Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 612 (27.11.1936)
- Date
- 1936-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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TSeit« 4 DIE NEUE WEIA Nr. 612 vom 27. November 1Ö36 3 x BERGHAM I RABENSTEIG 3 HIMMELPF0RT6. 5 KÖLLNcRHOFQAS E 1 Reinseiden-* Herrenhemden, beste Paßform nur 9 '80 Neue Sorten Herrenhemden. Pyjama u.Diessings für den Herbst bereits lagernd. In Preis und Reichhaltigkeit unübertroffen VMastiM. 1936 - eh Huäutktküt Das Leben auf dem Lande Von Prof. Dr. Max E i s 1 e r Der bekannte Kunsthistoriker und Kulturkritiker Prof. Dr. Max Eisler hat kürzlich Palästina bereist und in mehreren Vorträgen in Wien und im Ausland über seine Studienreise berichtet. Der Gelehrte stellte uns eine spezielle Fassung seiner Studien (siehe „Die Neue Welt" Nr. 606) freundlichst zur Verfügung. , Da ist das Land: Im Vordergrund erhebt sich der Karstboden, den, überall kühn geführt und trefflich gepflegt, die Autostraße durchmißt, in der Mitte breitet sich die Ebene Jesreel, die Hauptgegend der jüdischen Bauernsiedlung, in der Ferne beschließt der Höhenzug Galiläas den Horizont. Der Reisende, der diese Strecke durchfährt, hat vieles gesehen. Aber im bglückenden Gefühl seiner Fahrt meint er, daß er das Land und die Landschaft bis auf den Grund ihres Wesens erkannt hat. Und das ist ein touristischer Irrtum. Schon die Landschaft, diese alte, unveränderliche Quelle der Kultur, erschließt sich nicht im Fluge. Man wird in ihren Einsamkeiten verweilen müssen. Dann aber geschieht das Merkwürdige: man ist i n ihr, hat sie greifbar vor sich — trotzdem bleibt sie sagenhaft entrückt. Es ist ganz unmöglich, dieser Empfindung Herr zu werden, jede Aussicht bleibt hier Vision, überwältigt vom Unwirklichen, von verschütteter Erinnerung, von Ahnung und Andacht. Da hilft keine Photographie, und auch den Malern gelingt es nicht, noch nicht, das Entfliehende aufzuhalten, das Urgründige zu vergegenwärtigen. Hier aber gelingt es: denn in diesem Kopf eines alten, bärtigen Juden — einem der Meisterwerke palästinensischer Photographie von Helmar Lerski — ist die Landschaft von Erez Israel da, die Landschaft mit ihrem trockenen, in Rissen klaffenden Boden, mit ihren Klüften und Wölbungen, mit ihrer stetig starken bis i$die tiefsten Schatten eindringenden Sonne, mit ihren Klüften und Wölbungen, mit ihrer stetig starken, Rätsel, ihrem Wunder. Hier wird die Landschaft der Bibel gegenwärtig. Und das gleiche gilt auch für die übrigen Köpfe der Lerski-Serie „Der palästinensische Mensch", sie alle Bilder des erdgeborenen, erdgebun- 'denen Menschenwesens, über das das Geschick des Landes durch Jahrtausende hinweggegangen ist — Bilder, Sinnbilder des geheimnisvoll Beladenen, Vergangenen und doch auch Beständigen, und eben deshalb Antlitze nicht allein des Volkes, sondern auch der Landschaft in ihrer unberührten Reine. Aber schon auf den Hügeln verliert die Landschaft ihr ursprüngliches, bleibendes Gesicht, Charakter und Größe des Elements. Denn schon auf den Hügeln kommen wir in die Gegenden des umschaffenden Menschenwerkes, Stoff und Sinn unserer Aufmerksamkeit werden anders, die Ergriffenheit bleibt. Welch eine Arbeit! In der Steinwüste von Ginegar haben die jüdischen Pioniere tausende Bäumchen gesetzt, schon überspinnt ihr Netz das breit wogende Gelände, in wenigen Jahren wird hier ein Wald stehen und der Niederung seinen Segen bringen. In Kirjath Anawim haben sie den Boden