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Die neue Welt · 1936-12-24 · Heft 618 (24.12.1936) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 618 (24.12.1936)
Date
1936-12-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. fU8 vom 24. Dezember 193b DIE NfeüE WELT Seite 5 tUi Abend mit cngiUcUen p/dudsicH Tel-Aviver Bürger haben englische Polizisten zu Gast. — Ein Versuch der Annäherung — Engländer ohne Uniform, — Worüber beklagen sich die Polizisten? — Dio Juden werden gebeten, zu lachen Von unserem Tel-Aviver Korrespondenten Mark M i g d a 1 "itt?r Dieser Tage erhielt ich eine Einladung zu einer Abendunterhallung mit englischen Polizisten. Der russische Jude in mir war ein wenig shockiert: Was denn? Wie fällt es Menschen ein, mir vorzuschlagen, einen Abend in solch einer Gesellschaft zu verbringen? In der alten Heimat und auch später in der westeuropäischen Emigration, war die Einstellung zu Polizisten keine gerade erhebende. Bis heute ist bei jedem russischen Juden eine Abneigung gegenüber diesem angesehenen Beruf eingewurzelt geblieben. Erst in Palästina, wo der jüdische Polizist ein Landsmann und oft sogar ein Parteifreund ist, hat sich die Beziehung gebessert. Ja, man kann sagen, daß es eine Ehre ist, als „Gaffir" zu dienen oder die unangenehmsten Polizeidienste zu leisten. Aber wie ich an einen nichtjüdischen, gar an einen englischen Polizisten ankomme — sonderbar! Auf meine Zweifel und Einwände bekam ich von meinen Bekannten eine Antwort: Erstens seien die englischen Polizisten gar nicht so einfache Geschöpfe, wie man meine. Sie hätten wenig mit ihren russischen und polnischen Berufskollegen gemein. Der größte Teil gehöre dem Typ des „Public school man" mit guter Vorbildung an, d. h. besitze eine mittlere Bildung; meistens stammten sie aus gutbürgerlichen Familien. Nach Palästina führte sie Neugierde, die Sucht nach Erlebnissen Und die gutbezahlte Stelle. Zweitens, und das ist die Hauptsache, mußten die Juden freundschaftliche Beziehungen zu den Engländern zu schaffen versuchen, die sich im Land befanden; besonders zu jenen, welche hier die schwere Funktion des Schutzes ausüben. Drittens sei es überhaupt wichtig, zu Menschen gastfreundlich zu sein, die im , Lande sind und sich nach einem europäischen Milieu sehnen. Es gäbe keinen größeren Einfluß als den persönlichen. Wenn wir tatsächlich die Hausherren sind und die Engländer, von denen viel abhängt, die Gäste, muß man sie freundlich aufnehmen, schon damit sie uns besser kennenlernen und wissen, daß wir ihnen nicht an sich feindlich gesinnt sind. Es war ein großer Fehler, daß man bis jetzt diese Angelegenheit vernachlässigt hat. Die Politik der Isolierung und Gleichgültigkeit ist uns teuer zu stehen gekommen. Deswegen hat eine Gruppe englisch-amerikanischer Juden beschlossen, die Juden und Engländer einander näherzubringen. Der erste Schritt hiezu ist der Gesellschaftsabend, wo ein Teil der Tel-Aviver Polizei mit Filmen, kaltem Aufschnitt, Bier und eventuell mit einer gemütlichen Unterhaltung bewirtet werden wird. Wenn es nicht ein gewöhnlicher Abend, sondern eine Art nationaler Aktion ist (dachte ich mir), will ich gehen. Bei dieser Gelegenheit kann man die Menschen näher betrachten. * Der Ausstellungspavillon der großen englischen Firma, wo der Abend stattfand, war festlich beleuchtet. Das Publikum, das gewöhnlich abends am Strand spazierengeht und sich an unserem Stolz — der „Messe" — delektiert, hat neugierig in die Fenster geschaut, um herauszufinden, was da an einem gewöhnlichen Mittwoch vorgeht. Die Gesellschaft hat wirklich sonderbar ausgesehen. Juden und Engländer, aber nicht der normale Beamtentyp. Als ich den Pavillon betrat, begann ich die Hauptgäste des Abends zu suchen — die Polizisten. Anstatt die erwarteten bekannten Polizeigestalten in Khaki-Uniform und Khaki-Helm zu sehen, fand ich vor mir sechzig, siebzig junge Leute in guterhaltenen, aber wochentägigen Anzügen, sogar in Flanellhosen. Sie saßen beisammen wie Gymnasiasten, welchen man zum erstenmal erlaubt hat, einen Ball zu besuchen — bescheiden und zurückhaltend. Außer dem Chef der Tel-Aviver Polizei und ein paar höheren Beamten konnte man kaum einen über 30 Jahre alten Polizisten finden. Junge Leute! Lauter sonnverbrannte Gesichter, frisch und gesund ... wie junge Studenten, Beamte ... Die Uniform ist eine große Macht. Nicht umsonst halten die Kommunisten und Faschisten soviel von der Uniform. Sie hilft das Menschliche verbergen und das Eisern-Böse an die Oberfläche bringen, das künstliche Scheidewände zwischen den einen und den anderen Menschen errichtet. * Die Gastgeber, die Juden, ungefähr dreißig Menschen, sahen ein wenig anders aus. Aelter und müder. Eine gemischte Gesellschaft. Fast alle aus England und Amerika gekommen, aber ein Teil auch aus Rußland. Kluge, von Falten umrandete Augen. Ein großer Kontrast zu den jungen Engländern. Sie sitzen abseits — hauptsächlich mit Bekannten und Freunden. Auf ihren Lippen ein verlegenes Lächeln. Leicht zu sagen: „Annäherung", aber wie läßt sich das Schwierige bewältigen? Es sind doch wildfremde Menschen. Man kann doch mit den jungen Leuten nicht über die Kgl. Kommission oder über die englische Araberpolitik reden! Bald kam der Filmstreifen zu Hilfe. Micky-Maus und eine Komödie aus dem Matrosenleben machten der peinlichen Stimmung des ersten Beisammenseins ein Ende. Nichts wirkt so günstig wie ein gemeinsames Lachen. Die Primitivität der Filme mit den billigen Witzen war es, die den Engländern gefiel. Der zweite Teil des „Annäherungsabends" bestand aus „Speise und Trank". Wieder eine gemeinsame Plattform. Die Teller, schwer mit kaltem Aufschnitt und Salaten beladen, fanden Wohlgefallen in den Augen der Gäste, zumal sie nicht an Appetitmangel litten. Was das Trinken anlangt, waren die Gastgeber enttäuscht. Ein großer Teil der Gäste trank Orangeade und Sodawasser. Keinen kleinen Erfolg hatten Torten, Schokoladen und andere Süßigkeiten. Kurzum: Junge Leute! Beim Essen versuchte man ins Gespräch zu kommen, ein bißchen Wärme hereinzutragen. Nicht allen gelang es. Viele der Gastgeber waren mit dem Servieren beschäftigt, da es hier keine Kellner und auch keine Tische gab, sondern sich alles zwanglos abspielte. Allmählich, nach gesteigertem Konsum, wurde die Stimmung intimer und man versuchte sogar zu tanzen. Aber auch das stieß auf Schwierigkeiten, da alle jüdischen Frauen mit ihren Männern da waren. Die Polizisten fühlten sich ein wenig fremd und verlegen, wie auf einer Hochzeit, wo die Brauteltern zum erstenmal zusammenkommen. Erst nach dem ersten Tanz der jüdischen Paare begannen die Polizisten, die jüdischen Damen zum Tanz einzuladen. Man tanzte formell, korrekt, kühl — mehr in der „How do you do"-Art als einen richtigen Tanz. für Gelegenheitskäufe Wien VIII, Stadtbahnviadukt 23 bei Lerehen'elderstraße Telephon: A-21-5-31 „Die Annäherung wird noch kommen", beruhigte man mich. Man sei einander noch fremd... und die jüdischen Männer haben es nicht gern, wenn ihre jungen Frauen und Töchter mit Nichtjuden und gar noch mit Polizisten tanzen ... * Da und dort kam ein Gespräch in Gang. Die Gäste waren durchaus nicht abgeneigt, von sich zu erzählen und ein Wort von der Gegenseite zu hören. Es scheint, daß die Polizisten, die das Schicksal nach Palästina geworfen hat, nach einer Gesellschaft lechzen, nach einer freundschaftlichen Atmosphäre, wo sie ihre freie Zeit unter Menschen verbringen können, welche ihre Sprache sprechen und ihre Zeitungen lesen. Und wieviel Fragen liegen jedem auf der Zunge! So sonderbar und unverständlich ist manches im Heiligen Lande! Der größte Teil der Polizisten ist erst kurze Zeit hier. Sie sind noch nicht zu sich gekommen — nach den stürmischen Monaten des gefährlichen Dienstes. Ein paar von ihnen können bereits einige Worte Hebräisch wie „cn? in" oder „dvj dd", obwohl in der Tel-Aviver Polizeischule nur Arabisch obligater Lehrgegenstand ist. Eine sonderbare Regierung haben wir! Sie bereitet Polizisten für Tel-Aviv, Haifa, Jerusalem und jüdische Dörfer vor, aber man läßt sie just Arabisch lernen. Allen . . . . dieser elegante, moderne Boxcalf-Herrenschuh mit Crouponsohle um Privat-Re im II. Bezirk nachweisbar Goldgrube krankheitshalber gegen Barzahlung sofort billig zu verkaufen / Auskünfte: If, Mayargasse 8, Tür 9 Daraus ergibt sich eine Menge Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Manche Polizisten nehmen sich privat