Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 615 (9.12.1936)
- Date
- 1936-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Kr. 613, vom 9. De2ember it&tf DU} NEtE WRLf Seite 7 ^^fu^-i^fHfie/ieH Von J. L. Perez Da nun einmal Chanuka ist, will ich euch von einem Menschen erzählen, von einem, der — nicht euch zugedacht — vor dem Ruin stand und durch ein Chanuka-Lämpchen gerettet wurde. . . . Glaubt ihr vielleicht, es sei ein goldenes oder ein silbernes gewesen? Nein. Ein Lämpchen aus gewöhnlichem Messing, abgenützt und sogar etwas verbogen. Es war ein altes Erbstück von vielen Geschlechtern her. . . . Unser Mann war früher einmal ein gutgestellter Bürger mit großem Haushalt, plötzlich reich geworden. \7ie — das hat hier nichts zu sagen. Man erzählt so manches. Man sagt, daß einmal ein Soldat mit einem Stück Metall dahergekommen sei und unser Bürger glaubte, es als ein Stück Eisen zu kaufen. Indes — als er es zu Hause gründlich ansah und abschliff, fand sich, daß es eine Stange Gold war, Gold ... unbekannter Herkunft. Wenn einer unserer Juden reich wird, kehrt er das Haus um. Legt ein „modernes" Gewand an, wird mit einem Wort „a Daitsch". Die Frau? Die Frau wird jetzt eine Dame, legt sofort den Scheitel ab. Und die beiden Sprößlinge? Aus dem Cheder heraus, ins Gymnasium hinein!! Man beginnt das Gesicht der Wohnung zu verändern. Es gab bei ihnen einen Schrank mit alten, jüdischen Büchern. Wozu Bücher? Weg damit! Schluß. Jetzt können wir sie ruhig dem iSchammes fürs Bethaus schenken. An Stelle des Bücherschranks stellte die Frau — pardon, die Madame — ein Tremo! (Trumeau) mit einem großen Spiegel. . . . Man rief einen Trödler herbei, verkaufte ihm die alten Möbel spottbillig und kaufte sich nun neue, moderne . . . Louis quatorze, Ludwig den Vierzehnten. Möbel . . . klein und fein und mit gebogenen Beinen, aber mit Bronze. Und auf kleinen Rädchen. Entzückend, eine Delikatesse! Man hat geradezu Angst, sie zu benützen. ... Sie hatten bei sich im Haus altes Silber: Ethrogbüchsen, Gewürzkästchen und ähnliche Dinge. Alles wurde jetzt veräußert, für Hochzeitsgeschenke verwendet; und dann wurde Glas gekauft, Kristall, Blumentöpfe, Vasen, ganz modern! Aber wie schon der Volksmund sagt, das Rad dreht sich. . . . Einige Zeit später ging alles bergab und es kameiivböse Tage. Die Söhne befanden sich im Ausland, wo sie studierten; es hieß, ihnen Geld schicken, aber Geld war keines da. Es ging immer schlechter. Wechsel kamen und kamen, würden prolongiert, wurden^ protestiert . . . und nirgends auch nur ein Pfennig auszuborgen. Ja, es kam so weit, daß sich unsere zwei Leute im Zimmer umsahen, ob nicht etwas zum Versetzen da wäre. O weh! Louis quatorze, Ludwig der Vierzehnte, war kaputt, Glas und Kristall dahin und die paar letzten Stücke mühselig mit Gips, zusammengehalten. So lebte man wiederum in Not und Bitternis. Und wenn man in Not und Bitternis gerät, erinnert man sich daran, daß man Jude ist. Die Madame, pardon, die Frau, leiht sich von ihrer Nachbarin das Frauenbetbuch und betet darin. Herr Salomon heißt jetzt wieder Schlojme Salinen und verrichtet wieder in Talles und Tefillin sein Gebet. Und wenn Chanuka kommt, sehnt er sich danach, die Chanukalichter zu. zünden. Lichtkerzen hat man sich irgendwie verschafft. Nun läuft man in die Küche, um dort ein Scheit Holz zum Anbringen der Chanukakerzen. Nichts da, nicht einmal ein Kienspan. Da entsann sich Schlojme Salmen plötzlich des alten Lämpchens von früher her, das er damals, ai3 ihm das Glück hold war, irgendwohin auf den Ofen geworfen