Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 598 (7.10.1936)
- Date
- 1936-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 598 vom 7. Oktober 1936 Aus Hiiler*Deutsdiland Unterdrückung der jüdischen Presse. Die Leitung der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Berlin, deren Nachrichtendienst von allen in Deutachland erscheinenden jüdischen Zeitungen genommen wird und die bisher auf Grund des Pressegesetzes in die Verein! gung der Nachrichten-Agenturen in Deutschland einge gliedert war, erhielt von der Vereinigung die Mitteilung, daß sie von der Mitgliedschaft in derselben ausgeschlossen wurde; es sei ihr anheimgestellt, sich wegen ihrer weiteren Tätigkeit mit dem Reichskulturkommissär Hans Kinkel, der vom Reichspropagandaminister Dr. Goebbels mit der Ueberwachung der gesamten jüdischen Kulturtätigkeit in Deutschland betraut wurde, in Verbindung zu setzen. Gleichzeitig erhielten sämtliche in Deutschland erscheinenden jüdischen Zeitungen die Mittelung, daß sie ab 1. Oktober 1936 der Reichspressekammer nicht mehr angehören und der Kontrolle von Hans H i n k e 1 unterstellt werden. Diese Maßnahmen bedeuten nicht weniger, als daß die jüdischen Zeitungen außerhalb des Gesetzes gestellt werden; sie gelten nicht mehr als Presseerzeug nisse im üblichen Sinne, sondern lediglich als Zweig der jüdischen Kulturtätigkeit und sind so mit dem Gutdünken des Reichskulturkommissärs unter worfen, der sich nicht nach Gesetzen oder Vorschriften zu richten hat und dessen persönliches Urteil allein maßgebend ist. Es ist bekannt, daß Reichskulturkommissär Hinkel die Aufführung von Lessings „Nathan der Weise" und anderer Stücke, die als eine Apologie von Juden und Judentum empfunden werden können, durch die Theater der jüdischen Kulturbünde untersagt hat Und daß er auch die Vortragstätigkeit in der jüdischen Sphäre nach diesen und ähnlichen Prinzipien empfindlich einschränkt. So zum Beispiel verbietet er den jüdischen Kulturbünden die Aufführung von Stücken und Opern, die als „deutsches Kulturgut" zu betrachten seien. Als ein Symptom der neuen Politik gegenüber den jüdischen Kulturbünden und der jüdischen Presse kann auch die Rede des Staatssekretärs im Reichspropagandaministerium, Walter Funk, angesehen werden, die er in Vertretung des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels am 29. September bei der Eröffnung der Internationalen Konferenz der Autoren, Komponisten und Verleger gehalten hat. Er erklärte, daß sich das nationalsozialistische Deutschland und die deutsche Kultur vom „giftigen jüdischen Einfluß" gereinigt hätten und daß die vom Reichspropagandaministerium erlassenen Gesetze den Kulturinteressen der ganzen Welt dienen. Sämtliche ausländische jüdische Angestellte entlassen. Die Jüdische Gemeinde Berlin, die Zionistische Vereinigung für Deutschland und alle anderen jüdischen Organisationen und Institutionen erhielten von den Behörden die Weisung, alle ihre jüdischen Angestellten, die Ausländer sind, zu entlassen. Die gleiche Weisung erhielten private HandelsunJ^ernehmungen. Diese wurden aufgefordert, alle ihre jüdischen Angestellten, die nicht deutsche Staatsbürger sind, auch wenn sie seit vielen Jahren in Deutschland leben und vom Arbeitsministerium die Arbeütserlaubnis erhielten, zu entlassen. Die Verordnung trifft nicht allein die in den letzten Jahrzehnten zugewanderten Juden, sondern auch zahlreiche Juden, die in Deutschland geboren wurden, im Kriege für Deutschland gekämpft haben und erst nach Erlaß der Ausbürgerungsverordnung plötzlich erfuhren, daß sie nicht mehr die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Keine Nahrungsmittel für Juden. Aus Berlin (J. T. A.): Aus Pommern eintreffende Nachrichten besagen, daß die lokalen NSDAP.