Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 600 (16.10.1936)
- Date
- 1936-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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' Seite 2 DIB NEUE WELT Nr. 600 vom 16. Oktober 1936 Kaufet Schulbücher neu und antiquarisch in der Buchentube Rath & Co. Wien II. TaborstraQe 20 a Tel. R-43-303 Ankauf und Umtausch antiquarischer Bücher zu höchsten Preisen! Motferne Leihbibliothek / Alle Ney. arschemungen MonaisRebühr S 3.10, keine BandgebUhr, täglicher Umtausch, oder Monatsgebühr S 1.60 und 10 Groschen Bandgebühr Moderne» Sortiment und Antiquariat J-—-— Judaica und Hebraica ———- Aufruf an das judische Völle t, ,u *?er »Waad Leumi" (Jüdischer Nationalrat Palastinas) veröffentlicht folgenden Aufruf an die Juden der Diaspora: „Seit einem halben Jahre steht der Jlschuw In einem Kampf, der mit Blut und Feuer gegen ihn geführt wird; seit einem halben Jahre hat er sich unter ungeheurer Anspannung seiner ganzen physischen und seelischen Kraft erfolgreich verteidigt. Der Jischuw hat alle Ueberfälle auf jüdische Siedlungen zurückgeschlagen; er hat auf die brutalen Anschläge nicht mit Mord und Racheakten reagiert — nicht aus Schwäche, sondern aus Abscheu vor dem Vergießen unschuldigen Blutes. Mitten In Kampf und Zerstörung hat er unaufhörlich neue Beweise seiner schöpferischen Kraft geliefert; neue Arbeitsplätze sind erobert, die Produktign des Landes ist gesteigert worden, in Tel-Aviv ist ein neuer Hafen entstanden. Keine Opfer und Leiden, und wenn sie noch so groß sind, sind: imstande, den Jischuw zu beugen, denn Freiheit und Ehre können nur durch Wachstum und Konsolidierung, nur durch Aufnahme neuer Einwanderer erkämpft werden. Der Jischuw ruft die Judenheit der Welt auf, Ihren Glauben und ihren Willen durch nichts brechen zu lassen. Er verlangt von ihr eine Intenslvierun g der Aufbauarbeit. Die Jewish Agency hat eine Konsolidierungsaktion in der Diaspora proklamiert, und von den Juden aller Länder wird erwartet, daß sie sich aktiv an dieser Aktion beteiligen. Der Jischuw, der schwere Opfer gebracht hat, ruft das ganze jüdische Volk auf, auch seinerseits Opfer zu bringen, um ihm den Kampf bis zum endgültigen Sieg zu ermöglichen." Palästina und die Verfolgung der Juden Aus Edinburg wird berichtet: Die Konferenz der Labour Party in Edinburg befaßte sich-eine Sitzung lang mit dem Palästina-Problem. Den Vorsitz führte Mrs. Jennie A'damson. Miß Susan Lawrence, Mitglied der Nationalen Exekutive, brachte eine Resolution, ein, worin es u. a. heißt: „Eingedenk der von der britischen Arbeiterbewegung von je dem Aufbau des .Nationalheims für das jüdische Volk in Palästina gewährten Unterstützung und in Erkenntnis dessen, daß den Interessen der jüdischen und auch der arabischen Arbeiter einzig ''durch ihre "kÖrdiäle Zusammenarbeit gedient ist, beklagt die Konferenz tief den Ausbruch des rassischen und religiösen Streites in Palästina, der diese große Werk der Menchenliebe zu zerstören und das jüdische Volk der Möglichkeit zu berauben droht, sein eigenes politisches, soziales und kulturelles Gemeinwesen zu entwickeln. In Ansehung der Tatsache, daß die geographische Lage Palästinas dieses Land zu einem, strategischen Punkt von äußerster Wichtigkeit und darum zu einem Objekt rivalisierender imperialistischer Ambitionen macht, erklärt die Konferenz, daß es im Interesse des Welt^ friedens liegt, wenn Palästina unter internationaler Kontrolle verbleibt; sie hält darum an dem Prinzip fest, daß England das Mandat unter der Kontrolle des Völkerbundes weiter behält, wobei ja allen Ländern gleiche wirtschaftliche