Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 610 (20.11.1936)
- Date
- 1936-11-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2712150-2712235--6156-2719870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
910 vöttt 26. NövStttöftr 1936 Dl« JfiEÜÄJ Safte 5 AUS ALLER WELT Lord Melchetts Vorschlag Aus Londoh: Lord Melcfiett veröffentlicht im „Spectator" eilten Aufsatz, in dem er einen großzügigen Auswanderungsplan zur Lösung der Judenfrage in Mittel- und Osteuropa entwickelt. Lord Melchett schlägt vor, daß jährlich 35.000 junge Juden im Alter von 18 oder 19 Jahren aus Polen auswandern sollen. Dadurch würde im Laufe von zwanzig Jahren die Zahl der Juden in Polen um die Hälfte verringert werden. Wenn In diesen Plan auch Deutschland, Oesterreich, die Tschechoslowakei und Rumänien einbezogen werden, so wurden jährlich 60.000 bis 70.000 junge Juden nach Palästina kommen, wodurch die Lösung der Judanfrage in diesen Ländern nur noch ein einfaches mathematisches Problem darstellen würde. Eine solche zionistische Lösung ist das einzige Mittel, um zu verhindern, daß die jüdische Jugend vollkommen verelendet und durch den Antisemitismus in radikal-politische Lager abgedrängt werde. Der Verfasser fordert eine Konvention der europäischen Mächte zur Lösung der Judenfrage, die sonst verhängnisvolle Formen annehmen müßte. Der Erzblschof von York Aus' London: Der Erzbischof von York, der Bischof von Croydön, der Dekan von Canterbury und der Dekan der St. Pauls Kathedrale, sowie Sir Norman Angell unterzeichneten eine von der Gesellschaft für Freundschaft zwischen Christen, und Juden erlassene Kundgebung, in der erklärt wird: „Die Haß Propaganda gegen d i e J u d e n ist ein Erzübel, unvereinbar mit den Lehren der Religion und das religiöse Leben der Nation gefährdend/'.. 21 englische Soldaten in Palästina gefallen Aus London: Im Unterhaus fragt6 am 18. November der Abgeordnete Major Despencer-Robert- »on den'Kriegsminister, wie groß die Zahl der englischen Verluste in Palästina sei; -Die Anfrage wurde von dem Unterstaatssekretär für das Luitschiffahrtswesen, Sir Philipp Sassoon, beantwortet. Er teilte mit, daß die Zahl der englischen Verluste ohne Berücksichtigung dpi'. Polizei vom 15. April bis 14. September 1936 121 Mann betrug, von denen 21 gefallen oder an Verletzungen gcst.orben sind. •>:~ Ir , ... ,...... . ... , ... , Ungarn und Hider*DeutsdiIand , - ■ Aus Berlin: Eine große Reihe reichsdeutscher Zeitungen:-veröffentlicht einen gleichlautenden, offenbar vom Reichspropagandaministerium ihnen' diktierten Bericht über die politische Lage in Ungarn nach dem Tod von Gömbös, der dazu bestimmt ist, auf das Kabinett Däranyi in Ungarn einen Druck dahin auszuüben, daß es seine Judenpolitik nach dem Wunsche des Dritten Reiches einrichtet. Der Bericht lautet: „Das Judentum hat den Töd des Ministerpräsidenten G ö m b Ö s zum Anlaß einer großen Offensive gegen den bisherigen Regierungskurs und für die Wiedererrichtung des ,;iiberälen Zeitalters" genommen. Juden, Liber ale und L e g i t im is t e n haben sich zur Erreichung dieses Zieles zusammengetan, und der frühere langjährige Ministerpräsident Graf Stephan: Bethlen' hat sich zum. repräsentativen Wortführer dieser' Bewegung gemacht... Die liberal-jüdischen Blätter ver- künden, daß jetzt die Epoche Bethlen wiederkehre, die Zeit, in der bekanntlich das Judentum in Ungarn seine Hochkonjunktur erlebte. Der neue Frontalangriff des Judentums ist allerdings nicht ohne Antwort geblieben, Die Regierungsblätter und vor ailem der nationalvölkische „Uj Magyarsag" reagieren in schärfstem Ton; und stellen offen und unumwunden die Judenfrage zur Debatte. Die ungarische Presse spiegelt heute den großen, zweifellos entscheidenden weltanschaulichen Kampf wider, der sich, wenn auch nur sehr langsam, heute" in Ungarn vollzieht. Es ist kein