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Die neue Welt · 1936-10-20 · Heft 601 (20.10.1936) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 601 (20.10.1936)
Date
1936-10-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Mr. 601. vom 20. Oktober 1936 I§! das erlaubt! Die vom Präsidenten und Listenführer der „Union" geführte Wahlkampagne übertrifft an Skrupellosigkeit alles bisher Dagewesene. Daß die zionistischen Kandidaten mit einer Flut von persönlichen Beschimpfungen und ihr Privatleben betreffende Verdächtigungen bedacht werden, ist schon selbstverständlich. Aber damit ist nicht genug. Die Wiener jüdischen Bürger, welche nicht zur „Union" stehen — als die Mehrzahl —, werden als vaterlandslos, fremd, unpatriotisch vor der Oeffentlichkeit und den Behörden denunziert, also förmlich den Anti- ■ emiten ans Messer geliefert. Wir haben erklärt, daß wir nicht auf das Niveau des Herrn Dr. Oppenheim und seiner engsten Freunde hinabsteigen werden und bleiben dabei. Wir wollen uns mit einer Feststellung begnügen. Heute sind nicht allein die Führer der „Union" verantwortlich. Auch diejenigen sind es, die als K a n d i d a t e n und Vertrauensmänner der „Union" die Beschimpfungen, welche der jüdischen Bevölkerung zugefügt werden, und die schmählichen und gefährlichen Denunziationen mit ihrer Unterschrift decken. Es ist unglaublich und doch wahr, daß stadtbekannte Kaufleute und Gewerbetreibende sich dazu hergegeben haben, bei der Beschimpfung und Bedrohung des jüdischen Publikums mitzutun. Auf den von unflätigen Beleidigungen und Verdächtigungen strotzenden Aufrufen und Einladungen der „Union" befinden sich u. a. folgende Unterschriften: Siegmund Feld mann, Handel mit technischen Artikeln, Wien, VII.; Friedrich Feuer, Zimmer- und Dekorationsmaler, Wien, IX.; Schuhwarenhaus Jakob und Arnold Löwy, Wien, XX.; Desider Wollner, Juwelier, Wien, V.; Siegmund Freund, Tuchhändlcr, Wien, I.; Paul Schwarz st ein, Eisenhandel, Wien, III.; Richard J a k o b i, Nähmaschinen- und Fahrradhandel, Wien, IX.; Moriz Gal, Textilwarenhändler, Wien, XDX.; Rudolf Steinfeld, Warenhaus, Wien, V.; Sandor Baroti, Wirkwarenhändler, Wien, I. usw. Kaufleute und Gewerbetreibende haben selbstverständlich das Recht, für ihre Ueberzeugung offen einzutreten. Niemand darf ihnen daraus einen Vorwurf machen. Aber haben sie das Recht, bei Beschimpfungen des jüdischen Publikums mitzutun und bei Denunziationen, welche den so schwer um seine Existenz ringenden jüdischen Kaufmann und Gewerbetreiben de n dem antisemitischen Boykott ausliefern? Man weiß, wie schwer die jüdischen Kaufleute u»d Gewerbetreibenden darunter leiden, daß sie von Lieferungen an öffentliche Anstalten fast ganz ausgeschlossen werden, unter dem Vorwande, daß sie „r o t" sind. Was aber tun die Herren von der.-„Union"? Sie stoßen ins selbe Horn. In ihrem Blatte findet sich ein Angriff auf einen Lieferanten der ' Kultusgem'einde, worin es wörtlich heißt: „So erhielt erst vor kurzem einer der jüdischen Gewerbetreibenden, dessen Einfluß auf seine zahlreichen, ehemals sozialdemokratischen Genossen den Jüdischuationalen bekannt ist, einen bedeutenden Auftrag . . Politische Unabhängigkeit in allen Ehren! Aber ist es erlaubt, daß jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende bei Gemeinheiten mittun, welche gegen das jüdische Publikum und ihren eigenen Stand gerichtet sind und mit politischer Ueberzeugung schon gar nichts zu tun haben? Diesen Kaufleuten und Gewerbetreibenden sei mit aller Deutlichkeit gesagt: D a s ist nicht erlaubt! Die arabischen Parteien Von Dr. Israel Zwi Kanner. „Es ist notwendig, eine