Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 619 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 DJ]B NEUE WELT Nr. 619 yom 31« Dezember 1936 1 Abraham Sak; -^»M,y4yf.,'> II tut?4eed stidt Aus den Togen des WeUkdege* 1917 (Aus dem Jiddischen von o. r.) Nicht allzu lang fuhr Josche-Berl mit seinem neuen Pferd. Er sah fast, wie es von Tag zu Tag einging, geradezu kleiner wurde... Wenn es einen Berg, einen Hügel in der Ferne sah, hielt es inne. Einfach lächerlich. Bei seinem Kaschtan hat es so was nicht gegeben. Der ist bergauf genau so flott gelaufen wie bergab. Da Josche-Berl sah, er werde am Pferd nicht viel Freude haben, ließ er es ein wenig im Stall stehen, die kranken Beine ausruhen und gab es um ein Drittel des Kaufpreises ab. Jetzt war Josche-Berl sich klar bewußt, daß ihm an Pferden kein Glück mehr beschieden sei. Er ließ verzweifelt die Hände sinken, die Peitsche im Winkel ruhen... Was jetzt beginnen? Ein anderes Pferd kaufen? Wozu? Für die erzielten paar Rubel könnte er vielleicht eine Ziege oder eine Pferdehaut kaufen... Die Preise sind nicht abzusehen, alles steigt von Minute zu Minute. Es geht jetzt nicht mehr um Hunderter, man spricht nur mehr von Tausendern! Und die zehnköpfige Familienschar, unverschrien, wächst und jedes hat einen Magen und jeder Magen will verdauen und verlangt Nahrung — ein Apparat, der nicht stillsteht... Und die Teuerung wächst und eile schwarze Not kommt wie ein schwarzer, drückender Schatten gekrochen, fast als wollte die Seele den Leib verlassen. Und so geht es weiter: es wird zu alldem noch ein Kind krank und da drängt man aufs Schulgeld, hier gibt's keine Schuhe und dort keinen Rock, kurzum: daß Gott erbarm'... So gingen Wochen dahin, schwere finstere Wochen, ohne den Schimmer von Hoffnung. Ganze Tage geht Josch-Beel finster-traurig, verzweifelt, gebrochen umher. Die dumpfe Last der Not hat ihn heruntergedrückt, und wenn er in der Wohnung sitzt, läßt ihm das Weib keine Ruh. „Um Gotteshimmelswillen", eifert sein Weib, „wenn schon kein Pferd, wenn schon kein Balagule — muß man deswegen schon kein Mensch sein? Sich, unseren Feinden gesagt, hinlegen und sterben?" „Nun, was soll ich tun?" fragt Josche-Berl in demütigem Ton,, wie ein Knabe vor einem strengen „Rebben". „Was soll ich tun?" gibt sie ihm spottend die Frage zurück. „Was tun die anderen? Starren vielleicht die nackten Wände an? Man versucht dies, versucht jenes, schläft nicht!" „Ohne Pferd kann ich nichts anfangen", gibt Josche-Berl zu seiner Verantwortung an. „Das ist doch das Unglück, daß du zu was anderem als zur Peitsche nicht taugst. Wirklich. Anderswo versteht sich ein Mann Rat zu schaffen." So treibt es sein Weib Tag für Tag, schilt ihn, wird bös, ereifert sich, schimpft und macht ihm die Wohnung zur Hölle. Einmal eüte er zerschlagen vom Haus weg und verdingte sich irgendwo in Lohnarbeit. Von der anderen Seite betrachtet, ging es ihm durch den Kopf, schrie und schalt sie gar nicht zu unrecht. Was für ein Vater ist er denn, wenn er seinen Kindern nicht zu essen geben kann! Es überkam ihn oft der Wunsch, etwas Neues zu vollbringen, etwas, das die Kinder, die Frau und die Nachbarn überraschen konnte. Wenn