Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 602 (23.10.1936)
- Date
- 1936-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 602 vom 23. Oktober 1036 M, 5, Brafmann: Qesfteätke auf einet ftoiuisänk Heise Der Weg führt uns nach Polen. Dreieinhalb Millionen Juden wohnen hier, mehr als die Gesamtzahl der Einwohner der Schweiz beträgt. . . . Man hat in der letzten Zeit von einem stürmischen Anwachsen des Antisemitismus in seiner brutalsten Form gelesen. Die Zeitungen brachten Berichte über Ueberfälle, Mordanschläge, Plünderungen, Pogrome in jüdischen Ortschaften. Es gab Prozesse, in denen die angegriffenen, ihr Leben und Gut verteidigenden Juden verurteilt wurden, die mordenden Pogromisten, Räuber und Banditen von einer gewissen Presse sogar als Nationalhelden gefeiert, frei ausgingen, lieber all diese Dinge sprachen wir mit dem „einfachen Mann", der sagt, was er denkt... 1. „Was ist", frage ich den einfachen Mann, „wahr an den Presseberichten, die wir ins Ausland bekommen?" Leider geben die Presseberichte ein falsches Bild. Ich weiß aus Briefen meiner Leute im Ausland, daß man dort den Eindruck hat, in Polen habe man nichts anderes zu tun, als die Juden zu schlagen, zu plündern, zu pogromieren. Das stimmt nicht. Wohl sind in der letzten Zeit Ueberfälle auf Juden, ja Pogrome vorgefallen, aber es wäre ungerecht, diese Geschehnisse zu verallgemeinern. Gerade der Presse sollte man das sagen. Wenn in einem Winkel des weiten Polens ein Jude während einer Fahrt im Eisenbahncoupe" attackiert wird, so rechtfertigt diese an sich häßliche Sache noch nicht den Zeitungstitel in mächtigen Lettern „Blutige Ueberfälle auf Juden ' in Polen".'Die Welt ist gegen derlei Sensationsüberschriften abgestumpft, im Land selbst aber wird dadurch Nervosi« tat erzeugt. Wie wir nichts bei uns überschätzen, so unterschätzen wir auch nichts. Wir wissen, daß sich gewisse lokale Ereignisse zu einer großen Gefahr auswachsen können; wir wissen aber auch, daß nür ein kleiner Teil des polnischen Volkes antisemitisch ist. Und damit komme Ich zu " der interessanten Frage — wer die Exzesse anstiftet." " „Das möchte ich gerne hören. Kommen jetzt noch Ueberfälle auf-Juden vor?" . „Selten. Die antisemitische Welle ist im Abflauen. Ich glaube, auf einen Wink von oben. . . . Eine Erklärung der Regierung, welche die Ueberfälle scharf verurteilte, ohne, allerdings etwas gegen den antijüdischen Wirtschaftsboykott zu sagen, ihn also sozusagen empfahl. Die antisemitischen Kreise verdichten jetzt also ihre Boykottpropaganda." „Wer sind die Anstifter und Träger dieser Bewegung?" „Von den Bauern, Arbeitern, Bürgern, Beamten, Militärs und Studenten sind lediglich diese antisemitisch und in der antisemitischen Hetze führend. Sie sind.es, die die Schuld an allen Verbrechen haben. Der ältere Bauer, dessen Vater und Großvater bereits mit dem Juden gehandelt und gearbeitet haben, dem der Jude seine Produkte abkauft und auf den Markt bringt — will von der Judenhetze nichts wissen. Der Jude ist für ihn eine Notwendigkeit.. Aber da der Bauer nicht den weiten Horizont und die tiefere Bildung hat, ist er Einflüsterungen zugänglich und kann leicht der Verhetzung erliegen. Man erzählt ihm von der jüdischen Schuld an den niedrigen Preisen der Landwirtschaftsprodukte, an der Landnot bis zum Ritualmord und gibt ihm all diese Lügen durch' Presse, Vorträge, Radio ein ..." „Landnot?" „Was die Landnot anlangt, ist an ihr die unzweckmäßige Verteilung von Grund und Boden