gründliche Kenntnis des arabischen Lebens, der arabischen Geschichte und Tradition unter den Juden zu verbreiten." (Prof. Josef Klausner.) Bis zum Weltkriegsende gab es in Palästina keine arabischen Parteien, sondern bloß einige Familien von hohem Ansehen. Den größten Einfluß besaßen die Hussein is und die Naschaschibis. Kein Wunder, wenn die Engländer in ihnen die Vertreter der Araber sahen! Bei Uebernahme des Mandats durch Großbritannien waren zwei Stellen zu vergeben: eine geistliche und eine weltliche. Die eine fiel Amin H u s s e i n i zu, er wurde Großmufti; die zweite bekam Ragaw Bei Naschaschibi, er wurde Bürgermeister von Jerusalem. Von nun ab läßt sich erkennnen, wie auch andere >%imilißn in den Vordergrund drängen, indem sie im Volke Anhang suchen. Im Zeitalter der Partelen gehen auch die Araber von dem Pamilienpatriarchat zur Parteienhegemonie über. Einer einzigen Familie gelingt der Aufstieg, den C h a 1 d i s. Diesen glückte es, bei den Wahlen im Jahre 1934 mit Hilfe der Juden die Naschaschibis von ihrem Amte zu verdrängen und ihre Stelle einzunehmen. Von da an datiert der Kampf um die weltliche Vorherrschaft unter den Arabern selbst. Den Naschaschibis geht es seit damals darum, um jeden Preis zu irgend einem Amt und so zu irgend einer FUhrerstelle zu kommen. Ragaw Bei Naschaschibi ist das Haupt der „Partei der nationalen Verteidig u n g". Unter anderem will er sich an den Juden rächen, die ihn bei den Wahlen zum Sturz gebracht habsn. Neben diesen drei Familienparteien entstanden noch drei andere Gruppen, denen es nicht mehr um die Wahrung der Hoheit der Familie, sondern um die „Nation" geht. Die drei Gruppen heißen: Istaklal, Jugendbund und Religiöse Eiferer. Die I s t a k 1 a 1 s sind die Extremisten, die Nationalisten. Sie streben eine panarabische Bewegung an. Alle ihre Hoffnungen setzen sie auf einen neuen Krieg, auf internationale Verwicklungen. Ihr palästinensisches Ziel ist, den Juden den Eintritt ins Land und den Erwerb von Boden unmöglich zu machen. Ihr Führer ist Oni Bei Abd AI Hadi. Ideologisch nahe steht ihnen der „Jugendbun d". Nur tragen seine Ziele noch jugendlich stürmischen Charakter. Er ist vom Faschismus und Nazismus beeinflußt. An seiner Spitze steht Jukub Gussein. Von ganz anderer Art aber ist die Gruppe der K an na im, der religiösen Elferer und Zeloten. Dieser Gruppe fällt die Aufgabe zu, die Fellachen (die Dorfbevölkerung) für die nationale Sache zu gewinnen. Sic ist nur scheinbar eine Partei für sich. In Wirklichkeit steht sie im Dienste der übrigen fünf Genannten. Da man nämlich dem einfachen Dorfbewohner nicht ohne weiteres einreden kann, daß der Zionismus dem Lande schadet — der Fellache findet bei den Zionisten hohe PxMdtHa-Titm-Au$üUw#tQ. Das ist das Land Sonntag, 25. Oktober, halb 12 Uhr vorm., im Opern-Kino« I, Operngasse Regiebeitrag 20 g Verdienstmöglichkeiten durch Bau- und Pfianzarbeiten —, muß man andere Mittel und ändere Parolen finden, um die Zionisten in den Augen der Fellachen verdächtig zu machen. Diese Aufgabe übernahmen die religiösen K a nn a i m. Sie ziehen von Dorf zu Dorf und erzählen lärmend, daß die Juden an Stelle der Jerusalemer Moschee (Misgad AI Akza) den Tempel wieder aufbauen wollen und daß auch die übrigen heiligen Stätten in Gefahr seien. Solche Worte können tatsächlich den abergläubischen Araber aus der Ruhe bringen und den Hetzern Erfolg bringen. Durch diese Parolen wollen sie auch die Sympathien der Orthodoxen in den anderen muselmännischen Ländern, besonders in den Nachbarländern, erwerben. Der Begründer der religiösen Eiferer war der Syrer Scheich As A Din Kassam, der gewöhnliche