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Die neue Welt · 1936-10-30 · Heft 604 (30.10.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 604 (30.10.1936)
Date
1936-10-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 604 vom 30. Oktober 1936 DDE NEÜE WELT Seite 3 Zwischen Faschismus und Bolschewismus Antisemitische Demonstrationen in England Seit einem halben Jahre kommt es in London allwöchentlich zu Ausschreitungen, wie sie sich sonst in Warschau, Bukarest und Lemberg abzuspielen pflegen. Die von Sir Mosley geführten faschistischen Schwarzhemden dringen in das stark jüdische östliche Viertel Londons, in East-End, ein, überfallen jüdische Passanten, demolieren jüdische Läden und verteilen wüste Hetzschriften gegen die Juden. Dann folgen Interpellationen im Parlament, Protestversammlungen, Debatten ütnir die zweideutige Haltung der Polizei und dergleichen mehr. Kurz: Es geht jetzt in England, dem ,^ande ohne Antisemitismus" um die Judenfrage recht lebhaft zu. Ueber die Entstehung dieser Bewegung sind vermiedene Meinungen im Umlaufe. Der englische Faschismus war im Anfang nicht judenfeindlich und Sir Mosley, der von der Arbeiterpartei her kam, betonte noch vor zwei Jahren den nichtantisemitischen Charakter der Bewegung, die auch einige jüdische Mitglieder aufwies. Nun hört man einerseits sagen, daß Sir Mosley von HitlerrDeutschland gelernt hat, die Zugkraft des antisemitischen Schlagwortes hoch einzuschätzen und nach ihm als politischem Behelf gegriffen habe. Andere wieder sagen, daß die Juden an dieser Entwicklung zum Antisemitismus schuldig sind, weil sie bei den Zusammenstößen zwischen Faschisten einerseits und Kommunisten und Sozialisten andererseits immer auf Seite der letzteren zu sehen waren. Die Meinung, daß die Juden zur Invensiyierung des Kampfes beigetragen haben, wird übrigens von Menschen geteilt, die über den Verdacht antijüdischer Voreingenommenheit erhaben sind. So hat der liberale Innenminister John Simon in der Debatte im Parlament den Juden1 ihre Parteinahme warnend vorgehalten und ihnen den Rat erteilt, zu Hause zu bleiben, wenn Faschisten und Kommunisten gegeneinander demonstrieren. Und der Führer der Konservativen, Winston Churchill, ein Förderer der jüdischen Sache, hat im „Evening Standard" in gleichem Sinne geschrieben. Er warnt die Juden, bei den Kommunisten vor den Faschisten Schutz zu suchen! Es ist wichtig, erklärt er, daß sich die englischen Juden vom Streite zwischen Faschismus und Kommunismus fernhalten. In England hat es ein die Gesetze achtender -Jude nicht nötig, bei Kommunisten nach Schutz auszuschauen. Er findet sein gutes Recht bei den Behörden. Tatsache ist, daß die von Sir Mosley ausgegebene Parole vom jüdischen Bolschewismus insofern gefährlich ist, als ihre Wirkung über den faschistischen Kreis hinausreicht. Das ist wohl auch der Grund, der den Anglo-Jewish Board Deputies (Verband aller Judengemeinden Großbritanniens) zu einer Kundgebung veranlaßt hat, in welcher gegen die Identifizierung des Judentums mit Kommunismus und Bolschewismus Stellung genommen wird. In einer nach lebhafter Debatte gefaßten Entschließung protestierte der Board gegen die Versuche, das Judentum mit dem Kommunismus oder einer sonstigen politischen Richtung zu verbinden und erklärte, daß seine D,efensivmaßnahmen nicht gegen den Faschismus, sondern lediglich gegen den Antisemitismus gerichtet sind. Heilanstalt Dr. Hauter für Rheumatismus, Gicht, Gelenks- und Nervenkrankheiten Ischias-Schnellkur l,Schotlenring17,Tel.A-17-0-66 ' Eine Wirkung dieser Kundgebung nach außenhin ist sehr zu bezweifeln. Zu wünschen ist eine Wirkung nach innen, das heißt, eine Beherzigung der Tendenz der Nichteinmischung durch die Juden selbst. Der englische Zionismus geht mehr in die Breite als in die Tiefe. Es gibt sehr viele englische Juden; welche den Aufbau des jüdischen Palästina begrüßen und fördern, aber es gibt wenige, deren politische Denkart durch die nationale Idee des Zionismus beeinflußt ist. Hier glaubt der Jude, politisch denken und handeln zu können wie jeder andere Engländer, frei von jeder jüdischen Bindung. Der