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Die neue Welt · 1936-10-16 · Heft 600 (16.10.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 600 (16.10.1936)
Date
1936-10-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 600 vom 16. Oktober 1936 DIE NEUE WELT Seite 3 Aktuelle palästinensische Probleme Im nachstehenden veröffentlichen wir im Auszug zwei Aufsätze über palästinensische Probleme, die im Zusammenhang mit der Liquidierung der Araber-Revolte höchste Aktualität besitzen. Der erste stammt von Meir Großmann, dem Vorsitzenden der Judenstaatspartei, der zweite vom Mitglied der Judenstaatspartei-Exekutive Dr. H. Rosenblum. I, Kiit tragisches Rätselt Die Feindschaft der englischen Beamten Von Meir Großmann Weshalb sind uns die englischen Beamten in Palästina feind? Daß sie in ihrer Mehrheit antisemitisch, antizionistisch, proarabisch sind, darüber gibt es keinen Zweifel mehr. Die fünf Monate der Unruhen haben es an die Oberfläche gebracht. Es handelt sich nicht um einzelne Geschehnisse, die durch sachliche Motive erklärt werden können. Wir haben ea hier scheinbar mit einer ärgeren Sache zu tun. Es ist mehr eine antijüdische Stimmung, eine Art allgemeinen Mißtrauens, einfach eine unkontrollierbare, böswillige Haltung gegenüber den Juden. Diese Feindschaft der englischen Beamten ist im Grunde ein Rätsel. Wir haben uns nicht des Menschenmaterials im palästinensischen Jischuw zu schämen. Vom rein sportlichen Standpunkt — und die Engländer haben einen ausgesprochenen Sinn für alle Sportgattungen — ist der Kampf der Jischuw für seine Existenz eine eigenartige und interessante Erscheinung. Alles, was man über den Juden in der Galuth sagt, trifft auf den palästinensischen Pionier nicht zu: er schafft und baut und wirkt produktiv. Und doch! Und doch ist uns der Engländer — der Beamte, der Kaufmann, der Geistliche, der in Palästina lebt und dem wir zivilisierte Europäer nahestehen sollten — feind, im besten Fall nicht lieb. Sie vergessen, daß sie nur dank dem Mandat hier im Land sind. Ihre Haltung uns gegenüber ist höchstens korrekt und tolerant; mehr nicht. Sie dulden unsere Anwesenheit wie eine traurige, unangenehme Tatsache. Sie halten uns schuldig für all das Böse, das im Lande geschieht, und hauptsächlich deshalb, weil sie dadurch administrative Plagereien haben. Ein Teil von-ihnen verbirgt kaum ihre Sympathie für. die Araber. Die höhere Gerechtigkeit, sagt der ernste Engländer, ist auf unserer Seite. Er anerkennt alle jüdischen Tugenden und Errungenschaften; er gibt zu, daß die Juden ein schöpferisches Volk sind. Er leugnet auch nicht den wirklichen Zweck des Mandats und die Wichtigkeit eines Judenstaates für das britische Imperium. Alles schön und gut: eine englisch-jüdische Kooperation ist sicher eine hochder „kommt und sieht". Nichtsdestoweniger aber findet sich in seiner dreisten und oft leichtsinnigen Offenheit die traurige Wahrheit: Man hat uns in unserem eigenen Nationalheim nicht gern! Man findet in Nicols* Buch sehr viele interessante, merkwürdige Stellen, für uns hauptsächlich jene, welche mir als bezeichnend für die Haltung der Engländer gegenüber den Juden erscheinen. Nicols geht dieser Erscheinung nach. Auf die Frage an einen hohen englischen Beamten, warum er proarabisch und antijüdisch sei, hat dieser geantwortet: „Weil der Araber ein Gentleman ist, der Jude — nicht." „Warum hassen Sie den Juden?" Auf diese Frage bekam Nicols folgende drastische Antwort: „Weil er, sobald man aufhört, ihm Schläge zu versetzen, arrogant wird." Ein junger britischer Polizist hat auf dieselbe Frage geantwortet: „Weil sie immer diskutieren, wenn man ihnen den Auftrag gibt, etwas zu tun." Ein junger, leichtfertiger Engländer hat auf eine ähnliche Frage die Nase schiefgezogen, worauf Nicols auf sein Drängen folgende Antwort erhielt: „Es ist nichts anderes als physischer Widerwille." Oh, jetzt verstehe ich. Aber viele Juden sind außergewöhnlich schön? „Mögen sie auch schön sein." „Also hassen Sie Katzen genau