Räuberbanden um sich scharte. Nach seiner Ermordung durch die englischen Behörden wird er von den Arabern als Heiliger und Märtyrer verehrt. — Nun sei noch die Ortsgröße Abd AI Latif Bei Salach erwähnt, die in Sichern (Nablus) eine Partei um sich schart, deren Einfluß aber gering ist. Bei den Arabern bedeutet die mündliche Propaganda viel mehr als die schriftliche; denn der Großteil der Araber ist noch immer des Lesens unkundig. Nichtsdestoweniger verbreiten auch drei Zeitungen politische Aufklärung: „AI Liwa" (= Vereinigung), das Blatt des Muftis; „Falestin" (= Palästina), das Organ Naschaschibis; die größte und weitestverbreiteste Zeitung aber ist „A Diffae" (= Kommentar), das Blatt der Istaklals. Dieses Blatt wird von Ibrahim A. Schanti redigiert. Kein Mensch weiß, wie sich dieses Blatt erhält und wer ihm sein Defizit deckt. Vom Anbeginn seines Erscheinens bewies es eine besondere Liebe zu allen Diktaturen. Man kann ruhig sagen, daß man es mit dem „Stürmer" in arabischer Sprache zu tun hat. — Eine Zeitung von nicht ausgesprochener Parteirichtung ist „AI Karmel". „Islamia" ist die Zeitung der Orthodoxen. Die immer wiederkehrenden Themen dieser Zeitungen sind: „Das Vaterland in Gefahr", „Die Juden bewaffnen sich", „Die Juden rüsten ein geheimes Heer, um uns aus dem Lande zu vertreiben" usw. Und sie erheben die Forderung: Entwaffnung der Juden! Kampf gegen die Ungläubigen im Namen der Religion! Befreiung vom doppelten Joch: Vom Mandat und vom Zionismus! Der Streit der arabischen Parteien untereinander ist derart groß, daß sie schon seit zehn Jahren nicht ihre alljährliche, achte Konferenz einberufen konnten. Die siebente fand im Jahre 1926 statt. Aber im Kampf gegen die Juden haben sie sich stets gefunden. Als Drahtzieher hinter den Kulissen, aber auch als offener Rädelsführer tritt der Großmufti auf. Dieser einst zu lebenslänglichem Kerker verurteilte und von dem jüdischen High Commissioner Sir Herbert Samuel begnadigte und in sein hohes religiöses Amt eingesetzte Verschwörer hat das Verlangen, auch die weltliche Macht an sich zu reißen. Er will zeigen, daß er auch nationaler Führer sein kann. Aus diesem Grunde stellt er sich an die Spitze aller nationalen Aktionen, auch wenn sie gegen die britische Regierung gerichtet sind, obwohl er ein von der Regierung bezahlter Beamter ist. So bewies er den Arabern, daß er drei Rollen auf einmal erfüllen kann: Reglerungsbeamter, religiöses Oberhaupt und nationaler Führer. Seine Partei ist die einzige, die die Errichtung eines Gesetzgebenden Rates ablehnt, weil sie sich dessen bewußt ist, daß ein Parlament dem Großmufti einen großen Teil seines Einflusses nehmen und seine Macht völlig einschränken würde. Für die Naschaschibis aber wäre das Parlament ein „Rettungsanker". Darum stehen sie bezüglich dieses Punktes im Gegensatz zum Mufti, dessen Rolle in der letzten Araberrevolte nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Stimmung nadi Abbruch des Streiks Aus Jerusalem: In den arabischen Blättern; kommt keinerlei Genugtuung über den Abbruch des j Streiks zum Ausdruck, dagegen wird mit besonderem } Nachdruck die Tatsache hervorgehoben, daß dem Obersten Arabischen Ausschuß sein Schritt durch das Eingreifen der vier arabischen Herrscher ermöglicht worden ist. Die hebräischen Zeitungen fassen die Ergebnisse der Unruhen zusammen und erklären, daß der Araberstreik vollkommen Schiffbruch erlitten habe und daß keine einzige von den arabischen Forderungen erfüllt wurde, während es dem Jischuw gelungen ist, seine Positionen aufrechtzuerhalten unrf sie sogar erheblich zu festigen. Damit sei der Welt bewiesen, daß die Araber nicht mehr das herrschende Element in dem Lande sind. In den hebräischen Zeitungen wird daran Kritik geübt, daß die englische Regierung das Eingreifen fremder Herrscher als Wortführer der palästinensischen Araber zugelassen' hat. Damit sei ein gefährlicher Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen worden. * Aus London: Der Jerusalemer Berichtserstatter des „Daily Express" schreibt: Wer hat nach diesem erbittert ausgetragenen Kampf gesiegt? Hat die Regierung die Araber gezwungen, nachzugeben und ihre Forderungen nach Einstellung der jüdischen Einwanderung und des Verkaufs arabischen Bodens sowie nach' Unabhängigkeit in ge~ wissen Umfang fallen zu lassen? Oder haben die Araber die Ueberzeugung, daß sie gesiegt haben? Die Araber erklären offen,.'sie hätten gewonnen, und'rühmen sich, daß dem britischen Löwen der Schweif-gestutzt' wurde. Es ist. das Einschreiten der arabischen Könige, das dieser Erklärung zugrunde liegt. England, so .sagen sie, wird m Zukunft in allen Palästina-Fragen, mit einem tatsächlichen Bund der arabischen Länder zu tun haben. Jahrelang haben die palästinensischen Araber darauf gedrungen, daß König Ghazi, König Ibn Saud und andere den Finger in don palästinensischen Fischkessel stecken. Jetzt ist es »hnen gelungen. Unabhängige Beobachter hier scheinen geneigt zu sein, dieser Ansicht zuzustimmen, und erklären, daß der Abbruch des Streiks ein hinterrücks geführter Schlag gegen das englische Prestige im Nahen und Mittleren ßsten sei. Im Leitartikel weisen die „Time s" darauf hin, daß das Gefühl der Erleichterung, das die Juden infolge des Aufhörens der Angriffe in Palästina empfinden, aufgewogen werde durch die Befürchtungen über die möglichen Folgen der Intervention der arabischen Staaten. Es sei zu hoffen, daß die englische Regierung klargestellt habe, daß sie ein Recht formeller Intervention der arabischen Königreiche nicht anerkenne. „Daily Telegraph" erklärt, die Zusicherung der arabischen Herrscher könne übertriebene Erwartungen für den Fall auslösen, daß die Empfehlungen der Kgl. Kommission dem Obersten Arabischen Ausschuß nicht annehmbar erscheinen sollten. „N c.w s C h r o n i c 1 e" betont die Ehrenpflicht der englischen Regierung, eine Lösung zu finden, die Arabern und Juden in gleicher Weise gerecht wird. „Manchester Guardian" erklärt, es gebe verschiedene Wege zu einem Uebereinkommen. Aber die Juden dauernd in Minderheit zu halten, sei kein solcher Weg. Am aussichtsreichsten wäre Sicherung politischer Parität ohne Rücksicht auf die zahlenmäßige' Stärke. In den „Jüdischen Künstlerspielcn" ist zur Zeit eine heitere Komödie zu sehen, die trotz des Schlagertitels „Der Radio3änger" ein echtjüdisches Milieu zeigt: vor allem den Talmud jünger und seinen frommen Vater, wodurch der Charakter der Handlung bestimmt ist. David Seid ermann versteht es, durch seine schönen Stimmittel und gediegene Vortragsweise das Publikum zu fesseln, Chana L c r n e r und Sonja R a h e 1 bringen heitere Momente, ein Kabinettstück: Lore Glücksmann. Wolf und Susi Reinglas vervollständigen das ausgezeichnete Ensemble. — Die genannten Gäste sind Lieblinge des jüdischen Theaterpublikums geworden. . Vladimir Jabotinsky, der Präsident der ne»- zionistischen Vereinigung spricht über die gegenwärtige Lage im' Zionismus, Sonntag, den 25. Oktober, im Großen Konzerthaussaal unter dem Titel: „In zwölfter Stund.e." Verband der Judenstaatszionisten, Sektion Prater, II., Erlafstraße 5, veranstaltet Freitag, den 23. d., 8 Uhr abends, im Heim einen feierlichen Oneg Schabbat. Gäste willkommen!

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