zionistische Grundsatz, welcher es den Juden untersagt, an den politischen Kämpfen zwischen Nationen und Klassen eines Landes teilzunehmen, hat im englischen Judentum bisher kein Verständnis gefunden. Zum Schaden dieses Judentums, das jetzt, nicht ganz ohne eigene Schuld, ins Gedränge zwischen Faschismus und Kommunismus geraten ist. r. st. Bei BRUCH L E I DEN nur ABSO-Bruchbänder mit drehbaren Schwammgummipelotten Alleinverkauf: Institut Bständig hlTfflf?x;.Z Beratung, Prospekte kostenlost Ein Mosleyslnterview Die „Berliner Jüdische. Rundschau" meldet aus Rom: Das offiziöse, dem hiesigen Außenamt nahestehende „Giornale d'Italia" brachte dieser Tage in großer Aufmachung ein Interview mit dem Führer der britischen Faschisten, Sir Oswald Mosley, worin dieser unter anderem auch die jüdische Frage und die Einstellung des britischen Faschismus zum Judentum behandelte. Die stark antisemitische Färbung dieses Interviews und die sensationelle Aufmachung, die das „Giornale d'Italia" ihm zuteil werden ließ, haben in hiesigen jüdischen Kreisen nicht geringes Befremden hervorgerufen. Auf die Frage des Interviewers an Mosley: „Weshalb bekämpfen Sie eigentlich die Juden?" antwortete dieser, nicht die englischen Faschisten hätten diesen Kampf begonnen, sondern die Juden. Zwei Jahre lang hätte die Mosley-Gruppe nicht ein Wort gegen die Juden gesagt, aber die Juden hätten sie angegriffen „mit der ganzen Macht ihres Geldes, ihrer Presse, ihres Kinos, mit der Beleidigung unserer Kameraden in den Büros und in den Werkstätten und mit physischer Gewaltanwendung". Mosley betonte, sein Kampf sei ein politischer Kampf und keine Bekämpfung* der Rasse. Er greife die Juden an „nicht deswegen, was sie sind, sondern um dessenwillen, was sie tun" (das heißt wegen ihrer politischen Haltung). Es folgen dann die bekannten Beschuldigungen gegen die „internationalen Interessen" des Judentums. Wenn in diesem Zusammenhang vor der italienischen Oeffentlichkeit auch die Behauptung aufgestellt wird, die Juden seien es in England gewesen, die während des abesslnischen Krieges die öffentliche Meinung gegen Italien beeinflußt hätten, so handelt es sich um eine unrichtige Darstellung, die jeder Kenner des englischen öffentlichen Lebens ohne weiteres korrigieren kann. Denn mit einigen wenigen Ausnahmen- «war die ganze englische öffentliche Meinung bekanntlich aus Gründen, die mit der englischen Weltmachtstellung und teilweise mit der englischen Sorge um den Völkerbundgedanken zusammenhängen, gegendies-esitalienisqhe Unternehmen. Es ist also ein durchsichtiger Zweck, wenn Sir Oswald Mosley gerade vor einem italienischen Publikum die Schuld für diese Konstellation den Juden zuschiebt, wie er denn auch weiter die Behauptung aufstellt, .daß selbst jüdische Kapitalisten und Finanziere „den Kommunismus" im Kampf gegen den Faschismus unterstützen". Größte Beachtung verdient, daß Sir Oswald den italienischen Faschismus, der bisher nicht die "geringste antisemitische Tendenz hatte, gegen das Judentum aufzuhetzen versucht. Wenn wir auch nicht glauben, daß sich der italienische Faschismus durch solche Aeußerungen beeinflussen läßt, könnte es doch leicht geschehen, daß eine kritiklose Oeffentlichkeit den Juden als den angeblich Schuldigen zum Prügelknaben macht. Italien und die Palästina-Unruhen Aus Jerusalem: Der hebräischen Presse Palästinas ist ein offenbar vom italienischen Konsulat inspiriertes Expose" zugegangen, in dem erklärt wird, daß die vor kurzem erfolgte Veröffentlichung antizionistischer Artikel in der Zeitung „Regime Faaciste" einen unrichtigen Eindruck über die Haltung der italienischen Presse zu den Ereignissen in Palästina erwecken könnte, Die öffentliche Meinung Italiens werde durch die großen Tageszeitungen, wie „Giornale d'Italia", „Corriere de la Sera", „La Stampa" usw. zum Ausdruck gebracht und diese Zeitungen hätten während der ganzen Dauer der Unruhen objektive Berichte und Artikel gebracht, die keinerlei politische Stellungnahme für die eine oder die andere Seite verrieten. Gegen antfsenMti§diein Faschismus Die Liberalen Aus London: Die Exekutive der