber. Die Probe ist bestanden. Der jüdische Jischuw kann von sich behaupten, daß ihm im Rahmen seiner schwierigen Kulturarbeit ein großes Werk gelungen ist. Fast zwei Jahre lang hat der Initiator der Orchesteridee, Bronislaw Huberman, an den Grundlagen des Orchestervereins gearbeitet und die nötigen Geldmittel aufgebracht, um die ersten Konzerte möglich zu machen. Seiner Arbeit und seinem künstlerischen Prestige ist auch die Teilnahme Arturo Toscaninis zu danken. Toscanini hatte vor dem Eröffnungskonzert Gelegenheit, einiges vom jüdischen Land kennenzulernen, atit Huberman zusammen besuchte er Kolonien und die Hafenanlagen von Tel-Aviv. Am 22. Dezember wohnte er einer Aufführung des „Kaufmann von Venedig" durch die Habima bei. Nach der Vorstellung erklärte er, daß das In Palästina von den Juden Geschaffene einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht habe. Am 23. Dezember wurde er gemeinsam mit Huberman vom Oberkommissär Sir Arthur Wauchope empfangen. Bei einem Presseempfang erklärte Huberman, daß die Zahl der Mitglieder des Orchestervereins in Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa über 7000 betrage. Ferner führte Huberman aus, daß das Orchester nicht nur die Aufgabe habe, den jüdischen Jischuw Palästinas beim Aufbau des Landes durch Stärkung seines kulturellen Lebens zu unterstützen, sondern auch den Boden für eine musikalische Kultur zu schaffen, die vielleicht einen großen Musikschöpfer hervorbringen werde. Das Eröffnungskonzert unter Leitung von Toscanini (nach Vorbereitungen des Kapellmeisters H. W. Steinberg) fand Samstag, den 26. Dezember, im Tel-Aviver Messegebäude unter allen Zeichen einer künstlerischen und gesellschaftlichen Sensation statt. Seit Wochen schon war das Konzert ausverkauft. Anwesend waren u. a. Oberkommissär Wauchope, die Spitzen der Palästina-Regierung, die Mitglieder der zionistischen Exekutive, der nationalen Institutionen und Vertreter der Kolonien. Es herrschte enthusiastische Stimmung. Das Erscheinen Toscaninis am Dirigentenpult gab Anlaß zu stürmischen Beifallskundgebungen. Das Publikum hatte Festkleidung angelegt. Zur Aufführung gelangte Rossinis Ouvertüre zum „Barbier von Bagdad", die II. Symphonie von Brau ms, Schuberts „Unvollendete", Mendelssohns „Sommernachtstraum"-Musilc und Webers „Oberon"-Ouvertüre. Toscanini erklärte, daß sich das palästinensische Symphonieorchester mit den bedeutendsten Orchestervereinigungen der Welt messen könne. Am Schluß des Konzerts, umrauscht von Beifallskundgebungen, dankte Huberman dem Publikum, worauf auch Toscanini das Wort ergriff. Toscanini gab u. a. seiner Solidarität mit den Anstrengungen des jüdischen Jischuwa in seinem Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit Ausdruck, Am 29. Dezember fand ein von der zionistischen Exekutive veranstalteter Empfang für Toscanini und Huberman statt. Am 30. Dezember gab das Symphonieorchester ein Rundfunkkonzert; das auch über die amerikanischen Sender verbreitet wurde. Ganz Palästina steht unter dem Eindruck der künstlerischen Persönlichkeit Toscaninis und Hubermans, die das erste Auftreten des reinjüdischen Orchesters zu einem Meilenstein in der Geschichte der palästinensischen Kultur gestaltet haben. Wer sind die Warnet? Wir haben oft genug ausgeführt, daß von der jahrelang betriebenen nationalsozialistischen Propaganda •— wenn schon nichts — so doch die antisemitische Hetze übriggeblieben ist. Man arbeitet hier nach reichsdeutschem Muster. Die Goebbels- und Streicher-Parolen sind insbesondere in der österreichischen Provinz sehr beliebt, Man stellt noch keine Boykottposten vor jüdischen Geschäften auf,, aber verteilt Flugzettel mit der Warnung, in jüdischen Geschäften zu kaufen. Man beachte: Warnung! Wer in jüdischen Geschäften kauft, das iat der Sinn der Warnung, hat sich die Folgen selbst zuzuschreiben, Ein