Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 618 (24.12.1936)
- Date
- 1936-12-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 618 vom 24. Dezember 1936 Dil! NEUE WELf Seite 7 Mäntel, Kleider, Schlafröcke, Ski-Anzüge, Schuhe Sportu. Schneeschuhe, Westen, Strümpfe, Hausschuhe VIEL FREUDE fOft WENIG GELD! Herren-Kleidung, Damenu. Herrenwäsche, Trikotwäsche Woll- und Seidenstoffe, Vorhange, Spielwaren nur ||, Taborstraße 48 Aus Polen Die Regierung toleriert die Hetze Au» Warschau: Die letzte Sitzung des Senats tagte.im Zeichen der Judenfrage. Senator Szlewinski sagte, man rede im Zusammenhang mit den antijüdischen Unruhen jetzt sehr viel von der bevorstehenden Revolution der Nationalradikalen. Frau Senator F 1 e s z e r erzählte, während der blutigen antijüdischen Ereignisse sei ein Geistlicher, Professor der Theologie, in die Handelshochschule gekommen, um die Jugend zu „b eruhigen"; er hielt aber eine Rede über den „jüdischen. Kommunismu s". Man muß sich vor Schmerz ans Herz fassen, wenn man Zeuge der Verwüstung der polnischen Seele ist und das Mittelalter hereinbrechen sieht. Der Senator der Regierungspartei Z b i e r s k i entwickelte ein „reales und praktisches Programm" der „Lösung der Judenfrage in Polen". Die Losung der Juden- Evakuierung, sagte er, dürfe nicht eine Hetzlosung sein, sondern müsse Teil eines verantwortungsbewußten realen Programms werden. Die Beseitigung der Juden müsse im Wege einer konsequenten Anstrengung des ganzen Volkes vor sich gehen. Man kann und soll die Juden beseitigen, aber nur durch zielbewußte Arbeit. Senator Professor Mosche Schorr erklärte: Es gibt in Polen zwei Wirklichkeiten, eine für die Gesamtheit, eine zweite spezielle für die Juden. In allem wird mit zweierlei Maß gemessen, im wirtschaftlichen, kulturellen und sogar im rein menschlichen Zusammenleben. In der Judenfrage gibt es nur eine Losung: A u srottung, Evakuation. Senator Zbierski gibt hierfür eine „milde" Formulierung: Beseitigung aller Juden aus Polen, aber stufenweise. Die Tore zu den Beamtenstellen sind für uns schon längst verschlossen, jetzt verdrängt man uns auch aus den Freien Berufen. Wohin, wohin sollen wir ..(ge he n? . . Mjt . tiefer Sorge . und Unruhe blicken wir auf unsere Jugend, der man das Recht auf Arbeit und sogar das Recht zum Lernen nimmt. H a n d e 1 und Industrie in Polen sind unser Werk, aber wir sollen hinaus! Die Ausrottungstendenz wird nun auch gegen das jüdische Handwerk wirksam gemacht. Die Gerichte schützen uns nicht gegen die Bedrohung von Leben und Eigentum und auch nicht gegen die Verletzung unserer menschlichen Seele. Die antijüdische Presse schafft die Atmosphäre für Verbrechen. Die Regierung toleriert diese Hetze. Auilösung der Warschauer jüdischen Genieinrievorsgehuny Aus Warschau wird gemeldet: Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, hat die Aufsichtsbehörde beschlossen, die gewählte jüdische Gemeindevertretung in Warschau aufzulösen und an ihre Stelle eine kommissarische Verwaltung für die Warschauer jüdische Gemeinde einzusetzen. Ein diesbezügliches Dekret wird erwartet. Man nimmt an, daß zum Verwaltungakommissär der Präsident des kaufmännischen ""«rbandes, Mauricy M e i s e 1, ernannt werden wird. Eine teuflische Sache Numerus clausus audi in jüdischen Schulen! Nachdem man die Juden in Hitler-Deutschland aller Rechte beraubt hat, will man sie auch geistig aushungern. Von dem Besuch der öffentlichen höheren Schulen hat man sie ausgeschaltet. Aber daran hat man nicht genug. Man will sie auch der Möglichkeit,; in jüdischen Schulen eine höhere Bildung zu erwerben, berauben. Im „Breslauer Jüdischen Gemeindeblatt" berichtet der Direktor des Jüdischen Realgymnasiums, Dr. Ab.t,, über „Die schulrechtliche Lage für jüdische - Schüler an höheren, Lehranstalten (Mittelschulen)"., Er schreibt: „Zwei jüdische Schulen in Hamburg, zwei : in Frankfurt a. M. sowie je eine in Köln, Leipzig, Fürth und dag Reform-Realgymnasium in Breslau sind als höhere jüdische Schulen anerkannt. Das Gesetz unterscheidet zwischen geschützten '(Frontkämpfer-) Kindern und nichtgeschützten (Nichfc-Frontkämpfer-)Kindern. Die Frage wäre jetzt bei der Umschulung, aus der Volksschule ins; Reform-Realgymnasium akut. Denn in unbeschränkter Zahl dürfen nur geschützte Kinder über-; nommen werden, für die nichtgeschützten setzt dagegen das Oberpräsidium jedes Jahr eine Quote fest. (Demnach besteht für jüdische Kinder an jüdi-, sehen höheren Schulen ein Numerus clausus.) Aehnlich sind die Bestimmungen bei der Umschulung aus einer anderen höheren Schule in eine jüdische. Hier bedürfen die nichtgeschützten Schüler der besonderen Genehmigung des Oberpräsidenten." . Man glaubt schon am Ende aller Mißhandlungen zu sein und stößt auf eine neue, raffiniert ausgeklügelte Tortur. Numerus clausus für jüdische Kinder in jüdischen Schulen! Das große Sterben Aus Berlin: Die jüdische Bevölkerung in Ostpreußen hat sich seit Juni 1933 bis September 1936 um etwa 25 Prozent, von 8000 auf 6000, vermindert. In Königsberg sank die jüdische Bevölkerung von 330Ö auf 2700 (um 20 Prozent), in Elbing von 367 auf 181 (um mehr als 50 Prozent). Außer Königsberg hat keine Gemeinde mehr als 500 Seelen. Ueber 300 Seelen haben nur die Gemeinden Tilsit und Allenstein. Bemerkenswert ist, daß in dem angegebenen Zeitraum die Zahl der jüdischen Kinder in der Provinz um ganze 65 P r o z e n t gesunken ist. Aus Mannheim: Die israelitische Kultusgemeinde in Fußgönheim in der Pfalz ist laut Beschluß des Lahdesverbandes der Israelitischen Kultusgenleinden der Pfalz aufgelöst worden. Die Synagoge wurde verkauft. Sie war im Jahre 1902 erbaut worden. Katholische Schulkinder Aus Prag (J. T. A.): Der in Köln erscheinende „W estdeutsche Beobachte r", das Blatt mit der zweitgrößten Auflage in Deutschland, belehrt den Kardinal-Erzbischof, der sich über die antireligiöse Propaganda unter den1 deutschen Schulkindern beschwert hat, über die wahre Stimmung in der katholischen Kinder weit, indem er den folgenden Brief eines neunjährigen Mädchens an die Redaktion abdruckt: - „Lieber W. B. Mir gefäilt das Alte Testament auch nicht. Daraus lernen wir in dei| Schule von Moses, Isack, Jacob, Joseph und seine Brüder, ' al 1 es Ju d e ri. Die Juden sind Teufel. Ich freute mich, lieber W. B., das nicht mehr zu lernen müssen.. In meinem Lesebuch 4. Schuljahr steht auf Seite Nr. 110 ein Gedicht von St. Niklas. Es wird aus , den Zeitungen vernommen, daß der heilige St. Niklas werde kommen aus Moskau, wo er als Heiliger wird geehrt. Ich möchte mal gerne wissen, ob das ins Lesebuch gehört. Denn aus Moskau kommen nur jüdische Mörder her, die jetzt in Spanien die Menschen tot machen. Heil Hitler! Maria.....Züllpicherstraße.'