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Die neue Welt · 1936-09-30 · Heft 597 (30.9.1936) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 597 (30.9.1936)
Date
1936-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 597 vom 30. September 193G DIK MflUK WELT Seite S Kaufet Schulbücher neu und antiquarisch in der Bücherstube Rath & Co. Wien II, Taborstraße 20 a / Tel. R-45-305 Ankauf und Umtausch antiquarischer Bücher zu höchsten Preisen I Moderne Leihbibliothek / Alle Neuerschemungen MonatsgebUhr S 3.10, keine Bandgebühr, täglicher Umtausch, oder Monatsgebühr S 1.60 und 10 Groschen Bandgebühr Modernes Sortiment und Antiquariat s=s=33 Judaica und Hebraica Aus HiilerafDeufediland Die JUdische Telegraphen-Agentur berichtet: In der Weltöffentlichkeit herrschte die Auffassung, daß vor und während der Olympiade den Juden aus Propagandagründen eine Atempause gewährt worden sei. Selbst diese bescheidene Hoffnung hat getrogen. Es ist zwar vor und während der Olympiade zu keiner sensationell wirkenden Großaktion gekommen, der tagtägliche Kleinkrieg gegen die Juden ist aber keinen Augenblick lang vermindert oder gar eingestellt worden. " Die Hinausdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben hat in den letzten Monaten, also auch während der Olympiade; einen außerordentlichen Umfang angenommen. Während sich das Regime früher im wesentlichen damit begnügte, die Juden zur "Veräußerung ihrer Unternehmungen und Teilhaberschaften zu zwingen — natürlich unter empfindlichen Verlusten — mehren sich jetzt die Fälle nackter Enteignung. Dabei werden die Inhaber so gequält, daß es zu Selbstmorden und Irrsinnsanfällen kommt. Ein Mitglied der Familie S i m s o n, deren Suhler Waffenwerko enteignet wurden, mußte wegen Verfolgungswahnes in einer Heilanstalt untergebracht werden. Opfer von Enteignungsmaßnahmen sind u. a. das Bankhaus Kahn & Co. in Mainz, Elias Cohn in Zittau, Sobel in Halle, Buttorgroßhandlung Weinberger in Berlin, sämtliche jüdische Eierhändler; die meisten Inhaber der erwähnten Firmen wurden in Schutzhaft genommen. Das Uebergehen jüdischer Geschäfte in arischen Besitz nimmt wieder Massencharakter an. Hand in Hand damit geht die Boykottaktion. Der Terror gegen die Juden wird von den deutschen Gerichten teils auf Grund der Nürnberger Gesetze, teis unter Beruf und auf das „Volk sempfinden" nach Kräften unterstützt. Das Amtsgericht Nördlingen verurteilte den Juden Leopold Lehmann wegen abfälliger Bemerkungen über den „Stünner" zu drei Wochen Gefängnis. In Kassel wurden in der Nacht zum 17. August die Auslagenfenster aller jüdischen Geschäfte zerschlagen und die Häuser, in denen Juden wohnen, mit antisemitischen Aufschriften beschmiert. In ganz Hessen wütet der- Terror gegen die Juden. Für manche jüdische Familien haben sich geradezu schreckliche Situationen ergeben. In lIohONinhfflMfnTOiftO I lch beehre mich, anzuzeigen, dali ich das seit UBUCHilllllllAUlI&UiJBi vielen Jahren in meinem Besitze beiindiiehe Cafe Franz-Josefs-Kai neuerlich ab I.Oktober 1936 in eigene Regie Ubernehme u. alles daransetzen werde, meine geehrten Oilste in jeder Hinsicht auf das beste zufriedenzustellen. Um zahlreichen Zuspruch bittet [alelier Max Rnppaport, Wien 1. Franz-Josefs-Hai Hr. 45 München-Gladbach ist der Judenfriedhof wiederholt verwüstet worden, sämtliche Denkmäler sind zertrümmert. In Duisburg-Lahr hat der jüdische Ladeninhaber de V r i e s mit Frau und Tochter sich dasLeben genommen, weil er den Terror nicht ertragen konnte. Der Inhaber der Firma Gerson in Duisburg-Ruhrort wurde in seinem Geschäft von SA.