Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 615 (9.12.1936)
- Date
- 1936-12-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S DIB MEpp %'^mk9-j>^m Item fafyaästkek JudetitMH Meine Berührung mit dem bulgarischen Judentum vollzog sich während des Weltkrieges. Vom Frühjahr 1917 bis zum Spätherbst 1918 lebte ich als Publizist in Sofia, der alt-neuen Hauptstadt eines Landes, dessen ich heute mit angenehmen Gefühlen gedenke. Ich sah Land und Volk, Arbeit und Gesittung, Mensch und Natur, und dieses Schauen verband sich mit einer immer wachsenden Sympathie für eine nach außen nüchterne, aber von dynamischen Kräften getriebene Nation, deren Blut zu Taten aufruft. Die Vergangenheit des bulgarischen Volkes zeigt Epochen hoher, tapferer Gesinnung, und wenn man von den politischen Wirren des/Tages absieht, kann man leicht Plowdiv (Philippopel): Spaniolinnen Spuren dieser edlen Tradition entdecken — überall: beim Bauer, beim Arbeiter, beim Intellektuellen, beim Soldaten. Aus dem lebendigen Gefühl für seine eigene, tragische Geschichte heraus kann der Bulgare dem Juden alle Rechte des Staatsbürgers einräumen, ihn als gleichwertigen und gleichberechtigten Partner ansehen, und wenn es hier Spannungen gibt zwischen dem bulgarischen und dem jüdischen Bürger, so sind es nicht solche des Ausflusses des Glaubens, daß sich ein „erwachendes" Volk von allem, was nicht seiner Abstammung ist, zu distanzieren habe, als vielmehr (wie in vielen anderen Ländern) aus der wirtschaftlichen Struktur des Landes zu erklären. Der vulgäre Antisemitismus, wie er beispielsweise in den deutschsprechenden Ländern gepflegt wird, liegt dem Bulgaren nicht. Man könnte eher von Xenophobie, einer Frem&enfeindschaft, sprechen, die sich zeitweilig dort findet, wo ein Volk zu nationalem und kulturellem Selbstbewußtsein erwacht. Nichtsdestoweniger macht sich eine Art Ausscheidung des jüdischen Elements aus gewissen Bereichen bemerkbar, ein Prozeß, den ich bei meinen zahlreichen Besuchen' Bulgariens feststellen konnte. Wenn man bpeispielsweise die Lage der Juden des Weltkriegsendes und der letzten Jahre miteinander vergleicht, so; wird man zweifellos eine Verschlechterung der Situation konstatieren. Allmählich verschließen sich, wie mir mitgeteilt wird, den Juden die öffentlichen Aemter, die wissenschaftüchen Institute, ja sogar die großen kaufmännischen Konzerne. Nach einer Schätzung'von berufener Seite gibt es im Staatstrust nur 3 bis 4 Juden, in untergeordneten Gemeindestellen 20 bis 25 Juden. * Ueber die gegenwärtige Situation liegt folgender Bericht vor: In den Berufsständen Handelund Gewerbe hat sich in der letzten Zeit die Lage der Juden dadurch verschlechtert, daß sie Gefahr laufen, durch Zuhilfenahme gesetzlicher Mittel aus einzelnen Wirtschaftsbereichen hinausgedrängt zu werden. So ist beispielsweise vor kurzem ein Gesetz erlassen v/orden, das den Juden den Zugang in den Beamtenapparat der Staatslotterie und des Kasinos im Seebad Varna sperrt. Obwohl die Juden sich im Kaufmannsberuf ungehindert betätigen können, verarmt die jüdische Kaufmannschaft unaufhaltsam; die Gewerbetreibenden und Arbeiter sind in keiner besseren Lage. Die Angehörigen der freien Berufe erscheinen materiell etwas besser gestellt, alle aber sind einem außergewöhnlichen Steuerdruck ausgesetzt. Zur Zeit leben im bulgarischen Königreich rund 47.000 Juden (bei einer Bevölkerungszahl von rund 6 Millionen Menschen), davon 42.000 Spaniolen (Sephardim). Erfreulich ist die Tatsache, daß man in Bulgarien keine Assimilation im west- und mitteleuropäischen Sinne kennt. Nationale Juden und bulgarischer Patriotismus sind zu wohltuender Harmonie verschmolzen; Insbesondere während des Weltkrieges kam die Verbundenheit des bulgarischen