Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 617 (18.12.1936)
- Date
- 1936-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 617 vom 18. Dezember 1936 Musik der Bibel Ueber Einladung des „Vereines zur B'örderung jüdischer Musik" hielt Prof. Dr. Salomon Rosowsky einen ungewöhnlich inhalts- und aufschlußreichen Vortrag über die Kantilationen der Bibel. Der bekannte Komponist und Mitbegründer der seinerzeitigen „Gesellschaft für jüdische Volksmusik" in Petersburg lebt seit ungefähr elf Jahren in Jerusalem und hat seinen Aufenthalt dort dazu benützt, um über die biblischen Kantilationen tiefgehende Studien zu machen, die neuartige Ergebnisse von umwälznder Bedeutung zeitigten. Im Auftrag der Hebräischen Universität hat nun Rosowsky die Ergebnisse seiner siebenjährigen wissenschaftlichen Arbeit in einem monumentalen Werk niedergelegt, dessen wissenschaftlicher und praktischer Wert für die Entwicklung der Bibel-Rezitation, der jüdischen Musik und nicht zuletzt der musikalischen Erziehung unserer Jugend von ausschlaggebender Bedeutung werden kann. Es besteht begründete Hoffnung, daß das Werk selbst in allernächster Zeit erscheinen kann. Der Wiener Vortrag diente hauptsächlich der Orientirung über die Arbeit und die angewandte Forschungsmethode. Der erste Teil behandelt die Sabbat-Kantilation des Pentateuchs, und zwar vorderhand die p o 1nisch-litauisch-aschkenasische Ausdrucksform, weü diese am verbreitetsten ist und sich auch, am leichtesten durch unser Halbtonsystem und unsere Notenschrift interpretieren läßt. Die Bibel ist eine große musikalische Erbschaft. Sie wird immer gesungen-kantiliert. Es war Ezra, der große Schriftgelehrte, der nach Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft nach Palästina im fünften Jahrhundert vor Christi den rezitativischen Vortrag der Bibel anordnete. Die Zeichen, die die Kantilationsarten bestimmen, heißen „Tropp". Wir besitzen 28 Tropptypen, ein Teü davon steht über, ein Teü unter dem Wort. Sie haben eine ungemein große grammatikalische Bedeutung, als wichtiges Mittel zum Eindringen in den Sinn einzelner Teile des Bibelsatzes oder sogar einzelner Worte, gleichzeitig können sie als Notenzeichen der Juden des Altertums betrachtet werden. Im Gegensatz jedoch zur heutigen Notenschrift, wo jede Note einen Ton bedeutet, stellt jedes Troppzeichen mehrere Töne dar, manchmal sogar bis zu 18 Tönen, z. B. Schalschelet. Alle Judengruppen in der Welt, wo sie sich auch befinden mögen, besitzen mindestens sechs Kantüationstypen für die Rezitation der Bibel: 1. Für die fünf Bücher Moses am Sabbat. 2. Für die fünf Bücher Moses an hohen Feiertagen. 3. Für die Propheten (Haftara). 4. Esther. 5. Ruth, Koheleth, Schir-Haschirim. 6. Eicha (die Klagelieder Jeremias'). Das tragende Fundament seiner Arbeitsmethode ist die Erforschung der Bibel-Troppen auf Grund ihrer grammatikalischen Gesetze: Dieses System ermöglichte ihm, ins innere Gewebe der Akzentzeichen hineinzuleuchten und neue Ergebnisse zu gewinnen. Die Grammatiker teüen die 28 Troppen in trennende Akzente und bindende Akzente. Zur präzisen Feststellung des melodischen und rhythmischen Inhalts eines Tropps suchte Rosowsky entsprechend der biologischen Forschungsmethode zunächst nach der Zelle eines jeden Tropps und wählte das „Sillug", welches die Kadenz jedes Kantüationsfragments bildet, zum Ausgangspunkt. „Die einfachste Form eines Phonemas", erklärte Rosowsky, „ist das Tonmaterial, welches mit einem einsübigen Wort verbunden ist. Und so forschte ich bei jedem einzelnen Tropp nach den im Pentateuch vorhandenen einsilbigen Worten, ließ sie die Tropp- Leser kantilieren und bemühte mich, die Melodien dieser Worte in Notenzeichen zu fixieren, verfolgte weiter die Entwicklung der „troppalen" Zelle in zwei-, drei-, vier- und fünf silbigen Worten. (Sechssilbige Worte sind im Pentateuch eine ziemlich seltene Erscheinung.) Auf diese Art gelangte ich zu den sogenannten musikalischen Grundformen eines jeden einzelnen Tropps, stellte die Assimilationsgesetze und alle hieraus folgenden Prinzipien fest, auf denen ich nun das ganze Tropp-System aufgebaut hatte. In der Interpretation des »Schwan na' und der .Chatafim', welche die Grammatiker nicht als volle Silben betrachten, habe , ich es vorgezogen, mit den Tatsachen zu rechnen: In