Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 619 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 619 vom 31. Dezember 1936 DIE NEUE WELT Seite 3 Warnung zur rechten Zeit Von Meir Großmann tocdmsfUegel Definition des Hakenkreuzes „Mit dem Geld eines unterdrückten Volkes können tyrannische Regierungen sich immer den Anschein geben — und uns die Illusion verschaffen — als herrsche Zivilisation. Lebensverfeinerung, Ordnung. Ich gehe nicht auf den Leim." Der frz. Dichter Georges Duhamel 1936. Ernste Warnung „Ueber sechs Monate lang haben wir uns gegen den arabischen Terror und gegen die Gewalttätigkeit xoilder Horden verteidigt. Wir haben vor dem Morgen keine Angst. Sollte es uns aber nochmals bestimmt sein, uns vor Taten der Zerstörung und Vernichtung zu schützen, so werden wir uns nicht mit bloßer Abwehr begnügen. Wir werden die Kriegserklärung annehmen." „Dawar" Dezember 1936. Forderung t Oroßxionismus »Qualvoll wird es für uns sein, wenn wir auf das Ideal der jüdischen Herrschaft im eigenen Lande ohne jeden Druck und Beschränkung gegenüber den arabischen Einwohnern verzichten. Die kommenden Generationen werden uns dieses Verbrechen nicht verzeihen... Daß ganze Teile vom Zionismus abfallen und viele unserer Jugendlichen zum Kommunismus übergehen, findet seine Begründung darin, daß das Praktische im Zionismus das Ideologische verschlungen hat. Heißblütige Jugendliche können sich mit bloßer „praktischer Arbeit" nicht begnügen. Was bleibt für das junge und heiße Herz? Soll denn schon die Perspektive auf eine arabisch-jüdische Herrschaft unter englischer Entscheidung unsere Herzen entzünden und uns zu großen Opfern entfachen? Soll denn das schon ein Ersatz für unsere messianische Sendung im Land unserer Väter sein?" Prof. Josef Klausner (Jerusalem 1936). Sabba* j,Der Sabbat ist das Fest der Schöpfung, aber einer Schöpfung, die um der Erlösung willen geschah. Er ist offenbart am Ende der Schöpfung und als der Schöpfung Sinn und Ziel. Deswegen feiern wir das Fest des uranfänglichen Werks nicht am ersten Schöpfungstag, sondern an ihrem jüngsten — am siebenten Tag." Aus Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung". Was nodi immer mögBida ist „Das ,israelitische Gemeindeblatt' in Mannheim vermerkt die Namen von zwei Familien mit insgesamt acht Personen, die aus der israelitischen Gemeinde in Schwetzingen ausgetreten sind." Die „Jüdische Rundschau" (Berlin 1936). Eine schamlose Zumutung „Es ist nicht zu leugnen, daß es eine illegale arabische Einwanderung nach Palästina gibt. Aber es ist wirklich nicht möglich, sie mit der illegalen jüdischen Einwanderung zu vergleichen. Es gibt nur wenige Juden illegal in Palästina,, von deren Existenz die Jewish Agency nichts weiß. Sicher hat die Agency, wie auch Herr Shertok ausgeführt hat, keine Machtbefugnisse; aber wenn sie nur den Behörden die ihr zugehenden Informationen weiterleiten würde, wäre das Problemviel leichter zu behandeln. Wie die Dinge heute liegen, ist sie ein wenig wie ein ,Staat im Staate' in bezug auf die illegalen jüdischen Einwanderer." „Great Britain and the East" (Dez. 1936). Jüdisches JtuUudUealec Scholem Alechems „Schwer zu sein ein Jud" Auf der Suche nach „Repertoire" stieß das Jüdische Kulturtheater auf Scholem Alechem, der der Bühne mehr gibt, als handfeste Dramatiker es vermögen: nämlich die ostjüdische Welt, den ganzen Golus — mit seinem Jammer, seinem Lachen, seiner Träne, seiner Skurilität. Es geht nur darum, ihn ins Mitteleuropäische zu transponieren; ihn so zu verpflanzen, daß der Duft des blütenbeladenen Bäumchens nicht verlorengeht. Das jiddische Theater — wenn man von den schwierigen Versuchen gewisser ausgezeichneter Schriftsteller absieht — ist im Monolog des Juden mit seinem Schicksal steckengeblieben. Darum kann ihm, beispielsweise für den deutschen Sprach- und Kulüurbereich, nur der Dramaturg helfen. . . . Scholem Alechems Tragikomödie „Schwer zu sein ein Jud" hat als Theaterstück schon eine Tradition. Die Wilnaer, Morris iSchwarz u. a. haben sie sich zu eigen gemacht. Sjomkale und Katzale zum Beispiel gehören „zum eisernen Bestand" der beliebten Episodenrollen. Jeder jüdische Theaterbesucher kennt sie und leckt sich die Lippen und manchmal sogar die Finger, wenn er vor einer neuen Besetzung steht. „Man wird doch sehen" und