ihm beispielsweise so gerade inmitten des Weges sein Kaschtan entgegenkäme! Oft pflegte er derart bei der Arbeit zu phantasieren und von seinem trauervollen Träumen aus dem Alltag weggetragen zu werden. Aber heimkehren? — heimkehren tat er mit dem kärglichen Taglohn, der für seine Famüie nicht einmal auf einen hohlen Zahn reichte. Einmal wieder, da er ohne Lohndienst war, fuhr er mit einem anderen Balagule in die Gouvernementstadt. Er hatte dort nichts zu tun, doch hielt es ihn nicht zu Hause; übrigens sehnte er sich ganz einfach nach dem Weg, nach der Fahrt... Jeder Balagule nahm ihn aus Mitleid als lieben Fahrgast mit, räumte ihm den Bock ein und übergab ihm die Zügel. In solchen Stunden vergaß Josche-Berl, wie es ihm erging. Die Räder sausten so freundlich, so munter und machten ihn trunken mit ihrem Geräusch... Ihm dünkte es, als würde er auf seinem eigenen Wagen sitzen und seinen guten, alten Kaschtan antreiben... Wijo! Wijo! DJ. Auf dem Marktplatz, wo schon frühmorgens die Balagules standen, war Josche-Berls Platz leer und die ständigen Fahrgäste fühlten, daß der „König der Balagules" fehle — Josche-Berl... Und mehr als alle anderen empfanden es die jüngeren Leute, die frischen Ehemänner, die eben erst einen Hausstand begründet hatten, die jungen Kaufleute, die sich in Josche-Berls Wagen heimischer, gemütlicher fühlten... da er sich oft mit ihnen unterhielt, Witze machte, Anekdoten erzählte, eine Zigarette erbat... „Was ist los mit dir, warum so traurig?" fragte ihn einmal Mottel, der Lez, der Ortsnarr und Späßemacher, des Schnittwarenhändlers Eidam, als Josche- Berl einmal hängenden. Kop/es an oto vorüberging,.j Josche-Berl hob den Kopf, in seinem Innern war etwas zersprungen: dieser da, sein ständiger, bester Gast... Er lächelte schwermütig und gab seufzend zur Antwort: „Wie soll ich heiter sein? Soll ich tanzen, wenn ich schlinkschlank über die Gasse gehen muß?" „Ach was, Reb Josche-Berl, 's wird gut werden!" Josche-Berl winkte mit einer Gebärde ab: „Was können mir schon Trostworte helfen! Damit kann ich meine Familie nicht satt machen." „Entschuldige, du hast nicht recht verstanden, was man zu dir gesprochen hat", erwiderte Mottel mit seiner ewig lächelnden Miene. „Man sagt dir doch: es wird schon alles gut werden! Erstens, nimm ein Papiros und zweitens, komm!" Und er nahm Josche- Berl unterm Arm und ging mit ihm über die Gasse. „Hör', Reb Josche-Berl", entwickelte ihm Mottel der Lez einen ganzen Plan, „wenn zum Beispiel so an die fünfzehn, zwanzig deiner ständigen Passagiere — sagen wir —, ich, der, jener — dir einige Rubel leihen, kannst du dir unter den heutigen Verhältnissen ein Pferd kaufen?" „Was heißt? Wie?" „Ich meine einfach, leihen zu zehn, zu zwanzig Rubel pro Person, und jeder fährt sein Geld ab. Wir sind doch Leute, die was vom Geschäft versteh'n. Oder nicht?" Josche-Berl ließ den Kopf hängen. Er fühlte, wie von einem Auge eine schwere dicke Träne zu kollern begann... „Was sagst du, ist das ein Plan?" fragte Mottel der Lez weiter. „Aber... kann... kann das möglich sein?" stammelte Josche-Berl. In seinem Auge begann ein neuer Hoffnungsschimmer zu leuchten, und sonderlich gerührt und dankbar