Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 598 (7.10.1936)
- Date
- 1936-10-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 598 vom 7. Oktober 1036 //dofö&^om^ Es ist ein schon im zwölften Jahrhundert bezeugter, weitverbreiteter Brauch , am Thora-Feste alle in der Synagoge Anwesenden zur Thora aufzurufen, wobei die Aufgerufenen den Thorasegen vielfach nach der an den Bußfesten üblichen Melodie vortragen. Die Verteilung des kurzen Thoratextes auf die vielen wird in der Weise gehandhabt, daß zunächst V. M. SS, 1 bis 7, einmal einem Aharoniden vorgelesen wird, worauf die Vorlesung der vier folgenden Teilabschnitte so lange wiederholt wird, bis die Anzahl der zur Thora Gerufenen erschöpft ist. Schließlich werden mit dem zuletzt Aufgerufeneri auch alle Knaben, die das dreizehnte Lebensjahr noch nicht voll* endet haben („hol hanearim") zur Thora gerufen. Der Aufgerufene spricht ihnen den Segen vor und rezitiert mit ihnen nach dem Schlußsegen den Vers 1. M $8, 16, aus dem Segen Jakobs für Menasche und Efrajim: »Der Engel, der mich von allem Uebel erlöst, segne die Knaben, durch sie werde gerufen mein Name und der Name Abraham und Jizchah . . Nunmehr gelangt das letzte Stück der Thora, das vom Tode Moses handelt, zur Verlesung. Schon im elften Jahrhundert war in Frankreich und Deutschland die Sitte verbreitet, die beiden Männer, die am Thora-Fe$t nacheinander zur Verlesung des Schluß- und des Anfangsabschnittesder Thora aufgerufen wurden, als Bräutigame" der Thora und des Anfangsabschnittes (Chatan Thora; chaian Bereschit) durch den Vortrag feierlicher Reschujjot (poetischer Einführungen) und sonstige Ehrenbezeichnungen auszuzeichnen. Vielfach ist es üblich, den Gemeinderabbiner als Bräutigam der Thora" und ein anderes angesehenes Gemeindemitglied, etwa den Gemeindevorsteher, als Bräutigam des Anfangsabschnittes" aufzurufen. Beide geloben reichlich Spenden und veranstalten der Thora zu Ehren ein Gastmahl, bei dem die ganze Gemeinde festlich bewirtet wird. Es ist Sitte, daß die Gemeinde die drei letzten Verse der Thora („Und es erstand kein Prophet mehr in Israelgleich Moses usw."), laut vorträgt, bevor der Thoravorleser sie rezitiert. Nach Beendigung des letzten Verses ritft: die Gemeinde dem Bräutigam der Thora die aitch, sonst bei Beendigung der synagogalen Vorlesung jedes einzelnen der fünf Bücher der Thora übliche Wunschformel zu: „Sei stark, sei stark, und auch wir wollen erstarken!" (Chasak, chasak, wenitchasak). Nachdem die erste Thorarolle zugerollt und bekleidet ist, wird zur zweiten Bolle der Bräutigam des AnfangSabschnites" im Rahmen einer feierlichen Introduktion (Reschut) aufgerufen, deren Verfasser Menachem b. Machir ist (der Autor der älteren Introduktion für den Bräutigam der Thora" ist unbekannt). Ihm wird der mit den Worten ,Jm Anfang" beginnende und die Schöpfungsgeschichte enthaltende Anfang des ersten Buches der Thora vorgelesen. Jedesmal, wenn der Vorleser zu einer der Stellen gelangt, an denen die einzelnen Schöpfungstage .aufgezählt werden, rezitiert zuerst die Gemeinde den betreffenden Vers: „und es wird Abend und es ward Morgen der erste (zweite} dritte usw.) Tag" mit lauter Stimme. Nach der Nennung des sechsten Schöpfungstages fährt die Gemeinde mit dem Vortrag