macht sein Urteil nicht vom Ganzen, sondern von der Darstellung seiner Lieblingsfiguren abhängig. Jacob Rosenthal, dem die Uebersetzung des Stückes anvertraut war, folgte getreu dem Scholem- Alechem-Text, pirschte sich bis an die Grenze des Möglichen heran, fast bis dorthin, wo das Dichterieche beginnt. Er ließ die Dialektik Scholem Alechems Das Land ist wieder voll von Gerüchten über die Absicht der Araber, den Angriff gegen den Jischuw wieder aufzunehmen. Man sagt, daß das „Höchste Arabische Komitee" mit einem frischen Ausbruch des „Volkszornes" (wem?!) droht. Vielleicht sind diese Meldungen ein wenig übertrieben. Aber es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, sich nicht ernst mit ihnen zu befassen. Besonders die letzten Tage haben genug Beweise dafür geliefert, daß im arabischen Lager wirklich etwas vorbereitet wird. Es ist möglich, daß die Ueberfälle bloß zufällige Episoden sind; es ist aber nicht ausgeschlossen, daß es sich darum handelt, das Land in Unruhe zu versetzen oder gar die Kgl. Kommission zu beeinflussen. Die Araber haben das Spiel des politischen Bluffs gut gelernt. Der „Terror durch Angst" gehört zu ihren beliebtesten Mitteln. Auf den Straßen und in den Schlupfwinkeln operieren vielleicht einfache Berufsbanditen, die nicht unter der Aufsicht der arabischen Führer stehen. Aber diese nützen die Taten jener nichtsdestoweniger für ihre politischen Zwecke aus. Wer auch immer hinter den Drohungen stecken mag, welchen Charakter auch immer die letzten Ueberfälle zu tragen vermögen — der Jischuw muß sie als ernste Mahnung zum Bereitstehen auffassen. Die Bereitschaft muß sowohl technisch wie psychologisch sein; diese ist genau so wichtig wie jene. Man ist berechtigt, anzunehmen, daß die Regierung, jedenfalls die höheren militärischen Instanzen über die arabischen Vorbereitungen und Absichten gut informiert sind. Diesmal wird niemand, wenn sich die Gerüchte in konkrete Tatsachen verdichten, sagen können, daß die Ereignisse überraschend gekommen sind. Die Zivilbehörde wird nicht die Ausrede haben, daß sie nicht in der Lage sei, den plötzlich ausgebrochenen „Volkszorn" der Banditen in Schranken zu halten. Auch sind die Topographie des Landes, die Sitten und Sprachen des Landes dem englischen Militär nicht mehr so fremd wie vor sechs Monaten. Es ist notwendig, daß die Tatsachen, die der Regierung sowie uns bekannt sind, nicht im Leeren schweben, sondern registriert werden. Nur nicht wiederum „Ueberraschungen" und „Mangel an militärischen Kräften". Jüdischerseits fordert man rasches Eingreifen. Zunächst besteht es in der Anfrage an die Regierung, was sie zu tun im Begriffe sei, um die Wiederholung der letzten Ereignisse zu verhindern, und welche Mittel sie ergreifen werde, um rechtzeitig jeden Versuch der Wiedereinführung von Mord und Terror zu ersticken. Die jüdische Anfrage wird vielleicht unfreundlich aufgenommen werden. Man kann sie sogar als „taktlos" ansehen. Die Unruhe des Jischuws aber ist aufleben, machte flotte Dialoge, sein Konversationston ist philologisch einwandfrei. Allerdings ist mit Philologie Scholem Alechem nicht beizukommen. Der Uebersetzer und Bearbeiter hatte ein Ueberstzungsprinzip: verdeutschen, verdeutschen, den jiddischen Text vergessen machen; so tun, als hätte iScholem Alechem deutsch geschrieben. Dort, wo es im Stück Allgemeines gibt, ging es. Wo die Scholem Alechemsche Form-, Gesten-, Melodie-, Wortwitzwelt wirksam wird, versagen Uebersetzungskünste. (Das gilt für a 11 e Uebersetzungen aus dem Jiddischen; denn Jiddisch ist nicht bloß eine Sprache, sondern ein Volksschicksal.) Um dem Geist — auch dem sprachlichen — der Scholem-Alechem-Dichtung nahezukommen, müßte man eine dem Mittelhochdeutsch nahe Diktion schaffen, ein antiquiertes Deutsch, in dem noch die Ursprünglichkeit des Jüdisch-Deutsch steckt. Dadurch würde man der Gefahr entgehen, jeden Schauspieler so sprechen zu lassen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Man hörte nämlich im Jüdischen Kulturtheater: Hochdeutsch, Jiddisch-Deutsch, Daitsch-Mährisch, Jiddisch, Berlinerisch, Gemauschel. Diese Jargonarten verleiteten einzelne Schauspieler dazu, statt Juden zu spielen, Juden nachzumachen: ein fatale Geschichte. Der Regisseur E. Jubal, dem öfters eine Fehlbesetzung und ein Zertrümmern von Aktschlußwirkungen