in Terrassen zerlegt, und züchten — in Verbindung mit den Schulen und Versuchsstätten, für Agrikultur — die fürs Land am besten geeigneten Sprößlinge, die dann in die Pflanzungen gehen. In Bet Alfa haben sie die weite Fläche mit Orangenhainen und Feldern bedeckt, der Wunsch der Kinder vom Seder-Abend in En Charod ist hier schon verwirklicht: gartengleich blüht das Land, Wir sind durch drei Zonen über drei Stufen hinabgestiegen — aber die Mühe, die auf den Höhen und in den Tälern das zustande gebracht, ist die gleiche und wahrhaftig nicht gering gewesen. Denn vor kaum erst 15 Jahren waren ja Sand und Sumpf, was jetzt so anzusehen ist. Auch heute kann es nur durch Arbeit ohne Atem erhalten und entwickelt, auch heute muß es in Stunden der Gefahr mit bewaffneter Hand verteidigt werden. Aber nun sieht der Siedler die erste Ernte seiner unsagbaren Anstrengung. Wie es sich planmäßig breitet und an Raum gewinnt, wie in diesem Gemeingut die selbstlos tätige Gemeinschaft sich spiegelt und welch herrliche Früchte da reifen. Schwer hängt im dunkelgrünen Gezweig die Orange, nicht sinnfälligstes Zeugnis allein für die steigende Güte und Menge des jüdischen Bodenprodukts, sondern auch Symbol für die von der Bibel verheißene, aus Dürre und Oednis zauberisch hervorbrechende Frucht- Jähigkeit des Landes; denn hier geschieht es ja, daß in den Tagen des Einsammelns die Frucht des vergangenen und die Blüte des kommenden Jahres am gleichen Baume sich einstellen, so daß zwischen Reifen jmd Werden das Welken fehlt. Schwer hängt auch an ihrem Stock die Traube des Weins, seit ältesten Zeiten freudig begrüßtes Gewächs dieses Bodens, Gegenstand des Segensspruches bei der Heüigung der Festzelten, dann in den ersten Kolonien, den Gründungen des Barons Rothschild, sorgfältig gepflegt und gekellert, später durch die erfolgreiche Zitruskultur und die Konkurrenz des Auslandes in die Enge gedrängt, nun aber wieder — vor allem in Rischon-le-Zion — in Pflege genommen. Dazu die müde, nahrungsvolle Banane, die herb erfrischende Grapefrucht, der Weizen auf den Feldern und das mannigfaltigste, prächtigste Gemüse. Die Mahlzeit scheint bestellt. fftöBEL-UJlNTER für Gelegenheitskäufe Wien Vlll, Stadtbahnviadukt 23 bei Lerchen^elderstraße Telephon: A-21-5-31 Denn noch sind wir ja im Bauernteil des Landes. Der Bauer aber begnügt sich mit dem, was er aus eigenem Boden, durch eigene Arbeit gewinnt. Mehl, Obst und Gemüse, Milch, Eier und Honig bilden die hauptsächlichen BestandteÜe seiner Nahrung. Zwar züchtet er alle Haustiere, besonders Hühner, Schafe und Kühe, aber ihr Fleisch begehrt er nicht, könnte es sich auch nur selten leisten. Denn was immer er erübrigen kann, geht in die Stadt, um durch den Erlös, den es bringt, die Rückzahlung der Kredite und den Ausbau der Siedlung zu ermöglichen. Das geschieht vor allem mit Hilfe der Tnuwah, einer zentralen Organisation, welche die MUch zu Butter und Käse verarbeitet und das Mehrprodukt, aber auch den Ueberschuß an Milch, Eiern und Honig durch ihre im ganzen Land vorhandenen Läden dem Verbraucher zuführt. Es ist also diese Tnuwah nur der Gipfel einer genossenschaftlichen, trotz aller Schwierigkeiten schon hochentwickelten Planwirtschaft. Denn wie in den Gärten und auf den Feldern'.; durch chemische Düngung, Berieselung, Traktoren und Heumaschinen in wenigen Jahren der Landbau, so ist durch die richtige Auswahl und Kreuzung der Tiere, durch automatische Brutkästen, Pasteurisierung u. a. m. auch die