Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 597 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 597 vom 30. September 1936 DIE NEUE WELT Seite 7 Zwei Mensdien und - ein Name Von Valentin Katajew „Sie können die Stelle eines Lehrers hier nicht »ehr bekleiden." „Weshalb nicht?" „Weil Sie ein schädliches Element sind! Sagen Sie mal — stammen Sie aus dem Kosakendorf Dinskoi?" „Ja." „Aha, da ist es doch ganz klar, daß Sie der ehemalige Gutsherr Malischewsky aus dem Dorf Dinskoi «ind, der gewesene Großgrundbesitzer." „Es ist richtig, daß mein Familienname Malischewflky ist und daß ich aus dem Dorf Dinskoi stamme; aber nie in meinem Leben war ich Gutsherr — und mein Vater war es auch nicht. Ganz im Gegenteil: Ich bin der Sohn eines Kosaken, eine Landarbeiters." -Können Sie das beweisen?" Der Mann ging nun von Krimskoi nach Dinskoi, um von dort Dokumente zu bringen, die beweisen sollen, daß er nicht von Gutsherren und Großgrundbesitzern, sondern von Bauern abstammt. Das war nicht allzu schwer. Bald hatte er seine Dokumente beisammen, die schwarz auf weiß besagten, daß er, der Lehrer Malischewsky, der Sohn ein*« Bauern und in keiner Woise mit jenen Gutsherren vewandt ist, die ebenfalls Malischewsky hießen ... Zufrieden und glücklich legt er seine Papiere auf den Tisch vor den Beamten hin: „Nun sehen Sie, daß ich mit dem gewesenen Großgrundbesitzer nicht identisch bin." „D a s genügt nicht. Wir müssen auch eine offizielle Anfrage nach Dinskoi richten." So lautete die Entscheidung des Beamten... „Wann werden Sie das besorgen?" „Es wird schon gemacht werden. Haben Sie Geduld." Und der Lehrer Malischewsky — wartete. In der Zwischenzeit — bis zur genauen und offiziellen Feststellung seiner sozialen Herkunft — hat man auch seine zwei Söhne ihrer Stellen enthoben: gehören sie doch in die Kategorie schädlicher Elemente, Gutsherrensöhnchen ..., welche sich heimlich in das proletarische Lager einschmuggeln!!... Lange mußte er warten. Endlich erhielt er die Antwort auf die offizielle Anfrage. Stolz und gehobenen Mutes kam er ins Amt: „Nun? Jetzt sehen Sie aber endlich —" „Ja... ja... ich sehe wohl... aber ' Sie "verstehen doch... irgendwie ist das nicht, wie es sein soll... Der Gutsherr Kieß Malischewsky, Sie heißen Malischewsky ..; das ist nicht schön ... nicht in Ordnung ..." " „Wenn dem so ist, gut. Dann werde'ich Ihnen Bestätigungen von Genossen bringen, die mit mir zür Zeit des Bürgerkrieges zusammen in der Roten Armee waren. Diese kennen meine ganze Vergangenheit. Wollen Sie? Dann werde ich Ihnen auch diesen Beweis bringen.. „Ja! Gewiß!" „Also gut!" Und der Lehrer Malischewsky machte seine Wege und brachte Zeugnisse, aus denen hervorging, daß er sich im Bürgerkrieg besonders ausgezeichnet und tapfer geschlagen habe ... „Sind diese Zeugnisse auch amtlich bestätigt?" fragte der Beamte. „Ja. Sie sind amtlich gesiegelt und unterfertigt. Seht!" „Nun ja... Wenn sich das so verhält, kann man sich ja nicht mehr helfen... Wie es scheint, wird man Sie wieder anstellen müssen... Also: Sie sind hier wieder Lehrer!" Malischewsky wurde wieder Lehrer, seine Söhne erhielten ihre Stellen zurück, alles war fein und gut, in "bester Ordnung — ein Jahr, da plötzlich: noch einmal... „Sie können die Stelle eines Lehrers nicht mehr bekleiden." „Was