Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 609 (17.11.1936)
- Date
- 1936-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«fr Preis tO Groschen Dttnstaq, den W. Nvvembct 1»M \N» ¥,11.1* REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, viertel jährig S 4.—, ganzjährig 3 16.—; Polen monatlich Zloty l.SO. vierteljährig Zloty 4.60; Tschechoslowakei monatlich Ko 6.—, vierteljährig Ko 18.—j Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel« jahrig Dinar 40.—i BtunBnMii monatlich Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1—, vierteljährig Mark 8.—; Bnlcavlen monatlich Lewa 80.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lira ß.—. vierteljährig Lire 14.—s Schwel« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Ver waltung: IX, Universitätssir.8,7g/. A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u.Freita? Antisemitismus auf faschistischem Boden 1 Dr. Osias Thon gestorben Vst | Am 11. November starb nach, kurzer Krankheit in Krakau der Rabbiner Dr. Osias Thon, ein Pionier und Führer der zionistischen Bewegung in der Welt und langjähriger Führer der jüdischen Minderheit in der polnischen Republik, im Alter von 66 Jahren. Dr. Osias Thon wurde 1870 in Lemberg geboren, studierte an der Berliner Universität und am Berliner Rabbinersemanar. Unmittelbar nach Absolvierung seiner Studien übernahm er den Posten eines Rabbiners und Predigers in Krakau, wo er sich von Anfang an in hervorragendem Maße der Propagierung des zionistischen Gedankens widmete und die erste zionistische Zeitschrift in polnischer Sprache „Prsyszlosc" herausgab. Gleichzeitig veröffentlichte er in der von Ach ad Haam herausgegebenen hebräischen Monatsschrift „Haschiloach" wissenschaftliche Abhandlungen. Bekannt wurden seine Schriften „Die Grundprinzipien der Kantischen Moralphilosophie in ihr .• Entwicklung", „Zur geschichtsphilosophischen Begründung des Zionismus", in deutscher und polnischer Sprache, sowie seine Schrift über Herbert Spencer in hebräischer Sprache. Er schrieb auch ein Buch über Theodor Herzl und eine vielbeachtete Schrift „Einiges zur Orientierung über die Weltlage des Judentums." In der polnischen Innenpolitik spielte er eine angesehene Rolle. Er wurde in die polnische Konstituante und später wiederholt mit erdrückender Mehrheit von jüdischen Wählern in den polnischen Sejm gewählt. Die Reden Thons im Sejm fanden stets größte Beachtung bei allen Fraktionen. Eine . Reihe von Jahren hindurch war er Präsident des Klubs jüdischer Sejmdeputierter und Senatoren. Bis vor wenigen Jahren - war er Präsident der Zionistischen Organisation in Westgalizien und Schlesien, bis zuletzt war er Mitglied des Zionistischen Aktions- Kömitees. indische Einheitsfront Aus Jerusalem meldet Palcor*. Eine Konferenz von Vertretern des Jischuw, in der über Vorbereitungen zur Kgl. Kommission beraten werden soll, wurde im Bureau der Jewish Agency unter Vorsitz von Ben- Gurion, eröffnet. Anwesend wären rund 150 Vertreter der jüdischen Bevölkerung Palästinas, darunter Mitglieder der Exekutive und des Waad Leumi, sowie Delegierte der Histadruth, dea Landwirtverbandes, des Industriellenverbandes, der Agudath Israel, der Rabbinate, ferner jüdische Mitglieder der Munizipalitäten und andere führende Persönlichkeiten. Ben-Gurion beschäftigte sich in seinem umfassenden. Ueberblick mit dem Aufgabenkreis. der Royal Commission und erklärte, daß es die Aufgabe der Vertreter des jüdischen Volkes sein müsse, der Kommission und der öffentlichen Meinung Englands und der ganzen Welt überhaupt die Lage des Volkes und seine Beziehung zu Palästina auseinanderzusetzen, ohne in irgend einer Weise die lebenswichtigen Fragen, vor denen Palästina st§ht, zu verschweigen. Sie werden vor der Kommission die Sache der Juden in allen ihren Aspekten darlegen, ihre historischen und politischen Forderungen an England, die auf drei Grundsätzen beruhen: 1. Auf der historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina; 2. auf der Verfolgung deir Juden in der Diaspora; 8. dem trostlosen Zustand des Landes und seiner Armut vor der Kolonisation durch die Juden und seiner Wiedererweckung durch die Juden. Ben-Gurion beschäftigte sich mit den Fragen des Bodens und der Einwanderung, die, wie er sagte, die Hauptprobleme innerhalb der