gelingt, war um das bemüht, was hierzulande in der Theatersprache „Atmosphäre" heißt. Der spröde Stoff glitt ihm aus den Händen. Er war scheinbar nur mit der schablonenmäßigen Routine, aber ohne Besessenheit dabei: Wozu noch kam, daß der Uebersetzer und Bearbeiter ihn im entscheidenden Augenblick freie Hand ließ: nämlich dort, wo die Komödie ins T r a g i s c h e umbiegt. so sehr in der nahen Vergangenheit begründet, daß man vor solchen Unannehmlichkeiten keine Angst haben darf. Der Jischuw hat das Anrecht darauf, im vorhinein zu wissen, ob die Regierung gewillt ist, die Tätigkeit des Mufti, des Arabischen Obersten Kölnu« ausländische Hausbesitzer verwalten ihre ] WIENER HÄUSER durch behördlich konz. Realitätenkanzlei 1 Dr. MAIR PAIS H Wien I, Franz.Joscfg. Kai 1, Tel. R-21-5-30 H Erstklassige Referenzen! aiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii mitees, der Dutzende Boykottkomitees in Stadt und Land zu dulden. Wird man der arabischen Presse wiederum erlauben, frank und frei die Bevölkerung zu neuen Unruhen aufzuhetzen und die zahllosen Verleumdungen zu verbreiten? Die arabische Bevölkerung ist nicht entwaffnet. Es ist schwer zu glauben, daß die nötige „Reinigung" schwer durchzuführen sei. Palästina ist nicht das erste Land, wo man der Bevölkerung die Waffen abgenommen hat. Es ist falsch, hier gleich von „Parität" zu reden, d. h. auch dem jüdischen Kolonisten und Wächter, der sich gegen die Banditen schützt, sein Gewehr abzunehmen. Solch eine „billige" Gleichheit existiert nur im Heiligen Land. Ormsby-Gores Parlamentserklärungen dieser Art sind nur der Ausfluß von Unaufrichtigkeit. Die Regierung kennt genau den Unterschied zwischen „Angriff" und „Verteidigung". Mit diesen Begriffen hat die englische Politik jahrelang in Genf operiert. * Die arabischen Vorbereitungen notieren, ist bloß der erste Schritt in der Reihe der Schutzmittel, welche der Jischuw anwenden muß. Man darf sich nicht auf Zusagen und Zufälle verlassen. Schon jetzt muß man die Unterdrückung aller ungesetzlichen Körperschaften verlangen, welche ihre blutige Hetze offen fortsetzen. Es genügt, ein Interview zu lesen, das die Frau eines arabischen Advokaten in Jerusalem einer englischen Zeitung gegeben hat, worin offen die Tötung von Juden angesagt wird, um zu begreifen, wie grenzenlos die arabische Dreistigkeit geworden ist. Man spricht auch ununterbrochen von gewissen Schritten der arabischen Nachbarländer. Die Mandatsmacht muß gefragt werden, wie lange sie gewillt ist, „Schwer zu sein ein Jud!" hat einen bezeichnenden Untertitel. Der lautet: Ein blutiger Spaß! Im Augenblick, wo die Polizei ins Haus kommt, um nach dem Studenten Schneursohn (nicht: Schneier-, söhn) zu fahnden, hört sich die Gemütlichkeit auf. Der Spaß wird blutig. David Schapira stellt seinen Mann. Ihm imponiert der Polizeikommissär nicht. Der kleine, schwache, schusslige Börsenmakler reckt sich, wird stark, unangreifbar, unzerstörbar, ein Tewje der Großstadt. „Nu", wendet er sich an den Generalssohn Iwanow, „schwer zu sein ein Jud'? Gehen Sie hin, mein junger Freund, und erzählen Sie, was Sie bei uns gesehen haben . . ." Und der z w e it e Schluß: Sjomkale beginnt nochmals die Fragen des Sederabends zu stellen, abbrechend mit dem Wort: „Ma?" Warum? Warum uns Juden das? . . . Jacob Rosenthal weiß um dieses Geheimnis. Er war scheinbar nicht stark genug, es realisieren zu lassen. Das Mauscheln von Alice Koch und Rudolf Weiß ist nicht sehr erfreulich. Die Studenten Orlan und Links sind die Opfer der bereits erwähnten B'ehlbesetzung. Angenehm, natürlich (die Rolle spielt sich allerdings von selbst), das Judenmädel Betty der Eva Schärf. i: Am Schluß meiner Betrachtung merke ich, daß sie wie Nörgelei aussieht. Aber nur aussieht. So wollte ich beispielsweise von der Fehlbesetzung sagen: Eine naturblonde Schwalbe macht noch keinen — russischen Sommer . . . Und doch fühle ich Liebe für alle, die hier mittun, mitleiden, mitschaffen. Ein blasser Scholem Alechem ist immerhin tausendmal besser als etwa ein geglückter „—". (Name nach Belieben einzusetzen.) P. r, Cafe Ein erfolgreiches Jahr 1937 wünscht seinen P. T. Gästen Johann Strauß Zu Silvester ungestörter Kaffeehausbetrleb. — Die ganze Nacht geöffnet. — im Klublokal Radioübertragung der Silvesterfeier der „Ravag" aus dem Konzerthaus. I