Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 601 (20.10.1936)
- Date
- 1936-10-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 601 vöffl 20. QkUfter 1&6 DÖ5 NEtTU WELT Seite* | Wer lüf mutiget, aufrechtet Judentum Ist wählt die // Zionistische Liste"! Zionistisch oder unlonlstlschT Am 8. November d* J. findet die Wahl des, Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultus.gemeinde statt. Während die früheren Wahlen im Zeichen der Zersplitterung vor sich gingen und zab,ireiche Gruppen als Wahlwerber auftraten, geht es diesmal um die klare Entscheidung: Zionistisch oder äntizfonistisch, hier jüdische Einheitlichkeit, dort Inner^idscher Kampf. Warum ist es nicht, möglich gewesen, der Wiener Jtadensqliaft in einer 2eit, in welcher der Antisemitismus stärker wütet als je, einen Wahl kämpf zu ersparen und eine Einheitsliste aufzustellen? Die Antwort auf diese berechtigte Frage lautet: Die Zionisten waren gewillt, an der Aufstellung einer Einheitsliste teilzunehmen. Die Führer der „Union österreichischer Juden" haben ein Zusammengehen unmöglich gemacht. Sie haben sich durch eine Handlung, welche im Judentum seit jeher als die verwerflichste gilt, durch eine Denunziation gefährlichster und niedrigster Art, an der Ehre und der Sicherheit der österreichischen Judenschaft schwer versündigt. Sie haben sich damit selbst aus den Reihen jener Juden ausgeschaltet, denen jüdische Ehre, Solidarität und * Brüderlichkeit heilig sind. In ein^r an den Bürgermeister der Stadt Wien und an die Regierung gerichteten Auf Sichtsbeschwerde hat die „Union" die derzeitige Majorität im Kultusvorstand der Statutenverletzung bezichtigt und ein Eingreifen der Behörden gefordert, Auflösung des Vorstandes, Einsetzung eines Regierungskommissärs, Zertrümmerung der Autonomie der Judengemeinde. Aber die „Union" hat sich damit nicht begnügt, Beschwerde zu führen. Sie hat. in ihrer Eingabe ah *' die Behörden die derzeitige Mehrheit der Wiener Judenschaft, des Mangels an Vaterlandsliebe und staatsbürgerlicher Zuverlässigkeit be&huldigt. Die „Union" schreibt in ihrer Eingabe von einer „... Zurückdrängung des in Oesterreich beheimateten, positiv religiös und vaterländisch fühlenden Teiles der Angehörigen der Wiener Kultusgemeinde..." und führt weiter aus: „... daß die „Union" die Organisation aller (Wöhlgemerkt: aller!) Wiener Juden ist, die auf dem positiv religiösen, vaterländisch-österreichischen Boden steht..." Durch diese Beschwerde der „Union" erscheinen also die Behörden aufgefordert, gegen alle Wiener Juden, die niöht hinter der „Union" stehen, einzuschreiten, weil sie schlechte Oesterreicher, schlechte Patrioten und unreligiöse Mönschen sind. Dieser in der Geschichte der Wiener Juden ohne Beispiel dastehenden Tat haben sich di Führer der „Union" schuldig gemacht. Die Antisemiten haben den Beweis für ihre schändlichen, auf Entrechtung der Juden angelegten Lügen von „jüdischer Wurzellosigkeit, jüdischer Religionsfeindlichkeit und Vaterlandslosigkeit" von der „Union" ins Saus geliefert bekommen. Die Antwort des Bürgermeisters auf diese Beschwerde lautete auf Abweisung, mit der Begründung, daß eine genaue Prüfung dieser Anklagen ihre völlige Haltlosigkeit erwiesen hat. Aber die „Union" hat sich nicht zufriedengegeben und ihre» das Judentum diffamierenden Beschuldigungen der zweiten Instanz vorgelegt. Männer, die das getan haben, erkühnen sich jetzt, um jüdische Stimmen für sich zu w e r b e n. Öer Präsident der „Union", Kegierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, und Vizepräsident Dr. JoSef T i c h o, die Unterzeichner des bei den Behörden erliegenden Dokuments jüdischer Schande, sind die Spitzenkandidaten der liste der „Union". Konnte unter diesen Umständen noch von einem Zusammengehen, von einer Einheitsliste die Rede sein? Nein! Die Entscheidung durch die Wähler hat sich als unumgänglich, als ein Gebot jüdischer Ehre erwiesen. Für Denunziation d&tf in der Leitung der Wiener Judengemeinde kein