Untersuchungen der Royal Commission sein dürften, und mit den berechtigten Forderungen der Juden hinsichtlich dieser beiden Gebiete. Er verlangte, daß der ganze Jischuw in diesen fundamentalen Forderungen eine geschlossene Einheitsfront bilde. An die Ausführungen Ben-Gurions schloß sdch eine lebhafte Aussprache an, in deren, Verlauf zu Worte kamen: Butkowsky, im Namen der Verbandes der Landwirte; Prof. Klausner; Raw Goldman im Namen des Misrachi; Sirkis, Präsident der Gemeinde Tel-Aviv; ferner Dr. Bogratschow, Yellin, Tolkowsky, Locker, Barth, Ussdschkin, Eliasher und Dr. Thon,. In seiner Schlußrede stellte Ben-Gurion fest, daß der Jischuw in den Hauptfragen, die die Darlegung der jüdischen Sache vor der Kgl. Kommission betreffen, <etoe Einheitsfront bildet, Das, was man in einef gewissen Terminologie „neuer Geist" nennt, erscheint in der Politik da und dort als Faschismus und rückt als Partei auf. Anfangs, als man dieser politischen Richtung die Tendenz unterschob, daß sie sich gegen die Auswüchse der Demokratie wende, vor allem aber gegen den extremen marxistischen Sozialismus, wurde sie sogar von sogenannten freien Menschen mit Sympathie aufgenommen; von. starken Individualitäten; von genialen Naturen, die von der Zmückdrängung des Herdentriebes eine Renaissance des Persönlichkeitskults erwarteten und damit den Aufstieg der „geborenen Diktatoren" zur Macht. Der Faschismus schien berufen, durch Abschaffung gewisser „veralteter Freiheiten" Attacken gegen Minderheiten innerhalb des Staates unmöglich zu machen, da niemand mehr das Recht hatte, politisch-soziale Aspirationen an den Tag zu legen, es sei denn der Führer des Faschismus, der Diktator. Jüdischerseits konnte man kraft des italienischen Eeispiels damit rechnen, daß im faschistischen Bereich das Anschlagen der Judenfrage unzeitgemäß sei. Die Jahre gingen dahin. Man war beruhigt. Bis schließlich auch dort, wo das Judentum als nationales oder traditionsreligiöses Phänomen keine Rolle spielte, so etwas ''• wie eine Judenfrage zur Debatte gestellt wurde; nicht etwa von offizieller Seite- ... Aber das tut nichts zur Sache. Man spricht dort vom Juden als von einem Element, das anders behandelt werden müsse als die autochtonen Staatsbürger. Man differenziert. In E n gl and .. . Auch in England' bleibfr»nicht alles beim; alten. Die letzten weltpolitischen' Ereignisse haben der britischen Nation zu denken gegeben, und wenn auch an die Abschaffung der bürgerlichen Freiheiten nicht gedacht werden kann, so weiß doch ein. jeder, daß aus dem gegenwärtigen Unbehagen etwas Neues sich herauskristallisiert, das zweifellos auf die Stellung der englischen Juden Einfluß haben wird. Es gibt bereits Kreise in England, die finden, daß es unter den Tuchindustriellen, Rechtsanwälten und Aerzten zuviel Juden gibt. Natürlich will man sie nicht eliminieren. Man (nämlich die faschistisch orientierte Gesellschaft) will sie zurückdrängen, auf das quotative Maß'zurückführen. Da heute ungefähr 1 Prozent aller Einwohner Großbritanniens jüdisch ist (350.000 unter 45,000.000), dann soll es nur 1 Prozent jüdische Aerzte, Anwälte, Beamte, ja auch nur 1 Prozent jüdische Kaufleute geben. Die englischen Faschisten werfen die Parole vom Numerus clausus in die Gasse. Heute tun sie es. Bei Beginn ihrer Bewegung befaßten sie sich mit der Judenfrage überhaupt nicht.. Soweit von Ausländern die Rede war, waren darunter die nicht auf britischem Boden Geborenen zu verstehen. Man wußte, daß Sir Oswald Mosley s Frau von Juden abstamme, und hörte von Mosley selbst, daß sein Programm keinen Antisemitismus kenne. Die nationalsozialistische Propaganda, für die in England ungeheure Summen ausgegeben wurden, bemächtigte sich auch Mosleys, der vor zwei Jahren erklärte, daß er das Judentum, das „in seiner großen Dummheit" (siehe Hitler!) - den Faschismus herausgefordert habe, bekämpfe, und forderte in seinem .Programm einen Feldzug gegen das jüdische Kapital, das Englands Interessen schädige. Da aber in England Rassen** und Religionsverfolgung verworfen wird — das britische Weltreich setzt sich aus vielen Rassen zusammen *~ formulierte Mosley seinen antisemitischen Faschismus folgendermaßen; „Unsere Bewegung greift die Juden nicht wegen ihrer Abstammung an, sondern wegen ihres Verhaltens." Der Angriff ist