schuld. Eine gesunde Agrarreform könnte sehr viel zur Beruhigung des polnischen Bauers beitragen." — „Und die studierende Jugend?" „Ein Fluch liegt leider auf dieser Jugend. Nach dem Beispiel anderer Länder hetzt und verleumdet sie, ja sie übertrifft bisweilen noch ihre Vorbilder. An den Hochschulen werden jüdische Kollegen und Kolleginnen überfallen, dann geht man auf die Straße, um die Exzesse gegen jüdische Passanten fortzusetzen, schließlich aufs flache Land und zur Mittelschuljugend. Die Gefahr liegt darin, daß aus den studentischen Kreisen sich die kommenden Beamten, Richter, Lehrer, Politiker rekrutieren. Traurig, daß die jüngeren Beamten der antisemitischen Propaganda bereits erlegen sind." „Die Regierung?" „Sie ist an sich loyal, verurteilt die schändlichen Untaten, weil sie weiß, daß die Opposition ihr durch die fortwährenden Exzesse Schwierigkeiten bereiten will." „Das Schechita-Verbot hat im Ausland einen schlechten Eindruck gemacht", bemerkte ich. „Dem Verbot des rituellen Schächten* wurde ein kulturelles Mäntelchen umgehängt. In Wirklichkeit war es eine antisemitische Attacke gegen 30.000 Juden — denn die fachmännischen Autoritäten hatten entschieden, daß die rituelle Schechita die humanste Methode sei. . . ." „Wird das Gesetz in Kraft treten?" „Wahrscheinlich. Es wird aber nur ein kurzes Leben haben. Die Bauern selbst werden eich dagegen stellen, weil es nicht den wirtschaftlichen Interessen des Landes entspricht. ..." „Wie soll ich das verstehen?" „Während anderswo der Jude aus Stellungen gedrängt wird, die dann von den Nichtjuden eingenommen werden, betreibt man in Polen den Antisemitismus aus purer Freude an ihm, ohne Berechnung, ohne persönliches Interesse. Man will 30.000 Juden, die von der Schechita leben, ruinieren, ohne die eigene Lage zu verbessern, wahrlich ein „idealer Antisemitismus". „Wie ist die Stimmung unter den Juden?" „Zur Zeit der Unruhen und der darauffolgenden Prozesse war man geradezu verzweifelt. Man sah das Versagen der staatlichen Exekutive, verlor den Glauben an den staatlichen Schutz. Dazu noch Zerrissenheit im eigenen Lager. Bis. sich endlich die polnische Judenheit aufraffte und im Augenblick der höchsten Not und Gefahr eine einheitliche Abwehrfront schuf. Es kam zu einem Proteststreik der Judenheit Polens. Dieser Streik gab den Juden ihr Selbstbewußtsein wieder. Wir fühlten, daß wir ein Faktor sind, mit dem man rechnen muß. Selbstvertrauen zog in der jüdischen Gasse ein." 2. Am Bahnhofschalter, im Begriffe, mir eine Fahrkarte zu lösen, werde ich plötzlich am Aermel gezupft. Ich wende mich um: Einige Knaben stehen da, 12- bis 14jährig, in Hosen, die über die Knie reichen, schwarzen Strümpfen, zu weiten Schuhen. Auch die Röcke sitzen nicht, sie sind aus des Vaters Rock zurechtgeSchnitten, und zwar, daß die Knaben „hineninwachsen" können; ein weiches Hemd ohne Krawatte; auf dem Kopf eine appe mit kleinem Schild. Und die Gesichter? Blaß, schlecht genährt, die Wangen eingefallen,'aber Augen . . .!. Augen voll, unendlicher Tiefe ... Augen von Reife und Verstehen ... Zionistische Bezirkssektion VIII/IX Eingang Hörigasse 2 Freitag, den 23. Oktober, 8 Uhr abends ONEG SCHABBAT Augen voll Ernst und Strenge ... Augen voll zarter Versunkenheit. Es sind Jeschiwo-Bachurim. Talmudjünger. Einer von ihnen hebt an: „Verzeihen Sie, panje, wohin fahren Sie?" „Nach Lublin." „Oh, dann kaufen Sie Bücher für uns! Bücher!" „Was soll ich euch kaufen?" „Fünf Bücher bitte, nach Lublin." „Was