- Stellen . den Bauern und den Lebensmittelgeschäften verboten haben, Juden mit Lebensmitteln zu beliefern. Auch Privatleute wurden vor der Lieferung von Nahrungsmitteln an Juden gewarnt. Die jüdische Bevölkerung kann sich nur mit größter Mühe und unter Anwendung äußerster Vorsichtsmaßregeln mit den notwendigsten Nahrungsmitteln versorgen. Den Bauern wurde gasagt, daß sie, falls sie irgend etwas an Juden abgeben, schwer besteuert oder gar ihres Bodens enteignet werden würden. Nur in später Nachtstunde wägen es Bauern, mit Juden zusammenzukommen. Jüdische und katholische Stellenvermittlungen verboten Aus Berlin: Den konfessionellen Verbänden, die als einzige Träger der nichtgewerbamäßigen Arbeitsvermittlung außerhalb der Reichsanstalt noch übriggeblieben waren, ist die Vermittlung arbeitsfähiger Personen verboten worden. Den von der Ablehnung be* troffenen Einrichtungen wird jedoch zur ordnungsmäßigen Abwicklung ihrer Geschäfte eine Frist bis zum 31. Dezember 1936 gewährt. Schwer betroffen sind hierdurch die jüdischen Arbeitsuchenden, die von den Arbeltsnachweisen der jüdischen Gemeinden betreut werden. Den jüdl» »chen Angestellten, die von den arisierten Betrieben entlassen werden, wird nun die Möglichkeit genommen, in noch jüdisch gebliebenen Betrieben unterzukommen. Die Presseabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt hiezu mit: Diese Regelung findet grundsätzlich auch auf die bestehenden jüdischen Arbeits nachweise Anwendung. Die Einzelheiten der künftigen Regelung werden sobald als möglich bekanntgegeben werden. Verband der jüdischen Handwerker aufgelöst Aus Berlin: Der Verband jüdischer Handwerker in Deutschland, der vor 41 Jahren gegründet wurde und dem mehrere hundert Ortsgruppen mit vielen tausenden Mitgliedern angeschlossen waren, wurde von den Behörden aufgelöst. Der Verband hat sich unschätzbare Verdienste um die Förderung des jüdischen Handwerks in Deutschland erworben. Seit dem Aufkommen des Hitlerschen Antisemitismus bestand eine seiner Aufgaben darin, die jüdischen Handwerker gegen den antijüdischen Boykott zu schützen. Der Verband veröffentlichte regelmäßig Verzeichnisse der verschiedenen Fachgruppen jüdischer Handwerker, die den jüdischen Haushalten zugestellt wurden. Durch die Auflösung hat das jüdische Handwerk in Deutschland einen schweren Schlag erlitten. Aber: sie sind wehrpflichtig Die Bundesleitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten weist darauf hin, daß Juden nach dem Wehrgesetz vom 21. Mai 1935 zwar zum aktiven Wehrdienst nicht zugelassen sind, aber der Wehrüberwachung in vollem Umfange unterliegen und daher auch z. B. den erlassenen öffentlichen Bekanntmachungen . über die Musterung Folge zu leisten haben. Ebenso gilt für sie auch die Bestimmung, daß Wehrpflichtige, die im Ausland leben oder für längere Zeit ins Ausland gehen wollen, um ihre Beurlaubung aus dem Wehrpflicht Verhältnis nachsuchen müssen. Letztere Bestimmung ist mit Rücksicht auf die Auswandernden besonders wichtig. Jüdische Männer, die auswandern wollen, und zwar alle wehrpflichtigen Männer zwischen dem 18. und 45. Lebensjahre, werden also zur Vermeidung von Schwierigkeiten rechtzeitig vorher den Antrag auf Befreiung aus dem Wehrpflichtverhältnis bei ihrem zuständigen Wehrkreiskommando zu stellen haben. lür Gelegenheitskäufe Wien VIII, Stadtbahnviadukt 23 bei Lerchenfelderstraße Telephon : A-21-5-31 Die Juden in Norwegen Im Jahre 1875 gab es in Norwegen nicht mehr als 25 Juden. Um die Jahrhundertwende war ihre Zahl auf etwa 650 angestiegen. Und heute stellen die 1400 Juden Norwegens nur. 0,0 5 Prozent der Gesamtbevölkerung (2,8 Millionen) dieses skandinavischen Königreiches dar. Mehr als die Hälfte aller norwegischen Juden lebt ■ meist als Kaufleute, in kleiner Zahl als Akademiker — in der Hauptstadt des Landes, in Oslo. Die übrigen Juden leben weit zerstreut über ganz Norwegen, bis hinauf in den nördlichsten Zipfel Skandinaviens. Außer