folgender Verse fort, die von der Einsetzung des Sabbats handeln. In manchen Gegenden Osteuropas ist es Sitte, über den Kopf des Chatan Bereschit während der Verlesung seines Thoraarbschnittes einen Gebetmantel zu spannen, gleichsam-als Trauungszelt (Baldachin, Chuppa). In den orientalischen Gemeinden sind die Bezeichnungen Chatan nicht üblich; auch wird vielfach ein einziger Mann zur Vorlesung des Schlußabschnittes und des Anfangs der Thora aufgerufen. In Rom kennt man nur den „Bräutigam der Thora", und es werden dort der Vorlesung des Schlußabschnittes die ersten fünf Verse der Thora auswendig von der Gemeinde hinzugefügt. Nach dem Vortrag des Halb-Kaddisch wird der Maftir zur dritten Thorarolle aufgerufen. In Mähren und in Ungarn wird vielfach auch der Maftir als Bräutigam (Chotan Maftir) bezeichnet. (Aus Moritz Zobel: „Das Jahr der Juden", Schocken-V erlag, Berlin.) ttleic dizehQofä r bitten um Einsendung von Adressen, an die wir Probeexemplare versenden können Di* Verwaltung „DIE NEUE WELT" wsm Autorenabend Adolf Ungar. Samstag, den 10. Ok- 'ober, um 6 Uhr abends liest der bekannte Wiener Dichter Idolf Ungar im Vortragssaal der Jüdischen Kultur- Stelle, I., Franz-Josefs-Kai 3, aus seinem neuen Roman .Sleniawa, kleine Stadt im Osten". Einleitende Worte: Emil Huttrer. Maimonldes-Institut. Die Eröffnung de; Wintersemesters lndet Sarnatag, den 10. Oktober, 4 V v nachmittags, im lörsaal, II., Prateratraße 11, durch einen Vortrag des Herrn tabbiners Dr. A. Kaminka statt. Die Vorlesungen werden rciter wie folgt gehalten werden: Jeden Montag: Rabbiner >r. M. Bauer: 6 bis 7 Uhr abends: En Jakob; 7 bis 8 Uhr .bends: Albos Religionssystem. Jeden Dienstag: Dr. Sal. Rapiaport: 6 bis 7 Uhr abenda: Midrasch; 7 bis 8 Uhr abends: Vus Geschichte und Literatur. Jeden Mittwoch: Rabbiner M. Z 1- -lor: 6 bis 7 Uhr abends: Aboth des R. Nathan; 7 bis 8 Uhr abends: Rambam. Jeden Donnerstag: Rabbiner Dr. A. K aminka: 6 bis 7 Uhr abends: Die Bücher Samuel; 7 bis 8 Uhr abends: More Nebuchlm. Jeden Samstag um 4 Uhr nachmittags; Vortrag im Anschluß an die Sidra. At&t widec WiUm (Aue seinen ScutHetUHQet%) Zweimal in meinem Leben mußte ich die Aufgabe eines Doktors gegen meinen Willen auf mich nehmen. Das erste Mal: Vor vierzig Jahren. Ich wohnte damals in Tantura (dem historischen „En-Dor") und war mit dem Bau der Glasfabrik beschäftigt, die der Baron Rothschild dort errichtet hat. Es waren damals — in der Anfangsepoche des jüdischen Jischuws — gute und ruhige Tage.1 Im Lande gab es kein Militär, auch war keine starke Polizei vorhanden, und doch herrschten die besten und freundlichsten Beziehungen zwischen den Bürgern des Landes. Die türkische Herrschaft war sehr schwach und die einheimischen Moslems blickten „mit freundlichem Aug'" auf die jüdische Einwanderung, trotz des Einwanderungsverbotes der Zentralregierung in Kon- / v' . •">rjjy*>J(!