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Die neue Welt · 1936-11-17 · Heft 609 (17.11.1936) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 609 (17.11.1936)
Date
1936-11-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seit» 9 DIE NEUE WELT Nr. 609 vom 17. November 1936 Großer Konzerthaussaal iiinnnnitM^ Mittwoch, den 18. Ndvsmbtr, 0 Ohr abend* Vortrag Ja6&tiMky> „IN ZWÖLFTER STUNDE" Karten von S 1.— bis S 6.— an der Konzertkasse Dr. Hohenberg:, I., Oper (Tel. R-27-2-11), an der Konzerthauskaase und bei der Neu-Zionistischen Organisation, II., Laseitigleithnerpl. 2 RUNDSCHAU nen, als „eine egoistische Ak tivitätdes Volkes Israel" ... und — ebenfalls im Sinn der nazistischen Verleumdungen zu schreiben: „Um zu beweisen, daß die internationale jüdische Politik eine Politik des Umsturzes ist, braucht ein jeder sich nur auf die neueste europäische Geschichte zu beziehen: von dem Monopol, das sie in der jüdischen Diktatur Rußlands genießen bis zum Uebergewicht. das sie in der bolschewisierenden Regierung Blums erlangt haben, ist der wühlende Einfluß der Juden eine sehr wesentliche Ursache der gegenwärtigen Unordnung." Die Reaktion der Juden auf diese Angriffe ist verschieden. Während die meisten die Verdächtigungen Farinaccis an sich zurückweisen, versuchen einzelne sich durch Distanzierung von den sogenannten „jüdischen Nationalisten" (Zionisten) das Wohlwollen des faschistischen Führers zu erwerben. Vereinzelte Stimmen sprechen das Wort „Jude" zur Differenzierung vom Worte „Jüdischer Italiener" aus und geben der Debatte einen Impuls arur Fortsetzung. Kurzum: auch im faschistischen Italien gibt es bereits so etwas wie eine Judenfrage. Irak feeißt das jüngste Sorgenkind' der am Vordem Orient interessierten Mächte. Zu den Minoritäten, welche dieser Staat beherbergt, zählen außer den Juden auch die christlichen Assyro-Chaldäer, die gezwungen waren, den Schutz des Völkerbundes vor Verfolgungen der arabisch sprechenden Majorität anzurufen. Die letzten Vorgänge im Irak im Zusammenhang mit dem Putsch haben ergeben, daß die Gründe der irakischen Juden- und Christenverfolgungen nicht gerade in der arabischen Solidarität mit den palästinensischen Stammesbrüdern. liegen. Vielmehr kann angenommen werden, daß die nationalsozialistische Propaganda nun auch den irakischen Staat ergriffen hat. Zahlreiche Umstände sprechen für sehr beachtliche Bindungen zwischen dem Irak und Deutschland. „Auf dem Gebiet der Propaganda für den Nationalstaat" wird uns von einem Kenner der Verhältnisse geschrieben, „finden Hitler und Goebbels in Bagdad . eifrige und gelehrige Schüler. Im vertrauten Freundeskreis deutscher Nazis, die im Orient agitatorisch tätig sind, enthüllen diese ihre Zukunftspläne". Es handelt sich um die ,Schaffung eines arabischen Weltreiches mit dem Irak . an der Spitze. Betont wir die nationale Solidarität. Die geistige Beeinflussung durch r Deutschland, ist unleugbar. Zunächst soll der Kampf gegen die! christlichen und jüdischen Minoritäten geführt werden. „Die christlichen Assyrier", heißt es in. dem Bericht weiter, „sitzen als arme Ackerbauer, Hirten und Handwerker weit hinten an den äußersten Nordgrenzen des Reiches, während die Mehrzahl der Juden, davon 50.000 in Bagdad und 1500 in Mossul, als kümmerliche Reste einer einst wirklich imposanten jüdischen Vergangenheit , des Irak als Kaufleute und kleine Handwerker leben. Wenn sich der Zorn des erwachenden irakischen Nationalismus trotzdem gegen sie richtet, so hat er lediglich aggressive, niemals aber defensive Tendenzen. .Bindungen mit dem Zionismus bestehen Uberhaupt nicht. Als eine der ersten AbwehrmaßnaJhmen sind die irakischen Juden durch eine Erklärung ihres Oberrabbiners sogar deutlich vom Zionismus abgerückt. Auch dieses Mittel wird nichts helfen." Die antijüdische Hetze geht, wie „Palcor" berichtet, weiter. In Bagdad zirkulieren Flugblätter der „Schwarzen Hand", welche die arabische Bevölkerung zu Mord an Juden aufrufen. Organisationen im Stil der hakenkreuzlerischen SA, gedrillt und bewaffnet, machen sich überall bemerkbar. Die Nationalbewegung der irakischen Chauvinisten macht Fortschritte. Ein betont nationaler Faschismus ist im Werden. Die europäische und jüdische Orientpolitik werden sich mit dieser gefährlichen Erscheinung beschäftigen müssen. Die Judenfrage ist nun auch im Irak aufgerollt. Die Lage im. Irak Aus Jerusalem: Aus Bagdad soeben eingetroffene Nachrichten besagen, daß, unbeschadet der Versicherung der neuen Irak-Regierung, daß sie antisemitische Ausschreitungen zü verhindern wissen werde, die antijüdische Propaganda in den Städten des Irak andauert. In Bagdad wurden Flugblätter einer Organisation „Die schwarze Hand" massenhaft verbreitet, in denen die Massen zur Ermord.u.ng der Juden aufgerufen werden. In den Flugblättern wird mitgeteilt, daß die „Schwarze Hand" mit ihren 600 Mitgliedern sich als Pionier der Idee der Ausrottung der Juden betrachtet. Die neue Regierung hat bis jetzt nichts unternommen, um die Führer der „Schwarzen Hand" in ihrer Bluthetze gegen die Juden zu hindern. Kostbare Unterschriften So knapp vor der Wahl, daß Berichtigungen nicht rechtzeitig erfolgen konnten, hat die „Union österreichischer Juden" einen Aufruf mit 2irka 2000 Unterschriften für ihre Liste veröffentlicht. Die „Union" schickte die sonderbare Bemerkung voraus, die Zionisten würden von „gefälschten" Unterschriften sprechen, aber die Wähler sollen nicht darauf achten. Nun stellt sich heraus, daß die famose Vorbemerkung einem motivierten Bedürfnis entsprochen hat, denn ein Großteil der Unterschriften ist tatsächlich gefälscht. Scerhielt die „Neue Welt" folgenden Brief: „Wien, am 11. November 1936. Sehr geehrte Redaktion? Sie würden mich verbinden, wenn Sie die beigeschlossene Erklärung veröffentlichen würden: Erklärung. Unter den Unterschriften, die laut der „Wahrheit" vom 4. November 1936 (Nr. 47) dos '■ Programm und die Kandidaten der „Union" empfehlen, befindet sich auch mein Name. Ich habe eine solche Erklärung niemals abgegeben, geschweige denn unterfertigt. In vorzüglicher Hochachtung Studienrat Prof. Otto Simon, Wien, XIX., Billrothstr. Sl." Ein anderer Brief: „Wien, am 10. November 1936. Geehrte Redaktion! Ich mache Sie aufmerksam, daß sich unter dem Wahlaufruf der „Union" Unterschriften getaufter Juden befinden. Z. B.: Rudolf Wladika, Bandagist, Brünnlbadgasse. Das ist nur einer von vielen. Hochachtend L. O." Wie wir auf Grund amtlicher Daten festgestellt haben, ist Rudolf Wladika, Bandagist, EX., Brünnlbadgasse 15, am 29. April 1936 aus dem Judentum ausgetreten. Den Herren Listenführern Dr. Oppenheim und ' Dr. Ticho ist also ein kleines Malheur passiert. Es wurde! zur lustigen Abwechslung die Unterschrift eines Tauf- < Juden gefälscht, unter einem Aufruf, in welchem die beiden Herren von „reinlicher" Wirtschaft sprechen. Nur Swohoda „AUTOMAT" Oefen, Kamine sind dt« besten XVIII, Jörgerstraße 10 (Ecke Tberesienq.) Ofsnschwemmi: IV, LothrlngerttraBs Nr. 2 (bei Schwarzwibargplatzj. Varkaufistel 6n: XXI, Brünneritnße Nr. 48, und IV, BroSe Neügass« 8 . Bibel und Hakenkreuz