Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 619 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 619 vom 31. Dezember 1936., An Interessenten wird DIE NEUE WELT probeweise einen Monat lang gratis versendet. Bekanntgabe von Adressen an die Adm. d. BI. in dem Dreieck Nablus—Tulkarem—Jenin wird befestigt. Truppetibaracken werden an verschiedenen Stellen des Gebirges errichtet. Am Sonntag sind starke Patrouillen zur Sicherung des Verkehrs auf die großen Landstraßen geschickt worden. * Der Vorsitzende der Kgl. Kommission, Lord Peel, wäre am Sonnabend beinahe das Opfer eines arabischen Bandenüberfalls geworden. Lord Peel hatte sich im Auto von Jerusalem nach Jericho begeben. Auf derselben Straße wurde eine halbe Stunde später eine Kolonne von fünf Autos durch eine arabische. Bande angehalten, die die Straße verbarrikadiert hatte. Sämtliche Passagiere wurden ausgeraubt. Ein arabischer Chauffeur wurde verwundet. Zwei Engländern, M a s o n und F r e e m a n, wurden die Waffen fortgenommen. Bisher ist es nicht gelungen, der Täter habhaft zu werden. Eine Warnung1 Die Londoner Zeitung „Daily Mir ro r" veröffentlicht ein Interview mit dem früheren Chef der Kriminalpolizei Palästinas und der Polizei von Tel-Aviv, J. F. Broadhurst, in dem dieser davor warnt, Palästina militärisch zu entblößen. Die arabischen Führer, so erklärt Broadhurst, warten nur auf den Tag, an dem die letzten Reservisten das Land verlassen haben werden. Dann werde ein Guerillakrieg größeren Umfang s als jemals zuvor ausbrechen, der sich auch gegen die britischen Regierungsbeamten richten werde. Broadhurst weist auf seine über dreißigjährige Erfahrung in Palästina hin. Von allen Seiten fürchte man eine Erneuerung der Unruhen in verschärfter Form. Mit der Einschränkung der jüdischen Einwanderung geben sich die Araber nicht zufrieden, sondern verlangen ihre völlige Einstellung. Seitdem Woche für Woche hunderte Reservisten aus Palästina abberufen werden, nehmen die Raubüberfälle und Angriffe von Tag zu Tag überhand. Zum Schluß erklärt Broadhurst, es werde zur Auf-' rechterhaltung des Friedens in Palästina stets notwendig sein, größere Truppenmengen in Bereitschaft zu halten. Sonst würde wieder eine Lage entstehen wie im Jahre 1929, da das Land von Truppen entblößt wurde. Als dann der Aufruhr ausbrach, mußten Verstärkungen aus Aegypten herangeholt werden. Zu solchen Zuständen darf man es nicht wieder kommen lassen. Irak uninteressiert Aus Bagdad wird gemeldet: Die irakische Regierung ist nicht geneigt, sich an der vom Arabischen-Obersten Komitee in Palästina organisierten Konferenz zu beteiligen. Die Regierung hat keine Lust, noch weitere Summen zugunsten der Palästina-Araber auszugeben, nachdem sie bereits beträchtliche Beträge im Zusammenhang mit den Unruhen hat zahlen müssen;- ferner ist sie mit den internen/Angelegenheiten Iraks zu sehr beschäftigt, um sich aktiv für Palästina-Probleme zu interessieren. (Palcor.) Das jüdische Pulver verschossen - ♦ ♦ Aus Jerusalem: Die Königliche Kommission hat einen Erlaß herausgegeben, in welchem erklärt wird, daß die Vernehmungen vor der Kommission in Kürze abgeschlossen sein werden. Organisationen und Einzelpersonen, die noch Aussagen zu machen wünschen, mögen sich so bald wie möglich melden. Der Erlaß wird allgemein als eine letzte Mahnung an die A r a b e r, den Boykott der Kommission einzustellen, aufgefaßt. * In einem Artikel der arabischen Tageszeitung „Falastin" wird mitgeteilt, daß die arabischen Herrscher dem Obersten Arabischen Ausschuß zu verstehen gegeben haben, daß, wenn die Araber im Boykott verharren, die Herrscher nicht mehr die Möglichkeit haben werden, einen diplomatischen Meinungsaustausch mit der britischen Regierung, betreffend die palästinensischen Araber, zu pflegen. Die Redaktion des „Falastin" gibt ihrer Meinung dahin Ausdruck, daß die Araber, wenn sie jetzt vor der Kommission erscheinen, mehr gewinnen als verlieren werden, besonders da die Juden nunmehr ihre Aussagen beendet und vermutlich ihr ganzes Pulver verschossen haben. 