in Oslo existiert nur noch in Drontheim eine jüdische Gemeinde. Die zweitgrößte Stadt Norwegens, Bergen, die fast 100.000 Einwohner zählt, hat nicht mehr als etwa 2 0 Juden, etwa fünf Familien. Drei, vier jüdische Ger Schäfte findet man in der Hauptstraße dieser Stadt, die ganz von dem Hafen beherrscht wird. Eine Gemeinde gibt es unter diesen Umstäden hier natürlich nicht, ganz zu schweigen von einer Synagoge oder einem Bethaus. Kaum anders ist die Lage der Juden in anderen kleineren Orten der norwegischen Westküste. In Drontheim leben — bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 55.000 — rund 200 Juden, etwa 50 Familien, die zu einer Gemeinde zusammengeschlossen sind. Die Drontheimer Juden sagen von sich, daß sie die n ö r dlichste Gemeinde der Welt darstellen, daß ihre Synagoge — vor etwa zehn Jahren errichtet — die nördlichste Synagoge der Welt sei. Und ein Blick auf die Landkarte bestätigt wohl, daß hier — bei 63° 25' 30" nördlicher Breite — in der Tat die am weitesten nach Norden vorgerückte jüdische Gemeinschaft anzutreffen ist. Die Berufsschichtung dieser seit mehreren Jahrzehnten in Drontheim wohnenden Juden ist die allgemeinjüdische: Kaufleute und — in der jüngeren Generation — Akademiker. Da Drontheim eine orthodoxe Gemeinde ist, lebt man hier koscher, was indessen mit reichlichen Schwierigkeiten verknüpft ist. Denn Norwegen hat vor mehreren Jahren ein Schächtverbot erlassen. Zwar gibt es als vollwertigen Ersatz für Fleisch die wunderbarsten und frischesten Fische; und zuweilen fährt .der Kantor und Lehrer, der zugleich Schochet ist, nach Schweden hinüber, um koscheres Fleisch zu holen. Aber . in Schweden wird bekanntlich ein Schächtverbot seit einiger Zeit erwogen. Drontheim hat eine schlichte orthodoxe Synagoge. Schräg gegenüber dem berühmten Drontheimer Dom, der aus dem 13. Jahrhundert stammt und in dem in früheren Zeiten die norwegischen Könige gekrönt und gesalbt wurden, steht eine katholische Kirche, daneben-das Bethaus der Baptisten, daneben das Bethaus der Hellsarmee, daneben — Mauer. an Mauer — das Bethaus der Juden, daneben ein großes modernes Kino. Selbst ein Cheder ist | im, Synagogengebäude vorhanden — an der Wand hängt eine große Karte von Erez Israel. („Isr. Familienblatt".) Niederlage der polnischen Hakenkreuzler Bei den sonntägigen Wahlen zum Stadtrat von Lodz, der größten Industriestadt Polens, haben die antisemitischen Nationaldemokraten, welche die politische Entrechtung der Juden auf ihr Wahlprogramm geschrieben hatten, eine vernichtende Niederlage erlitten. Während sie im früheren Stadtrat 39 Sitze und die Mehrheit hatten, konnten sie diesmal nur 25 Mandate erlangen. Die polnischen Sozialisten haben 34, die jüdisch-sozialistischen Bundisten und linken Foale Zion (außerhalb der Zionistischen Weltorganisation stehend); 6 Mandate errungen. Die vereinigte Linke besitzt somit die absolute Mehrheit der insgesamt 72 Mandate. Auf Agudisten und Jüdische Volkspartei sind Vier, auf die Zionisten zwei Mandate entfallen. Ein Mandat ist noch strittig. Regierungsblock (bisher zehn Sitze) und deutsche Liste gehen leer aus. Das Wahlresultat wird als symptomatisch für die politische Situation im Lande angesehen. Es erschüttert auch in anderen Gebieten die Stellung der Nationaldemokraten, die gerade auf diese Wahl große Hoffnungen gesetzt hatten. Die Nationaldemokraten entfalteten vor und während der Wahlen einen beispiellosen antisemitischen Terror. In polnischer und jiddischer Sprache wurden die Juden davor gewarnt, sich am Wahltage in den Straßen zu zeigen. Zu antijüdischen Angriffen kam es aber infolge der Selbstbeherrschung der jüdischen Wählermassen nicht; es ereigneten sich aber schwere Zusammenstöße zwischen Nationaldemokraten und Sozialisten. Immerhin blieb eine beträchtliche Zahl der jüdischen Wähler den Wahlurnen fern. Bei den Wahlen in der Stadt Mlawa erzielten die Sozialisten den größten Wahlerfolg. Von der Gesamtzahl von 24 Mandaten erlangten sie 11. 