-Leuten überfallen und verprügelt. Meist werden solche jüdische Geschäfte behördlich geschlossen, die eine größere Zahl jüdischer Angestellter beschäftigen. So wurde z. B. in Leipzig das große Kaufhaus Brühl mit fast 1000 Beschäftigten geschlossen. Dagegen wird 'gegen solche jüdische Geschäfte, die nur arische Kräfte beschäftigen, meist nichts unternommen. In Adorf, Sachsen, starb plötzlich ein sechsjähriges Kind. Der Vater behauptete, daß das Kind Wurst vom jüdischen Kaufhaus Heymann genossen hätte und daran gestorben sei. Die gesamte Nazi-Meute erhob ein großes Geschrei, der Staatsanwalt griff ein, die Leiche wurde geöffnet. Die ärztliche Gerichtskommission stellte als Todesursache Lungengrippe und Unterernährung fest. Trotzdem wurde Heymann gezwungen, däa Kaufhaus für einen kleinen Bruchteil des Wertes Ariern zu übergeben. Auf dem Bahnhof in Breslau wurde ein Jude von der Bahnpolizei blutig mißhandelt, weil er aus Palästina zurückgekehrt ist. Die Breslauer jüdische Winterhilfe erhielt ganze Waggons Kleider und Konserven aus Amerika; damit aber nicht die Juden mehr erhalten als Arier, wurde die jüdische Winterhilfe gezwungen, die Bestände an die NSV. abzugeben. Manchmal kommt es zu einer Auflehnung der Bevölkerung gegen den antijüdischen Terror. Der Leiter der schlesischen Philharmonie, v. Heßlin, wurde zum Verlassen seiner Stellung gezwungen, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. Im Brealauer Konzerthaus gab es ein Abschiedskonzert, das ungeheuer überfüllt war. Dem Scheidenden wurden stürmische Ovationen bereitet. Immer wieder riefen die Leute im Sprechhor: „Heßlin, wie der komm eh!" Die Nazikreise waren gegen diesen Sturm machtlos. Heßlin wurde durch die Stadt zum Hotel Monopol getragen. Dort wiederholten sich die Manifestationen einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge. Es waren unmißverständliche Manifestationen gegen die Judenpolitik der jetzigen Machthber. Evolution Von Ingenieur Emil Fried (M.-Ostrau) Soziallsmus und Kommunismus haben die gleichen Endziele. Der erstere will sie allmählich, im Wege der Evolution, erreichen, der letztere glaubt, nur durch gewaltsamen Sturz der bestehenden Gesellschafts¬ und Wirtschaftsordnung zur Herrschaft gelangen zu können. Die liberale jüdische Assimilation sah die Ursache des Antisemitismus in der Herrschaft von Kirche und Adel in absolut regierten Staaten. Die marxistische Assimilation lehrt, daß einzig und allein der Kapitalismus die Judenfrage zum Problem macht. Beide Spielarten der Assimilation sind in der Verwerfung des Zionismus einig. Nach dem Zusammenbruch des Liberalismus warf sich die vom steigenden Judenhaß erschreckte jüdische Bourgeoisie auf den Sozialismus als das Allheilmittel gegen alle Judennot. Aber auch die Internationale konnte den erhofften Schutz nicht bieten. Immer wieder mußten sich ihre jüdischen Vorkämpfer gegen den Vorwurf, Juden zu sein, wehren. Schon zu Zeiten Marx' und Lassalles gab es, wie es Stephan Großmann bezeichnend ausdrückt, „Dummköpfe und Bösartige, die über den „Juden" Marx schwatzten. Der Jude Marx wehrte sich. Mit seiner literarischen Titanenfaust schlug er seine ihn als