Platz sein. In einer Zeit schwerster politischer und wirtschaftlicher jüdischer Not treten die Mäjiner der Zionistischen Liste vor die Wählerschaft. Sie brauchen sich nicht in tönenden Versprechungen für die Zukunft S5U ergehen. Sie haben die Gemeinde 'durch vier Jahre, geführt und können auf Taten verweisen, als Bürgschaft für guten Wüten und Fähigkeit. Der Vorstand der Jüdengemeinde war immer zur Stelle, wenn es galt, für verletzte jüdische Ehre und gekränktes jüdisches Recht einzutreten. Was getan werden konnte, hat er getan. Wenn sieh antisemitisches Unrecht als stärker erwies, läg dies nicht beim Vorstand, der es nie unterlassen hät, dem Recht der Jüdenschaft unter Aufgebot aller seiner Kräfte zu dienen. Der Vorstand war redlich bemüht, die Wirtschaft der Gemeinde in Ordnung zu führen, den religiösen Bedürfnissen der Gemeindemitglieder Vollauf Rechnung zu tragen und auf den in unserer Zeit so außerordentlich wichtig gewordenen Gebieten der jüdischen Jugenderziehung, der Fürsorge für Jugendliehe, Notleidende, Kranke und Greise, der Arbeitsvermittlung für Arbeiter, Angestellte und Lehrlinge und der Kredit hilf 6 für in Bedrängnis geratene Gewerbetreibende, der Heranbildung der boykottierten jüdischen Jungärzte, der Berufsümschichtung usw. verstärkte Arbeit zu leisten. Seit Dezember 1932 führt die zionistische Majorität die Gemeinde. Nachstehend einige Daten aus dem Bericht über diese Amtsperiöde: Tempel- und Bethausvereine: Subventionen: 145.Ö0Ö S im Jahre 1932, 19Ö.000 S im Jahre 1936. * Bibel- und hebräische Sprachschulen: Im Jahre 1928 gab es zwei Gemeirideschuien. Heute sind es 32, mit 2900 Schülern und Schülerinnen. Ferner werden 25 Vereinsschulen mit 1700 Schülern großzügig subventioniert. Insgesamt 4600 Kinder erhalten also dank der Gemeinde zusätzlichen Unterricht neben dem gesetzlich vorgeschriebenen Religionsunterricht in öffentlichen Schulen. Die Jüdische Völksschule: Im Jähre 1934 Von der Kultusgemeinde gegründet und eröffnet. Die große Zahl der Anmeldungen führte zür Einrichtung von Parallelklassen. Das Chäjes-Gymnasium Wird in weitestem Maße subventioniert. Ebenso die Unterrichtsäns t a 11 e h de r Orthodoxie. Das Spital der Kultusgemeinde wurde durch folgende neugeschaffene Abteilungen erweitert: 1. Radiumstation; 2. Herzstätioh; 3. Chemisches Laboratorium; 4. Physikalisch-therapeutische Abteilung. Die neuen Abteilungen werden selbstverständlich mittellosen Patienten gratis zur Verfügung stehen. Durch sie ist auch ermöglicht, die Zahl der auszubildenden jüdischen Jungärzte wesentlich zu vermehren. Allgemeine Fürsorge: Für Winterhilfe, Pessach- Äktion, Kinder aufs Land und Emigrantenhilfe wurden im Jahre 1935 1,370.000 S aufgebracht und verwendet. Jugendfürsorge: Im Jahre 1932 wurden 190.000 S, im Jahre 1935 290.000 S ausgegeben. Ueberdies wurde das herrliche Kinderheim auf dem Semraering erworben. Mehr als 4000 Kinder wurden im Sommer 1936 auf dem Lande untergebracht.- Unentgeltliche Arbeitsvermittlung: Im Jahre 1933 von der Gemeinde übernommen. Hat im letzten Jahre 1200 Stellen vermittelt. Kredithilfe: Durch die Gemüuth-Chessed-Kasse (zinsenfreie Darleihen) sowie düfeh die Kreditkäs s e für Kleingewerbe und Handel, deren größter Genossenschafter die Kultusgemeinde ist. * Die Führer der „Union" erheben gegen die Majorität im Vorstand die Anklage, daß sie dem zionistischen Aufbauwerk in Palästina dient. Die Männer der Zionistischen Liste _ geben darauf eine Antwort: Die Versicherung, auf diesem Weg fortzufahren, einer großen jüdischen Sache weiter zu dienen, die nicht mehr Sache einer Partei, sondern Sache aller Juden ist. Wenige Jahre sind verstrichen, seit Palästina der jüdischen Einwanderung geöffnet wurde, und schon sind mehr als 4Ö0.0ÖO Juden dorthingezogen und haben ein Werk geschaffen, das in der Geschichte der Kolonisation in aller Welt ohnegleichen dasteht. Aus einer Wüste und Scharen gehetzter Menschen ist ein blühendes Land voll Zufriedenheit geworden. Das vom Zionismus geschaffene Palästina hat aber nicht nur Hunderttausende gerettet und glücklich gemacht, es ist Lichtstrahl in der Nacht der Bedrängnis, die Hoffnung für siebzehn Millionen geworden, die, von brutaler Feindschaft enger umschlossen und ärger bedroht als je, ohne den Zionismus in vernichtende Verzweiflung verfallen müßten. 