Hebräischlehrer oder schnappen ein paar Brocken bei ihren jüdischen Kollegen auf. Tel-Aviv gilt unter den englischen Polizisten als schwere Station. Die Stadt ist zu geräusch- und temperamentvoll. Mit Englisch allein — schon gar nicht zu reden von Arabisch — kann man hier nicht auskommen. Die Tel-Aviver sind in diesem Punkt hartnäckig, sie lassen sich von einem Polizisten nicht imponieren. Hingegen kann man sich nach schwerem Dienst, sagen die Polizisten, nirgends besser amüsieren als in Tel-Aviv. Die Schwierigkeit bestehe nur darin, mit den Juden in eine Konversation zu kommen und gar eine passende Gesellschaft zu finden. Die Juden verhielten sich reserviert. Sie ließen keinen Fremden leicht zu sich ins Haus. Fast wie die Engländer selbst... * Von Poütik wurde nicht gesprochen. Es war ein rein gesellschaftlicher Abend — Musik und Tanz! —, wo sich die Juden und ihre politischen Partner einmal außerhalb der Straße begegnen können. Genau so wie wir von den Engländern ganz sonderbare Vorstellungen haben, ebenso sonderbare haben sie von den Juden. Was unbekannt ist, schreckt immer ab. Aus den vielen Gesprächen, welche ich und meine Freunde an dem Abend führten, wurde klar, daeß viele Polizisten eine gediegene Allgemeinbildung besitzen, welche auch unseren eigenen jüdischen Polizisten guttäte. Einige waren auf Universitäten, andere hatten Posten in Banken, großen Geschäftshäusern, Apotheken, Fabriken. Polizeidienst gilt in England als angesehener Beruf, besonders im Ausland, wo die Stellung besser bezahlt und höher ist. Es gibt natürlich auch eine Menge Gesindel, Menschen, denen der englische Boden unter den Füßen brannte und die abfahren mußten. Gibt's einen besseren Ausweg fürs Abfahren, als Ordnungsdienst im romantischen Palästina machen? Im allgemeinen sind die Polizisten ein frisches, rauhes Material — ein richtiges Muster des gewöhnlichen Durchschnittsengländers, der prinzipiell gewissenhaft, freundlich und ein wenig naiv ist, aber mit angeborenen moralischen Begriffen von Gut und Böse. ,,Wir möchten gerne mit Juden verkehren", so beklagte sich einer bei mir, „aber sie halten sich reserviert und blicken mit Mißtrauen auf uns. Es ist ein großer Irrtum ihrerseits. Oder liegt zwischen uns die Scheidewand der Sprache und der Gewohnheiten? Ich bin bereits länger als ein Jahr im Land, und heute ist's das erstemal, daß ich unter Juden bin, und ich fühle mich wirklich nicht schlecht. Sie wissen gar nicht, wie schwer unser Dienst ist. Schon sechs Monate her, daß man mich von einem Ort zum andern wirft. Auch unsere Nerven werden aufgerieben. Aber uns gefällt es da. Ein schönes Land. Interessant. Solche Juden wie die palästinensischen sehen wir zum erstenmal. Man wird was zu erzählen haben!" «• Gegen Mitternacht fühlten sich die Gäste bereits heimisch und wußten den Weg zu Bier und Aufschnitt. Man mußte nicht mehr servieren. Lebhafte Gespräche überall. Einige waren angeheitert, aber sie benahmen sich wie Gentlemens, ruhig, anständig, Haltung und Distanz wahrend. Machten keinen Spektakel, begingen keine Taktlosigkeiten. Einzelne Gäste blieben in kleinen, abgesonderten Gruppen sitzen. Es war einfach niemand da, der sich mit ihnen hätte unterhalten sollen. Sie rauchten also Virginierzigarren, tranken Bier, träumten vielleicht vom Londoner Nebel... Ich bereute nicht, einen Abend mit den englischen Polizisten zugebracht zu haben. Ich habe etwas gelernt und erkannt. Vor allem die große Weisheit aus alten Zeiten: Gastfneundschaft! Einst hielten die Juden etwas auf diese gute Tat und Gesinnung. Sie ist wirklich geeignet, diesen alten Brauch wieder aufzunehmen, im Gedenken daran, daß wir jahrhundertelang selbst Fremde waren. Als ich mich verabschiedete, sagte mir ein Engländer mit verständnisvollem Hinweis: „Wenn Sie einmal einem englischen Polizisten begegnen, denken Sie daran, daß er nicht mehr ist als ein einfacher Mensch, der sich in diesem ungewöhnlichen Land fremd fühlt und sich, wie Sie nach einem freundlichen Wort und gutmütigem Lachen sehnt. Seien Sie damit nicht so sparsam' Diese Dinge sind nicht unwichtigere Waffen im politisehen Kampf als Artikel in den »Times'." Der. Mann hat recht,

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