der Kantilation sind .Schwan na' und die .Chatafim' musikalisch genommen, stets volle Silben. Es wäre daher gewiß interessant, die quantitativen Unterschiede der Süben im Notenbüde auszudrücken ... wenn diese , Unterschiede sich tatsächlich in der Kantilation widerspiegeln würden. Aber in der Kantüation läßt sich eine ganz andere Erscheinung feststellen, nämlich das Drängen der Silben des Vortes zur Tropp-Silbe. In diesem Laufe zum Ziel sind die Silben aller Quantitäten gleich. Ich habe daher auch dem Meteg nur eine dynamische, aber night kynetische Schattierung gegeben, weil auch die Meteg-Silbe in diesem Laufe mitgerissen wird." Dies ist der Weg eines schöpferisch tätigen Forschers. Zahlreiche Notentabellen von mathematischer Exaktheit und Uebersichtlichkeit belegen in anschaulicher Weise seine Thesen und dürften einen unentbehrüöien B«5»fg P% Vi&axs Studium der Tropp fc&fcx. . . . , Wirkten schon die von Rosowsky während des Vortrages vorgesungenen einzelnen Typen absolut neuartig, so hinterließen die zum Schluß vorgesungenen größeren Partien der Bibel in ihrer einzigartigen melodischen Schönheit und rhythmischen Verbundenheit mit dem Wort einen unauslöschlichen tiefen Eindruck. Zum ersten Male konnte man die ungeheure Macht des Bibelwortes in deren vollem Ausdruck wahrnehmen und erleben. Der wissenschaftliche Wert von Rosowskys Arbeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist schon heute mit Bestimmtheit anzunehmen, daß daraus Rückwirkungen auf die vergleichende Musikwissenschaft, insbesondere auf die Erforschung der Musik des Altertums, des Gregorianischen Chorals entstehen. Darüber hinaus erstrebt Rosowskys Arbeit eine Verbesserung, Vereinheitlichung und Vervollkommnung der Kantilationen des Tropps in den Synagogen auf Grund dieses genau ausgearbeiteten Phonemas, ferner die Schaffung einer völlig neuen Grundlage für die Unterweisung der Bibel in den jüdischen Schulen. Für uns jüdische Musiker bedeuten die Ergebnisse Rosowskys jedoch ein Material, das nicht ohne Einwirkung auf die Entwicklung der jüdischen Musik bleiben kann. Vielleicht wächst auf diesem Boden ein einheitlicher Stil, der endlich der Zerrissenheit und Traditionslosigkeit unserer heutigen Musikproduktion ein Ende macht. Professor Rosowsky sind wir für seine hingebungsvolle, aufopfernde Leistung zu höchstem Dank verpflichtet. Joachim Stutschewsky (Wien). 2wäif £fnpfelduH#€H> Von G. R y k 1 i n „Ignati Petrowitsch", wendete sich der Sekretär an den Direktor, „Sie erinnern sich doch wohl, daß wir vor zwei Wochen einen neuen Mann, einen Volkswirtschaftler, engagiert haben." „O ja, ich erinnere mich. Ja, engagiert. Das ist doch der . . . jener . . . wie heißt er nur . . .?" „Kirischkin heißt er." „Ja, richtig, Kirischkin. Man sollte schließlich mit ihm eine Aussprache haben. Ich habe ihn noch gar nicht gesehen. Arbeitet er eigentlich gut?" „Er arbeitet gut, aber ..." „Waii für aber?" „Ich glaube, man müßte ihn absägen!" „Absägen? Weshalb? Ich versteh' das nicht." „Weü mir aus seinen Papieren absolut nicht klar ist, was er einmal war." „Das kann man doch untersuchen und feststellen." „Dazu hab' ich keine Zeit. Bin zu sehr mit Arbeit überbürdet. Einfacher, ihn wegzuschicken und Schluß." „Aber Sie sagten doch selbst, daß er, der Kreischkin . . ." Nicht Kreischkin, sondern Kirischkin." „Gut, Kirischkin. Sie sagten doch selbst, daß er gut arbeitet." „Gewiß, aber es kommt mir nicht darauf an, daß er gut arbeitet . . . Vielleicht ist er gar ein Schulik und verbirgt sich hinter einer Maske, indem er gut arbeitet. Solche Sachen kommen vor." „Hm . . . Nun, wenn Sie einen Verdacht haben, daß er, der Karassajew . . ." „Nicht Karassajew, sondern Kirischkin . . ." „Gut, Kirischkin. Wenn Sie den Verdacht haben, daß der Kirischkin ein Schulik ist, ein Abenteurer, ein Schwindler, ein Scheinheüiger, dann kann man ihn doch nicht in eine andere sowjetische Institution abschieben. Man muß eine Untersuchung anstellen, und wenn er wirklich ein Schulik ist, muß man ihn gänzlich beseitigen." „Ich behaupte nicht, Ignati Petrowitsch, daß er ein Schulik ist, ein Schwindler. Ich habe hiefür keinerlei Beweise." „Nun, so muß man das feststellen." „Dazu habe ich keine Zeit. Bin mit Arbeit überbürdet. Es wird zweckmäßiger sein, ihn in aller Stille seines Postens zu entheben. Als Ausrede können wir benützen, daß wir den Stab bei uns verkleinern." „Er wird doch aber eine Empfehlung haben wollen." „So werden wir sie ihm halt geben. Der Hauptpunkt der Empfehlung wird lauten: Während der Zeit, wo er bei uns im Trust „Der Nagel der Saison" arbeitete, hat er sich von seiner besten Seite gezeigt." „Wenn Sie glauben, gut. Schreiben Sie ihm solch eine Empfehlung und schicken Sie ihn weg. So rasch wie möglich." So wurde es beschlossen und bald darauf waren beide, Direktor und Sekretär, mit anderen Dingen beschäftigt. 