Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 618 (24.12.1936)
- Date
- 1936-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 D*E NEUE WELT Nr. 618 vom 24. Dezember 1936 Abraham Sak: tik?4etd stittt Aus den Txtyen des UeÜküe^s 191? (Aus dem Jiddischen von o. r.) Nicht von eines Menschen Tod will ich nun erzählen: zu billig und alltäglich wäre das in den „roten Tagen" ... Und wahrlich, wie kann denn jemand von solch einer Kleinigkeit wie dem Tod eines Menschen Aufhebens machen, wenn das Ohr das Entsetzlichste vernommen und das Auge das Blutigste ge schaut hat... Vom Sterben eines Tieres — von ihm werde ich erzählen; davon hört man nämlich jetzt viel seltener als vom Tod eines Menschen ... i I. Josche-Berl, der Balagule, ist ein Mann mittleren Alters, mit breiten, gesunden Schultern und vollem, rotbackigem Gesicht, mit einem kurzen, aber dichten blonden Bart. Im Ort ist er Fuhrwerker schon hübsch viele Jahre. Sein Weib verstarb ihm frühzeitig, er nahm ein zweites, und in seiner Wohnung treibt sich, aus der ersten und zweiten Ehe, eine Schar von zehn Kindern — er selbst nennt sie „Parschoinlach" — herum. Vor seiner Zeit ist man im Städtel durch viele Wasser geschwommen. Arme sind reich geworden, Reiche arm; manch Schuster hat seine Werkstatt auf gegeben, manch Schneider die Schere an den Nagel gehängt und sich auf „Schmuggel" geworfen, Luft geschäfte betrieben und es zu etwas gebracht und schließlich sogar seinen Kindern die besten und an gesehensten Partien verschafft; andererseits wiederum sind zahlreiche noble Familien jämmerlich zugrunde gegangen und nach allen Richtungen davongeflogen wie Spreu im Wind. Und auch vom Fuhrwerkerstande selbst hat sich die Mehrzahl anderen Berufen zugewendet, und ist von den ehemaligen Balagules nur noch Josche-Berl geblieben, der Letzte seines Standes, der die Peitsche stets unterm Arm trägt und tagaus, tagein Passagiere vom Städtel in die Kreisstadt fährt — als ob schon vor seiner Zeit „Dort oben" bestimmt worden wäre, daß er, Josche-Berl, ein Sohn des Volkes Israel, sein Lebenlang die Peitsche zu halten und zu kutschieren habe. In seinem Wagen hat Josche-Berl schon unzählige Bräutigame und Bräute geführt. Wieviele junge Herzen, die nach der Welt des Lichts und der Freiheit schmachteten, hat er, als erster, aus dem engen Städtchen hinausgeführt und zum lärmenden, dampfenden Bahnhof geführt... Und, andererseits, wieviel wieder zu ihren Lieben heimgebracht; wieviele lange verschollene, vor Not und hartem Geschick vertriebene, über Meere und Länder gejagte Menschenseelen, die nach ihrer Heimat lechzten... Als Fuhrmann war er tüchtig. Das Pferd verstand ihn auf den bloßen Wink und ging, wo es nötig war, „wie eine Maschine", gar nicht zu reden seit der Zeit der neuen Straße. Uebrigens galt Josche- Berl auch schon früher, als der Weg noch holprig und kotig war, als guter Fahrer, und alles riß sich geradezu um ihn, denn mit ihm auf dem Bock war man sicher, nicht irgendwo in einem Straßengraben nächtigen zu müssen. Passagiere pflegte er allerhand zu haben: alte, junge, Männer und Weiber und Mütter mit Säuglingen auf dem Schoß. Er, Josche- Berl, saß in seinem roten Kaftan oben auf dem Bock, bekam die im Trab tanzenden Beine des Pferdes zu sehen, brummte irgend eine Melodie vor sich hin, während in seinem Wagen ein Mischmasch von Hüten, Tüchern, Mützen, Körben und Kisten herrschte und die ganze „Bagage" mit Gebrumm und Geschlumm und Lachen und Tratschen krachte und wackelte... Wijo! Manchmal pflegte unser Josche-Berl gut aufgelegt zu sein und seine Fahrgäste mit klugen und heiteren Redensarten zu unterhalten. Das geschah gewöhnlich auf der Rückfahrt, in sommerigen Dämmerungen, wenn sein Wagen mit Jugend besetzt war; niemand drängte, niemand trieb zur Eile. Das Pferd ging wie nach seinem eigenen Willen die Straße zwischen den dichtbelaubten Baumreihen spazieren, und der Fuhrmann wußte von Heldentaten aus seinen jungen Jahren zu erzählen, was für Kerl er gewesen und wie er ihnen allen den Herrn gezeigt habe. Es gab eine Geschichte, die jeder seiner Passagiere schon ein