Viehzucht schon eine Art praktischer Wissenschaft geworden. Selbst die Tiere vollbringen Höchstleistungen. Die neuen Leghornhühner legen dreimal mehr Eier als ihre gewiß auch redlich bemühten Vorgängerinnen und die prächtigen, Kühe, die neben ihren arabischen Kolleginnen anzusehen sind wie die sieben fetten neben den sieben mageren Jahren, haben im letzten Dezennium — den Selbstverbrauch der Siedlungen abgerechnet — den Milchertrag von lVa auf 11V2 Millionen Liter hinaufgebracht. Wintersport / heilklimatischer Höhenluft* kurort / schneesicher Pension Geschwister Scheer Jetzt Haus Waldruhe Direkt an See und Wald / Vorzügliche Küche / Streng "W3 / Saisonbeginn Mitte Dezember_ Dieser erstaunlich hohen und straffen Entwicklung der Landarbeit entspricht vorderhand nur in bescheidenem Maße auch das Bild der Siedlungen, der Gemeinwirtschaften im Emek; der Boden nationales Eigentum, Eigentum des Keren Kajemeth, die Gelder für die Einrichtung, das Saatgut, den Viehstand geliehen vom Keren Hajessod. Die Kette unserer Bilder durchläuft ein mühseliges, dürftiges Leben. Trotzdem steht es im Glanz. Denn es ist ja ein Leben der Arbeit, einer Arbeit, allen zum Nutzen, keinem zum Gewinn. Und zuletzt zeigt sich auch schon ihr zweifach edler Sinn: das Glück des Kindes, der Segen der Erde. Deutlich treten die Formen der Siedlungen — dieser Zellen, aus denen Schritt für Schritt das jüdische Land sich bildet — in zwei gegensätzlichen Typen zutage. Den einen, bisnun die Regel, zeigt das Bild von Mischmar Haemek. Das ist der natürlich gewachsene Typ. In der Umgebung des Wasserturms, mit dem die Blüte der Pflanzung steht und fällt, haben sich die weißen, flachgedeckten Gebäude Stück für Stück, nach dem wachsenden Bedürfnis und Vermögen der Siedler, eingestellt, die Anlage folgt dem freien Zug des Geländes, sie atmet die reine Luft der Gegend, ihr Ausblick richtet sich gegen das Tal, das Tal Sebulon. Den zweiten, planmäßigen Typ, der in anderer Form seit jüngster Zeit immer mehr, besonders in der Bucht von Haifa vordringt, zeigt Nahalal. Das Kreisrund der verschiedensten Bauten, durchschnitten von den Hauptwegen, begleitet von den bepflanzten Parzellen, alles gerichtet gegen den Punkt in der Mitte — Bild und Sinnbüd des zentral organisierten Gemeinschaf tswillens, der nun schon klarer, rationeller denkt und seine Entschlüsse mit zielbewußter Voraussicht trifft. Unter solchen inneren, immer sozialen Umständen wird man sich nicht wundern dürfen, daß gerade in diesem Kreise, im bescheidenen, ja dürftigen Lebenskreis der Siedlungen, auch die wichtigsten Anfänge einer neuen, jüdisch-palästinensischen Bauweise auftreten, selbstredend nicht pompöse Werke der Kunst, sondern schlichte Versuche, den Besonderheiten des Himmelstriches vernünftig und freundlich beizukommen. Und man wird sich auch nicht wundern dürfen, daß es gerade eine Schule ist, die das beste, einfachste und einleuchtendste Beispiel dafür liefert. Auch hier wiederholt sich ein Vorgang, den wir aus der biblischen Zeit unseres Volkes schon kennen. Man erinnert sich: Als vor dem Einzug in Kanaan das Land jenseits des Jarden erobert war, traten die Heerführer der herdenreichen Stämme Reuben und Gad vor Mosche und erbaten sich das Land zum Besitz. Sie wollten als Waffenbrüder mit den anderen hinüberziehen, aber vorher wollten sie auf dem Boden, den sie begehrten, Häuser errichten für ihre Kinder und Hürden für ihre Schafe. Das war der Vorgang, das ist er geblieben. Auch heute wohnen selbst in blühenden Siedlungen die Siedler sehr häufig noch in Hütten, nicht selten noch in Zelten, denn sie, die bei der Arbeit die ersten sind, wollen bei dem Vorteil, den sie bringt, die letzten sein. Ihre erste Bausorge güt den festen und gesunden Häusern für die Kinder und den Ställen für das Vieh. Die Kinder von Nahalal haben es gut. Ihre Schule enthält eine geräumige Halle, darüber ruht auf freien Stützen das Dach. Die überdeckte Terrasse zieht von allen Seiten den Wind an sich, das ganze Haus — durch neun Monate im Jahre der heißen Sonne ausgesetzt — wird angeweht, oben streift die Luft durch und kühlt das Dach. Das ist nur ein Beispiel, ein kleines, unansehnliches Beispiel./Aber vom Standpunkt der neu jüdischen Kultur hat es die schönste, reichste Bedeutung., Denn es zeigt, daß auch auf dem Felde der Baukunst die Einsicht immer tiefer eindringt in die Gegebenheiten der Landschaft, sich immer reiner, immer lebendiger verknüpft mit dem Wesen des Landes. Doch zuletzt ist alle Arbeit, schon auf dem Lande, nur Mittel zum Zweck, der Zweck aber die Heranbildung des Menschenschlages für das neue Volk. Denn bei jeder Kultur kommt es nicht darauf an, welche Güter sie hervorbringt, sondern welche Wirkungen diese Güter auf die Erstaf kung, Veredlung der Menschen ausüben. Da sind die Jüngsten, die Kinder oder gleich ein ganzer Haufe von ihnen. Mit welcher Sorgfalt, welcher Liebe hat man sie vom ersten Tag herangepflegt! In Dagahiah kamen wir an einem Vormittag vorbei an dem hochbeladenen Heuwagen, der gerade eingefahren war, dann an den Pferden, die gewaschen und gestriegelt wurden, an dem Verschlag beim blanken Kuhstall, wo ein Jungtier, vor einer Woche erst geworfen, sich sonnte, an der Stelle, wo die Milch gesiebt, in Kannen geschüttet und für den Versand plombiert wurde, endlich zu der offenen Scheune, wo an hundert Schafe, die Köpfe zwischen Stäben, von eilfertigen Händen gemolken wurden. In wenigen Schritten hatten wir, verwirrt, ja beklommen, das Bild dieser vielfältigen, rastlosen, aufreibenden Tätigkeit in uns aufgenommen. Nun aber standen wir auf einer kleinen Anhöhe. Ein Zaun umschloß den Vorgarten eines freundlichen Hauses, im Garten standen auf hohen Gestellen zwei geräumige Käfige, von breitmaschigen Netzen umstrickt, von oben durch Decken geschützt. Und in diesen seltsamen Käfigen lagen, von einer Wärterin betreut, die saubersten, blühendsten, schönsten Kinder, die man sieh vorstellen kann. Inmitten der hart schaffenden, von Mühe zu Mühe gehetzten Siedlung erhob sich hier eine Insel der Seligkeit. Die Siedler versagen sich vieles, aber sie scheuen kein Opfer, um schon dem Säugling alles zu bieten, was so ein Säugling sich nur wünschen kann. Mit strahlendem Lächeln eilen sie hier vorüber. Und dabei bleibt es. Dann sind die Kinder schon größer geworden, die Ernte ist eingebracht, jetzt liegen sie im Strohgebirge, die meisten mit heller Haut, mit blauen Augen und blonden Haaren, alle voll Gesundheit und unbekümmerter Lebenslust. Einige Jahre nachher erscheinen sie fast schon erwachsen. Aber ihre Verflechtung mit der Landschaft ist geblieben. Nicht allein mit ihren klugen Augen, auch mit ihren andrängenden Gebärden, ja mit der Aufmerksamkeit ihres ganzen Körpers betrachten sie die Pflanzen ihres Landes, auf dem sie geboren, mit dem sie verwachsen sind; Nun brauchte man nur noch dem lieben Gott die Tür zu öffnen und das Paradies wäre wieder da. Voll Kraft und Schönheit auch das junge Men*