für Bücher?" „Ah, Sie sind ein Fremder!" „So. erklär mir . . ." „Jeder Erwachsene kann fünf, Kinder bis zu fünfzehn Jahren auf der -Bahn mitnehmen; er muß bloß ein Legitimationsbuch an der Kassa um 20 Groschen für jedes Kind kaufen." „In ganz Polen?" „In ganz Polen." „Auch für fremde Kinder?" „Das macht nichts. Das gilt aber nur vierzehn Tage im Jahre, während der Ferien. Und heute ist bereits der vierte Tag." „Ich kann euch also für einen Zloty nach Lublin mitnehmen!" „Ja, bitte, tun Sie es." .... Einige Minuten später saßen wir im Zug. Sehr viel jüdische Kinder, Buben und Mädchen. Sie reisen durch das Land, lernen: sehen und denken. Im Gespräch erfahre ich, daß es der Traum t-inigsr Knaben ist, in die große Jeschiwa nach Lublin zu kommen. Der Vater des einen ist Fellhändler, die Mutter Gemischtwarenhändlerin. „Sehnst du dich nach Hause?" frage ich. „Nur, wenn wir nicht lernen." : „Nun, Gott soll dir helfen, auf daß du bald nach Lublin in die Jeschiwa kommst ..." — Und der Kleine blickt mich dankbar-sehnsüchtig an. 3. Bei strömendem Regen komme ich an. Sechs Uhr morgens. Eine Stunde Wegs ins Städtchen hinein. Man muß also fahren, auf daß unsere Brüder, die Balagules, die Fuhrwerke, für ihre hungrigen Kinder etwas verdienen, „parnosse" haben. Hinter dem Stationsgebäude ein — Autobus. Ein Autobus in dieser armen Gegend, wo die Leute vom Hunger leben. Man nimmt dir rasch den Koffer ab, schon sitzest du im Autobus und schon geht's los. Wir sind in einer russisch-äolnischen Gegend. Es wackelt und kollert, keine angenehme Fahrt, aber schließlich sind wir nicht auf der Wiener Ringstraße . . . „Jetzt sind wir stolz, können in entfernte Ortschaften fahren", sagt der Balagule, „wir arbeiten mehrere zusammen. Vier Teilhaber. Jeder hat etwas hergegeben. Der eine hat Geld von einem Verwandten aus Amerika bekommen, dem anderen ist Kredit von der »Gemilas-Chassidim'-Kassa gegeben worden." Es ist ein alter, gebrauchter Kasten, den die vier Teilhaber erworben haben, mit abgewetzten Ledersitzen,, zerbrochenen Fensterscheiben, die Hauptsache aber: ex! fÄhrt. Oberkantor Josef Borin, Breslau Platte Nr. 1157 a) Rezeh................Bernstein b) Weseorew...........N. Salutkowskl mit Orgelbegleitung Platte Nr. 1159 a) Kiddusch . . .........Borin b) Zadik-katomor...... Louis Lewandowsb) mit Orgelbegleitung soeben neu erschienen im Musikhaus Excelsior Grammophon- und Radiozentrale am Schwedenplatz, Wien I, Franz-Josefs-Kai 15, Adlergasse 7, R-21-4-46 / Ein-, und Verkauf, Tausch zu günstigsten Zahlungsbedingungen / Größtes Spezialhausvon jüdischen u. hebräischen Neuaufnahmen / Alle modernen Schlagerplatten aus Tonfilm, Oper und Operette lagernd /'Wenig überspielte Platten und Apparate zu kleinen Preisen Was sie verdienen, frage ich. „4. bis 5 Zloty durchschnittlich." „Könnt ihr davon leben?" „Es soll nicht ärger sein." „Habt ihr Familie?" (Eine jekische Frage!) „Gesund und stark sollen sie sein. Acht Kinder." „Wie alt seid ihr?" „38 bis 120!" „Und eure Frau? Gesund?" „Ja, Gottseidank . . . Wohin soll ich Sie führen?" „Zu Awrumtsche, dem Soifers Sohn." „Gut." „Wieviel bin ich schuldig?" „Schuldig? Die Fahrt kostet 60 Groschen." Ich bezahle den Balagule, den jüdischen Chauffeur, Taxiunternehmer, Spediteur. Nun heißt es die Augen offen halten im Städtchen mit den verfallenen Häusern und Holzbuden, den gebrechlichen Dächern und Mauern. Die Stuben aber sind rein. Alles gewaschen und ge-» putzt — trotz Not, Armut, Elend. Betten und Kästen und Schränke von irgend woher und doch von trauter Heimischkeit. Eine Luft von stiller Liebe, Einsamkeit, Innerlichkeit weht durch den Raum. Hinter einem Vorhang Sefarim. Talmudbände in zereschlissenem Leder, wer weiß wie alt, wer weiß von wieviel Händen schon durch-* blättert . . . Ein Weg durch das Städtchen macht nachdenklich* Die Grenzen zwischen arm und wohlhabend sind verwischt, auch an der Kleidung nicht mehr erkennbar. Das Handwerk, früher einmal nicht hochgeachtet, erfreut sich jetzt großer Beliebtheit. Wenn man zur Handarbeit bekäme . . . Und da dies leider nicht der Fall ist, vernachlässigt'man sein Aeußeres, geht in ungepflegtenr Kleidern herum. Und dazu noch reicher Kindersegen, Kinder und Kinder, von denen man nicht weiß, wie man sie ernähren soll, wenn auch die Nahrungsmittel spottbillig sind: Ein Kilogramm Kalbfleisch 70' Groschen; 1 frisches El 4 Groschen; 1 Kilbgramm Landbrot 15 Groschen; 1 Liter Milch 12 Groschen; von Obst und Gemüse gar nicht zu reden. Aber nicht einmal für diese Preise reicht das aus, was man verdient. Die wirtschaftliche Not ist unermeßlich, für mitteleuropäische Augen unfaßbar. Zehn bis vierzehn Menschen in zwei engen Stuben, fast ohne Nahrung, mit Kindern, die heranwachsen, ohne jemals etwas Kräftiges im Magen gehabt zu haben und doch „tauglich zum Militärdienst" befunden werden.. Und die Zukunft dieser Jugend? Die jungen Menschen beginnen die Kleinstadt zu hassen, in der sie nicht einmal ein Handwerk lernen können, da die Meister selbst' am Hungertuch nagen und Fachschulen nicht vorhanden sind. In der Großstadt herrscht Arbeitslosigkeit, also keine Chance unterzukommen, und so bleibt als Rettung; Auswanderung! Wohin? Nach Üebersee. Amerika, Australien, Palästina. Erez Israel — eine Hoffnung, eine Zuversicht. Es gibt genug jüdische Familien in Polen, die davon leben, was der Sohn, der Bruder, der Verwandte von „Drüben" schickt ... Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Oesterreich: Fräulein Lilli — Silhouetten. England: Wie es euch gefällt. Frankreich: Helene. — Taraß Bulba. Amerika: Mr. Deeds — Schwester Florence — Peter Ibbetson — Der König der Frauen — Der kleine Rebell — Der chinesische Spürhund — KUß nicht im Kino! — Der kleine Lord — Der Mann, der Wunder wirkte — Kampf um die Barbee-Farm — Der letzte Gangster — Die Matrosen kommen! — China-Gold — Keine Gnade — Die Wunderbar — Wir drei — Dein Leben gehört mir. filme unter Arierparagrapls Raub der Sabinerinnen — Die letzte Fahrt der „Santa Margareta" — Madchenmarkt — Die Fahrt Ins Blaue — Boccaccio —- Der Holzschnitzer vom Erzgebirge — Befehl Ist Befehl — Mister X. — Der Dämon vom Himalaya — Puppenfee — Die Drei um Christine — Arzt aus Leidenschaft — Der Hundefänger — Weiberregiment — Opernring — Der Schlaumeier — Mädchenpensionat — Confetti — Engel mit ldeinen Fehlern — Wer ist wer? — Prater — Der Wildfang — Waldwinter — Kaiser von Kalifornien — Männer vor der Ehe — Allotria — Friesennot — Verräter — Stenka Basin — Nur du, Maria (Gigli-Film) — Schlußakkord — Schatten der Vergangenheit — Seine Tochter ist der Peter — Manja Walewska — Seine Tochter ist der Peter — Seine offizielle Frau. Das seit Jahrzehnten bewährte Simonsbrot wird Diabetikern und ah Hartleibigkeit Leidenden besonders empfohlen. In dünnen Schnitten mit Butter schmeckt es delikat und ist leicht verdaulich. Sehr bequem: Simonsbrot Schnittenpäckchen in Stanniol. In allen guten Feinkost« handlungen und Bäckereien erhältlich* jg ü