Zweifel, daß die Juden frage sich immer mehr zuspitzt, daß sie zur Schicksalsfrage des Kabinefts Daranyi werden kann. Die nationalen Gegenkräfte gegen das Judentum sind heute noch zersplittert und wenig einheitlich. In der Regierungspartei gehören von 165 Abgeordneten etwa 85 Abgeordnete der radikalen Rechtsgruppe an. Ueber die zukünftige Haltung der Regierung zur Judenfrage liegen bisher noch keine Anzeichen vor. Zweifellos ist das Kabinett ausnahmslos national-christlich-konservativ und in der Weltanschauung auch judenfeindiieh eingestellt. Ob die Regierung aber die Kraft und Entschlossenheit finden wird, sich an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen und das große natioj nale Reformwerk von Gömbös in seinem Geiste durchzu- \ führen, muß abgewartet werden." j Die Unruhen an den Budapester Hochschulen Aus Budapest: An den Budapester Hochschulen haben nach . dreitägiger Pause die Studenten- Unruhen wieder begonnen. An der Technik drang eine Gruppe von Studenten in die Hörsäle und die jüdischen Studenten wurden aufgefordert, die Vorlesungen acht Tage nicht zu besuchen. Die jüdischen Studenten verließen hierauf die Hochschule. Auch an der Musikhochschule und an der medizinischen Fakultät kam es zu Störungen, in deren Verlauf drei jüdische Studenten insultiert wurden. Die deutsche Nazi-Presse und Henleins Präge? Organ „Die Zeit", die über Solche Vorgänge früher und besser informiert zu sein pflegen, melden: An der technischen Hochschule wurden Flugzettel verteilt, in denen die Studenten aufgefordert werden, in den Abendstunden vor drei großen jüdischen Bankhäusern Kundgebungen zu veransalten. in den Flugzetteln heißt es, das. Personal dieser Bank bestehe zum größten Teü aus Juden, während die christliche akademische Jugend Ungarns hungere. Die jüdischen Banken müßten unverzüglich veranlaßt werden, mindestens 95 Prozent christliches Personal zu beschäftigen. Alle Uerulßlfölt!$un$en iür Firmen und V«feine Vervlolflltigungsappartta, neu und Rebräucht (aelegenheitsitiufe stets lagernd), sämtliche Zube höre. Witroftky. Wien II, ftambraitcftstrai!« Je. Telephon A-4.V7-63 Aus Polen Aus Warschau: Die nationaldemdkratischen Studenten entsandten eine Abordnung zum Rektorder Wilnaer Universität, um ihm folgende.Forderungen zu unterbreiten: 1. In den Hör- und Arbeitssälen sollen die jüdischen Studierenden im Hintergrund links Platz nehmen; 2. alle Disziplinaruntersuchungen gegen „nationale Studenten" sollen niedergeschlagen werden; 3. alle jüdischen Assistenten der Wilnaer Universität sollen entlassen werden. Als der Rektor die Forderungen ablehnte, hielten die Nationaldemokraten eine Versammlung ab, in der beschlossen wurde, das Akademische Haus zu besetzen und es nicht zu verlassen, bis die Forderungen erfüllt werden. Etwa 1000 Studenten besetzten darauf das Haus. Rund 30 von ihnen wurden durch Polizei verhaftet. Der Sejmdeputierte und Wilnaer Rabbiner Jizchak Rubinstein besuchten den Wilnaer Wojwoden Oberst Baczanski und schilderte ihm die Leiden der jüdischen Bevölkerung in Zusammenhang mit 'den letzten antisemitischen Ausschreitungen. Der Wojwode versprach eine strenge Untersuchung und Verstärkung der Polizeipätrouillen. 9toud)en.... unö bod) blenöenti toetfje 3öljne! 25er mtDfät&ifl6 sffiwMaß, btt bei ftatfem Kausen leitdjt entfielt uttb had) unö nox§ bett Babn^mela angreift, tarn auf bie einfa^fte 2lrt entfernt toerben. - Morgens als Erstes bic ßäfme grünbliäj mit G^foröboitt bufeen. ©fj'loroöont, btc lerrltä) etifrifä)ettbe ^JeffettÄ* Mnpafte, """fr ^ird) ^re ftarfc 5Retniguttg9traft feH&ft geibgefäiföte gähne Henbenb toetfc unb entfernt b^tt §äD« Itd)en, fd)ä4)Itd)en Sa^nfielag. . Abends als Letztes ^ov bem ®d)Io.fengeBen .unMmtigt bte ©bei jereftc aus bett gafynjnrifdjentäitimett burd) no<f)imiaItgc grünkto>e Uhmtgmtg mit ©^lorobbttt^ötittbafte •entfernen. ©Morobont, Idjauwenb ober nid?tfcfiäutnenib, betöe Oualttätett (ftrib-gteid) gut.»