Der in Rom wirkende, aus Oesterreich stammende katholische Bischof Hudal hat soeben ein Buch veröffentlicht, welches der Annäherung von Hitlerismus und Katholizismus gewidmet ist. Bischof Hudal vertritt die Ansicht, daß jüdischer Einfluß viel dazu beigetragen habe, das Verhältnis zwischen Katholiken und Hakenkreuzlern zu verschlechtern und unterstreicht in Verfolg dieser Idee den katholischen Antisemitismus. Im Zusammenhang damit ist es interessant, die in deutschen Zeitungen gerade jetzt wieder besonders lebhaft betriebene Diskussion über „Hakenkreuz und Kirche" zu beobachten. Zur Stellung des Nationalsozialismus zur Kirche schreibt der „Westdeutsche Beobachter"; „Es ist beklagenswert und tief bedauerlich, daß man die armen Kinder auch heute — nach aller Aufklärung über Juda — noch mit solchem Unsinn plagt. Richtig wäre es, wenn das Alte Testament mit seiner ganzen Judenverherrlichung sofort aus jedem Unterricht verschwände." „Die Forderung aller wirklich deutsch empfindenden Eltern muß eine deutsche Schule ohne konfessionelle Beigabe sein. Man bekämpft nicht den Glauben an Gott, wenn man das Alte Testament, diese Sammlung jüdischer Schmutzereien, und die Theologen aus dem Schulunterricht entfernt. Wir dienen damit nur dem Volksgemeinschaftsgedanken.'' Also auch die Hakenkreuzler teilen die Ansicht, daß zwischen ihnen und der Kirche etwas „Jüdisches" steht. Allerdings nicht nur, wie Bischof Hudal meint und sagt, die „verjudete Presse", sondern eine Sache, über welche auch Bischof Hudal schwer hinweg kann — da Altes Testament, da Bibel. Wie wird sich jetzt Bischof Hudal zu dem Problem stellen? Kann er auch auf diesem Gebiete Konzessionen machen, um dem katholischen Frieden mit dem Hakenkreuz näher zu kommen? Nazigeld in England Armer Mosley! Mit den großen Phrasen von britischer Tradition und Freiheit, mit den Parolen, die er aus Hitler- Deutschland bezogen hat, will er sein Vaterland erlösen. Aber Mosley hat nicht nur Parolen, sondern auch Geld aus Hitler-Deutschland bezogen. Er ist also ein gelehriger Schüler und Söldner des Herrn Goebbels. Für englische Ohren klingt so etwas nicht gut. Der reiche Mosley, Erbe eines riesigen nlchtarischen Vermögens von der nichtarischen Schwiegermutter her, wollte bekanntlich wie sein Brüsseler Kollege Degrelle im Handumdrehen das demokratische England erobern. Es ist nicht gelungen. Sein Marsch ins Whitechapel ist miß* glückt. Darob müssen wir nicht optimistisch sein. Mosley wird auch ohne Schwarzhemdentracht seinen Versuch wiederholen. Wie die Dinge jetzt liegen, erfahren wir aus einem Londoner J. T. A.-Bericht, der lautet: In Beantwortung einer Anfrage im Unterhaus erklärte Innenminister Sir John Simon, er besitze eindeutiges Material, daß die britischen Faschisten Sir Oswald Mosleys finanzielle Unterstützung aus dem Ausland bezogen haben. Uebcr die Höhe und Herkunft der Unterstützung verweigerto er die weitere Auskunft. Er sagte nur, daß die Kommunisten ebenfalls vom Ausland finanziert werden. Die Mitteilung über die Unterstützung der britischen Faschisten hat in polltischen Kreisen großes Aufsehen erregt und es heißt, daß die Entdeckung ausländischer Unterstützungen ein entscheidender Beweggrund für das Uniformverbot gewesen sei, wodurch die Bewegung Mosleys lahmgelegt wird. Für englische Begriffe wäre diese Enthüllung genügend Grund, um vom Volksbefreier Sir Oswald Mosley abzurücken. Aber die Zeiten sind nicht günstig für moralische Feinfühligkeit und die englische Oeffentlichkeit ist zur Zeit mit großen außenpolitischen Fragen