hatte. „Schlojme Salmen, Schlojme Salmen", rief die Frau bittend, „das Lämpchen muß auf dem Ofen liegen, hol es doch herunter." Und sie schoben einen Tisch an den Ofen heran, stellten auf den Tisch einen Stuhl, Schlojme Salmen stieg auf, daß es knarrte und wackelte, Louis quatorze, Ludwig der Vierzehnte, ächzte und stöhnte, indes die Frau alles festhielt. . . . Und so holte er das Lämpchen. Ganz verstaubt war es, ward abgewischt, und sie zündeten die Lichter und beteten. Abend für Abend, am ersten, zweiten, dritten Tag . . . zündeten sie die Lichtlein an. Des öfteren gingen sie ohne Nachtmahl schlafen. Plötzlich ein Läuten. Die beiden sprangen auf. Sie öffneten die Tür, hereinstürzte ein bekannter junger Mann, ein Warenmakler. Was ist los? Dieser hält sich kaum vor Lachen: ,Nach Warschau ist irgendein verrückter Engländer gekommen, ganz glatt rasiert, und kauft mit Vorliebe alte Gefäße, alte Sachen, sozusagen Scherben, nur antik sollen sie sein. Er wartet di'außen. Soll ich ihn hereinrufen? Etwas wird sich doch bei Ihnen finden! Sie sind doch ein Mann von Stand, nicht von heute!?' Das alte Paar tauschte Blicke: Was wir schon haben! Aber flugs war der junge Mann draußen, die Tür öffnete sich, er schleppte den Engländer herein. Dieser lüftete den Hut, sah sich in der Stube um, sein Auge fiel auf das Chanuka-Lämpchen. Wie er es erblickte, stürzte er sich darauf wie ein hungriger Wolf, nahm es in die Hand, die zu zittern anfing. — „Meschugge", lachte der junge Mann der Alten zu. „Wieviel V fragte der Engländer in gebrochenem Deutsch. „Wieviel?" Kurzum, das Chanuka-Lämpcheri wurde verkauft. Man verließ sich auf des Engländers Rechtschaffenheit und nahm, wieviel er gab. Nach dem Abgang des Maklers und des Engländers blieben die Alten überrascht stehen und Schlojme Salmen sagte: „So Viel Geld! So viel Geld! Der Mann ist Verrückt." „Was weißt du, wer das war . . . vielleicht ein Wunder . . .", sagte sie. * Wie dem auch sei, sie waren wieder obenauf; hatten nicht nur auf Essen, sondern auch auf Waren, auf Handeln, und das Rad drehte sich wieder zurück ... es ging aufwärts. Schlojme Salmen wurde wieder Herr Salomon. Und wenn e& einmal gut anhebt, geht's gut weiter. Die Kinder, die im Ausland ihr Studium beendet hatten, schrieben, daß es auch ihnen endlich gut gehe. Einer der Söhne war jetzt in London ein angesehener Ingenieur, hatte dort geheiratet. Nun lud er die Eltern zu sich ins Haus. Also auf nach London, spielt keine Rolle. Dort bewunderten sie zuerst das schöne Heim des Sohnes und dann führten sie sich die Häuser, Straßen, Theater, Konzerte Londons, der großen Stadt, zu Gemüte., Eines Tages geleitete man sie in ein Museum. Stellt euch nun vor, wie verblüfft die beiden Alten waren, als sie in einer kostbaren Glasvitrine ihr altes, zerbrochenes Chanuka-Lämpchen wiederfanden. Sie erkannten es am verbogenen Füßchen, an den eingekerbten alten Löwen, an dem Zweig mit dem Vögelchen. ... * Die Alten blickten einander unter Tränen an. Haben Chanuka-Lämpchen bei den — Engländern solch einen Wert? (Aus dem Jiddischen von o. r.) Chanuka im Talmud Die Gedenktage im Kislev, * die wir als Chanuka feiern, haben natürlich im ] biblischen Schrifttum keine Quelle, da sie nachbiblisch sind. Im Talmud aber erwähnt sie mehrfach, besonders im.Traktat Sabbat (21a u. ff.), und zwar in dem zweiten Absch/tiitt; der von den zu den Sabbatlichtern tauglichen Dochten 'und Oeien handelt. Im allgemeinen sollen zum Chanukalicht nur solche Brennstoffe verwendet werden, die auch für das Sabbatlicht tauglich sind, damit sie nicht vorzeitig erlöschen. Zeit des Anzündens ist der Sonnenuntergang. An sich geHügt ein Licht für eine Familie. Die» pflichteifrigen« aber zünden für jede .Person ein Licht an; die Eifrigsten" nach der Schule Schammais am ernsten Abend acht Lichter und von da an täglich eins weniger — nach der Zahl der noch kommenden Tage, oder nach den Festop fern des Hüttenfestes, die sich auch täglich verringerten (Jf. B. M. XXIX, 13, 17 usw.). Nach der Schule Hillels ist die Zahl der ausgehenden Tage maßgebend und das Prinzip, daß man in heiligen Dingen nicht zurückgeht, sondern aufsteigt; daher soll am ersten Abend ein Licht und an den folgenden Abenden je eins mehr angezündet werden, bis am achten Abend acht Lichter strahlen. Solange die Juden in besonderen Gemeinschaften n wohnten, sollten die Lichter vor der Haustür brennen, um das Wunder öffentlich zu zeigen. Zur Zeit der Gefahr (vor den Persischen Feueranbetern, die keine Lichter auf den Straßen duldeten) genügt es auch, sie auf den Tisch zu steilen; jedoch muß man noch eine zweite Lampe haben, um sich ihres Lichtes zu bedienen. Nach allen aber soll das Licht von draußen, d. h. in der Oeffentlichkeit, gesehen werden. Als geschichtliche Veranlassung unseres Festes tvird nur das Wunder mit dem Oelkrüglein erwähnt. Die Rabbanan lehrten: Was bedeutet Chanuka f Am 25. Kislev ist das Fest der Tempelweihe acht Tage lang, an dem keine Trauerkundgebmg stattfinden und kein Fasttag sein darf, Denn als die Gnechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Oele. Nachdem aber die Hasmonäer stark und siegreich wurden, suchten und fanden sie einenmit dem Siegel des Hohepriesters versehenen Krug Oel unversehrt vor, für einen Tag ausreichend. Es geschah aber e{n Wunder, und das Oel reichte für acht Tage. Im nächsten Jahre bestimmte man, diese Tage mit Lob- und Dankliedern festlich zu begehen. lieber den Ort des Ohannkaleuohters wird bestimmt, Hin an der linken Seite der Eingangstür aufzustellen gegenüber der Pfostenschrift (Mesusa), die rechts angebracht ist. Es ist verboten, angesichts der Chanukalampe Geld zu zählen, um die Mizwa nicht zu profanieren und geringzuschätzen. Heber die Segenssprüche, die Einschaltungen im Achtzehn- und Tischgebet werden, Anordnungen getroffen, die uns aus der xU0bmtg und dem Brauohe bekannt sind, auch daß kein Mussaf, wohl aber an allen acht Tagen ganz Hallet gesagt wird. Sind nur die Mittel vorhanden für die Sabbathchter, so gehen die** dett OhämkaKehUm vor wegen der Behaglichkeit im Hause. Dagegen sind die Lichter dem Weihesegen über Wein (Kiddusch) vorzuziehen, wegen der größeren Bedeutung des Festwunders: xD^oioia Auch die Frauen sind zum Anzünden der Lichter verpflichtet, denn duch sie hatten Anteil an dem Wunder und sotten bei der Erfüllung der religiösen Pflichten im Hause mitwirken. In diesem Sinne ergeht auch die Mahnung der Weisen (Sabbat 83b) an uns: Wer auf das Licht achtet, dessen Nachkommen werden kundig in der Lehre und im Schrifttum sein; denn So heißt es (s. Raschi z. Stelle): Ein Licht ist das Gebot und die Lehre eine Leuchte. Durch die Beobachtung der Sabbat, und Chanukalichter und das Verständnis bei ihrem Anzünden toird religiöses Interesse und Eifer für Mizwa und frommen Brauch im Hßuse geweckt und die Hoffnung auf die wachsende Leuchtkraft der Gotteslehre in der Welt zum Ausdruck gebracht nach der Losung der Schule Hillels: Man steig* immer höher im Heiligen und Sittlichen und gehe nie zurück! ' ,; , ' -;- * QiU ts tm {iidlsckes StLÖHkeitddeat? Von Chaim Gut mann (Wien) Der Wiener Baumeister Gutmann