ist geschehen? Was habe ich verbrochen?" „Sie waren einmal ein Gutsherr, ein Großgrundbesitzer!" „Das war ich nie!" „Das müssen sie uns erst beweisen!" „Das habe ich schon Im vergangenen Jahr bewiesen." „Dann beweisen Sie, daß Sie das bewiesen haben!" „Gut." Und er machte sich zum zweiten Male auf die Beine von Krimskoi nach Dinskoi: „Bitte, geben Sie mir eine Bestätigung, daß ich nicht von Gutsherren abstamme." „Das können wir Ihnen nicht geben." „Warum nicht?" „Weil Sie Malischewsky heißen!" „Nun? Was ist denn dabei, daß ich Malischewsky heiße?" „Wenn Sie Malischewsky heißen — ist es klar, daß Sie ehemals Gutsherr waren." „Das ist aber nicht wahr! Mein Vater war ein einfacher Landarbeiter — kein Gutsherr! In Ihrem Archiv befindet sich doch mein Geburtsschein. Sehen Sie nach und überzeugen Sie sich!!" „Ich habe nicht nachgesehen und werde auch nicht nachsehen! Gehen Sie..." Traurig und ratlos wanderte er zurück, von Dinskoi nach Krimskoi. In Krimskoi angelangt, ging er direkt zum Vorsteher der Schule: „Guter Freund! Sie wissen doch, daß ich im vorigen Jahr bewiesen habe, daß ich nicht von Gutsherren ab- •tamrae und nie einer, gewesen bin. Jetzt hat man mich wieder unter dieser Motivierung weggeschickt... Helfen Sie mir..." „Ich kann nicht und ich will nicht!" „Weshalb nicht?" „Weil alle Ihre Dokumente, die Sie beigelegt haben, falsch sind. Und Sie — Sie sind ein Schwindler!" „Ich bin kein Schwindler! Ich bin kein Schwindler!" „Sie sind ein Schwindler! Sie selbst haben behauptet, daß Sie nicht Malischewsky heißen und — es ist offiziell festgestellt worden, daß Sie doch Malischewsky heißen..." „Aber verzeihen Sie! Ich habe niemals behauptet, daß ich nicht Malischewsky heiße. Ich habe das niemals geleugnet..." „Aha! ... Jetzt gestehen Sie es ein! ... Was braucht man noch mehr? Wenn Sie Malischewsky heißen, dann ist es doch klar wie der Tag, daß Sie einmal Gutsherr gewesen sind!"... Der Lehrer Malischewsky sieht ein, daß sie einander nicht verstehen ... und geht: zum dritten Male in sein Geburtsdorf Dinskoi... Er befindet sich in einer unglücklichen Lage; er weiß nicht, wie er sich helfen soll... All das: weil er Malischewsky heißt und der Gutsherr des Kosakendorfes Dinskoi ebenfalls Malischewsky geheißen hat... (Uebertragung aus dem Russischen von M. S. Brafmann.) Wojn Rttdenkovic hat eröffnet!!! im GARTENBAU (Parkring Nr. 12) Echte serbische Küche Rostspezialitäten / Dalmatiner Weine Räumlichkeiten für 1000 Personen Mampf gegen Aha§ver In Hunderten von jüdischen Abhandlungen, in Hunderten von jüdischen Vorträgen, von der Lyrik ganz su schweigen, spukt eine Gestalt, an die wir uns allmählich selbst gewöhnt haben, spukt der „ewige Jude", Ahasver. Juden in der ganzen Welt nennen ihn mit Namen ■ und glauben damit, jüdisches Schicksal bezeichnen zu 'können. Es scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein, daß Ahasver eine Gestalt der ■n icht j ii di sehen Legende ist und in seiner ganzen Erscheinung keineswegs geeignet ist, jüdisches Wesen und jüdisches Leben zu verkörpern. Ahasver ist zwar ein Jude, aber daß ihm der Fluch des ewigen Wanderns auferlegt wurde; hat mit seinem Judentum nichts zu tun) sondern ist die Folge einer Strafe, die ihm für ein unmenschliches Verhalten auferlegt wurde: nach dieser Legende