Möglichkeiten und Minderheitenschutz für ihre Angehörigen zugesichert sind." Zur Begründung der Resolution führte Miß Lawrence u. a.' aus: Die Verfolgung der Juden in der ganzen Welt hat nie aufgehört. Waren wir doch eben erst Zeugen der Judenverfolgung in London East End; diese aber ist nichts im Vergleich mit der Verfolgung der jüdischen Rasse in anderen Ländern. Es muß dem unglücklichen Volk ein Land gegeben werden, wo es seinen Frieden und sein Glück findet. Ich war in Palästina Zeuge der großen Leistung der jüdischen Gemeinschaft, die dort den Geist der Demokratie verwurzelt. Palästina ist der Schlüssel zum Nahen Osten; und die Arbeit hier kann beispielgebend werden. Die jetzigen Unruhen wurden von außen her gefördert: durch Einmischung der Moslems und die Intrigen der Westmächte. Palästina muß international kontrolliert werden. Ich ersuche die Konferenz, diesem Prinzip durch Annahme der Resolution zuzustimmen. Die Rednerin erntete starken Beifall. Dfl'e jüdi'sdie Beurteilung Palcor meldet aus Jerusalem: In jüdischen Kreisen wird das Abblasen des Streiks als formeller Rückzug seitens der Araber, deren Ziele unerreicht geblieben sind, betrachtet. Es wird darauf hingewiesen, daß die Araber mit dem Streik drei bestimmte Ziele verfolgten, und zwar die Einstellung der jüdischen Einwanderungg, das Verbot von Bodenkäufen durch Juden und die Schaffung einer arabischen nationalen Regierung. Keines von diesen ist erreicht worden. Gleichzeitig wird die Intervention der arabischen Könige mit offenbarem Einverständnis Englands, die den Weg zu eventueller zukünftiger Einmischung arabischer Staaten in die Angelegenheiten Palästinas ebnet, mit großer Besorgnis angesehen. Die erste. Probe, die England abzulegen haben wird, wird nach allgemeiner Ansicht in jüdischen Kreisen ■ die Handlung»» weise der Regierung in bezug auf die jetzt fällige Imteigrations-Schedule liefern, Die 600. Nummer Die heutige Nummer unseres Blattes, die sechshuüdertste in der Reihe, ist mehr all ein kalendarischer Anlaß, für sich selbst einen Rückblick auf ein mehr als neunjähriges Wirken zu gewinnen. Von allem Anfang an haben wir uns die Aufgabe gestellt, ein unabhängiges jüdisches Organ zu sein, das die Ideale des neuen Judentums und des unverfälschten Herzl-Zionismus vertritt. Es ging uns stets um die große Sache, um das Jüdische Volk und seine Zukunft. „Die Neue Welt" hat sich diesem Werk mit Aufopferung, Unerschrockenheit und Wahrhaftigkeit gewidmet, in allen Ländern der Zerstreuung hat sie zur Sammlung und Selbstbesinnung aufgerufen, für Ehre und Würde des Judentums gekämpft. Die Arbeit, die Mir leisteten, war nicht vergebens. Ein unerwartet großer Erfolg ist uns zuteil geworden, uns in der Ueberzeügung bestärkend, daß wir den richtigen Weg gegangen sind. Wir danken allen unseren Freunden, Lesern und Oesinnungsgenossen und versprechen ihnen, auch weiterhin ausschließlich der jüdischen, zionistischen Sache zu dienen. Wien, 16. Oktober 1986. „Die Neue Welt". Optiker rudolf haas & c. WIEN II, PRATERSTRASSE 32 SPEZIALIST FÜR BRILLENOPTIK RUNDSCHAU Nach den Juden - die Christen Nach monatelangem Streik und Mordtei'ror ist in Palästina Beruhigung eingetreten. Die aufgewühlten Leidenschaften allerdings sind noch nicht zur Ruhe gekommen. Der Friede ist vorläufig ein äußerer. Denn es wäre wider jede Logik und Erfahrung, wenn man annehmen wollte, daß die Araber, die ein halbes Jahr hindurch gegen die Juden und gegen die englische Administration geschickt wurden, nun mit einer Handbewegung zu friedlicher Arbeit gebracht werden könnten. Die Propaganda beschränkte sich nicht allein