< Sie sind mit Herzog Eduard unzufrieden Aus London: „News Chronicle" meldet, daß das Schreibverbot über Eduard, das der gesamten reichsdeutschen Presse auferlegt wurde, darauf zurückzuführen ist, daß man über Eduards Verhalten sehr verstimmt sei. Die Tatsache, daß Eduard bei dem Juden Baron Rothschild ständigen Aufenthalt genommen hat und sich von dem jüdischen Spezialisten Prof. Neumann .behandeln lasse, hat das .Propagandaministerium sehr verärgert. ..... . Nazistenprozeß in Dänemark vi eder vertagt Aus Kopenhagen, (J. T. A.): Die dritte Gerichtsverhandlung in dem Prozeß gegen Nationalsozialisten wegen Verhöhnung der jüdischen Religionsgemeinschaft war wiederum, wie die zwei vorherigen, rein formeller Natur. Es hat sich herausgestellt, daß die Angeklagten, nicht das Gericht, die Vorladung des Oberrabbiners Dr. Friediger als Zeugen verlangt haben, um ihn über die Richtigkeit der verschiedenen inkriminierte^ Zitate aus der Bibel und dem Talmud zu befragen. Augenscheinlich bezweckte man, durch persönliches Ex'scheinen des Oberrabbiners und die Fragestellung an ihn eine erneute Verspottung seiner Würde und der jüdischen Religion im Gericht zu inszenieren. Statt Dr. Friedigers erschien aber in seinem \ Auftrag der Rechtsanwalt und Sekretär der jüdischen Gemeinde Artur Henriques, der schriftliche Beantwortung der zu stellenden' Fragen beantragte. Der Verteidiger der Angeklagten, Pontoppidan, beharrto auf dem persönlichen Erscheinen des Oberrabbiners. Schließlich einigte man sich auf eine zunächst schriftliche Beantwortung der Fragen und eventuelle spätere Vorladung, worauf die Verhandlung vertagt wurde. Makkabi Tel»Aviv im Amerika Drei Monate lang kämpfte die Fußballmannschaft j des Makkabi Tel-Aviv in Amerika und bewies dort den J sportlichen. Geist» d«r ein wesentlicher Faktor des Makkabij Sportgedankens ist. Der Erfolg, der ihm beschieden war, stand im Einklang mit der propagandamäßigen Bedeutung der amerikanischen Tournee. Die meisten Zeitungen nahmen das Gastspiel der Palästinenser zum Anlaß von Betrachtungen über die Makkabi-Bewegung, den jüdischen Sport und den Sport in Palästina. Die Fußballmannschaft des Makkabi wurde als die Repräsentanz der neuen jüdischen Jugend Palästinas angesehen. Ein Begleiter der Mannschaft, Elieser Matalon, sprach neunmal im Radio über jüdischen Sport und über Palästina. Die verschiedenen Wochenschauen (Film) brachten Bilder aus den Spielen und Empfängen. Wo immer die Mannschaft erschien, wurde sie mit stürmischem Appläus' begrüßt. In Chicago z. B. wurde der gesamte Verkehr gestoppt, als die Mannschaft, von einer .Ehreneskorte der Polizei begleitet, durch die Straßen fuhr. Denkwürdig bleibt der Augenblick, wo der Bürgermeister von New York, La Guardia, vor 45.000 Zuschauern den Ankick beim ersten Spiel des Makkabi auf amerikanischem Boden machte. Gespielt wurde in New York (6:0, 1:0), Phi 1adelphia (1:0), Toronto (1:0), Detroit (2:2), Chicago (1:0), St. Louis (2:3), Boston (3:2), N ewYork (2 ::2),Philadelphia (2: 4),Chicago (1 :1); insgesamt 2 Niederlagen, 6 Siege, 3 Unentschieden. Gesamtverhältnis 22:14 für Makkabi. Sport und jüdische Körperkultur Wir erhalten folgende Zuschrift: Wenn die jüdische Jugend Körperkultur betreiben will, dann geht sie in einen Turn-, Touristik- oder Spurtverein. Ueber Turnen und Hochtouristik ist nur zu sagen, daß sie vorzügliche Mittel sind, den Körper und die Sinne allseitig und gleichmäßig auszubilden. Beim Sp(ort ist die Sache nicht so klar. Der Kandidat wird zuerst zum Trainer geschickt, der ihn auf seine Eignung prüft. Er zeigt seine Geschicklichkeit im Laufen, Springen, Kugelstoßen, Diskuswerfen, Ringen, Stemmen. Wenn er für eine, bestimmte Gruppe, z. B. Laufen und Springen, eine besondere Eignung zeigt, dann wird er in diesen Disziplinen