so!" „Ja, gewiß. Sie rufen bei mir einen Ekel hervor." PER CANö STERFI bA\ w mmM* KfcEUZKINO „Und ähnlich sind Ihre Gefühle gegenüber Juden?" „Richtig. Ich bin unglücklich, sobald ich fühle, daß ein Jude im Zimmer ist..." Das sind psychologische Erscheinungen, gegen die man mit Leistungen, Charakter, Logik nicht aufkommen kann. Würde es sich bloß um platonische Liebe oder platonischen Haß handeln! Aber in Gefahr stehen die wirklichen, substantiellen Interessen des Volkes. Wer ist an dieser Feindschaft schuld? Woher kommt sie? Ist sie heilbar? Klar ist, daß das britische Imperium unser Verbündeter und daß Paläs^gja für uns eine Lebensfrage ist. Wir müssen mit allen Mitteln versuchen, für das Rätsel: Feindschaft der englischen C A F£|W EG H U B E G3BQ Hinter dem Deutschen Volkstheater -a9ko^ IS Y GEIGER --1 Konzert / Tanz / Stimmungsmusik Beginn 8 Uhr abds. Bürgerliche Preise politische Idee, diktiert von der historischen Entwicklung. Und dennoch ist derselbe Mensch, sobald er unter den Seinen ist, judenfeindlich, proarabisch. Man spricht, bei uns viel von den jüdisch-arabischen Beziehungen. Nicht weniger aktuell ist die Frage der „jüdisch-englischen Beziehungen". Das ist eine rein menschliche und psychologische Frage. Aber von ihr hängt in gewissem Maß auch die Politik ab. * Die Ursache der antijüdischen Stimmung, hauptsächlich unter der Beamtenschaft, hat man auf verschiedene Weise zu erklären versucht: im Unterschiede von Temperament und Erziehung; im Gegensatz der Formlosigkeit der jüdischen Gesellschaft und dem englischen Konservativismus; im Mangel an Vertrauen zum „internationalen Juden" mit seinen dreizehn Gesichtern und unzähligen Sprachen; in der Angst vor dem jüdischen Modernismus im Heiligen Land, den man als Kommunismus deutet usw. Der Jude ist zu nervös, zu hastig, zu selbstbewußt gegenüber dem kleinen, mittelmäßigen Beamten, der glaubt— weil er eine Sportdreß trägt und Tennis spielt —, der Vertreter der höchsten Kultur in der Welt zu sein. Vielleicht ist es ein „Minderwertigkeitskomplex" der Beamten, die fühlen, daß der durchschnittliche jüdische Arbeiter, der „Jew" und „Native", im Grunde bedeutend gebildeter ist' als sie und sich vom äußeren Aufputz nicht imponieren läßt! Andere Beobachter erklären die englischen Sympathien für die Araber damit, daß diese „pittoresk", romantisch sind, während der Jude alltäglich, banal ist. In all diesen Motiven steckt ein großes Stück Wahrheit. Aber im Kampf zwischen dem Verstand und dem Gefühl gewinnt das Gefühl die Oberhand, besonders indem Fall, wo der Same der Judenfeindschaft im Herzen eines jeden Nicfttjuden vorhanden ist. Er bedarf nur der passenden Bedingungen, damit der Same aufgehe! * All die Untersuchungen hat der junge englische Schriftsteller B. Nicols bestätigt. Sein Buch „No place like house" ($s gibt keinen besseren Ort als die Heimat) tot die. oberflächliche Plauderei eines flinken Journalisten, Beamtenschaft in Palästina gegen uns — eine Lösung zu finden. Gewiß, eine schwere Aufgabe. Aber ist die Verwirklichung des Zionismus nicht einer der größten Versuche des Jahrhunderts? II. Das altaneue Theaterstück Von Dr. H. Bosenblum Die „Unterdrückung des palästinensischen Aufstandes" ist in ein „Problem" verwandelt worden: Von London mußte nach Palästina ein General kommen, und just einer, der zu den militärischen Größen gehört, und Heilanstalt Dr. Hauter für Rheumatismus, Gicht, Gelenks- und Nervenkrankheiten Ischias-Schnellkur I, Schottenring 17, Tel. A-17-0-66 ferner mußte die ohnehin starke englische Garnison um weitere 10.000 Soldaten verstärkt werden. Das Militär hat feste Positionen bezogen und man steht vor der Verhängung des Kriegszustandes... Leider, das muß zugegeben werden, sind all diese Maßnahmen berechtigt. Der Patient „Palästina" hat hohes Fieber bekommen, so daß nur mehr starke Mittel angewendet werden können. Vor fünf Monaten wäre der Arzt „England" mit einfacheren Mitteln ausgekommen. Vor fünf Monaten? Wie einfach war damals alles! Wie leicht konnte