-> r ' ^ytec/y > ' <V ' ' A jC>'V M ,« Ein ehrwürdiger Beruf: Thoraschreiber! stantinopel. Alle jüdischen Emigranten (damals pflegte man sie noch nicht „Olim" zu nennen) bekamen bekanntlich einen roten Zettel, der ihnen die Erlaubnis gab, sich drei Monate im Land aufzuhalten, um bei der Klagemauer zu beten und die heiligen Gräber der Ahnen und Propheten zu besuchen. Und wenn Konstantinopel fragte, weshalb denn die Reisenden das T>and nicht nach drei Monaten verlassen — antworteten die palästinensischen Moslems: Es kommen doch bloß alte Menschen, die im Heiligen Lande. sterben wollen. In der ersten Zeit meines Aufenthalts in Tantura befreundete ich mich mit den Arabern. Ich engagierte mir einen arabischen Lehrer und lernte fleißig die arabische Sprache. Sehr oft machte ich Besuche bei den Dorfscheichs der Umgebung. Und diese erwiderten meine Besuche. Wir ritten gemeinsam aus, bewaffnet mit Gewehren und Revolvern. (Nur Frauen — pflegen die Araber zu sagen — gehen ohne Waffe aus dem Haus.) Einmal sagte mir einer der Dorfältesten im Verlauf eines freundschaftlichen Gespräches: „Du bist wie ein Unsriger, sprichst arabisch, reitest auf einem wilden Hengst und bist immer mit einem Gewehr bewaffnet. Nur etwas fehlt dir: ein Weib. (Damals war ich noch ledig.) Nimm dir also eine arabische Tochter und bau dir ein Heim und richte dir ein Familienleben ein. Da, zum Beispiel, unser Freund. Mustapha, der Scheich des Dorf es S.,. hat ein sechzehnjähriges Mädel. Wenn, du ihm 50 Golddukaten. bezahlst,, wird; er. dir. seine, schöne Tochter geben, weil die mohammedanische Religion - die Ehe mit einem Juden nicht verbietet." Als ich nach Tantura kam, um dort eine Glasfabrik zu gründen, brachte, ich ein. chemisches Laboratorium mit, um das dortige Material zu untersuchen — den Sand, den Lehm, die Steine usw. Als die Araber mein chemisches Laboratorium mit all den Gläsern und Eprouvetten sahen, nahmen sie an, daß dies eine Apotheke und ich ein Doktor sei. Deswegen kamen oft arabische Männer und Frauen zu mir und baten mich, ihre Krankheiten zu heilen. Ich erklärte ihnen jedesmal, daß ich kein Doktor sei, sondern ein Chemiker, und daß ich deshalb keine Kranken heilen könne. Aber ich konnte sie kaum überzeugen. Enttäuscht mein Haus verlassend, waren sie sicher, daß ich ein guter Doktor sei,, aber sie aus irgend einem Grund nicht heilen wolle. Einmal kam einer der Fabriksarbeiter zu mir, Jozsif (der Wächter), fiel auf die Knie und jammerte: „Entweder du hellst mich oder ich vergehe vor deinen Augen!" „Ich bin kein Doktor", antwortete ich. „Geh nach Sichron Jaakow, zum Doktor der Kolonie, der wird dich heilen." Aber Jossi; rührte sich nicht von der Stelle und jammerte ununterbrochen: „Ich bin doch dein Wächter, ich behüte dich in der Nacht und diene dir treu und ehrlich. Versag mir nicht deine Hilfe. Ich hab doch ein» Frau ,und vier Kinder_____" All meine Aufklärung half nicht. Jossif wiederholte seine Klagen. Da ich sah, daß der Araber wie ein kleines Kind weine, bekam ich Mitleid mit ihm und untersuchte ihn. Jossif brannte wie Feuer, seine Zunge war weiß, die Augen glänzend,- und er zitterte am ganzen Körper. Ich sah, daß ich es hier mit einem starken Fieber zu tun hatte, und gab ihm die Mittel, die wir bei Fieber anwenden. Der Wächter ging nach Hause und nach einigen Tagen kam er mit seinen Kindern zu mir, um sich bei mir für die rasche Heilung zu bedanken. Und dieser Fall verstärkte noch den Glauben, daß ich ein Doktor, ein Meister sei, der jede Krankheit und jedes Siechtum heilen könne. Eines Morgens kam einer meiner besten Freunde, der Scheich Said, zu mir ins Haus gestürzt. Das Gesicht