hat et den Stifter der christlichen Religion von seiner Türe weggewiesen, als dieser auf seinem letzten Schmerzenswege dort für wenige Augenblicke rasten wollte; einer Strafe also für eine Herzlosigkeit, für ein Verhalten, das in seiner ganzen Art jüdischer Sittlichkeit und jüdischem Gesetz widerstrebt. Und dennoch sind es Juden, immer wieder ' Juden, die sich selbst mit diesem Ahasver vergleichen, selbst seinen Namen gebrauchen, wenn sie unseres Volkes Weg und Kampf bezeichnen wollen. Aber wir selbst, wir sehen unsere Wanderung ja nicht als einen Fluch und eine Strafe an, die durch ein individuelles Verhalten hervorgerufen worden ist. Dieser Fluch und diese Strafe erscheint in Israels Geschichte immer da, wo das Volk sich selbst verriet, wenn das Volk die Berufung zum Heiligen vergaß und in die Wege der Völker abirrte. So sehen wir unsere Wanderung durch die Völker und Zeiten als ein Schicksal an, das wir zivar selbst verschuldet haben, aber nicht in bezug auf Menschen und Menschensatzung, ja nicht einmal in bezug auf eines der großen sittlichen Gebote, sondern als ein Schicksal, das folgerichtig eintreten muß, wenn der Jude Gatt und die Lehre verläßt. Dann werden %oir fremd unter den Völkern. Dann werden wir heimatlos. Dann sehen uns die anderen nicht als Kinder eines starken und frohen Volkes, sondern als Irrende und Weglose unter sich. Leo Pinsker hat es in seiner „Autoemanzipation" auf die klassiscJie Formel gebracht: „Die Welt erblickt in diesem Volke die unheim- ■ liehe Gestalt eines Toten, der unter den Lebenden wandelt... So ist der Jtide für die Lebenden ein Toter, für die Eingeborenen ein Fremder, für die Einheimischen ein Landstreicher..." Das Wandern als ein Fluch — so sieht es der Seß- Beschäftigt den Stadtkibbuz Q der Judenstaatszionisten 0 II, Rotensterng.12, Tel.R-45-2-30 Alle Schulbücher richtige Auflagen, für antiquarische allerbilligste Preise! Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. ~ Zeit spart, wer kauft im Schulbücherantiquariat Ecke Taborsfraße 52 / Tel. R-41*4-90 hafte. Der Mensch, der Haus und Hof hat und darauf rechnet, die Güter seines Lebens noch den Erben vermachen zu können, wandern als ein Fluch — so sieht e* der Bürger eines Staates, dorn Sicherheit ein hoher Wert ist. Wandern heißt, sich nicht an jedem Abend hinter schützende Tore zurückziehen zu können, kein Haus und kern Dach haben, keinen Richter, der das Recht des Fremden schützt, keinen Freund, der ihm Beistand leistet, weil er ihn kennt und ihn liebt. Dennoch! ist denn der Seßhafte sicher? Waren die sicher, die sich erschauernd die Legende vom Ahasver erzählten, der nirgends länger rasten darf als einen Tag und eine Nacht? Waren die Männer und Frauen hinter den mittelalterlichen Stadtmauern sicher, daß nicht der nächste Tag Kriegsleute vor die Tore brachte, Brand und Blutbad in die Straßen ihrer wohlgebauten Städte? Waren sie sicher, daß nicht die Seuche mit ihrer furchtbaren Hand nach ihnen griff und ihre wohlgegründeten Häuser verödete? Wer ist denn sicher? Wer unter Menschen ist denn nicht Wanderer, wenn man sein Leben nach den äußeren Gegebenheiten betrachtet? Der größte deutsche Dichter hat es gewußt und hat es als ein hohes Gut gewertet: „--nicht sicher, aber tätig frei zu wohnen",. Aus der Täuschung, daß menschliches Leben etwas Dauerndes und etwas Sicheres sei, erwächst die Vorstellung, daß man zwischen Nachbarn und Freunden in den ruhigen Verlauf gewohnter Tätigkeiten in Sicherheit wohne. In der Vorstellung der Blenschen ist da noch ein. Rest von jener inneren Haltung, die in jedem Fremden den Feind sah. Das Wort „Gast" der deutschen Sprache entspricht einem gleichen der verivandten lateinischen „hostis" _ Feind. Aus dieser Vorstellung erhellt die hohe Bedeutung, die die Gastfreundschaft bei allen Völkern hat. Jeder Wanderer ist unsicher. Darum muß er sich am fremden Orte gleichsam Heimatrecht verschaffen und kann dies nur, wenn einer der Einheimischen, der Kinder des Landes ihm zum Gastfreund und damit gleichsam in die Hausgemeinschaft und Volksgemeinschaft aufnimmt. Gastfreundschaft muß der Wanderer suchen, will er sicher sein. Sicher für einen oder hundert Tage, aber nicht für ein ganzes Leben der eigenen Arbeit. Wir Juden wissen von unserem Wandernmüssen unter unseren Völkern als einem Schicksal. Und hart traf es uns immer nur dann, wenn wir uns in der falschen Sicherheit wiegten, daß Gastfreundschaft mehr sei als sie einst gewesen war, in jenen Tagen, in denen der Fremde fast noch ein Feind und des Schutzes bedürftig war. Wir wissen von unserem Wandernmüssen als einer Folge unseres Abfalls von unserer Eigenart tmd unerer Aufgabe. Aber ist das ein Fluch? Ist nicht in unserer ganzen Geschichte immer wieder deutlich geworden, daß es für jeden „Abtrünnigen" eine „Umkehr" gibt? Jede Umkehr Israels war eine Heimkehr. Jede Umkehr Israels führt unser Volk zu sich selbst, zu Gott und zur Lehre zurück. Wer unter uns wagt aus dieser Erkenntnis her, sich selbst und uns mit dem Namen eines Verfluchten zu nennen? Wer wagt, Ahasver als Gleichnis des jüdischen Weges und Wesens anzunehmen? Laßt es uns richtig sehen: Wir sind nicht zu ewigem Wandern verflucht. Verirrte Kinder sind wir, die heim können, wenn sie nur den Weg wiederfinden, den Weg zum Quell ihres Lebens, zum Baum des Lebens, zu der wahrhaften Sicherheit, die jenseits von Völkern und Zeiten und ihren Schicksalen liegt. Sie dllein sind ewig. Darum geht durch die jüdische Legende die Gestalt eines anderen Wanderers, eines Unerkannten, eines Fremden, von dessen Spuren aber nicht der Fluch, sondern der Segen zeugt, den er zurückläßt. Auch er ein „ewiger Jude", der durch die Zeiten der Gallith hingeht mit dem immer lebendigen Trost der Verheißung, daß die Erlösung für Zion kommen wird: Nicht Ahasver —■ Elijahu hanawi. Kling der AlftsHeeren» Verbände Am Mittwoch, den 30. September, um ll»8 Uhr abends, findet auf Initiative des „Ringes der Alt- Herren-Verbände der Akademischen Korporationen" eine Sitzung der Angehörigen der bestehenden und suspendierten Z. M. V. statt. An diesem Tage soll die Gründung eines „Ringes der Alt-Horren-Verbände der Zionistischen Mittelschul-Verbindungen" erfolgen. Es werden daher die Alten Herren folgender Korporationen aufgefordert, unbedingt pünktlich zu erscheinen: Avoda, Balfura, Barrissia, Davidia, Emma, Gamala, Giskala, Haschachar, Hasmonea, Hyrkania, Jedidea, Jeremia, Jordania, Jung-Juda, Maccabäa-Graz, Maccabäa- Krems, Massada, Mattatiah-Wien, Mattatiah-Mödling, Nehemia, Sycaria und Tiberia. — Ort der Sitzung: Giskala, I., Elisabethstraße 5. I