bereits erfolgt. Wir haben noch den Marsch der faschistischen Schwarzhemden ins Whitchapel in Erinnerung, der mehr war als einer der vielen Londoner Sonntagsdemonstrationen. Es heißt heute noch, daß man unter der natürlichen Bedingung der nationalen Zuverlässigkeit den Juden in England Raum lassen wolle. Aber auch diese, schon ein wenig einschnürende These wird vielleicht bald überholt sein. Die Mehrzahl der englischen Juden merkt nicht, was vorgeht, Das reichsdeutsche Beispiel hat sie nicht belehrt. Ein englischer; Berichterstatter schreibt: „Nirgendwo siebt man ein Zeichen, daß die Juden auch wirklich die Situation begriffen hätten. Wenn je der Faschismus kommen sollte, dann wird er für die Juden eine mächtige Ueberraschung sein/* , Was will „Rex"! In letzter Zeit taucht mit immer stärkerer Resonanz der Name des aus der katholischen „Christus-Rex-Bewegung" hervorgegangenen Leon De grelle auf. Seine Bewegung, die Rex-Bewegung, macht unleugbar Fortschritte, wenn auch sein jüngstes demonstratives Auftreten in Brüssel nicht gerade erfolgreich war. Da aber einerseits Degrelle, der Führer des belgischen Faschismus, in die Schule des Berliner Hakenkreuzlertums gegangen ist, andererseits sich bei den flämischen Nationalisten antisemitische Tendenzen bemerkbar machen, ist es notwendig, über die Stellung des belgischen Faschismus zur Judenfrage Klarheit zu gewinnen. Ein antisemitisches Programm — etwa nach hit* leristischem Muster — kennt Degrelle nicht. Antisemitismus auf rassischer Grundlage komme, so erklärt Degrelle, für Belgien nicht in Frage, da das Land in rassischem Sinn zu stark gemischt sei. Hingegen würde er, zur Macht gelangt, eine Fremdengesetzgebung einführen, welche sich in erster Linie gegen die „zugewanderten Juden" richten müßte, obwohl viele unter ihnen, beispielsweise im Diamantenhandel, für die belgische Wirtschaft nützliches leisten. Der Aufstieg. Degrelle9 ist eine Tatsache; .mit der gerechnet werden muß. Es wird den belgischen Juden nichts nützen, wenn sie dieser Tatsache nicht ins Auge sehen. In der Maliennsdien Presse werden seit einiger Zeit Auseinandersetzungen über die Stellung der italienischen Juden zu ihrem Vaterland geführt. Viel beachtet — auch von der ausländischen Presse — wird ein Aufsatz von Roberto Farinacci im „Ii Regime Facsista", der sich auf die Nürnberger Rede des Dr. Goebbels (12. September 1936) bezieht und nach Wiederholung der Anschuldigungen gegen die bolschewistischen Juden in Sowjetrußland und im spanischen Bürgerkrieg von den italienischen Juden verlangt, sie mögen sich zu allererst als Faschisten deklarieren und von ihren außeritalienischen Stammesgenossen abrücken, Patriotisahe Erklärungen seitens der Juden nützen nichts. Das Vorhandensein zahlreicher jüdischer Faschisten an exponierten Stellen ist keine Widerlegung Farinaccis. Dieser fährt in seiner Polemik gegen die Juden fort, unter Benützung der hitleristischen Argumente. Auf die Zurückweisung des Angriffes durch italienische Juden in der italienischen Presse erklärt Farinacci, er sei keineswegs Antisemit, besitze viele Freunde unter den Juden, vielmehr habe er nur den Juden Gelegenheit geben wollen, „ein unzweideutiges Bekenntnis zum Faschismus abzulegen, da jüdische Delegierte zum Jüdischen Weltkongreß gefahren sind". Aber Farinacci begnügt sich.nicht mit diesen Anschuldigungen. Er verlangt, daß Angriffe gegen Hitler- Deutschland zurückgewiesen werden; denn die Nazi seien gegen die Juden, weil sie diese „für schuldig am Weltkrieg" (!) halten usw, Die Widerlegung aller Anschuldigungen und das Bekenntnis zum faschistischen Staat Mussolinis seitens des Präidenten der Vereinigung der jüdichen Gemeinden Italiens, Cbmm. R a v e n n a, und des Großrabbiners Comm. Disegni verhallt, obwohl sie würdig und kräftig ist, folgendermaßen schließend: „Es ist für uns besonders peinlich, daß man glaubt, von uns bei jeder Gelegenheit neue Erklärungen und neue Beweise unserer Treue und unserer Loyalität zu Italien und zum Regime verlangen zu können, eine Forderung, die wir mit Berechtigung als beleidigend erachten. ..." Farinacci geht sogar soweit, die Bibel im Sinne Julius Streichers auszulegen und die „Universalität der jüdischen Religion" (wie Comm. Ravenna sie bezeichnet)] als die Internationale aller Juden zu bezeich«