* S.Hj-90. Qe^etr. ^eMgn.t^:; 3 Spritzer Chlorödont-Mundwasser in das Mundspülglas erhöhen die erfrischende Wirkung dör tegelmüßlgen Zahn- und Mundpflege mit' Chlorodont. Während der letzten Unruhen an der Universität Wilna wurden auch ,der Dozen t Dr. Michael Rubinstein, Sohn des Sejmdeputierten Rabbiner Rubinstein, sowie der christliche Dozent Hurynowicz, der Rubinstein zu schützen versuchte, barbarisch m i ß h and e 11. Bei der Zerstörung von , Redaktion und Druckerei der jiddischen. Tageszeitung „W i 1 n 6 r 'T,q g" wurde der Drucker Alexander Schweikel bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen, er wurde in bedenklichem Zustand ins" Krankenhaus gebracht, i *, Der Rektor der Universität Lemberg hat. es abgelehnt, die Forderung der hationaldemokratischen Studenten nach Einführung von „Ghetto-Bänken" für die Juden zu berücksichtigen. Einer Abordnung der nationaldemokratischen Studentenschaft, die, ihm diese Forderung überbrachte, erklärte der Rektor: „Wir werden nicht zum 12. Jahrhundert zurückkehren." Da die Abordnung daraufhin erklärte, keine Gewähr für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. übernehmen zu : können, .verfügten die Hochschulbehörden die Schließung der Universität und der Technischen Hochschule auf unbestimmte. Zeit. Die Absage des Rektors an die Nationalisten hatte zur Folge, daß nationaldemokratische Studenten Gruppen bildeten, die s|ch über die Stadt zerstreuten und jüdische sowiejüdisch aussehende ' Passanten brutal niederschlugen. Aus verschiedenen Teilen Ostgaliziens werden wiederum Ueberfälle auf jüdische. Dorfbewohner mit schwerwiegenden Folgen gemeldet. Der dänische fuslfemmisfer gegen ludenhetxer Aus Kopenhagen: Vor kurzem wurde auf Veranlassung des Justizmihisters S t e i ri c k e ein Prozeß gegen sechs nazistische Literaten angestrengt, welche antisemitische Broschüren gemeinhetzerischer Art verfaßt und auch selbst verbreitet hatten. Der Anklage wurde ein älteres Gesetz zugrunde gelegt, laut welchem Verspottung und Verhöhnung einer vom Staate anerkannten Religionsgemeinschaft unter Strafe gestellt ist. Der Justizminieter ,gab den Vertretern der Presse eine Erklärung ah* Erwiderung auf die än ihm in diesem Zusammenhang geübte Kritik. Dem Minister 'wurde vorgeworfen, daß er gegen die Beleidigung der Juden einschreite, dagegen es ruhig zulasse, daß Bert ' Brechts „RundSchädel undSpitzschädel^ auf einer Kopenhagener Bühne gegeben wird, „obwohl das Stück Beleidigungen gegen die katholische Religion enthalte". (In der Presse wurde Bert Brecht ajs Jude bezeichnet, was aber falsch ist:) Der Minister erklärte, im April d. J. habe sich die Re* präsentanz der Jüdischen Gemeinde an ihn gewandt und um Einschreiten gebeten, unter Hinweis darauf, däß die Angriffe gegen die Juden von einer 30 gefährlichen Art Seien, daß in breiten Schichten der Bevölkerung die Ansicht entstehen könnte, als ob jeder Jude ein Verbrecher schlimmster Art sei. Nachdem nunmehr der Minister sich mit dem tu halt der Broschüren und des Wochenblättchens „Stornier" („Stürmer") bekannt gemacht hatte, fand er, daß die Verspottung und Verhöhnung der Juden und der jüdischen Religion von einer so grenzenlos groben und zynischen Art sei, daß man es der jüdischen Repräsentanz nicht verweigern könnte, eine gerichtliche Entscheidung herbeizuführen. Nach einer Beratung mit dem Staatsanwalt und den Polizeibehörden sei dann die Anklage erhoben worden. Palä§ti'na-Tagung der deutschen Juden Sonntag, am 15. November, fand in Berlin die Palästina-Konferenz der Juden in Deutschland statt. An ihr nahmen Vertreter der großen jüdischen Organisationen, der Gemeinde sowie der Ortskomitees der Jewish Agency in Deutschland teil. Etwa 200 Delegierte aus allen Städten des Reiches und sehr viele Gäste waren