diesbezügliches Dokument findet sich in der „Linser Tagespost" vom 22. Dezember 1936. Dort schaltet ein Kaufmann eine bezahlte Kundmachung ein, welche lautet: E Zur Aufklärung. In den kürzlich verteilten Flug, zetteln, auf welchen vor dem Einkauf in jüdischen Gesparten gewarnt wird, ist auch meine Firma als jüdisch angeführt. Ich erkläre hiemit, daß dies eine falsche Behauptung ist und loh jederzeit in der Lage bin, meine arische Abstammung auf Grund des Stammbaume« meiner Familie nachzuweisen. Ich bin bereits seit vielen Jahren Mitglied des deütschvölkischen Turnvereines Ur- '.fahr und habe mein Geschäft, das nunmehr über vierzig Jahre besteht, immer in solidester Art geführt. Friedrich Geyer, Urfahr, Hauptstraße 5. Man muß sagen: Dio Gemütlichkeit, mit welcher die bei Juden kaufenden Kunden „gewarnt", das heißt beicUoht werden, ist bewundernswert. Sabotage der Befriedung Seitdem einzelnen reichsdeutschen Blättern die Tore Oesterreichs geöffnet wurden, kann auch der Wiener Leser durch die Lügenflut der Nazipresse waten. An erster Stelle steht hier die „Nationalzeitung" (Essen), das die Rolle des trojanischen Pferdes übernommen hat. Was gewisse österreichische Blätter in Judenverleumdung nicht zu tun wagen oder vermögen, das besorgt dieses Organ der N. S. D. A. P. Die Weihnachtsnummer der „Essener Nationalzeitung" — es ist gerade eine, die uns zwischen die Finger kommt, strotzt geradezu von den gemeinsten und absurdesten Perfidien gegenüber dem Judentum. Auf der ersten Seite erzählt das Blatt unter dem Titel „Ein Denkmal für den Juden Frankfurter" von jüdischen Massenversammlungen überall in der Welt, „die die Freilassung des Verbrechers, die Wiederaufnahme des Verfahrens oder wenigstens eine weitgehende Begnadigung des Mörders" fordern. Es wird weiter erzählt, daß auf einer Versammlung der Weltliga zur Abwehr des Antisemitismus in Paris der Beweis für die „internationale Hetze der Juden usw." erebracht wurde, und dio im Churer Prozeß ein für allemal erledigte Komplott- Theorie wird wiederum unter Zuhilfenahme erfundener Details aufgetischt. s iiitti diese Platte entbält die schönsten jidd. Lieder gesungen v.p. Gondosch. DAS EMEKLIED und viele neuhehr. u. kantorale Gesänge in bester Wiedergabe Neuaufnahmen von Obk. SIROTA mit Orgelbegleitung Preis nur S 2.S0. 17 cm Langspielplatten Owfnu makeinu fniloh), Halbein chtoeinu, K!-chor pch, Korutz'ntchomer.Sim sliolom, J'hi rotron. 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Und zwar. (bitte'nicht'zu lachen): der Jude Companys (!) und der Jude Prieto (!). Und schließlich heißt es: „Die Plünderungen von Kirchen, so stellt der Verfasser des Artikels fest, beweisen den inneren Zusammenhang zwischen Bolschewismus und Judentum." Dieser Unsinn wird mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit und Offizialität einem sensationshungrigen Publikum aufgetischt. Die ernsten Menschen in der Welt wissen, was sie von der Wahrheitsliebe der reichsdeutschen Nazipresse und ihrer Kommandanten zu halten haben. Aber es gibt immer noch naive oder hysterische. Nazifreunde, die den Verleumdungstendenzen der gleichgeschalteten Hakenkreuzpresse weder Vernunft noch Charakter entgegenzusetzen haben und nur eines wünschen: solch eine Presse auch in Oesterreich bodenständig zu sehen. Wir schrieben in vorahnender Weise zum Normalisierungsabkommen vom 11. Juli: „Kulturaustausch bedeutet nicht wähl- Gfi gefällt ar * * Allen . . . . dieser elegante, moderne Boxcalf-Herrenschuh mit Crouponsohle um lose Uebernahme reichsdeutschen Schrifttums und reichsdeutscher Filme, gar etwa Literatur ä Ia Streichers ,Stürmer'. Es gilt, die literarischen . . . Werke zurückzuweisen, die . . . gerade dem Gegenteil dessen gewidmet sind, was durch das Abkommen angestrebt wurde, nämlich der Verhetzun g." Unsere Besorgnis findet also jetzt im Zusammenhang mit