Englischen Liberalen Partei übermittelte dem Premierminister Baldwin und dem Innenminister Sir John Simon eine Entschließung, in der es heißt: „Die Liberale Partei bringt ihren Abscheu gegenüber der Kampagne des Terrors und des organisierten Angriffs, die gegen englische Bürger jüdischen Glaubens jetzt geführt wird, zum Ausdruck, und ist ernstlich beunruhigt Über das Ueberhandnehmen von Gewaltmethoden, wie sie während der jüngsten politischen Demonstrationen in London East End zur Anwendung kamen. Solche Methoden gefährden diei Freiheit der Rede und der öffentlichen Versammlung. Die Liberale Partei fordert darum die Regierung auf, da- Hie scharf-scharfe - die . den w in eil Regelmäßige Expreß- und Postlinien nach "Ägypten, Palästina, Syrien, Griechenland, Türkei, Indien, Ostasien, Levante, Schwarzes Heer Gesellschaftsreisen in Vorbereitung: ügyplen (Kairo-Luxor-Assuan) . . Dezember 1936 Indien........Dezember-Jänner 1936/37 Auskünfte: LLOYD TREESTIN© Wien I, Kärntnerring 6 und alle Reisebüros ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ für zu sorgen, daß der Innenminister seine g< e g e n« über dem Parlament übernommene Pflicht ohne Zögern erfüllt und die Gesetzesmaschinerie in einer Weise in Anwendung bringt, daß Seiner Majestät jüdische Untertanen vor Verleumdungen und Angriffen geschützt werden. Umzüge offenbar provokatorischen Charakters sind zu verbieten; denn dies bedeutet nicht eine Einschränkung des Rechtes der Versammlungsfreiheit." Die Arbeiterpartei Aus London: Im Auftrag einer Konferenz der Londoner Labour Party, welcher Mitglieder deä Parlaments, des Stadtrats und der Bezirksräte von Ost- und Nordost-London beiwohnten, sandte der Vorsitzende der Londoner Arbeiterpartei und der Arbeiterfraktion, im Londoner Stadtrat Herbert Morrison ein Schreiben an den Innenminister Sir John Simon, in welchem die Regierung dringend aufgefordert wird, eine durchgreifende Aktion gegen das Ueberhandnchmen des antisemitischen Faschismus einzuleiten. Wir nehmen, heißt es in dem Schreiben, mit' Besorgnis wahr, daß das Kabinett die Sache nicht genüg ernst anpackt. Vor kurzem hat eine faschistische Organisation, die die in auswärtigen Ländern geübte Technik kleinlich nachahmt, versucht, im Osten von London' soziale Unruhe und Rassenhaß, der der "englischen Tradition völlig fremd ist, zu erregen. Sie versuchen auch, Kinder mit diesem Gift zu infizieren, dasr- Schulleben sogar wurde von diesem Gift angesteckt. Tausende Einwohner von Ost-London sind um ihre Sicherheit besorgt, und es besteht die Gefahr einer Verschärfung der Lage. Es ist dies eine auf dem guten Namen Englands lastende Schmach. ... Morrison fordert im Namen der Konferenz ein Verbot jeder öffentlichen Kundgebung, von der anzunehmen ist, daß sie zu Rassenstreit führen wird. . Die letzte Demonstration Ueber den Verlauf der letzten Demonstration der' ■Londoner Schwarzhemden wird noch berichtet: An der Spitze von 8000 uniformierten Schwarzhemden vollführte Sir Oswald Mosley seinen Marsch durch das Londoner Judenviertel (Whitechapel). 10.000 Polizisten unter der persönlichen Oberleitung des Londoner Polizeipräsidenten Dame sorgten für die Ordnung. Teile der jüdischen Bevölkerung und die Arbeiterschaft Whitechapela protestierten gegen den Faschistenmarsch. Es kam zu Zusammenstößen. Die Schwarzhemden demolierten eine Anzahl Läden. Schließlich drängte die Polizei die Mosley-Trupps aus Whitechapel hinaus, nachdem im letzten Augenblick die Demonstration verböten worden war. Im Hauptquartier der Faschisten erklärte dann Mosley: „Heute hat die englische Regierung der jüdischen Korruption nachgegeben. Wir werden dieser Korruption ein Ende machen, wir werden England und die Welt erobern." Von der Polizei wird mitgeteilt, daß bei den Zusammenstößen 268 Personen verletzt wurden, von denen 64 in Krankenhäuser gebracht werden mußten. Einige hundert Personen wurden verhaftet. ■nu» ausländische Hausbesitzer verwalten ihre 1 WIENER HÄUSER durch behördlich konz. Realitätenkanzlei 1 Dr, MAAR PAIS |H Wien I, Franz-Josefs«Kai 1, Tel. R-21-5-30

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