war schwarz wie Pech und schmerzverzerrt. Der Scheich war ein alter Mann mit weißem Kopf- und Barthaar. Ich fragte ihn, was geschehen sei. Der Scheich setzte sich nieder und erzählte: „Niemand hört uns, darum will ich mit dir offen sprechen, hör mir gut zu. Du weißt, daß ich seinerzeit der einzige Herr über die ganze Gegend war und alle mir untertänig waren. Ich hatte Felder und Häuser, Söhne und Töchter, und Pferde und auch Bediente nannte ich mein eigen. Aber im Augenblick, wo Abdul al Hamid Sultan in Konstantinopel geworden ist, hat er angeordnet, daß mein ganzes Vermögen mir weggenommen und ihm übergeben werde. Man hat mir alles genommen, ich und meine Familie sind nach Angora vertrieben worden, und vor einigen Jahren bekam ich die Erlaubnis, ins Land zurückzukehren, und auch ein Haus wurde mir zurückgegeben. Von meiner ganzen großen Familie ist mir nur ein Mädchen geblieben, Fatme heißt sie, und sie ist mein einziger Trost, und sie ist krank. Du bist mein bester Freund, hilf mir, heil' mein Kind, und ich will mein Leben lang dein untertäniger Knecht sein." Ich war von den Worten des Alten ergriffen. Mein Mitleid wuchs. Ich fühlte es als meine Pflicht, ihm zu helfen. „Glaub mir, Freund Scheich Said, daß ich mit Leib und Leben bereit bin, dein Kind zu heilen. Fahren wir nach Sichron Jaakow, von dort werde ich dir einen Arzt bringen, und der wird schon zu helfen wissen. Ich kann keine Medizin verabreichen,., denn ich bin kein Doktor, sondern ein Chemiker." „Nein", rief der Scheich aus, „ich werde auf keinen Fall erlauben, daß ein fremder Doktor meine Tochter sieht, und wenn ich wissen sollte, daß sie sterben muß. .Du bist mir ein Freund und Bruder, und drum kann ich dir erlauben, meine Tochter zu sehen. Komm und rette mir meine einzige teure Seele, die mir auf der Welt verblieben ist. Ich hatte keinen anderen Ausweg und mußte mit dem Scheich in sein Haus zu seiner kranken Tochter gehen. Fatme war ein wunderschönes, hochgewachsenes, schwarzäugiges Mädchen, das naiv und träumerisch in die Welt blickte. Ihr Gesicht war bleich-gribilich, wie das Gesicht unserer Königin Esther nach den Schilderungen des Talmud — eine romanhafte Königin des Orients... Der Scheich wendete sich zu seiner Tochter: „Das i9t mein Freund und Bruder. Ein großer Gelehrter und Wundertäter, er wird dir Heilung bringen. Sag ihm, was dir wehtut, fürchte dich nicht. Ein arabisches Dorf bei Nablus, das kürzlich von englischem Militär (als Straf maßnähme) niedergerissen wurde Das Mädchen öffnete den Mund und zeigte mir, daß sie im Hals große Schmerzen habe und daß sie schwer schlucken könne. Sie hatte hohes Fieber und war ein wenig verwirrt. Ich merkte, daß ich es hier nicht mit einem gewöhnlichen Fieber zu tun hatte. Wer weiß, wie. die Sache ausgefallen wäre, wenn mir nicht der Zufall zu Hilfe gekommen wäre. Plötzlich erinnerte ich mich an meine Studentenzeit in Paris, wo ich an Diphteritis erkrankte. Meine Freunde brachten mich ins klinische Spital. Dort blieb ich vierzehn Tage und lernte, was man in Fällen von Angina, Diphtherie u. a. zu tun hat. Ich gab also dem Dienstmädchen Fatmes die nötigen Anweisungen, schickte aus meinem Laboratorium ein Einreibungsmittel und ließ ihr auf jeden Fall Chinin geben. Kurzum: ich behandelt«