veröffentlichte kürzlich eine kleine Schrift „Gibt es ein jüdisches Schönheitsideal?", die er nachstehend selbst anzeigt und bespricht.; / Zweck der Broschüre ist: An Stelle der oft unaufrichtig geäußerten Phrase „Ich hin stolz darauf, ein Jude zu sein" soll ein Gefühl der unbefangenen Freude an der jüdischen Eigenart treten. Um dies zu erreichen, will die Schrift zuerst die Juden veranlassen, die sicher unbeabsichtigten Unaufrichtigkeiten aufzugeben, die z. B. in der Einstellung vieler Zionisten gegenüber dem Nationalsozialismus zum Ausdruck kommen. Es ist eine Einstellung, die sich bisweilen der assimilatorischen bedenklich nähert; beispielsweise bezüglich gewisser Thesen, die mit alten zionistischen Forderungen übereinstimmen, wie: Beschränkung auf jüdische Kultur, Stammesreinheit u. a. m. Diese Einstellung kann dann zu so beschämenden Vorfällen führen, wie die Bemühung gewisser Juden, nationalsozialistischen Führer eine — jüdische Abstammung nachzuweisen. Halten sie selbst vielleicht die jüdische Abstammung für einen Makel? Weiters die schmalzige und verlogene Berichterstattung gewisser Touristengelehrten über die blonden jüdischen Kinder in Palästina und deren nordisches Aussehen. Mit dem also gefaßten Entschluß zu voller Aufrichtigkeit möge der Leser an das Studium der Phptos und Zeichnungen herangehen. Aus den Bildern ist zu sehen, daß der jüdische Typus innerhalb der europäischen Lebensformen häufig unharmonisch wirkt, unter artgemäßen Bedingungen jedoch ebenso schön und würdevoll ist wie der arabische. Es wird' weiters gezeigt, daß die Verschiedenheit der Nationaltrachten in den Unterschieden der repräsentativen Typen der Völker begründet ist, deren Erscheinung durch die Tracht gehoben und nicht entstellt werden soll. Unter repräsentativem Typus ist jener gemeint, der die gesammelten Merkmale des Stammes zeigt, in nicht übertriebener, aber auch nicht zu schwacher Ausbildung, kurz, in harmonischer Form. Repräsentative Typen hatten die Aegypter, die Assyrer, Hethiter, Perser, Griechen, heute haben auch die nordischen Völker einen solchen Typus. Auch wir haben unseren repräsentativen Typu», wenn dies auch die Rassenabwehrjuden nicht wahr haben wollen. Für viele Juden liegt allerdings dieser Typus noch unter einem Berg von Karikaturen begraben. Dieser Typus soll dann, wie auch bei anderen Völkern, in der darstellenden Kunst seinen Ausdruck finden. * (Die vorliegende Schrift will insbesondere die Jugend das unbefangene jüdische Schauen lehren, was durch den Versuch gefördert werden kann, geschlossene Gruppen von gut gewachsenen, gut jüdisch aussehenden Burschen und Mädchen in artgemäßer Kleidung und Haartracht zusammenzustellen und für Ehrendienste bfti Veranstaltungen, Oneg Schabbat usw., zu verwenden. Massenwirkung.) , . * Die Schrift ist zu beziehen bei: Buchhandlung Mejstrik, I., Wollzeile 6. Preis 20 Groschen. Ein neues Palästina-Informationsbudi Das Wiener Palästina-Amt hat dieser Tage ein neues Palästina-Informationsbuch herausgegeben, das in seiner Prägnanz und Sachlichkeit ein unentbehrlicher Führer für jeden Palästina-Wanderer werden muß. Alles, was der nach Palästina wandernde Jude wissen muß, ist in der Schrift des Palästina-Amtes übersichtlich verzeichnet. Der Laie wie der Kenner Palästinas finden überaus viel Wissenswertes und darüber hinaus wertvolle Anregrungen auf wirtschaftlichem Gebiet. Die Schrift enthält in ihrer Einleitung das Material über die Entstehung und Entwicklung des Wiener Palästina-Amtes und damit zugitich auch ein Stück öatflr» reichischen Zionismus.