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Die neue Welt · 1936-11-06 · Heft 606 (6.11.1936) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 606 (6.11.1936)
Date
1936-11-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sitte $ DIE NEUE W£LT Nr. 606 vom 6. November 1936 itsUs iiddistkes Ueiksliedeqtdiuimi Vk me jfidistke HuilutPalästinas Von Professor Max E i s 1 e r (Wien) Diese Platte enthält die schönsten jiddischen Volkslieder, gespielt von den Sid Kay's Fellows unter Leitung von S. Petrmchka, Gesang: Ferris Gondosch. Die Bearbeitung und Instrumentierung dieses Potpourris ist einzigartig Inhalt: 1. Oifn Pripetschok / 2.Bei mein Rebbn is geiven a Geneive / 3. Amol is geioen a Masse J 4. Wenn der Rebbe lacht / Amtit is gexoen a klein Jiddele / 6. A Briefele der Mammen / 7. Hot Haschern Jisborach arupgeschikt a Hintele j S. Fragt die Welt a alte Kasche / 9. As der Rebbe Abbimelech Oas Emeklied, alle neupalästinentischen Horra's erhalten Sie nur durch Musikhaus EXCELSIOR, Wien I, Franz-Josefs-Kai 15 firoBw lager von neuesten Sehlagerplatten, Radioapparaten zu billigsten Preisen nach Entgegennahme des Vorschlages des Stadtrates einen Bürgermeister seiner eigenen Wahl zu ernennen. Der neue Bürgermeister Israel Rokach erklärte in einem Interview, er hoffe, es werde ihm gelingen, mit dem Vizebürgermeister Dov Hos und den der Arbeiterpartei angehörenden Stadträten zu einer Verständigung über die Arbeitsteilung zu gelangen. Wauchopes Rundfunkrede Aus Jerusalem wird gemeldet: Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope hielt durch den Palästina-Sender eine Ansprache an die Bevölkerung des Landes, in der er die Ankunft der Königlichen Kommission für den 11. November ankündigte und hiezu u. a. erklärte: Das Verweilen der Königlichen Kommission im Lande gibt den beiden das Land bewohnenden Gemeinschaften eine große Gelegenheit, ein gegenseitiges Abkommen zu treffen. Es ist jetzt keine Zeit zu unbesonnennem Gerede über rassischen Boykott, der beiden Teilen nur Schaden bringen könne. Was uns heute nottut, ist: für das gemeinsame Wohl jetzt und in Zukunft zu arbeiten. Ich. hoffe, daß Sie der Kgl. Kommission ermutigende Vorschläge betreffend das Wachstum und Gedeihen eines glücklichen und zufriedenen Volkes unterbreiten werden. Vergessen Sie aber nicht, Ihre politische Klugheit zu Rate zu ziehen, bevor Sie die Vorschläge überreichen. Sie haben jetzt eine klare Aufgabe vor sich: den Boden vorzubereiten und die Fundamente zu legen für eine* Zukunft des Friedens und der Prosperität. Aus London wird gemeldet: „Times" melden aus Jerusalem, daß der Friedensappell Wauchopes an die Bevölkerung Palästinas, den er im Rundfunk gehalten hat, in ganz Palästina freundliche Aufnahme gefunden hat. Die jüdische Presse bedauert es nur, daß der High Commissioner die Zeit für nicht reif erachtet hat, um die dauernde Gültigkeit.und Unverletzbarkeit des Mandats" zu yerKÜnden und alle Parteien aufzufordern, daß sie sich istreng innerhalb der Bestimmungen des Mandats halten. Andererseits gibt die arabische Presse der Meinung Ausdruck, daß der Friede erst dann gefestigt sein wird, wenn eine allgemeine Amnestie für die Teilnehmer an den Unruhen erklärt und alle Notverordnungen zurückgezogen werden., (J. T. A.) Wie Kaukji entkam Palcor meldet,aus Jerusalem: Das Rätsel des Entkommens des Rebellenführers Kaukji nach Transjordanien ist gelöst. Er ist bekanntlich entkommen, obzwar er mit seinen Banden durch-eine starke Militärmacht eng umzingelt war. Wie sich herausstellt, war Kaukji gezwungen, aus dem Lande zu fliehen, weil die Bürgermeister und Mukhtare der umgebenden arabischen Ortschaften dringend, darauf bestanden. Die dort verborgenen Banden hatten begonnen, die arabischen Dörfer zu überfallen,- Geld und Lebensmittel zu plündern, nachdem der Streik , eingestellt war. Nach einer langen Untersuchung hatte.das Militär schließlich Kaukji umzingelt, dabei drei Banditen, getötet und andere verwundet. Bei dem ersten Zusammentreffen wurde außerdem vom Militär auch ein großer .Vorrat an Munition aufgefangen. So schienen die' Terroristen die letzte Hoffnung auf Entkommen verloren zu haben, als das Militär unaufhaltsam die Bande einschloß, ohne eine Lücke für die. Flucht offen zu lassen —• da öffnete sich plötzlich der Kreis und die Truppen zogen sich in der Richtung auf die Stadt Beisan zurück und ließen die Rebellen im hellen Tageslicht nach Transjordanien entschlüpfen, wobei eine große Zahl bewaffneter Araber aus der Umgebung in feierlicher Versammlung von den Flüchtlingen Abschied nahm. Es verlautet, daß ein arabischer Regierungsbeamter, der zugegen war, die Araber, die sich zu dieser Zeremonie eingefunden hatten, anwies, auf einem Wege zurückzukehren, auf dem sie den Truppen nicht begegnen. Bruch zwischen Nashashibi und dem Mufti Palcor meldet aus Jerusalem; Nashashibi und seine Anhänger sind aus der vom Arabischen Obersten Komitee gewählten Kommission zur Vorbereitung des Materials für die' Kgl. Untersuchungs-Kommission ausgetreten. Die vom Obersten Komitee ernannte Kommission besteht nunmehr nur aus Mitgliedern der Mufti- Partei, und Istaklalisten. Nashashibis Ausscheiden» das allgemein eine Sensation ausgelöst hat, bildet das Schlußkapitel seiner Differenzen mit dem Mufti bezüglich der Natur der der Untersuchungs-Kommission zu unterbreitenden Forderungen, die somit auf die Forderungen der Radikalen nach Abschaffung der Balfour- Deklaraticn und des Mandats beschränkt sind, während Nashashibi sich dafür einsetzte, daß sämtliche Beschwerden der Araber der Kommission, vorgelegt werden sollten. 1 1 Die erste Tanzplatte mit neubebräischem Text: a) Man jaflt — Wie schön bist du (Tango); b) Altira awdl — Fürchte dich nicht (Fox), Anfeuernder Rhythmus, effektvolle Instrumentation und die Eigenart des. neuhebräischen Refraingesanges -werden diese Platte zu einem Schlager im wahren Sinne des; "Wortes machen. Diese Platte darf in keinem jüdischen Hause, vrojunge Menschen sind, fehlen und ist nebst allen anderen Schlagern durch das Musikhaus Excelsior, Wien« J.» FranzrJoaefs-Kai 15, trhäitlicb. H Ein Mann vom Rang Professor Max Eislers bereiste Erez Israel natürlich nicht wie ein neugieriger Tourist, der Impressionen sammelt, sondern wie ein Gelehrter, wie ein Forscher, wie ein Künstler, wie ein Jude. Mit der Gabe des Formverständnisses ausgestattet, im Besitz des alten jüdischen Wissens, die Seele getränkt von der Tradition, konnte Max Eisler sehen, fühlen, analysieren, entdecken: das Land, den Menschen, die Kultur. Der Gelehrte sprach kürzlich im Wiener Musikvereinssaal über die neue jüdische Kultur Palästinas; er gab einen Studienbericht. Wir veröffentlichen die wesentlichen Teile des Vortrags in der heutigen Nummer, mit den Voraussetzungen zum Verständnis des jüdischen Landes beginnend. Auf dem Schiff, das wir für die Ueberfahrt nach Palästina benützten, war am ersten Morgen eine kleine Zauntüre zu sehen. Es war eine Tür aus weißgestrichenen Latten, nicht anders als diejenigen, die man bei uns innerhalb der Umfriedung von Hausgärten am Rande der Stadt oder in Dörfern zu sehen bekommt. Aber sie spielte hier durchaus keine harmlose oder gar gemütliche Rolle. Denn nachdem man sie mit einigen Stricken in der Mitte des Decks festgebunden hatte, verhinderte sie, daß bei der Promenade die Leute der Touristenklasse mit den Leuten der ersten Klasse zusammenkommen. Genauer bedacht, war dasja etwas lächerlich, denn man fuhr ja übers Meer, war dem gleichen Element, dem gleichen Schicksal anheimgegeben, das im Ernstfall keinen Unterschied macht zwischen Menschen mit verschiedenen Fahrpreisen. Aber das war nun einmal eine dieser seltsamen Ein- Verband cL Judenstaatszlonisten Samstag, den 14. November 1936, im Festsaale des Hotel „Continental", Wien II, Taborstraße 4 Gesellschaftsabend mit Akademie u.Tanz Es wirken mit: Fritz Grünbaum, Eugen Hoffmann, Lilly Majus, Otto Crosse Conference: Ossi Lewin — Erstklassige Jazz Karten aS 1.50 in allen Sektionen u. b. d. Funktionären richtüngen der Zivilsation und ließ sich scheinbar nicht ändern. Doch dann geschah, was auch sonst geschieht, wenn Natur die Zügel ergreift: mit jedem Schritt, den sie an Raum gewinnt, weicht .die Zivilisation zurück. So erging es auch unserer Zauntür.! Nach ihrem ersten großen Tag kam.ein zweiter, wo sie schon für Stunden offenstand, und am dritten war sie verschwunden, ihre Rolle war ausgespielt, man pfiff auf sie, die Leute von hüben und drüben hatten sich: gefunden, aus den. beiden Klassen war eine einzige, , durch Wohlwollen verknüpfte Gemeinschaft geworden. Warum ich das erzähle? Nun, mir erscheint die Geschichte dieser Meinen 'Tür, die-sich zuerst als Trennungswand so hochmütig 'aufplustert, dann schüchtern sich öffnet, um endlich im Nichts zu versinken, mir erscheint diese kleine Geschichte als das wichtigste, sinnvollste Zwischenerlebnis zwischen den beiden Welten, der einen, europäischen, die wir verlassen hatten, und der anderen, palästinensischen, der wir jetzt zustrebten. Freilich, der ganze Sinn der Begebenheit ist mir erst nachher aufgegangen. Wir alle schleppen, uns schon seit Jahrhunderten und auch heute noch mit: vielen solchen unsichtbaren Zauntüren. Ich kenne sie seit meiner Kindheit. Der; kleine Ort in der Mitte von Mähren, wo ich aufgewachsen bin, besaß noch eine eigene Judenstadt, drei alte Torbogen und die Drähte der Sabbatgrenze, des Eruw, spannten sich' über die äußersten Gassen des Bezirkes, in dem wir uns zu-Hause, aber auch eingeschlossen fühlten. Wenn wir ihn verließen, war es uns, als beträten wir eine andere, durch Feindseligkeit oder Toleranz, also immer in sich abgeschlossene Welt. Und dieses Gefühl habe ich auch später nie wieder verloren, als ich für Wochen, für Monate und Jahre in den Städten Europas Aufenthalt nahm, in Städten der Kultur, die kein Zeichen des'Ghetto mehr aufzuweisen hatten. Auch hier, inmitten der freiesten Mischung des Lebens, spürte ich überall die Grenze, auch hier sah ich überall den Zaun, der uns von den anderen trennt und uns nur dürftige Möglichkeit läßt, über ihn hinweg mit den anderen zu verkehren. Nicht genug. Auch wir, in unserem eigenen Lebenskreis, bemühten uns, solche Zwischenwände immer wieder und überall aufzurichten. Als ich nach dem Weltkrieg wieder einmal in eine große deutsche Stadt gekommen war, wo ich Suche für ältere Dame komfortables Zimmer mit Küchenbenützung und Bedienung in rituellem Haushalt Anbote an Oberinspektor Wildmann, Wien, I, Schottenring 31, Tel. A-l 5-2-33 schon früher öfters verweilt hatte, fand ich zu meinem Erstaunen die alten Bekannten nicht mehr in jener Allee, wo sie früher immer.promeniert hatten. Als ich dann der Sache nachging, erfuhr ich, daß mittlerweüe viele jüdische Flüchtlinge zugezogen waren, die in ihren Ruhepausen den schönen Spazierweg benützten. Und da verzichteten die einheimischen Juden lieber auf ihre Promenade, als daß sie sie mit den zugewanderten Juden geteilt 'hätten. Bitte, kein Grund zur, Empörung! Denn ob Promenaden oder Parteien, es bleibt immer dasselbe. Nicht nur die "Völker unserer; Umwelt, auch wir selbst tun, was wir tun können, um uns — wider die Natur, wider unsere Brüderschaft, wider unser gemeinsames Schicksal — gegenseitig aus« zusperren, zu zerteilen, zu isolieren. Zauntüren überall 3 In Erez Israel aber gibt es weder Zäune noch! reservierte Promenaden. Und eben das ist das erste, große, grundlegende Erlebnis im Heüigen Lande. Du kommst nach T e 1 - A v i v, in die einzige rehi jüdische Stadt der Welt. Es mag merkwürdig klingen, aber es ist so: hier erst lernst du richtig gehen. Denn hier erst bist du in der Freiheit. Du besinnst