Judentums mit dem gefahrbedrohten Vaterland zum Ausdruck. * Wie in anderen Ländern, sind auch in Bulgarien die Staatsämter den Juden verschlossen — eine Bestätigung dafür, daß die Berufsstruktur der bulgarischen Juden nicht weniger unglückselig ist als im übrigen Europa. Der Anteil der Juden an der Urproduktion und der Landwirtschaft ist sehr-bescheiden! obwohl beispielsweise die Eignung hiefür seitens der bulgarischen Juden in Palästina bewiesen wird. In der Industrie stehen 1837 Juden 33.000 Bulgaren, in der Angestelltenschaft 3700 Juden 13.500 Bulgaren gegenüber. Der Handel ergibt folgendes Büd: Bulgaren Juden Unternehmer . . . 48.643 4.802 Gehilfen..... 6.029 759 Angestellte .... 11.003 > 1.308 Arbeiter..... 13.887 934 In den freien Berufen wird die Zahl der Juden mit rund 280, die Zahl der Bulgaren mit rund 9000 angesetzt — wie man sieht, eine höchst ungünstige Proportion. Die innerjüdische Organisation kann als zufriedenstellend bezeichnet werden. Die Juden sind nach Gemeinden in einem Konsistorium (mit dem Sitz in Sofia) zusammengefaßt, verfügen über ein Netz gut geleiteter Schulen und zeigen eine Solidarität, die sich nicht nur äußerlich kundtut. Auch die Sorge für die Synagogen und jüdisch-kulturellen Einrichtungen obliegt den Gemeinden. Die bulgarische Jugend ist ausnahmslos zionistisch gesinnt. Ueber 300 Chaluzim leben in gut geleiteten Kibbuzim und bereiten sich zu palästinensischer Wiederaufbauarbeit vor. Gerade diese Haltung ist es, die sich den Respekt der bulgarischen Gesellschaft errungen hat, so daß man hier von der moralischen Eroberung wichtigen Terrains sprechen kann. Das jüdische Gesamtbild Bulgariens zeigt einige dunkle Punkte, allerlei Krankheitsherde sind festzustellen, die reichsdeutsche Hakenkreuzpropaganda ist nicht erfolglos geblieben. Aber es wäre übertrieben, von einer aktuellen Gefahr zu sprechen. o. r. Tatar Pasardschik: Synagoge CUamka-JUedcUeH Gesungen von Kindern in Erez Israel (Aus dem Hebräischen) Kreise, kleines Kreisel du, Kreise ohne Rast und Ruh Ueber Busch und über Bach, Ueber Baum und Haus und Dach, Hüpfe über Stock und Stein, Kreuz und quer, feldaus, feldein, Bleib am Flusse Kischon steh'n, Sag dein' Spruch, was du geseh'n. Sage so: Neß gadol haja po! Groß das Wunder, das gescheh'n! Ein großer Sumpf war dieses Tal... Nun wachsen Gärten auf einmal. Besiegt der Sumpf nach schwerem Krieg, Geführt hat nicht das Schwert zum Sieg! Nein! Arbeit, Arbelt ohne Ende; Arbeit, Fleiß durch tausend Hände! Kreise, kleines Kreisel, du, Kreise ohne Rast und Ruh, Hüpfe Uber Stock und Stein, Kreuz und quer, feldaus, feldein, Sag, was du gesehen hast: Sorgt nicht, Makkabäerhelden, Hört, was ich euch kann vermelden, Der tapfren Erben habt ihr viel, Das Land erobern — ist ihr Ziel. Ich sah sie harte Wege bau'n, Ich sah sie Fels und Stein behau'n, Ich sah sie ringsum Reben pflanzen, Nach schwerer Arbeit Reigen tanzen, Ich sah sie Eisenhämmer schwingen, Das Land durch Arbeit zu bezwingen. Kreise, kleines Kreisel, fort. Sag' es hier und sag' es dort, Sag'also: Neß gadol haja po. Groß das Wunder hier gescheh'n, f.«*. Sage stete, was du geseh'n! UetdihHtH du 1/Hdtka6äetze& Von Dr. Rachel Offner (Wien) Chanukah, das Fest der Auflehnung, das Symbol jüdischen Mutes! Am 25. K{slew beginnt das schlichte Lichterfest: das Fest der Freiheit, des Sieges. Das kleine Völkchen der Judäer ist umsponnen von einer Fülle von Ereignissen und Gestalten, deren Mut Staunen und Bewunderung erregen! In der glorreichsten Epoche der jüdischen Geschichte wird unser Blick von heldenmütige» Jüdinnen angezogen. Der römische Historiker Tacitus schreibt über die Makkabäerkämpfe: „Männer un<l Frauen erwiesen sich als gleich heldenhaft und fürchteten sich mehr vor der Sklaverei