Juden höhnenden Gegner zuschanden, indem er der ganzen bürgerlichen Gesellschaft den Vorwurf ins Gesicht schleuderte: „Nicht im Pentateuch oder im Talmud, in der bürgerlichen Gesellschaft finden wir das Wesen des heutigen Juden verwirklicht." Optiker rudoif haas & c» WIEN II, PRATEÄ$TRASSE 32 SPEZIALIST FÜR BRILLENOPTIK Die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum ist, nach Marx, die unerläßliche Vorbedingungen zu ihrer Genesung, zur Sozialisierung. Sowjetrußland handelte deshalb folgerichtig, als es die Synagogen enteignete, Juden, die jüdische religiöse Lehren verbreiteten, einkerkerte, den Unterricht in hebräischer Sprache und die Einfuhr hebräischer Literatur verbot, die Unterhaltung religiöser Einrichtungen als Hochverrat , bestratfe, die Zionisten verfolgte und verbannte. (Siehe Bericht über Jüdischen Weltkongreß in Genf.) In dieser Beziehung gab es zwischen Stalin einerseits und der Trotzki-Gruppe andererseits sicherlich keine Differenzen. Wie sich der Sozialismus, die II. Internationale, zu dem marxistischen Gebot, der Emanzipation vom Judentum, stellt, ist offiziell noch nicht bekanntgegeben worden. Die Wege der Evolution haben sich des öfteren als Abwege von der ursprünglichen Richtung erwiesen. Die Stellung der im Sozialismus führenden jüdischen Männer zum Judentum hat sich seit Marx wesentlich geändert. Die Taktik, durch Verhöhnung des Judentums den Verdacht, ihm anzugehören, abzuwehren, schien bedenklich, seitdem eine zionistische Presse auf den Plan getreten war. Es begann die Taktik des Schweigens und VerSchweigens. Mit einigen wegwerfenden Worten, wie klerikale Reaktion, Utopien der jüdischen Bourgeoisie, versuchte man die höchst lästige Sache, den Zionismus, abzutun und prophezeite, von der materialistischen Geschichtsauffassung ausgehend, die Zukunft gehöre ausschließlich dem Klassenkampf. Das nationalistische Geflunker, ob deutsch, jüdisch oder sonstwie, die letzte Zuckung des sterbenden Kapitalismus verdiene gar nicht die Beachtung ernster Menschen. Die Evolution, die Entwicklung, die Tatsachen gestatteten sich aber, andere Wege zu gehen. Der französische Ministerpräsident Leon Blum sieht sich bereits genötigt, seinen Meister, Karl Marx, zu desavouieren. Auch Herrn Blum war es nicht erspart, daß Dummköpfe und Bösartige über den Juden Blum schwatzten. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob man gleichzeitig Jude und Franzose sein könne. Während Marx seinerzeit die „schimärische Nation der Juden als die Internationale des Geldmenschen" erklärte, bekennt sich Herr Blum in seinen Ausführungen Uber die zweifache nationale Loyalität beinahe schon zur jüdischen Nation. Klar ist Blums . Bekenntnis allerdings nicht, - bedeutet aber immerhin . innerhalb der hundert jährgen Evolutionsperiode von Marx bis Blum einen Fortschritt und läßt für die DAN II MED nun Aul CK IM OKTOBER: Prof. IS und sein Medium / weiters 10 neue Stars Täglich: 4 und 8 Uhr Sonnlag: 2, 5 und 8 Uhr nächsten hundert Jahre noch weitere Fortschritte erwarten. Es ist nur zu bedauern, daß dem jüdischen Volk in seiner gegenwärtigen Lage mit einem solchen Fortschrittstempo wenig geholfen ist. Auch die zionistischen Sozialisten sind Evolutionäre. Sie bestehen nicht auf der Diktatur des Proletariats, nicht auf der Weltrevolution, bekennen sich zur jüdischen Nation und zum Klassenkampf, den sie. in die früher einheitlich gewesene Organisation gebracht haben. In jahrelangem Bemühen haben sie der palästinensischen jüdischen Jugend in Herz und Seele die Mär von der brüderlichen Solidarität des Weltproletariats im allgemeinen und der Verbundenheit des jüdischen mit dem arabischen Proletariat geprägt. Mit einer der vulgären bürgerlichen Assimilation entnommenen Aufdringlichkeit wurde keine Gelegenheit versäumt, der arabischen Arbeiterschaft unentwegte Treue und der jüdischen Bürgerschaft ebensolche Klassenfeindschaft zu schwören. Aus der Rumpelkammer der Assimilation wurden die Theorien von der Befreiung und Beglückung hervorgeholt, Befreieung der arabischen Arbeiterschaft von ihren Ausbeutern, Beglückung als Folge der jüdischen Einwanderung* Mit Heine und Börne, Lassalle und Marx begannen die Juden in Deutschland das deutsche Volk zu beglücken, wollten es von seinen Tyrannen befreien und auf die Bahn des Fortschritts lenken. Das deutsche Volk da nkte schließlich durch Hitler, die arabischen Genossen danken mit Bomben, Handgranaten, Brandfackeln und Meuchelmord. Die Evolution, der Lauf der Geschichte, die Tatsachen haben wieder einmal alle Theorien der liberalen und marxistischen Assimilation über den Haufen geworfen. Im jüdischen Palästina, das nach dem Willen der zionistisch-sozialistischen Führer die Hochburg sozialistischen Schaffehs, das Experimentierfeld des internationalen Sozialismus sein soll, ist wieder ein Experiment total mißlungen. Die Mandatarmacht pendelt und wartet ab, die Araber drohen, die Völker stehen uns teils feindlich, teils gleichgültig gegenüber. Der Jüdische Weltkongreß in Genf hat eine Geldsammlung für llgemeihjüdische Zwecke, das Aktionskomitee in Zürich die Gründung eines neuen Fonds zur Wiedergutmachung der Schäden in Palästina beschlossen. - Heute Premiere HARRY BAHR %M!hr %8,%10 £ Vor 39 Jahren wurde in Basel die Sammlung aller jüdischen Kräfte auf nationaler Grundlage mit Ausschluß alles Trennenden, wie sonstiger Weltanschauungen usw. beschlossen. Wäre dieser Beschluß seither konsequent, ehrlich, ohne schwächliche Nachgiebigkeit und ohne Rücksicht auf momentan wirksame demagogische Schlagworte durchgeführt worden, wir hätten heute eine in sich geschlossene nationale Organisation, ohne Klassenkampf, ohne assimilatorische, d. s. unserer Einheit entgegenwirkende Tendenzen, deren Zusammenbruch uns stets aufs neue erschüttern muß. Der geschlossenen Front unserer Gegner stehen einzelne nach Weltanschauungen, die mit unserer speziellen Not nicht das geringste zu tun haben, getrennte Gruppen gegenüber. Die Zukunft unseres Volkes hängt davon ab, ob es sich endlich dazu aufraffen wird, den vor 39 äe&r*a in Basel begonnenen Bau fortzusetzen im Geiste des Zionismus und in der endlichen Erkenntnis, daß alle diesem Geiste widersprechenden Zugeständnisse, Opportunitäten und Kompromisse zu unserem Verderben führen müssen. Dem katholischen Antisemitismus ins Stammbuch. Unter diesem Titel haben wir in der letzten' Nummer Ausführungen von Pater Franziskus S t r a i m a n n wiedergegeben. Irrtümlich war angegeben, daß dieselben der „Katholischen Zeitschrift" entnommen wurden. Wir Stellen fest, daß die trefflicho Abhandlung nicht in der „Katholischen Zeitung", sondern in der Zeitschrift de3 Pauluswerkes „Die Erfüllung" erstmalig erschienen ist.

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