gekommen. Der Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland Rabbiner Dr. Baeck verlas folgende von der Reichsvertretung auf ihrer Sitzung in Frankfurt am Main angenommene Botschaft: „Die Reichsvertretung als Gesamtvertretung der Juden in Deutschland erneuert im Einklang mit der in ihrer programmatischen Kundgebung vom 22. September 1935 abgegebenen Erklärung ihr Bekenntnis zum Palästina-Aufbau, und zu den Pflichten, die das große Werk jüdischer Erneuerung im Lande der Väter allen jüdischen Gemeinschaften auferlegt. Das jüdische Aufbauwerk in Erez Israel hat der schweren Belastung, die Streik*und Terror sechs Monate lang ihm auferlegt haben, ungeachtet aller schweren Opfer mit bewundernswerter Disziplin und Zurückhaltung standgehalten. Jetzt, da unsere Brüder und Schwestern zum friedlichen Werke des Pflanzens und Bauens zurückkehren, tritt die Auseinandersetzung um unser Recht auf die Nationale Heimstätte in Erez Israel in einen neuen Abschnitt ein. Vor der „Royal Commisslon" wird die Leitung der Jewish Agency for Palestine den Anspruch vertreten, den Balfoux-Deklaration und Völkerbundsmandat feierlich anerkannt haben. Für 35.0Öö Juden .aus Deutschland ist Palästina zur neuen Heimat geworden, weitere Taus ende rüsten zum Aufbruch. Die jüdische .Gemeinschaft in Deutschland spricht durch die Reichsvertretung die Erwartung aus, daß das Ergebnis der Untersuchung der Royal Commisslon der Mandatsregierung die uneingeschränkte Fortsetzung von Einwanderung'^und Aufbau und die volle Verwirklichung der Balf our-D eklarati on und des Palästina-Mandats ermöglichen wird." Die Konferenz faßte einstimmig folgende Resu-. lütion: „Die Palästina-Konferenz der Juden in Deutschland begrüßt die Resolution, welche die Reichsvertretung der Juden, in Deutschland auf ihrer Sitzung in Frankfurt a. M. am 2. November 1936 gefaßt hat." „Die Konferenz bekennt sich zu der Ueberzeugung, daß es die Pflicht der Judenheit in Deutschland ist, durch solidarischen Einsatz aller ihrer Kräfte den Anspruch zu erhärten, den sie, gemeinsam mit der jüdischen Gemeinschaft in allen Ländern, auf unbeschränkte Fortsetzung des Aufbauwerkes in Palästina erhebt." „Das Zionistische Aktionskomitee hat das jüdische Volk aufgerufen, zur Sicherung, Festigung und Erweiterung des Palästina-Werkes über das normale, zur Fortführung der regelmäßigen Aufbauarbeit bestimmte Jahresbudget hinaus in kürzester Frist einen Sonderfonds „Mifal Bizzaron u'Witachon" von 300.000 Pfund zu schaffen. In Deutschland wird die diesjährige Arbeit des Keren Hajessod für Absiedlung von Juden in Palästina mit dem „Mifal Bizzaron u'Witachon" verbunden." „Die Palästina-Konferenz der Juden in Deutschland ist gewiß, daß die jüdische Gemeinschaft in Deutschland in entscheidungsvoller Stunde einmütig und geschlossen dem an sie ergangenen Rufe folgen wird." Sprechverbot für Dr. Michael Traub Aus Berlin (J. T. A.): Die Gestapo hat dem Leiter des Keren Hajessod für Deutschland, Dr. Michael Traub, verboten, auf der Palästina-Konferenz der deutschen Juden, die am 15. November in Berlin abge« halten wurde, zu sprechen. 50.000 Juden kamen in zehn Jahren nach Argentinien Aus Buenos Aires (J. T. A.): In den Jahren 1926 bis 1935 sind 50.506 Juden als Einwanderer nach Argentinien gekommen. Die Gesamtzahl der Argentinien- Einwanderer in dieser Periode betrug 864.003 gegen eine Zahl von 465,115 Auswanderern. Unter den Auswanderern waren nur sehr wenige Juden. Die jüdische Bevölkerung in Argentinien betrug Ende 1935 laut Zählung der J. C. A. (Jewish Colonization Association) 260.235 Seelen. 55 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Argentiniens leben in, Bueno.s Aires, größere jüdisohe Gemeinden gibt es in den Städten Rt>sario, Cordoba, Santa-Fe, Bahia- Bianca; 21.000 jüdische Seelen leben in den von Baron Hirsch gegründeten J.-C.-A.«<Kolonien.