dutzendmal von ihm gehört hatte: die Sache von seiner „Sluschbe", seiner Militärdienstzeit, wie er es einem Unteroffizier gezeigt habe, der die Juden nicht genug quälen konnte. „Abgespielt hatte es sich bald nach der Assentierung" — pflegte er zu erzählen — „da die Heimat mir noch allzu sehr vor Augen stand. In meiner neuen »Heimat* hat's mir gar nicht gefallen. Ich bin nun aber einem ,feinen' Lehrer in die Hände geraten und der hat mir das ganze »Register1 des Kasernenlebens beigebracht. Jeden Tag hat er an mir etwas auszusetzen gehabt: wenn einmal ein Knopf nicht genug geglänzt hat, ein andermal die Schuhe nicht genug rein waren, ein drittesmal die alte speckige Montur nicht genug ,parademäßig' gewesen ist ' hatte ich genug! Eines Tages ist mich der Unteroffizier tüchtig angegangen. Es war bei den Turnübungen. Was auch immer ich machte, schreit er mich mit seiner groben Stimme an: ,Otstawit!" Aufstellen! Handstand!' Als ich mich endlich auf die Hände stütze und die Beine nach oben bekomme, packt man mich und läßt mich lange in dieser Haltung: nicht hin, nicht her! Halt, die Beine stehen nicht kerzengerade... Man hat mich festgehalten, mir gezeigt, ,wie man's macht', bis mir das Blut aus den Beinen ins Gesicht geht, zum Zerspringen. Rings um mich die Soldaten machen sich noch lustig über mich, und wer es wollte, hat mir einen Stupps versetzt... Und wie ich von unten — obwohl mir das Blut zu Kopf gestiegen war — die verkehrte, wildverzerrte Fratze meines »Lehrers' erblicke, da, ohne zu wissen, woher ich plötzlich die Kraft hergenommen habe — vielleicht noch von meinen Vätern her —, schlage ich mit meinen Kommißstiefeln in sein dreckigs Gesicht... Blut spritzt... fürchterlich... Mir hat man nichts gemacht und er hat fünf Zähne verloren... Und wenn er später mal seinen Brei gefressen hat, dann konnte er sich wohl an mich erinnern..." Wenn Josche-Berl diese Geschichte erzählte, war er ein anderer Mensch. Die Erinnerung an jene Zeiten machte ihn aufleben, und seine Augen glänzten. Und mitten drin pflegte das Pferd innezuhalten, als ob es sich für die Heldengeschichte seines Herrn interessieren würde... „Nu, los", rief ein Passagier das Pferd an, es möge sich doch nicht in die Gesellschaft von Menschen mischen und mithören. Und Josche-Berl wiederum gab dem Pferd einen Streich mit dem Peitschenstiel: „Wijo, Kaschtan ...!" II Es ist die „Rote Zeit" gekommen, da von ganzen Städtchen und Dörfern nur Ruinen, geborstene Wände und hochgestreckte Schornsteine und von Menschen nur Skelette übriggeblieben sind... Die Weltordnung stand köpf, und auch das Schicksal des Josche-Berl wendete sich zum Schlechten. Beginnen tat es damit, daß sein Pferd Wohlgefallen fand in den Augen vorbeimarschierender Abteilungen und auf einer Pferdemobilisierung ihm ein „Preuß" mit einem „Helmspitz" für sein Pferd ein Blatt Papier gab... „Lieber Herr...", bat Josche-Berl mit gebrochener Stimme. Jener aber wurde wütend und brauste mit rotgewordenem Schädel auf: „Donnerwetter! Hol's der Teufel, Himmelsakrament!" Und Josche-Berl mußte seines Weges gehen — — vor dem „Amalekiter". Lange Zeit hindurch konnte sich Josche-Berl über den Verlust seines Kaschtan nicht trösten. Eine Kleinigkeit, ein Pferd Jahr um Jahr zu halten... Es hatte sich bereits so sehr an ihn gewöhnt, daß es jeden Wink verstand und ihm, schon von Meilen weit her, freudig entgegenwieherte. Ueberdies war der Preis der Pferde im Ansteigen, das geringste Pferd mußt mit Gold aufgewogen werden, wie konnte man sich also ein neues zulegen? Josche-Berl konnte keinen Tag ohne Pferd sein. Er verschaffte sich etwas Geld, indem er sich bis über die Ohren verschuldete, und kurze Zeit später zeigte sich sein großer Wagen neuerdings mit einem kleingewachsenen Pferd, mit jenen allerdings, das wie ein mächtiger Löwe aussah, nicht zu vergleichen! Und wieder begann Josche-Berl, Passagiere auf der Straße zwischen dem Städtel und der Gouvernementstadt zu führen, und wieder die Fahrtgesellschaft mit seinen Anekdoten zu kurzweüen... „Wie gefällt euch mein neuer Rädelsführer", fragte er ironisch, „die