ausgebildet. Dadurch wird die bei den meisten Menschen schon vorhandene Einseitigkeit npch verstärkt, andererseits der Hebende bald in die Lage versetzt, in seinen eng begrenzten Sportzweigen zu Wettkämpfen anzutreten und Rekorde zu inachen. Der Sportverein hat damit eines seiner wichtigsten. Ziele erreicht, der Uebende und unser Volk hat keinen Nutzen davon. Der Sportler soll die Hebungen betreiben, zu denen er besonders veranlagt ist, weil es ihm so Vergnügen macht; er soll zu Wettkämpfeu antreten, weil es der Jugend eine Lust ist, sich im Kampfe zu messen, ab»r das Augenmerk des Vereines (des jüdischen Vereines) sowie des Trainers und Führers ist darauf zu richten, daß die bestehende Einseitigkeit vermindert, eine möglichst allseitige und harmonische Körperausbildung erzielt werde. Daher: Schluß mit der Rekord- und Punkteschinderei, dagegen Wettkämpfe in ritterlicher Art mit befreundeten Vereinen, Bestreben, einen guten Durchschnitt zu erreichen. Vom nationalen Standpunkt besteht nur an diesem ein Interesse, denn dieser Durchschnitt kommt der Kondition des zähen, ausdauernden Arbeiters am nächsten. „Chasonoth Assir Schealtiel", herausgegeben von Dr. A. Kaminka, in schöner Ausstattung gedruckt in Tel-Aviv, 1936, Verlag Dvir, mit dem lateinischen Titel: '„Liber Assiri Salathielis, qui Ezra Propheta sive apokryphus über Esdräe Quartus dictus est. Vulgatum textum emendavit et codicum manuscriptorum ... auxilio in originis sui hebraicum sermonem restituit... A. K." ist ein merkwürdiges dichterisches Werk, das sich an die älteste hebräische Propheten-Literatur anschließt und von dem, da es in den Kanon nicht mehr aufgenommen wurde (obwohl es nach Dr. K.'s Forschungen älter als das Buch Daniel ist), der hebräische Urtext und sogar die griechische Uebersetzung schon im Altertum verlorengegangen ist. Geblieben sind eine lateinische, syrische, arabische, äthiopische und armenische Uebersetzung, alle voll von den Fehlern, die auf Mißverständnis des Hebräischen beruhen. Kaminka hat bereits vor einigen Jahren über das als eines der Apokryphen-Bücher bekannt gewesene Werk eine Reihe von Textstudien in der Monatsschrift für die Wissenschaft des Judentums veröffentlicht, wobei er eine von ihm entdeckte, den früheren Forschern unbekannt gewesene Handschrift der Wiener Nationalbibliothek benützt hat (ein Faksimile derselben ist auch dem von ihm rekonstruierten hebräischen Text jetzt beigegeben). Der Dichter Ch. N. B i a 1 i k hat kurz vor seinem Hinscheiden ein besonderes Interesse für das mit großer Mühe auf Grund umfassender philologischer Studien von Kaminka wiederhergestellte uralte hebräische Werk bekundet und es zur Drucklegung durch seinen Verlag „Dvir" übernommen. Vorangeht eine ausführliche Einleitung, in der über die Ergebnisse der Forschungen christliche Theologen wie Volkmar, Ewald, Hilgenfeld, Schürer, Gunkel, Charles zu diesem Werke über die Fehler der Vulgata und der neueren Uebersetzungen berichtet und die zahlreichen Gründe dargelegt werden, die Salathiel. Sohn des Königs von Juda, der als Gefangener in Babylonien lebte (um 536 v. Chr.) als wirklichen, nicht fingierten Verfassers der Hauptteile des Buches anzunehmen zwingen. Der ganze Text ist punktiert und seine ausführlichen Anmerkungen weisen auf die zahlreichen Varianten in den lateinischen Handschriften hin (deren älteste, aus dem Jahre 822 stammend, sich in Paris befindet) sowie auf Stellen in der talmudischen Literatur, die das Verstäir;-!s des Textes erleichtern.