man damals die Ruhe wiederherstellen! Die Regierung hat es n i c h t getan. Sie hat den Geschehnissen freien Lauf gelassen, und das Resultat ist die heutige Situation. * " General Pill wird hauptsächlich die Aufgabe Voc lasiiqec VecfäduHQ schützt face Zähne ZAHNPASTA Erzeugt nach den von der W. V. d. Zahnärzte Wiens approbierten Rezepten und unter ständiger Kontrolle der zahnärztlichen und pharmakognostischen Institute der Universität in Wien. haben, den Sumpf zu reinigen, den sein Fachkollege General Wauchope für ihn vorbereitet hat. Und dann, wenn die Aktion Dill zu Ende Ist, wird die Rolle des jüdischen Jischuw beginnen. Es handelt sich um die traditionelle jüdische Rolle, welche wir schon jahrhundertelang spielen: Wir werden vor der Welt und vor der Königlichen Kommission beweisen müssen, daß, wenn auch Wauchope fallengelassen wird, dies noch immer kein Grund dafür ist, die Juden nicht noch weiter vor den Kopf zu stoßen und zu erniedrigen. Die Welt will, daß die Juden sich „christlich" aufführen: Man erwartet von uns, daß wir die Hand küssen, die uns schlägt. Außerhalb des engen christlichen Glaubenskreises halten sich die Christen an das vulgäre Faustrecht. Um sich davon zu überzeugen, braucht man bloß einen Blick auf das heutige christliche Europa zu werfen. Aber die christlichen Freiheiten haben auf die Juden nicht angewendet zu werden. Die Juden müssen sich unbedingt christlich aufführen. Das ist die Forderung und das Gefühl der ganzen christlichen Welt. Oft scheint mir, daß in den Augen der christlichen Welt die Juden das einzige Volk auf der Erde sind, welches das Christentum ernstnehmen muß... Als man uns seinerzeit das halbe Palästina abschnitt, Transjordanien, mußten wir den Mund halten, weil jede andere Einstellung „unchristlich und egoistisch" wäre. Und jetzt, wo die Araber Pogrome machen, müssen wir ihnen eine Hälfte der übriggebliebenen Hälfte geben und einem „jüdischen Kanton in Westpalästina" zustimmen. Das ist der Vorschlag eines englischen Christen und einflußreichen Mitglieds der Arbeiterpartei und einer ganzen Reihe von Christen. Und während man in Palästina Juden mordet, müssen die Juden den Arabern mit freundlicher Geste begegnen und selbst auf die Einwanderung verzichten. Das ist der Vorschlag einer Reihe anderer Christen. Und weü die Juden diesmal keine christliche Geste machen wollen, sind sie nach der Meinung ihrer christlichen Freunde „Extremisten". Und weil die Juden trotz der jahrelangen Pogrome und Ueberfälle in Palästina den Arabern nicht freundlich zugelächelt haben, sind sie, die Juden, laut „Times" „engherzig". Und der Vatikan, der bei anderen Gelegenheiten sehr schwerfällig ist, erweist sich bei dieser Gelegenheit als sehr flink: Er ruft seinen Rat zusammen, um festzusetzen, wie der Heilige Stuhl auf die Lage in Palästina reagieren soll. Auch e r wird von uns mehr Christlichkeit, mehr „Gesten" gegenüber den Arabern verlangen... Die Hauptfragen werden aber erst mit der Ankunft der Königlichen Kommission kommen. Wir werden uns zu verantworten haben, warum wir nicht den Arabern unser Geld und den Boden Uberlassen haben; warum in unseren Pardessim jüdische Arbeiter sind, obwohl Araber diese Arbeit ganz gut verrichten konnten; warum wir die Araber und die Beamten fortwährend mit dem Pochen auf das Mandat reizen, obwohl wir wissen, daß wir ihnen bloß Schwierigkeiten damit bereiten usw. Beschuldigungsbank setzen und wiederum die alt-neue Rolle spielen müssen: die Rolle des Prügelknaben vor der ihn umgebenden Mordgier und vor der Blindheit und Unfähigkeit der Administration... Und daß dieses Stück diesmal just in Palästina gespielt werden wird, wird der Rolle eine besondere Tragik verleihen. In-u» ausländische Hausbesitzer verwalten ihre 1 WIENER HÄUSER durch behördlich konz. Realitätenkanzlei 1 Dr. MAIR PAIS fH Wien I, Franz.Josefs-Kai 1, Tel. R.81-5-30 H Erstklassige Referenzen* iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii

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