60.000 Juden hat Hitler bis jetzt aus Deutschland vertrieben. 20,000 irren noch in aller Welt umher als lästige, kaum geduldete Eindringlinge, 40.000 hat das von der Assimilation geschmähte und von der „Union" als „verunglücktes Experiment" herabgesetzte Palästina in mütterliche Arme aufgenommen und sie leben glücklich und frei. Hunderttausende aus dem Osten sind unsagbarem Elend entronnen. Und auch in Mitteleuropa, auch in Wien gibt es kaum eihe Familie, die nicht einen Sohn, eine Tochter, einen Angehörigen, einen Freund in Palästina hätte und dort zufrieden und glücklich wüßte. Ja, die Zionisten im Vorstand haben es als ihre Pflicht erachtet, im Rahmen der gesetzlichen Befugnisse der Kultusgemeinde und — wie der obige Auszug aus dem Tätigkeitsbericht beweist -*~ ohne Beeinträchtigung der auf anderen Gebieten erforderlichen Mittel dieses herrliche Werk zu stützen. Der Vorstand hat für die Ausbildung von jüdischen Jünglingen und Mädchen für die Arbeit in Erez Israel gesorgt und den Auswandern* den Hilfe angedeihen lassen. Er hat sich nicht auf Hilfe materieller Art beschränkt, sondern hat in Gemeinschaft mit den jüdischen Gemeinden in aller Welt seine Stimme erhoben, wenn es galt, eine Gefahr vom jüdischen Palästina abzuwenden. Ja, die Leitung der Judengemeinde Wiens, der Stadt Theodor Herzls, war immer zur Stelle, wenn sie helfen konnte,-das glückbringende Werk des Palästina-Aufbaues auszugestalten, damit aus den Hunderttausenden geretteter Juden M i 1- 1 i o n e n werden, es zu festigen und zu stützen. Darf man sie deshalb tadeln? Die Führer der „Union" sind abseits gestanden und haben geschmäht und gehindert und begrüßen jedes Mißgeschick und jeden feindlichen Hieb, welche das jüdische Palästina treffen, mit niedriger Schadenfreude. Handeln diese Leute im Geiste der Wiener Judenschaft? Sollen Menschen dieser Denkart Führer des jüdischen Wien sein? Jüdische Wähler! Hier jüdische Brüderlichkeit und unerschütterliche jüdische Solidarität, Arbeit für das jüdische Palästina! Dort Spaltung, Bruderkampf bis zu giftiger Denunziation, zerfleischender Selbsthäß, Anti-Zionismus! Wählet am 8. November die .Zionistische Liste'8 AgiiatBOftilökale der /,Zioni§ti§dieri y$te" Zen tra 1-Wahl-Komitee: Zionistischer Landesverband, Wien, I., Marc-Aurel-Straße 5 (U*22-2-ll)'. I. Bezirk: Zionistischer Landesverband, I., Marc- Aurel-Straße 5. II. Bezirk: Bezirkssektion, IL, Praterstraße 13 (R-42-4-07). Prater: Sektionsheim, II., Stuwerstr. 1 (R40*1»86>'L). III. Bezirk: Bethaus, III., Steing. 18 (B^57-8-08)'. I V./V. Bezirk: Sektionsheim, IV., Hauslabgasse 2 (R-29-3-09). VI./VII. Bezirk: Sektionsheim, VI., Loquaiplätz Nr. 11 (B-25-1-84-Z). VIII. Bezirk: Sektionsheim, IX., Währingerstraße Nr. 6-8 (Eingang Hörigasse 2) (R-52-Ö-12). IX. Bezirk: Sektionsheim, IX., Währingerstraße Nr. 6-8 (Eingang Hörigasse 2) (R-52-0-12). X. Bezirk: Sektionsheim, X., Peruerstorf ergasse 25 (A-30-1-77, R-14-4-63). XIV. , Bezirk: Cafe Mariensäle, XIV., Sechshauserstraße 52 (R-31-4-90). XIII. Bezirk: Cafe Hietzinger Höf, XIII., Hietzinger Hauptstraße 22 (R-33-4^34). XV. Bezirk: Sektionsheim, Herklotzgasse 21. XVI/XVII. Bezirk: Sektionsheim, Frauengassc 9 (A-29-8-68). XVÜI. Bezirk: Sektionsheim, XV1IL, Weiriiarerstraße 7. XX. Bezirk: Sektionsheim, XX., Jägei'straße 30. Zwischenbrücken: Universumstraße 62 (Telephon R-53-9-91). Floridsdorf: Dir. Leopold Glaser, XXI.» Hermann-Bahr-Gasse 6. •X- Alle Gesinnungsgenossen und Freunde werden aufgefordert» sich ungesäumt bei den vorgenannten Stellen zur Wahlarbeit zu melden. Dort liegen auch die Wählerlisten auf und werden alle Auskünfte uud Instruktionen erteilt. An die Arbeit!