2. In unseren Trust kam er vom Trust „Der Nagel der Saison." .Weshalb hat man ihn vor dort weggeschickt? Freitag, den 18. Dezember, 8 Uhr abends, findet im Ehrbar-Saal das diesjährige Konzert des jungen, vl#- versprechenden Baritons Edmund Mühlsitock statt. Am Klavier Walter Taussig. Weil man dort den Stab verkleinern wollte* Aber man gab ihm eine gute Empfehlung. Auch wir werden ihn wegschicken müssen. Ja, wir werden das tun müssen, weil aus seinen Papieren nicht klar ist, was er einmal war. Und je schneller , man ihn los wird, desto besser- Was kann da schon sein? „Wirklich, was da schon sein kann. Schicken Sie ihn weg und geben Sie ihm eine gute Empfehlung. Im Empfehlungsschreiben wollen Sie ausdrücken, daß unser Trust den Volkswirtschaftler Kirischkin wegschickt, weil die Stelle, die man ihm zugewiesen hat, liquidiert, wird. Sie wissen doch, wie man solch eine Empfehlung schreibt." 3. „Was treiben Sie? Der Mensch hat doch zwei so ausgezeichnete Empfehlungen. Weshalb sollen wir ihm da die Stelle verweigern?" „Weil aus seinen Papieren nicht klar ist, was er einmal war ..." „Wenn dem so ist, schicken Sie ihn weg. Bei uns darf niemand unter einem Verdacht stehen." „Aber unter welcher Ausrede soll man ihn wegschicken?" „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf. Geben Sie ihm sine gute Empfehlung und schicken Sie ihn weg ... " 4.' Ein Jahr verging. Beim Volkswirtschaftler Kirischkin häuften sich bereits zwölf Empfehlungen, und jede war vortrefflich . . . Aber mit. den zwölf Empfehlungen in der Tasche war er ohne Posten geblieben. Auf der Suche nach einer Stelle hatte er in Erfahrung gebracht, daß man im Trust „Der Nagel der Saison" einen guten Volkswirtschaftler benötige, und er begab sich dorthin. Kirischkin nahm seine Empfehlungen heraus und wies sie dem Direktor Ignati Petrowitsch vor; alle, mit Ausnahme jener, die er seinerzeit vom Direktor Ignati Petrowitsch erhalten hatte. Nachdem Ignati Petrowitsch die elf Empfehlungen überlesen hatte, war er überaus begeistert: „Solche Menschen wie Sie können wir brauchen! Schon seit einem Jahr suche ich solch einen Menschen. Schrecklich, schrecklich! Warum sind Sie nicht früher zu mir gekommen? Sagen Sie, wieviel kriegen Sie monatlich?" „400 Rubel!" „Bei uns werden Sie 600 bekommen. Nicht weniger als 600 . . . Ich bin glücklich, endlich einen Menschen gefunden zu haben, wie Sie es sind! Ein ganzes Jahr habe ich solch einen Menschen gesucht ..." Aus der sowjetrussischen humoristischen Zeitschrift „Krokodil". Jüdische Unternehmer, denket an die jüdischen Arbeitslosen und fordert anläßlich der Wintersaison den Bedarf an Angestellten und Arbeitern aller Kategorien beim jüdischen Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, I., Kohlmessergasso 4, Tel. U-27-0-65, an. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Oesterreich: Fräulein Lilli — Silhouetten. England: Wie es euch gefällt. — Rembrandt. Amerika: Der König der Praueu — Der kleine Rebell — Der letzte Gangster — Die Matrosen kommen! — Die Wunderbar — Wir drei — Dein Leben gehört mir — Meuterei auf der Bounty — Erbfeind der Menschheit — Die Wüstenlegion — Show Boat — Eifersucht — Der letzte Mohikaner —Karriere — Hasard — Revolver oder Roulette — Ehe ohne Hochzeit — Der große Würger —- Lustig ist das Zigeunerleben — Skandal in der Oper — Das Dreieck. Faflnie unter Arierparagraph Schlußakkord — Schatten der Vergangenheit — Seine Tochter ist der Peter — Manja Walewska — Seine offizielle Frau — Mädchen in Weiß — Standschütze Bruggler — Schloß in Flandern — Servus Wien — Glückskinder (Ufa) — Fahr'n mu, Euer Gnaden — Das Mädcheu Irene — Blumen aus Nizza — Kontuschowka — Annemarie — Wo die Lerche singt — Romanze — Glückskinder — Du kannst nicht treu sein,