blickte er Mottel an. „Nicht verzagen, Reb Josche-Berl", wiederholte Mottel beim Abschied, „du wirst sehen: es wird gut werden." Am gleichen Tag noch lief der Lez zu diesem und jenem, vornehmlich zu Josche-Berls „Chassidim", Stammkunden, die sich zu den maßgebenden Persönlichkeiten des Städteis zählen. Man berief eine heimische „Generalversammlung" ein und beriet über den Gegenstand. Am Tisch obenan saß Mottel der Lez, zu seiner Rechten Sissel, „der weiberische Chossid", und noch ein paar junge Leute, zum Teil mit Zwickern auf der Nase und rasierten Gesichtern junge Leute, die erst nach ihrer Verheiratung so etwas wie einen Hausstand führten und sich um Ortsangelegenheiten kümmerten. Man legte die Stirn in Falten und überlegte. Es gab doch im Städtel eine Menge anderer Sorgen:' Hunger, Not, Kranke ohne Heilmittel und noch vieles mehr; darüber hatte es schon vielfach Beratungen gegeben; all das war schon bekannt, man hatte sich schon daran gewöhnt, aber an den Gedanken, daß Josche-Berl ohne Pferd herumgehen solle — an diesen Gedanken konnte man sie irgendwie nicht gewöhnen... Die „Resolution" wurde kurzerhand angenomme und schon waren vielfarbige „Papierchen" auf dem Tisch zu sehen und zogen bis zum nächsten Tag noch weitere „Papierchen" an. Der Plan hatte allgemein zugesagt und niemand schloß sich aus. Die nächste Woche gab es an einem Frühmorgen bei Josche-Berl, dem Balagule, einen ganzen „Ball". Auf dem Tisch stand eine Flasche Branntwein, mit gerösteten Schnitten Schwarzbrot als „Zubeiß". Ringsum saßen: ein Pferdehändler, zwei, drei Makler, Mottel. der Lez, Sissel. „der weiberische Chassid" und noch ein paar junge Leute; außerdem — der „Mechuten" Josche-Berl selbst, die „Macheteneste" und das ganze Rudel Kinder. Jeder hatte sich sein „Kiddusch"- Glasel" eingegossen und das Glück- und Segenwünschen nahm kein Ende. „Gott soll geben, Sie sollen Freude an ihm erleben", sagte der Verkäufer. „Soll sein mit Glück", fuhren die Mäkler fort. „In glückbringender Stunde", begleitete die „Macheteneste" die Worte. „Wer nicht eng dazugehört, soll Geld für Schnaps geben." Mottel ließ sich nicht bitten, stellte sich respektvoll hin und hielt einen ganzen „Toast". Er schloß, das Gläschen., feierlich hebend: „Ich trink' auf die Gesundheit des Pferdes!" „Gott soll geben, amen", setzte der „Mechuten" fort, „Gott soll geben, ich soll keinen Aerger mit ihm haben!" Und gleich nach dem „Bali" ging Josche-Berl irgendwohin, versetzte ein Bettkissen und brachte dem Pferde ein Pud Hafer. „Da, friß, Fohlenliebling meiner, wohl bekomm's! Keine Sorge, wirst dir schon deins verdienen!;(Schluß in der nächsten Freitagnmamer,)] { Vorfragsabend losef Kamen Unter dem Titel „Theator ohne Schminke" vew anstaltet Josef Kamen Dienstag, den 5. Jänner, um 8 Uhr abend* im Offenbach-Saal (IV., Trcitlstraße 3) einen Kczitationsabend, auf dem er die Glanzstücke seines Repertoires bringen wird. Dramatische Szenen (Sänger seiner Trauer, Der Golem, Kidusch Haschern) und humoristische' sowie lyrisch-groteske Foema (Scholem Alechem, Ferez, Nadiv) werden in der J. Kamen gemäßen Meisterschaft zu hören sein. — Karten: Jüdische Kultur* stelle, M. Bath, Herschkowicz (I., Flcischmarkt 28). Jlewte Uv den Jü<U&cUe*t JttitostöecsfUd&t Meiseis „Chassene im Städtel" Diesmal ist. in der Revue der „Jüdischen Künstlerspiele" der Nachdruck auf das Städtel gelegt, also auf alles, was der Golus mit diesem Begriff verbindet. Dia nationale Note ist darin eingeschlossen. In zwölf Bildern rollt das Leben der jüdischen Kleinstadt dea Ostens ab, wie nicht anders möglich: mit all den heiteren und schwermütigen Dingen, die der Westen so sehr liebt. Wer die jiddischen Dichter kennt, dem sind all die bunten Figuren, Stimmungen, Kuriositäten, Konflikte nahe, A. Meiseis schüttelt dergleichen aus dem Handgelenk;; ihm gelingt es, den Zauber ostjüdischen Lebens in ei« paar Szenen und Liedern auszubreiten. Diesmal fand er, in M. Lubetzky nicht nur einen guten musikalischen! Leiter, sondern auch einfallsreichen Komponisten, dent einige Soli, Couplets und Quartette überaus gelangen. Von den Gästen hat Davis Seidermann eine große Gesangsrolle, die er mit seinem schönen Bariton leicht bewältigt. Chana Lerner, Lore Glücksmann und Sissl Gorlitzka stellte originelle Frauentypen auf die Beine. A. Bell brachte die Figur des Rebben zu plastischer Wirkung, ebenso Wolf Reinglas seinen Badchen. Den; großen Heiterkeitserfolg hatte Dolly Nachbar, dessen Komikertalent die drolligsten Einfälle hervorzaubert und der diesmal als galizianischer Wiener (ein Wunderkind!)! vom ganzen Haus bejubelt ward. — Meiseis' Revue bringt jedem etwas, aber jedem restlose Unterhaltung. Id, Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) England: Wie es euch gefällt. —Rembrandt. Amerika: Der König der Frauen — Ehe ohne Hochzeit — Lustig ist das Zigeunerleben — Skandal in. der Oper — Das Dreieck — San Francisco — Dodsworth. — Shirley ahoi — Ein amerikanisches Duell — Anthony Advers — Der Garten Allahs — Menschenjagd. Filme unter Arierparagraph Seine Tochter Ist der Peter — Seine offizielle Frau — Mädchen in Weiß —- Standschütze Bruggler — Glückskinder (Ufa) —- Fahr'n ma, Euer Gnaden — Das Mädchen Irene — Blumen aus Nizza — Kontuschowka — Annemarie — Wo die Lerche singt — Romanze — Du kannst nicht treu sein — Lumpazivagabundus — Unter heißem Himmel — Wenn wir alle Engel wären — Der Bettelstudent — Eine Frau ohne Bedeutung — Der lachende Dritte — Burgtheater. //Mensdienjagd" im Kreuz-Kino Das Kreuz-Kino eröffnet das neue Jahr mit einem Kriminalfilm der Metro, welcher den Titel „Menschenjagd" führt und den Kampf der amerikanischen Polizei gegen die Kindesräuber zum Gegenstand hat. Der Film, dessen Hauptrolle von Joseph Calleia dargestellt wird, schildert aber auch den Kleinkrieg, welchen die Banditen untereinander führen, besonders dann, wenn sioi sich um ihren Anteil an der Beute betrogen glauben. In den weiteren Rollen des Films sind Jackie Cooper, Jean Hersholt und Harvey Stephens beschäftigt. KINO'PROGRAMME KREUZ-KINO I, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstellungen: k, Vh6, Vs8, 'A10 HenscheM Joseph Calleia STAFA, VII Mari ahilf erstraße 120 Telephon B-33-0-68 Wochentags: 8, 7, 9 Uhr inilEitlli's Marlene Dietrich VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 beginn; k, >A6, V»9, VilO fen «ms Marlene Dietrich