als vor dem Tode.».'1 Von der Tochter des Mathatia erzählt die Legende: Antiochus Epiphanes hatte die barbarische Sitte des jus primae noctis in Judäa eingeführt. Die kühne Auflehnung der Tochter des Mathatia gegen diese er* niedrigende Verordnung soll nach der Legende der Auf« takt zu den Makkabäerkämpfen gewesen sein. Josephus Flavius berichtet Uber das treu« Festhalten der Hasmonäerinnen an den jüdischen Volksgesetzen: Aus Protest gegen das von Antiochus erlassen« Verbot der Beschneidung haben sich unzählige Frauen mit ihren achttägigen Säuglingen in den Armen von den Felsen in die Tiefe gestürzt und den Märtyrertod ge« funden. Das zweite Makkabäerbuch schildert mit einer beispiellosen Tragik Märtyrerszenen einer Heldenmutter. Mit ihren sieben Söhnen wird eine alte Mutter (Chanah) vor den König geschleppt, weil sie sich weigert, das Judentum zu verraten. Mit hartem Mute ermahnt sie ihre Söhne, für das Judentum in den Flammentod zu gehen. Sie sieht einen Sohn nach dem. anderen den Märtyrertod erleiden. Sie bleibt standhaft. Dann stürzt sie sich in die Fammen... Der Geist dieser Heldenmutter ist auf die) Makkabäer übergegangen. # Wie eine Ergänzung zu dieser stillen Märtyrerini tritt uns die junge kühne Heldin Judith entgegen. Das Buch „Judith", dessen Abfassung nach der Ansicht der Apokryphenforscher in die Makkabäerzeit fällt, entrollt ein Gemälde von gewaltiger dramatischer Wucht, in dessen Mittelpunkt eine Heldin steht. Holofernes bedroht die Stadt Betulya. Durch. Wassermangel entkräftet, beschließen die Judäer, die Stadt dem Feinde auszuliefern. Inmitten dieser allgemeinen Mutlosigkeit erhebt sich die Gestalt eines Heldenweibes: Judith. Unerschrocken dringt sie in das Lager* des Holofernes und es gelingt ihr, das Volk von dem barbarischen Unterdrücker zu befreien. * f,pDer Geist der kühnen Hasmonäerinnen lebt fort in den jungen .tapferen Pionierinnen Erez Israels, deren wegweisendes Vorbild die Heldinnen der Makkabäerzeit sind.!re Schande de. er i^amen Als ich kürzlich in meinem Bücherkasten herumstöberte, fiel mir evn, Bändchen in die Hand, dem ich bisher nicht viel Beachtung geschenkt hatte. Es stammt aus dem nervösen Nachkriegs jähr 1920, ist bei Maos Hickel in. Brünn erschienen und betitelt sich „Von der Schande eurer Namen" — eine Flugschrift des Wiener Arbeitskreises für hebräische Sprache und Kultur — von A, Schwadron. A. Schwadron lebt heute in Jerusalem, als freier Schriftsteller und Forscher. Es gab also bei uns in Wien so et\oas wie einen Zirkel, der sich die Pflege der hebräischen Sprache und Kultur zur Aufgabe setzte... In der Schrift heißt es: „... jeder Nation ist eine große Anzahl von bestimmten Namen zu eigen, die deren Träger als zu dieser Nation gehörig stempeln. Diese 'Namen sind beladen mit der ältesten geschichtlichen und seelischen Tradition dieses Volkes und verknüpft mit den frühesten Wurzeln der nationalen Sprache. Bei uns aber, bei denen viele andere nationale Merkmale fehlen oder unvollständig sind, haben die Namen eine noch gewichtigere Funktion. Das macht den Namen zum Schiboleth, zum Aushange* Schild.. y Der Autor hebt seine Stimme: „... ich habe fürs erste den Vornamen iw> Auge» Dieser ist im Gegensatz zum Familiennamen ein frei« loillig gewählter, bleibender und erscheint nur immer als ein tief Persönliches, Intimes, Unabtrennliohes. Er ist ein Programm, ein Wegweiser: das Kind, daß Kurt oder Mathilde benannt wurde, erhielt damit den Bahnzettel: }JNach Deutschtum", das Arpad oder B,özsi geheißen uurde, ward ans Magyarentum gewiesen.. Der Ghettogeist wird deutlich gemacht: „...ich frage: Habt ihr eurem Namen nach euch nicht schon für unsere Feinde entschieden? ist euch die Scham über eure Namen noch nie zum Bewußtsein ge*