938 jüdische Einwanderer im November Aus Jerusalem: Offiziell wird mitgeteilt, daß im Verlauf des November 93 8 Juden, unter ihnen 138 mit einem Mindestkapital von je J000 Pfund, nach Palästina gekommen sind. Gegenüber der Einwanderung im November 1935 bedeutet da* ein Minus von 3562 Einwanderern. Die Regierung teilt offiziell mit, daß im Jahre 1937 nicht mehr als 30 neue Lizenzen für A e r z t e ausgegeben werden wurden. Meir GroSmann darf nidit aussagen! Der Führer der Juden9taatler mundtot gemächt Die Jüdische Telegraphen-Agentur (J. T. A.) meldet unter dem 29. d. M. aus Jerusalem: Die Zionistische Exekutive hat dem Führer der Judenstaats parte! Meir Großmann mitgeteilt, daß sie ihm nicht erlauben kann, vor der Königlichen Kommission zu erscheinen und im.Namen seiner Partei Bekundungen zu machen. In der Begründung dieses Verbots führte die Exekutive aus, die Judenstaatspartei bilde einen integrierenden Bestandteil der Zionistischen Organisation und müsse sich der Disziplin der Z. O. unterwerfen. Ein Bruch der Disziplin müsse den Ausschluß aus der Z. 0. «ur Folge haben. Meir Großmann hat sich der Forderung der Exekutive unterworfen und wird vor der Kommission nicht erscheinen. Es verlautet, daß der sephardische Landesrabbiner Palästinas Jacob Meir und der aschkenasische Landesrabbiner Amiel sowie Rabbiner Uziel gemäß dem Wunsch der Exekutive nicht vor der Königlichen Kommission erscheinen werden. Die Nachricht ist so knapp vor Blattschluß eingelangt, daß eine Nachfrage in Palästina unmöglich war und der J. T, A. die Verantwortung für diese Meldung überlassen bleiben muß. Umioit itkstem - Smtnem^ Die „Agudla" vor der Könaglidien Koiiimi§§ioii Aus Jerusalem: Als Vertreter der Aguda Jisrael (Trennungs-Orthodoxie) , sind Oberrabbiner Josef Duschinsky, Rabbi Mosche Blau, Dr. Isaac Breuer und Herr S c h e i n vor der Kgl. Kommission erschienen. Oberrabbiner Duschinsky betonte, daß die göttlichen Gebote außerhalb Palästinas nicht in vollem Umfang erfüllt werden könnten. Das Heilige Land müsse zur Thora hinzutreten. Es sei den Juden durch religiöse Vorschrift befohlen; das Land nicht mit Gewalt in Besitz zu nehmen und niemanden zu beherrschen. Im Namen desjenigen Teiles des jüdischen Volkes, der an den Vorschriften der Thora festhält, verlangte Oberrabbiner Duschinsky, daß keine Beschränkung der Einwanderung und des Bodenverkaufs vorgenommen werde. Die Kgl. Kommission möge die Notwendigkeit der Ver-, wirklichung der Mandatsbestimmungen in Erwägung ziehen. Israel erwartet von der Kgl. Kommission eine befriedigende Lösung. Der Vorsitzende der Kommission, Lord Peel, richtete an Rabbi Duschinsky die Frage, ob sich seine Forderung nach Aufrechterhaltung der Einwanderung bloß auf religiöse oder auf alle Juden beziehe. » Rabbi Duschinsky:/Wir machen hiebei keine Unterscheidung. Lord Peel: Berücksichtigen Sie nicht einmal den Grundsatz der Aufnahmefähigkeit? | Rabbi Duschinsky: Wir verlangen Einwanderung gemäß den Bestimmungen des Mandats. j Lord Peel: Welche tatsächlichen Forderungen erheben Sie? Als solche Forderungen der ,,Aguda" bezeichnete Rabbi Blau die nach Zuerkennung des Besteuqrungsrechtes, gleicher Rechte bei der Besetzung der rabbinischen Gerichte und Gewährung von Beihilfen für, die Erziehungsarbeit. Lord Peel: Für welchen Teil der jüdischen Be-: völkerung sprechen Sie? Rabbi B1 a ü: Für ein F ü n f t e 1. Lord Peel: Gibt es eine Gewähr dafür, daß, falls Ihre Forderungen erfüllt werden, niemand mit w e i t e r e n kommen Wird? Rabbi Blau: Wir können hierfür keine Verantwortung übernehmen. Es muß Forderungen geben, die auf ideologischen Unterschieden basieren. Der Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) z. B. legt seinen Forderungen nationale Motive zugrunde, die „Aguda" jedoch den ihrigen die Thora. Lord Peel: Werden Einwände dagegen erhoben werden, daß eine einheitliche Körperschaft die Forderungen für alle Teile der jüdischen Gemeinschaft formuliert? Rabbi Blau: Wir haben eine solche einheitliche Körperschaft vorgeschlagen, unser Vorschlag aber wurde nicht angenommen. Sir Horace Rumbold: Es ist uns zur Kenntnis gebracht worden, daß Verhandlungenmitdem Waad Leumi über ein Zusammengehen stattgefunden haben. Rabbi Blau: Wir betrachten diese Verhandlungen als gessheitört. Sir Horace R u m b o 1 d: Wegen der Frage des WahlrechtsfürFrauen? Rabbi Blau: Dies war bloß e i n Moment neben anderen. Sir Horace R u m b o 1 d: Sind Sie