Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 610 (20.11.1936)
- Date
- 1936-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 610 vom 20. November 1Ö36 DIE NEUE WELT Seite 3 ' Winterhilfe Seit Jahren empfinden es alle sozial Fühlenden als Ehrenpflicht, sieh ihrer unglücklichen, darbenden Mitmenschen in erhöhtem Maß anzunehmen, wenn die Unbilden des Winters das Leid der Armut ins Unerträgliche steigern. Die „Winterhilfe" ist zu einer ständigen, segensreichen Einrichtung geworden. Auch der Vorstand der WtencT Isarelltisehen Kultusgemeinde wendet sich in einem Aufruf an die Gemeindemitglieder mit der Bitte, über ihre allgemeine Bürgerpflicht hinaus noch eine besondere Menschenpflicht zu erfüllen und für die durch vielfaches Leid bedrückte arme jüdische Bevölkerung ein besonderes Notopfer in Form eines mindestens 20prozentigen freiwilligen Zuschlages zur Kultussteuerzu bringen. Fast drei Millionen Schilling jährlich verausgabt die Kultusgemeinde für ihre Fürsorgo zwecke (Spital, Altershelm, Jugendfürsorge, offene Fürsorge etc.), und dtich ist alles unzureichend angesichts der furchtbaren Not, in der der größte Teil der Wiener Judenschaft lebt. Wenn diese Hilfsaktion, wie zu hoffen ist, wieder das Verständnis und die Hilfsbereitschaft der Wiener Juden finden wird, dann werden nicht nur Tausende von Kindern, Frauen, Greisen und Kranken vor Kälte, Hunger und Obdachlosigkeit bewahrt bleiben, es wird auch ermöglicht werden, die allgemeine Fürsorgetätigkeit der Kultusgemeinde auf wichtigen Gebieten zu erweitern. klatkeksfuegel Das Schicksal der Juden Wenn man bedenkt, daß heute allein in Nordamerika Millionen Juden wohnen, davon in New York fast 2 Millionen, dann begreift man, mit welcher Aufmerksamkeit man die Entwicklung der Juden in Amerika verfolgen muß, und man versteht, daß es nicht Übertrieben ist, zu sagen, daß das Schicksal der Juden vielleicht einmal in Amerika entschieden werden wird, und daß die Weckung der Kräfte des amerikanischen Judentums, der Aufruf der Juden »um Judentum, die Gewinnung der sehr großen jüdischen Peripherie eine der wesentlichsten Aufgaben der jüdischen Zukunft darstellt. Rabb. Joachim Prinz (Berlin, 1936). Hie Petroleum/ hie arabischer Nationalismus Trotz alter romantischen und dem europäischen Zeitungsleser sicher sehr imposant klingenden Anzapfungen der Oelleitung von Mossul nach Haifa durch kühne Beduinenkrieger (es können auch weniger romantische Fellachen gewesen sein) sind in den ersten acht Monaten d. J. rund 1,5 Millionen Tonnen Rohöl aus dem Irak nach Haifa gepumpt worden, gegen rund lß Millionen in demselben Zeitraum des vorigen Jahres, und davon "kommen auf den August, also einen Monat, in dem die Unruhen in vollem Gang waren, 186,000 Tonnen gegen ißt.000 Tonnen in. demselben Monat des Jahres 1985. Was beweist, die Macht des Petroleums immer noch größer ist als die Macht dessen, was man der Welt als arabischen^ Nationalismus präsentiert. Ernst Davis (Jerusalem). Das Phänomen der Offenbarung Die Geschioihte hatte für die Juden einen einzigartigen und absoluten Wert, wie ihn kein anderes Volk des Altertums kannte. Das ewige Gesetz, das die Griechen 's» der geordneten Bewegung der Himmelskörper verkörpert gesehen hatten, offenbarte sich den Juden in den Wechselfällen der menschlichen Geschichte, während die Philosophen Indiens und Griechenlands die Scheinhaftigkeit oder die Ewigkeit des kosmischen Geschehens betrachteten, verkündeten die Propheten Israels die sittliche Planhaftigkeit in der Geschichte und deuteten das vergängliche Geschehen ihres Zeitalters als die Offenbarung eines göttlichen Willens. Ca. Dawson; „Israel und das Werden der abendländischen Kultur" (Die Erfüllung, 1936). Zionistische Leistung für deutsche Emigranten Die Unterstützung, die den Deutschland-Emigranten im ersten Jahr ihrer Wiener Anwesenheit gewährt wurde, war weit höher, als sie jemals Wiener Armen gegeben werden konnte. Es wurden nicht nur Mpnatsausgaben in einer Höhe gewährt, die den Lebensunterhalt der Flüchtlinge, wenn auch in bescheidenstem Ausmaß, decken konnten, sondern es wurden aueh .größere Summen für außerordentlichen Bedarf zur Verfügung gestellt, z. B. /tir Uebersiedlungs- und Heilungskosten, Anschaffung von notwendigen Materialien, Werkzeugen und Möbeln, Studienbeiträge, Beiträge für Eqistenzgrilndungen usy>> Selbstverständlich standen den Emigranten auch alle Wohlfahrtseinrichtungen der. Kultusgemeinde voll zur Verfügung. Aus dem Bericht der Wiener Kultusgemeinde, 1936. Polfische Schächterei Der Feldzug gegen das Schächten, und das ist der beste Beweis für seine objektive Wertlosigkeit, wird von Politikern geführt, also von denen, die oft Bekämpf er des Mensohenschutzes sind. (' Dr. K. Saß, »Der Tiersohutggedanke im jüdischen ' 8ohrifttum"t Die Palä§lina*Ei'nivanderiing abgedrosselt Für ein Halbjahr - Aus Jerusalem: Von den 1800 Zertifikaten der neuen Einwanderungsschedule für Oktober 1936 bis März 1937 sind 800 für Einwanderer der Kapitalistenkategorie aus Deutschland bestimmt, die bereits im Lande leben, aber bisher das erforderliche Mindestkapital von je 1000 Pfund noch nicht transferieren konnten. Von den restlichen 1500 Zertifikaten sollen, wie die J. T. A. erfährt, 2 00 als Reserve von der Regierung zurückgehalten werden. Die übrigen werden nach folgendem Schlüssel verteilt: 250 Zertifikate für landwirtschaftliche und 50 für industrielle Fachleute, 750 für Chaluzim und Handwerker und 250 für Angehörige von Palästina-Einwohnern. Die Hälf te der 1300 freien Zertifikate soll jetzt, die übrigen 650 sollen im. J ä jn n e r ausgegeben werden. 70 Prozent dieser Zertifikate sind für unverheiratete Männer, 10 Prozent für unverheiratete Frauen und 20 Prozent für Familien bestimmt. * Der Umstand, daß die Palästina-Regierung trotz der Forderung der Araber auf Einstellung der jüdischen Einwanderung 'Zertifikate für Juden ausgegeben hatte, wird als ein politischer Erfolg für die Juden gewertet. Diese Feststellung darf aber nicht darüber hinwegj nur 1300 Zertifikate täuschen, daß der politische Erfolg mit einem schweren Schlag gegen das zionistische Aufbauwerk in Palästina verbunden ist. Ziffernmäßig ist die jüdische Arbeiter-Einwanderung auf ein Fünftel, tatsächlich aber auf ein Zehntel herabgesetzt worden. Im Jahre 1935 sind 14.972 Arbeiter mit 13.135 Angehörigen eingewandert, zusammen 28.107, pro Halbjahr rund 14.050. Im Halbjahr Oktober 1936 bis März 1937 werden aber, da 1040 Zertifikate für ledige, also Einzelpersonen bestimmt sind und nur 260 für Ehepaare, höchstens 1600 einwandern können, gegen mehr als 14.000 in der früheren Periode. Also um wenig mehr als ein Zehntel! Nach einer von der Zionistischen Exekutive erstellten und von der Palästina-Regierung nicht bestrittenen Berechnung fehlen in der jüdisch-palästinensischen Landwirtschaft und Industrie 10.000 Arbeiter. Die neue, so stark reduzierte Arbeiter-Einwanderung bedeutet also teils Lahmlegung der jüdischen Unternehmungen und teils .Verdrängung der jüdischen Arbeiter durch arabische. Angesichts der in aller Welt durch Krise und Antisemitismus aufs höchste gesteigerten politisahen und wirtschaftlichen Judennot bedeutete die fast gänzliche Sperre Palästinas ein schweres Unglück. E W E G H U BIE R B Hinter Jeden Samsfag, Sonnfag Feierf ag — Kapelle ufschen Volkstheater ISY GEIGER Konzeit / Tanz / Stimmungsmusik Beginn 8 Uhr abds. Bürgerliche Preise j Heut fadiscUc Btwfe u* PzUästina Der Weg zum jüdischen Nafionalheim Von Meir Großmann (Tel-Aviv) Ein altes jüdisches Sprichwort macht sich in gemütlicher Weise über die kleinstädtischen „Batlonim" und „Lediggeher" lustig. Ein Jude, sagt das Sprichwort, versteht alle Berufe: Pessach backt er Mazzoth; Schewuoth ist er Gärtner; Tische b'aw ist er Soldat; Sukkbth ist er Baumeister; Chanukka gießt er „Dreidelach" (Spielzeug aus Blei); Rosen Haschana bläst er Schofar... Nichts zu sagen: eine feine. Sammlung produktiver Existenzen. Dem Autor dieses Scherzes ist es wahrscheinlich nicht im Traume eingefallen, daß der Tag kommt, wo sein Spott jeden Sinn verlieren wird und die Juden wirklich große Fachleute auf den angeführten Gebieten sind. Diesen wunderbaren Umformungsprozeß der jüdischen Lebensverhältnisse hat das neue Palästina mit sich gebracht, kurzum, der Verteidigungskampf des Jischuws gegen die arabischen Attentate, ihn auszuhungern und zu zerbrechen. Nicht der idyllisch-sentimentale Drang nach produktiver Arbeit, sondern die unbarmherzige Wirklichkeit hat zu diesem historischen Umbruch geführt. Während die jüdische Intelligenz in Rußland von einem neuen jüdischen 'Leben in Palästina träumte, waren ihre Blicke hauptsächlich auf die Landwirtschaft, aufs Dorf, auf die „Mutter Erde" gerichtet. Das Ideal war ein „jüdischer Muschik". Gewiß, schwer ist die Arbeit des Bauern, aber die frische Luft und die grünen Felder und die blühenden Gärten sollten der Lohn für die Mühen sein. Anders natürlich ist die ' Sache bezüglich der Fabrik-, der Hafen- und Straßenarbeit. Der seinerzeitige Zionismus hat sich nicht genau vorgestellt, wie das jüdische Land aussehen soll, wo alles ausnahmslos von jüdischen Händen getan wird. Deswegen hat er sich nicht allzu sehr um die professionelle Ausbildung seiner Zeitgenossen gekümmert. Auch die erste N chaluzische Alijah vor dem Weltkrieg war hauptsächlich an Sentiments geknüpft, obwohl die Parole der Arbeit, der eigenen Arbeit, damals bereits ein Wegweiser für tausende junge Menschen geworden ist. Daganjah und Merchanijah waren Jahre hindurch schöne Experimente, zärtlich umschlungen von Aufmerksamkeit wie eine Wiege im Hause eines jungen Paares. * Die Masseneinwanderung und Industrialisierung haben eine grundsätzliche Veränderung in den Lebensverhältnissen des palästinensischen Judentums verursacht. Es sind nicht nur vereinzelte Schwärmer ins Land gekommen, sondern wirkliche Emigranten, getrieben von jüdischer Not. Die Frage der Lebensmittelbeschaffung ist ein ernstes Problem geworden. Das Leben wurde vielgestaltig, hörte auf, primitiv zu sein. Die idyllische Dorfstimmung ist verschwunden. Die Elektrizitätswerke, Fabriken und die großen, konzentrierten Unternehmungen haben perfekte Professionisten gebraucht, und zwar alle Arten von Berufskennern. Das Land brauchte nicht nur Ingenieure und Techniker, sondern vor allem gewöhnliche, Arbeiter — für gewöhnliche, schwere Arbeit —> ohne 1 eindir''Tropfen Poesie." Manmuß gestehen, daß der junge jüdische Arbeiter in Palästina aller Schwierigkeiten Herr geworden ist. Seine Hände sind rasch grob geworden, sein Gesicht sonnverbrannt, der Körper abgehärtet. Die Arbeit hat aufgehört, eine Schande zu-'sein. Der r,;Poel" (Arbeiter, Proletarier) ist ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft geworden. Es-hat sich-der-Uebergang von den galuthmäßigen Luftberufen zur Produktivität, . vom weißen -'. Stehkragen zum weichen Arbeitshemd vollzogen. . * . Nichtsdestoweniger ist eine. Reihe von Berufszweigen den Juden in Palästina verschlossen geblieben. Dutzende Jahre lagen sie .in den Händen der Araber, welche eine Art Monopol dafür hatten. Hiebei lassen sich einige Kuriosa anführen. Zum Beispiel: Die ganze Pfaidlereibranche, der Gemischtwarenhandel — insbesondere der Straßenverkauf von Obst, Fischen und Gemüsen — waren in rein arabischen Händen. Die arabischen Ausrufe: „Orangen! Gurken! Dagim! (Fische)" gehörten zu den gewohnten Klängen der jüdischen Städte in Palästina. Arabische Händler kauften von jüdischen Pardessimbesitzern die Frucht auf den Bäumen und den Abfall, der sich nicht zum Export eignet, und verkauften die' Ware dann wieder an Juden. Eine verkehrte Welt! Der Jude als Produzent! Der Nichtjude als Händler! So wichtige Existenzzweige, wie Hafenarbeit, Transport, Polizeidienst, Wachdienst, Steineklopfen, Fischfang, sanitäre Arbeiten und noch andere ähnliche schwere Beschäftigungen, sind trotz des Wachstums des Jischuws und der Industrialisierung des Landes bis zu den letzten Unruhen arabische Berufe geblieben. Es kam daher, daß die Araber ihr Monopol hüteten. Ihre lange Erfahrung und ihr niedriger Lebensstandard machten die Ausschaltung jeder Konkurrenz möglich. Unter den neuen, durch die arabische Revolte hervorgerufenen Umständen, sind die Juden gezwun- Reisebüro City, Dr. I. H. Körner, Wien, I., Kohlmarkt 8, Tel. U-26-4-29, teilt mit, daß die verschärften Einreisebestimmungen für Palästina aufgehoben wurden und die Verkehrsverhältnisse im Lande wieder vollkommen normal sind. Fahrkarten für alle Schiffahrtslinien und Bahnen, sowie Visabesorgungen usw. durch Reisebüro City! E In-u« ausländische Hausbesitzer verwalten ihre I WIENER HÄUSER durch behördlich konz. Realitätenkanzlei I Dr. MAIR RAIS 1 Wien I, Fron*.Josefs-Kai 1, Tel. R 21-5.30 Erstklassige Referenzen! Uli