auf das palästinensische Gebiet. Unter dem Titel müselmanischer Solidarität wurden auch in den Nachbarländern chauvinistische Stimmen laut und es' blieb nicht bei platonischen Bekundungen brüderlichen Mitgefühls. Syrien sandte Geld :ünd-Waffen!'Man sprach sozusagen von einem Heiligen krieg gegen die Feinde der arabischen Völker. " In England und Amerika erkannte man die Gefahr. Große christliche Gruppen und Gesellschaftskreise stellten Die „Prager Fresse* veröffentlicht die öbensteftendl Reuter-Meldung mit der bezeichnenden Ueberschrift „Nach den Juden — die Christen". Diese Ueberschrift ist nicht als Sensation, sondern als Mahnung gedacht. Antfcemiienntoral Ob es ihnen im Blut steckt oder ob hier Rücksichten: gegenüber der Außenwelt, nämlich dem Leserkreis, es verlangen, läßt sich nicht so leicht feststellen: jedenfalls haben die „Wiener Neuesten Nachrichten" eine Freude daran, in ihrer Sonntagsplauderei („Wiener Tagebuch" heißt diese Rubrik) den Juden anzurempeln. Es Ist ein schäbiges Handwerk und der Autor der Rubrik hat einst bessere Tage gesehen. Am Sonntag, den 11. Oktober, erzählt das Blatt von einem „Ehepaar aus dem Osten", das vor dem Maria« Theresien-Denkmal sitzt und sich in dem von den antisemitischen Spießern so gut kopierten Jargon über dl« Figuren unterhält, welche den Sockel des Denkmals umrahmen — wobei der Lauscher dieses Gespräches konstatiert, daß das „Ehepaar aus dem Osten" den Admlral Tegetthoff für einen Zeitgenossen Maria Theresias hält und Lissa mit Nizza verwechselt. Das „Ehepaar aus dem Osten" weiß also nicht viel aus der Geschichte Oesterreichs, aber gerade deswegen verleitet es den Plauderer zu der Pointe: „Wer weiß, ob die zwei nicht doch die Wiener Heimatsberechtigung in der Tasche haben. ..." Ob die Wiener Heimatsberechtigung zum Wissen um Oesterreichs Geschichte verpflichtet, läßt sich füglich bezweifeln. Nicht bezweifeln aber läßt sich die Tatsache, daß hunderttausende Wiener, bodenständig, waschecht und artgleich, sehr wenig von Oesterreichs geschichtlicher Vergangenheit wissen, ohne darum den Anspruch auf Heimatsberechtigung zu verlieren.' 1 Die Pointe des geistreichen Plauderers haut also daneben. Die östliche Provenienz, bzw. die erst später erlangte Heimatsberechtigung ist kein Beweis für charakterliche oder rassemäßige Minderwertigkeit — eine These, welche von den „Wiener Neuesten Nachrichten" in der gleichen Nummer (vom 11. Oktober) bestätigt, wird. Es wird nämlich — in der Gerichtssaalrubrik — von einem, angeklagten Versicherungsbeamten erzählt, der — um seine gute Erziehung und gesellschaftliche Rangordnung zu bezeugen — sich darauf berief, einst Sonnenthala Partner im Burgtheater, gewesen zu sein. .Und eben diesen Sonnenthal, den ungarischen. rJuden, den aus dem Osten kommenden Semiten, bezeichnet die „Wiener Neuesten Nachrichten" als den unvergeßlichen Großmeister ö.s. t e r r ei c h,i s eher ..Schaus p ije 1 k ü n at"." Man, merke; wohl:% „ö s£;e,r r.ejchjscher und nicht etwa östlicher Schauspielkunst. Und man merke weiter: den nicht korrekten, nicht gebildeten, nicht angenehmen, nicht bodenständigen Juden bezeichnet man als den Mann aus dem Osten; den Juden aber, welcher Orig. engl, und franz. kauft man am besten im 1, Sa,lzgrie,s 5 Hcrbsf-Neuhaiten fflr Damen und H.arrenl Zeitgemäfl billig I sich öffentlich auf die Seite der friedlichen jüdischen Arbelt, der Zionisten. Leider gab es aber auch da und dort einflußreiche christliche Faktoren, die in ihrer antijüdischen Einstellung den blutigen Terror der.Araber mit unverhohlenem Wohlwollen verfolgten, obwohl klar sein mußte, daß die