gegen Stimmrecht für Frauen? Rabbi Blau: Jawohl. Sir Horace Rumboid: Sie verlangen einen An* teil an der Arbeit an den Bahnen und bei der Post. Wie ist es mit der Einhaltung des Sabbats? Rabbi Blau: Das läßt sich regeln. Sir Horace Rumbold: Es ist für eine Regierung schwer, ein solches System zu handhaben. Rabbi Blau: Aber das Mandat sieht Glaubensfreiheit vor. Lord Peel: Wie is,t es mit dem Sonntag? Ist er von zweitrangiger Bedeutung? Rabbi Blau: Nein. Dr. Isaac Breuer bemerkte hierzu, daß die nichtjüdischen Beamten an ihren Feiertagen von Juden vertreten werden könnten. Sir Horace Rumbold: Das würde doppeltes Personal bedeuten. Dr. Breuer gab zu, daß das Problem der Einhaltung des Sabbat seine Schwierigkeiten habe, meinte jedoch, daß alle diese Schwierigkeiten sich bei gutem Willen überwinden ließen. Sir Laurie Hammond: Geben Sie zu, daß i 11 e g a 1 e Einwanderer in großer Zahl in das Land gekommen sind? Rabbi Blau antwortete, der Aguda sei dies bekannt. Doch würden die agudistischen Vertreter es vorziehen, sich über diese Frage in geschlossener Sitzung zu äußern. Sir Laurie Hammond: Haben Sie Kenntnis davon, daß die Zahl der Scheinehen mit nachfolgender Scheidung 41 Prozent allei jüdischen Ehen und Scheidungen im Lande erreicht hat? Rabbi Blau erwiderte, er wisse hiervon. Die Aguda mache alle Anstrengungen^ um dieser Gepflogenheit ein Ende zu machen. Als nächstes Problem wurde das der Erziehung erörtert, wobei man sich besonders mit der Erklärung der Aguda befaßte, daß es ihr unmöglich sei, ihre Erziehungsarbeit, ,g,em ein s am mit den Zionisten durchzuführen. Diese Unmöglichkeit begründete Dr. Breuer damit, daß die Aguda gegen den. Zionismus sei, weil er sich auf w e l .t 1 i c h e n I d e e n aufbaue und weil, der Zionismus, nicht dem Grundsatz zustimme, daß die Vorschriften der Thora ih' vollem Umfang beachtet werden müssen. / ' - > Dr. B r e u e r und Herr S c h e i n^erhoben sodann, die Forderung, daß die Regierung den Juden im allgemeinen mehr Arbeit zuteile und daß im besonderen die Mitglieder der Aguda Jisrael stärker zu öffentlichen Arbeiten herangezogen werden. Schließlich forderten die agudistischen Vertreter Zuteilung von Boden für die Siedler der Aguda, die, wie sie behaupteten, von zionistischer Seite keinen Boden erhielten. > Die weitere Einvernahme erfolgte in nichtöffentlicher Sitzung. . * Prof. Rumbold fragte am Schluß der Aussage, was die' Aguda am SChulWerk des Misrachi .auszusetzen habe. Dr. Breuer erklärte, daß die Aguda gegen den Misrachi sei,, weil dieser der Zionistischen Organisation angehöre und die Aguda eine prinzipielle Gegnerin de3 Zionismus sei. Die Vorgänge in Tripolis Aus London .(J.T.A.): Zu den Vorgängen in Tripolis wird der englischen Press von ihrem römischen Korrespondenten mitgeteilt: Die Verhaftung einer Anzahl und die Auspeitschung zweier Juden seien als eine isolierte Episode anzusehen; es sind daraus keine Schlüsse auf eine neue Politik gegenüber den jüdischen Gemeinden in Italiens Afrikakolonien zu ziehen. Der Korrespondent des „Daily Telegraph'' schreibt, das Dekret, betreffend Offenhaltuhg der 'jüdischen Geschäfte am Sabat, bezog sich nur auf das europäische Viertel in Tripolis, während in den jüdischen Vierteln die jüdischen Geschäfte an allen jüdischen Feiertagen geschlossen und dafür am Sonntag geöffnet sein dürfen. Die autoritative italienische Version der Episode ist, daß die Bestrafung der Juden erfolgen mußte, weil sie eine Agitation gegen die lokalen Behörden betrieben haben. Der römische Korrespondent der „Times" meldet, daß durch den Widerstand gegen das Dekret von jüdischer Seite und Ausrufung eines Pasttages durch den Oberrabbiner die Bestrafungen laut denv bestehenden Gesetz geboten waren. Bs wird behauptet, daß „pur" zwei Juden je zehn Peitschenhiebe auf einem Öffentlichen Platz erhielten und eine Anzahl jüdischer Kaufleute verhaftet wurde. Erschlagen! Aus Warschau: Auf der Heimfahrt vom Wochenmarkt in Kolno (Kreis Lomza) ist der jüdische Mar'. ihändler Chaim Antmann bei dem Dorf Gromadzyii von einer Horde junger Leute überfallen und so lange geschlagen worden, bis er bewußtlos liegenblieb. Er Wurdtf nach Kolno gebracht, wo er nach zwei Stunden an den. Folgen der Mißhandlungen verschieü