Beine hebt er wirklich wie ein Frosch..." Wie man merkte, daß er selbst, Josche-Berl, sich über sein neues Pferd lustig machte, war plötzlich aus dem Wagen die Stimme einer Weibsperson zu hören: KAUFT IHl^HkJ^^HI ^^pTMI HR Hl SCHLAFROCKE GEBLÜMTE FLANELL-SCHLAFROCKE in großer Auswahl.......S 4*90 SCHIFFMANN ii,taborstras$e48 „Meine Großmutter selig hat einmal eine Kata* gehabt, die war bei Gott größer..." Und ein Mannsbild: „Irgendwie sitzt der Kummet auf ihm wie auf unseres Schochets Kopf sein großer Hut... genau so paßt es ihm..." ' Und Josche-Berl wackelte mit dem Kopf; „Fliegt wie ein Adler ...!" (Fortsetzung in der nächsten Freitag-Nummer.) Toscannu in Palästina Aus T e 1 - A v i v wird unter dem 21. d. gemeldet? Sonntag, den 20. Dezember, ist Maestro Arturo Tosca«« n i n i, der sich bekanntlich seit kurzer Zeit in Palästina' aufhält, in Tel-Aviv eingetroffen, wo er von den führenden Persönlichkeiten der Stadt begrüßt wurde. Toscanint wird am 26. Dezember das erste Konzert mit dem Jüdin sehen, von Bronislaw Huberman gegründeten Symphonie* Orchester dirigieren. Der berühmte Dirigent hat im Viertel Tel-Benjamin Wohnung bezogen, wo eine Gasse nach ihm benannt wurde. * Die Palästina-Symphonie-Orchester- Gesellschaft kündigt an, daß 5000 Mitglieder aufgenommen worden sind, hat also die höchste Mitgliedzahl aller musikalischen Gesellschaften in der Welt. Bronislaw Huberman ist im Flugzeug in Palästina eingetroffen. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Oesterreich: Fräulein Lilli — Silhouetten. England: Wie es euch gefällt. — Rembrandt. Amerika: Der König der Frauen — Der kleine Rebell — Der letzte Gangster — Die Matrosen kommen! — Die Wüstenlegion — Show Boat — Eifersucht — Der letzte Mohikaner — Karriere — Hasard — Revolver oder Roulette — Ehe ohne Hochzeit — Der große Würger — Lustig ist das Zigeunerleben — Skandal in der Oper — Das Dreieck — San Francisco — Dodsworth — Shirley ahoi — Ein amerikanisches Duell — Anthony Advers. Filme unter Arierparagraph Schlußakkord — Schatten der Vergangenheit — Seine Tochter ist der Peter — Manja Walewska — Seine offizielle Frau — Mädchen in Weiß — Standschütze Bruggler — Schloß in Flandern — Servus Wien — Glückskinder (Ufa) — Fahr'n ma, Euer Gnaden — Das Mädchen Irene — Blumen aus Nizza — Kontuschowka — Annemarie — Wo die Lerche singt — Romanze —• Glückskinder — Du kannst nicht treu sein. — Lumpazivagabundus — Unter heißem Himmel — Wenn wir alle Engel wären — Der Bettelstudent. Aus dei* Fslmwelt Morsen: „Dodsworth" im Rotenlurm-Kano Der United-Artists-Großfilm „Dodsworth" („Die Krise einer Ehe") nach dem weltberühmten Roman des Nobei-Preisträgers Sinclair Lewis, gelangt ab morgen, Freitag, im Rotenturm-Kino zur Ur- und Alleinaufführung. Die Regie dieses Films, der u. a. Originalauf nahmen aus Wien, Paris und Italien zeigt, führte William Wyler. Ein sensationelles Tanzpaav t Shirley Teniple und Budy Ebsen Die Entdeckung Hollywoods auf dem Gebiet des Tanzes war im Jahre 1936 unbestreitbar Buddy Ebsen, der in „Broadway Melodie" mit der Vorführung seiner halsbrecherischen Grotesken größten Erfolg erzielte. In dem Film der Twentieth Century Fox „Shirley ahoi!" (Das Matrosenherzpinkerl) hat er nun eine kongeniale Partnerin gefunden: Shirley Tempi e. Ab Freitag im Burg^ Imperial-, Stafa- und Votivpark-Kino. Wie arbeitet Marlene Dietrich t Besonderes Interesse findet gegenwärtig im Burg-, Imperial-, Stafa- und Votivpark-Kino der Vorspann zu dem Marlene-Dietrich-Farbenfilm „Der Garten Allah s". Er zeigt in einigen Szenen den außerordentlichen Fortschritt der Farbentechnik, weiters den großen Apparat, der zur Herstellung dieses Films erforderlich war, sowie auch Marlene Dietrich und Charles Boyer bei der Arbeit an ihrem neuen Film. KINO*PROGRAIVfME KREUZ-KINO J, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstellungen.- 4, Vh6, V»8, V*io Charlie Chan STAFA, VII Mari ahllf arstraße 120 Telephon B-83-0-68 Wochentags: 5, 7, 9 Uhi Shirley, ahoi! Shirley Temple VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn; 4, VaB, ttio Shirley, ahoi! Shirley Temple