dich: Hat uns nicht schon die Emanzipation vor mehr als hundert Jahren diese Freiheit gebracht? Jetzt, hier erkennst du den Irrtum. Diese Freiheit war nur ein trügerisches, gefährliches Blendwerk gewesen. Denn in Wahrheit hat uns die vielgerühmte Emanzipation nur dahin gebracht, die Linie des geringsten Widerstandes zu beziehen, immer wieder die Anlehnung zu suchen an die neu aufkommenden Majoritäten der Wirtsvölker. Die moralische Existenz einer Gemeinschaft ist auf der Linie des geringsten Widerstandes nicht möglich. Sie ist nur möglich auf dem Boden der Selbstbestimmung, der Unabhängigkeit nach allen Seiten, ist vollkommen und auf die Dauer nur möglich im eigenen Lande. Das erkennst, das erlebst du jetzt. Oder genauer gesagt r du erkennst es noch nicht, aber dein Körper erlebt es. Plötzlich, nach zweitausend Jahren, weiß er wieder, wie er sich bewegen kann, er fürchtet keinen bösen Blick, keinen Anstoß, sein Gang wird aufrecht, locker und beherzt, er genießt das herrliche Glück der Freiheit im volkseigenen, unbegrenzten Lebensraum. In den Hauptstraßen, der Allenby und ihrem Zweig, der Nachlat Benjamin, treibt dicht die Menschenmenge. Aehnliches hast du nur in den Verkehrs- Zentren der Weltstädte, also etwa auf den Plätzen vor der Großen Oper in Paris oder vor der Bank von England in London, gesehen. Am Tag eilt sie geschäftig vorüber, am Abend strömt sie mit ruhig breiter Bewegung dem Strande zu, in der Purimnacht staut sie sich vor der Synagoge, um das Buch von der schweren .Volksnot, von der wunderbaren Volkserrettung anzuhören, das der Lautsprecher auf die Gasse trägt, und dann aufzuatmen, wenn die Gemeinde spricht: Lajehudim haita ora wetimchä wetotön wikar. Aber zu allen Stunden sind es die gleichen Menschen, Bauern, Arbeiter, Kleinbürger und nur wenig noble Leute, auch sie mitgenommen von den anderen. Zu allen Stunden ist es eine homogene Masse. Und auch du hast bald keinen bessern Wunsch als aufzugehen in dieser tätigen, hoffnungsvollen Volksmischung, ein Namenloser zu werden, ein Teil vom Ganzen der Gemeinschaft. Kleine Vorfälle, die dir jeden Tag begegnen" können, befestigen diesen Wunsch. Einer erweist die einen Dienst, du willst dich bedanken, er wehrt ab:! Wir sind ja hier, um einander zu helfen. Im Autobus macht ein Fahrgast den Wagenlenker aufmerksam, daß jemand im Wagen rauche. Ich muß das tun, erklärt er mir, denn sonst wird der Lenker bestraft. Als in den ersten Tagen der blutigen Unruhen eine Touristin einen der todesmutigen Chauffeure fragte* ob er sie gegen reichliche Entlohnung in eine der Sied-« lungen fahren wolle, wehrte er hartnäckig ab. „Haben Sie vielleicht Furcht?" „Jawohl, aber, für Sie." „Und wenn .es auf meine Verantwortung geschieht?" „Was soll das heißen, auf Ihre Verantwortung, Sie sind doch ein jüdisch Kind!" Die Beispiele ließen sich unendlich vermehren, ihr Sinn bliebe derselbe. Täglich immer; mehr tritt in Erez Israel das I c h in sein bescheidenes Maß zurück, das D u tritt hervor, wunderbar ergreifend als Ankündigung einer neuen oder bibelalten und nun lebendig erneuerten sozialen Moral. Das mußte vorangeschickt werden. Denn ich will ja über die Kultur des Landes berichten, selbstredend über die n e u e j ü d i s c h e K u 11 u r, wie sie mir bei meinem Aufenthalt im Frühling 1936 bis zum Beginn desi .blutigen Aufruhrs erschien. Ein solcher Bericht aber kann nur triftig sein, wenn er auf die Grundlage der inneren, sittlichen Kräfte gestellt wird, die am Werke des Aufbaus beteiligt sind, wenn die idealen Beweggründe der Gemeinschaft erkannt werden, die sich in den Leistungen der Kultur sichtbar verwirklichen. Man darf sich diese Aufgabe nicht leicht machen. Als unser Lehrer Mosche die Männer vorausschickte, um das Land zu erkunden, verpflichtete er. ßie* aus der, Wiedening bis ins Gebirge zu steigen, dio

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