Geister, einmal zu Mord und Brand gerufen, nicht leicht loszuwerden sind. Nun bricht's in Syrien los. Die chauvinistischen Moslems beginnen zu wüten; nicht gegen die Juden, sondern ... Reuter meldet aus Jerusalem: „In Aleppo (Syrien) kam es am 12. Oktober zu einem Zusammenstoß zwischen einer Gruppe einer christlichen Organisation, die ein weißes Abzeichen trägt, und einer muselmanischen Organisation, die ein gelbes Abzeichen trägt. Die Polizei war gezwungen, Verstärkungen heranzuziehen, um die Demonstranten zerstreuen zu können. Es wurden im Laufe des ersten Zusammenstoßes drei Personen getötet, davon zwei Armenier; 80 Personen wurden verletzt. Eine antichristliche Hetze macht sich allenthalben bemerkbar. Die christlichen Geschäfte und die armenischen (christlichen) Fleischladen wurden geschlossen. Die Schriftsetzer streiken." Die bedrohliche Stimmung in Syrien ist das Resultat der arabischen Hetze, die sich bisher bloß gegen die Juden gerichtet hat. Jetzt kommen die Christen dran. Ein furchtbarer, aber deutlicher Beweis dafür, daß die Sympathie gewisser christlicher kreise mit den antijüdischen Exzessen in Palästina oder anderswo im mohammedanischen Orient sich nicht bezahlt macht. Vollständig renoviert und vergrößert I ÜütAsßüülH mrVWwWf fJffWfWIPifWr II, Kleine Pfarigasse 21, Telephon A-43 5-19 Pläne: Architekten Ing J. R i n d 1 e r, Inj*. L S c h 1 e i n Eine. Sehen wüccUyküt! groß und edel zum Ruhm seines Landes beiträgt, als den — Oesterreicher. Antisemitenmoral. ... \ * ' Nach dem Sonntag der Montag. So will es die Ordnung der Dinge. Die Zeitung „Wiener Montagblatt", eine Spezialistin in kleinbürgorlich-christlichsoziaiem Antisemitismus, der in der letzten 'Zeit eine leichtgebräunte Tönung angenommen hat, wettert seit vielen Monaten gegen die jüdischen Kaufieute, Gewerbetreibenden usw. Sie macht auf die Gefahr aufmerksam, die eine Ueberflutung des Wiener Marktes durch jüdische Geschäfte mit sich bringen müßte.. Und sie warnt. In ihrer letzten Ausgabe vom 12. Oktober jammert sie über den Wiener Gewerbezuwachs, wobei sie eine Liste der neuesten Gewerbeanmeldungen zusammenstellt, aus der die Hypertrophie des jüdischen Elements ersichtlich werden solli Es gibt verwunderlicherweise immer noch Kaufleute; jüdische Kaufleute, die wagen, das Risiko einer Neu-' gründung auf sich zu nehmen — in einer Zeit weltwirtschaftlicher Krise ... — Anstatt sich zu freuen, daß jede neugegründete Firma den Markt belebt, Menschenhände engagiert, Geld ins Rollen bringt usw., beklagt sich das „Wiener Montagblatt" über die Aufdringlichkeit und den' Leichtsinn der Juden, die ihr Geld in heutzutage riskante Geschäfte investieren. Sie liebt also den jüdischen Kaufmann, den jüdischen Gewerbetreibenden nicht. Sie möchte ihn am liebsten abkrageln. Sie versucht es auch. Allerdings erweist sie ihm vor der Abschlachtung noch einen Liebesdienst. Sie nimmt Inserate von ihm. ,Sie kündigt seine Waren an. In der Nummer, die dem Kampf gegen den jüdischen Kaufmann gewidmet ist, erscheinen * die Inserate eben dieses jüdischen Kaufmannes. Vielleicht wird dieser — denkt sie sich — wenn sie ihm Geld für, Inserate abnimmt —, früher pleite und damit die gestellte Aufgabe früher erreicht. Ein echter teutscher, Mann kann keinen Juden leiden, doch , seine Inseratej nimmt er gern. Antisemitenmoral. ... Einberufung des verkleinerten Aktions-Comitees Das aus den In Palästina wohnhaften Mitgliedern des Zionistischen Aktions-Comitees bestehende Verkleinerte Aktions-Gomitee, das auf der letzten Tagung des A. O. in Zürich gewählt wurde, ist für den 13. Oktober nach Jerusalem einberufen worden.