der Hetze der „Nationalzeitung" ihre Berechtigung. Frankfurter zur Judenfrage David Frankfurter, welcher den Vertrauensmann der deutschen Nationalsozialisten in der Schweiz Gustloff erschossen hat und deswegen zu 18 Jahren Kerker verurteilt wurde, ist vor der Verhandlung vom Direktor der Schweizer Irrenanstalt „Waldhaus", Dr. Jörger, auf seinen Geisteszustand geprüft worden. Im Zuge der Untersuchung forderte Dr. Jörger den Angeklagten auf, seine Einstellung zum Judentum schriftlich niederzulegen. Die Aeußerungen Frankfurters finden sich im Prozeßakt und lauten: „Ich sah in der Geschichte des jüdischen Volkes immer wieder das Bild von unaufhörlichen Verleumdungen, Verfolgungen und Pogromen j durch 2000 Jahre hindurch. Gewiß war ich solchem Un- I bill persönlich nicht ausgesetzt, aber nach den Erj fahrungen aus der Geschichte gab es keine Sicherheit, daß dies nicht eintreten kann. Abgesehen von den peraön- [ liehen, unwesentlichen Befürchtungen bereitet das Bewußtsein, daß Tausende von Menschen, nur weil sie Juden sind, darunter leiden müssen, höllische Qualen. Sollten die paar Schieber und Konkursschwindler etwa ein berechtigter Grund für solches Geschehen sein?" „Die vielen Wissenschaftler und Leute in der Wirtschaft, die zum Wohle der Menschheit und des Landes gearbeitet haben, oder die 12.000 Juden, die für Deutschland aHein im Weltkrieg ihr Leben für ihr Vaterland ließen, sollen gar nichts sein? Wenn die Juden nicht besser sind, so sind sie gewiß auch nicht schlechter als die ,edle' nordische Rasse." „Wie ein mir persönlich zugefügtes Unrecht oder Beleidigung mich zur Verzweiflung treiben konnte, so verletzten mich bis ins Innerste diese Verleumdungen und Verfolgungen des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion. Bei all dieser Liebe für das Judentum habe ich mich doch nie einem Revanchegedanken oder ähnlichen Gefühlen hingegeben, nur zu bitter fühlte ich die Ungerechtigkeit der Verallgemeinerung, um den Spieß umzukehren ..." Zum Schluß heißt es: „Warum Gustloff? Weil die Schweiz als demokratische» und tolerantes Land viel zu schade ist, daß es denselben Weg geht, den Deutschland geht, und daß es zum Schluß von diesem Deutschland mit Haut und Haaren verschlungen wird." Aus der Wiener ludengemeinde In der öffentlichen Sitzung des Vorstandes am 28. d. M. wurde der von der „Union österreichischer Juden" eingebrachte Antrag auf Einführung des Proporzes bei Besetzung des Präsidiums, des Vertreterkollegiums und der Kommissionen im Prinzip einstimmig angenommen und der Statutenkommission zur Behandlung zugewiesen. In der Sitzung am 29. d. M. wurde Herr Dozent Dr. Zimmels zum Gemeinderabbiner für Fünfhaus und Herr Fischer zum ersten Kantor des Gemeindetempels in Fünfhaus bestellt. Haftarah Parsdiath Sdtemot, leremia I „. . . Ich bestelle dich an diesem Tage zum Propheten über die Völker und über die Reiche, ihnen allen zu verkünden Gutes und Schlimmes, auszuroden und einzureißen, zu vernichten und zu zerstören, aber auch zu bauen und zu pflanzen ..." „. . . Ich rufe alle Geschlechter und Reiche vom Norden, daß sie kommen und jeder seinen Thron an den Eingang der Pforten Jerusalems setze und auf alle ihre Mauern umher und auf die aller Städte Judas. Daim werde ich die Judäer zur Rede stellen, um alle ihre Bosheit, daß sie mich verlassen und fremden Göttern geräuchert und sich niedergeworfen haben vor den Werken ihrer Hände. Du aber gUrte deine Lenden und mache dich auf und rede zu Ihnen alle», was ich dir gebiete; zage nicht vor ihnen, daß ich dich nicht vor ihnen zermalme. Denn ich mache dich heute zur festen Stadt und zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer für das ganze Land, gegen die Könige von Juda, seinen Fürsten, seine Priester und gegen das Volk des Landes. Sie werden dich wohl angreifen, aber sie vermögen nichts gegen dich ..."