beschäftigt. Für Mosley ergibt sich also die Möglichkeit, mit hakenkreuzlerischer Unterstützung weiterhin im Trüben zu fischen. Kommunismus und Zionismus Der Abgeordnete Gallacher — der einzige kommunistische Vertreter im englischen Unterhaus — hat in Verfolg der von ihm betriebenen antizionistischen Politik an die Regierung folgende Anfrage gerichtet: „Ist der Regierung bekannt, daß die öffentliche Meinung Indiens gegen die in Palästina gegen die Araber getroffenen Maßnahmen sei, daß in vielen Teilen Indiens ein Palästina-Tag abgehalten wurde; daß führende indische Mohammedaner an die englische Regierung den Appell gerichtet haben, das i Mandat aufzugeben und eine der Bevölkerung verant- { wortliche Regierung einzusetzen; daß die allindische Mohammedaner-Konferenz Kritik an der englischen Regierung ' übt, weil sie die Aspirationen der Araber niederschlage und jüdische Einwanderung erzwinge. Werde man bei der Festlegung der künftigen Politik in Palästina auf die öffentliche Meinung in Indien in angemessener Weise Rücksicht nehmen?" In Beantwortung dieser Anfrage erklärte Unterstaatssekretär Butler, der Staatssekretär für Indien, Marqueß of Zetland, werde über die Haltung der indischmohammedanischen öffentlichen Meinung gegenüber der Lage in Palästina ständig auf dem laufenden -gehalten. Es sei ihm bekannt, daß nach einem von dem Rat der indisch-mohammedanischen Liga erlassenen Aufruf der 19. Juni von Mohammedanern in einer Reihe größerer Städte als „P a 1 ä s t i n a - T a g" begangen wurde und daß von einer Versammlung mohammedanischer Führer in Simla am 26. September eine Resolution gefaßt wurde, in der die Maßnahmen der englischen Regierung kritisiert werden. Die Regierung Sr. Majestät habe auf die mohammedanische öffentliche Meinung in Indien über die englische Politik in Palästina in angemessener Weise Rücksicht genommen und werde dies welter tun. * . Der Verband der Studenten der hebräischen Universität in Jerusalem hat' den Beschluß gefaßt, Kommunisten aus dem Verband auszuschließen. Als Grund wird die verräterische Haltung der jüdischen Kommunisten angegeben, welche gemeinsam mit den arabischen Terroristen das jüdische Aufbauwerk in Palästina zerstören wollen. Polen und die jiidi§dhe Auswanderung In unserer letzten Ausgabe haben wir über die Unterhandlungen des polnischen Außenministers Oberst Beck mit Baldwln und Eden in London berichtet. Es ging um die Frage der jüdischen Auswanderung aus Polen in größerem Maßstabe, wobei Oberst Beck auf die verminderte Halbjahrsschedulo (1800 gegen 7500 des vorigen Halbjahrs) hinwies. Die polnische Presse alarmierte die Welt mit der „Notwendigkeit einer umfangreichen jüdischen Auswanderung, die sich jetzt zwingend ergebe". Das Problem der jüdischen Auswanderung nach Palästina wurde also vom Interessierten Polen vor aller Welt angeschnitten. Der polnische Schritt wurde möglicherweise deswegen gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt gemacht, wo die englische Regierung bei der künftigen Prüfung des Berichts der Kgl. Kommission auch die Interessen Polens an der jüdischen Auswanderung berücksichtigen kann. Die Frage ist nun einmal aufgerollt und wird nicht so bald von der Tagesordnung verschwinden. Die antizionistische, dem britischen Colonial Office' nahestehende Zeltschrift „Great.Britain and the Bast" gibt zu, daß Polen an einer jüdischen Auswanderung nach Palästina interessiert sei. „Aber", schreibt das Blatt, „Polen hat nicht das Recht, die Probleme des britische»

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