7 Mandate erlangte die Regierungsgruppe, 3 die Nationaldemokraten und 3 die Juden. Auch hier ist die Niederlage der Nationaldemokraten eine vernichtende. Das Schächtwesen in Polen Aus Warschau: Alle jüdischen Gemeinden in Polen, die. im Besitz einer Schächtkonzession sind, haben die Aufforderung erhalten, mit Rücksicht darauf, daß am 1. Jänner;,1937.das neue Tierschlachtungsgesetz und damit eine wesentliche Einschränkung des Schächtwesens in Kraft tritt, ihrem Sc ächtpersonal zu kündigen. Diese. Aufforderung und die vor kurzem veröffentlichten Puchführungsverordnungenlassen erkennen, daß das Gesetz mit voller Schärfe durchgeführt werden wird. Tausende jüdische Familien werden durch die Neuregelung des Schächtwesens den Lebensunterhalt verlieren. Fleischgenuß wird nur wenigen Bemittelten möglich sein. KINO-PROGRAMME KREUZ-KINO •], Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstellungen: *, V*6, VtB, V*10 Ab Freitag: Franchot Tone, Madge Evans SCHÄFFER VI, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 beginn: Vtk, Vit, V*B, 'Aio Dienstag bis Donnerstag: LUXUSKABINE 50 Carola Lombard, Fred Max Murray Ab Freitag: Neues Programm STAFA, VII Mariahilferstraße 120 Telephon B-33-0-68 Wochentags: $, 7, 9 Uhr Ab Freitag: iß II Ginger Rogers,, Fred Astaire VOTIVPARK IX, Wahringerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn, k, *t,t, VtB, %10 Ab Freitag: Ginger Rogers, Fred Astaire Verschenkt werden Möbel von niemandem ... aber zu unglaublich billigen Preisen verkauft ... im Möbelhaus Edelmann, VIII., Lerchenfelderstraße 12. Große Atiswahl. Größtes Zahlungs-Entgegep'commen! Provinz* Katalog gratis! E , Von neuen Filmen Freitag: „Der letzte Gangster," Kommenden Freitag erscheint der neue Kriminalfilm der Metro „Der letzte Gangster", dessen Hauptrollen mit Franchot - Tone, Joseph Calleia, - Stuart Erwin . und Madge Evans besetzt sind. Der. Film schildert den erbitterten Kampf, den eine große amerikanische Zeltung gegen das Treiben der Gangster führt. „Die Matrosen kommen!" Die blitzblanken Decks der U.S. „Pennsylvania", des Flaggenschiffs der amerikanischen Flotte, das pulsierende Leben in den „Daneings" von San Franzis.co, ,dje eleganten Palais der oberen Vierhundert, die modernen Büros eines großen Impresarios und eine prunkvolle Kabarettvorstellung Bind der Schauplatz der Handlung des neuen R. K. O.-Radio-Film» „Die Matrosen kommen!", in dessen Hauptrollen Fred Astaire und Ginger Rogers zu sehen sind. Dieser Film gelangt diese Woche zur Uraufführung. „China-Gold" mit Gary Cooper. „China-Gold" (Chinese Gold)- ist der Titel eines Abenteurertums, den die Paramount demnächst in Wien herausbringt und dessen Hauptrolle von Gar«; Cooper gespielt -wird. Gary Cooper ist diesmal ein ebenso verwegener als kluger Amerikaner, der in den Hexenkessel eines chinesischen Auf Standes gerät und sich aus den heikelsten und, gefährlichsten Situationen durch seine Unerschrockenst una geistige Ueberlegenhelt rettet. Der von Lewis Mllestono insze-* nterte Film wurde nach dem erfolgreichen englischen Sensatlons-« stück „Der General starb beim Morgengrauen" hergestellt. Made* leine Carroll ist in der weiblichen Hauptrolle dieses Films bei scliäftigt. „Silhouetten." Der letzte Wiener Film von Walter Relsch. „Silhouetten", gelangt Freitag im Apollo zur Uraufführung. LÜH v. Röhenberg, Lisi Handl und Fred Hennings vom Burgtheater spielen die drei großen Hauptrollen, In weiteren Rollen Annie Markart, LÜH Marberg, Fraucke Lauterbach, Fritz Imhoff, Eduard Köck, Karl Skraup, Ferdinand Maierhofer. in tänzerischen Auf« gaben Hedy Pfundmeyer, Willy Birkmeyer, Willy Fränzl und MHa £ir^K. I? l aLIen kleineren Rollen Wiener Darsteller* Musiki Robert Katscher» .„ , \ \ ■: