Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 597 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite Ä DIE NEUE WELT Nr. 597 vom 30. September 1936 3 x BERGMANN, Li RABENSTEIG 3 HIMMELPFORTG. S KÖLLNERHOFGASSE 1 Reinseidenft.so \ Herrenhemden, beste Paotorm nur Neue Sorten Herrenhemden, Pyjama u.Oressings für den Herbst bereits lagernd. In Preis und Reichhaltigkeit unübertroffen Meir Dizengoffs Grabgang Wie er begraben werden wollte Wenige Wochen vor seinem Tode, nach Ueberwindung eines schweren Anfalles, schrieb Bürgermeister Meir Dizengoff: „Der Gedanke an den unvermeidlichen Tod erweckt ta mir keine Sorge, keine Trauer. Aus voller Ueberzeugung kann ich t*tgen, daß mir mein Leben wstlose innere Zufriedenheit gebracht hat. Denn meine Arbeit und Mühe sind nicht vergeblich gewesen. Meine Brüder in meinem heißgeliebten Lande haben Nutzen von meinem Leben gehabt. Ich stelle mir den Leichenzug hinter meinem Sarge so vor: An der Spitze gehen alle Kinder von Tel- Aviv, meine lieben Enkelchen, die Vögelchen. Ich höre, wie sie weinen und rufen: Lieber Großvater, verlaß uns nicht: Nach den Kindern die Jugend von Tel-Aviv, die in mir stets ihren besten Freund gesehen hat. Dann die Frauen und dann die großen Massen der Bürger meiner Stadt. Wenn man meine Leiche in das kühle, feuchte Grab senken und mit Sand bedecken wird, werde ich fühlen, wie von dieser Kundgebung der Bevölkerung von Tel- Aviv warme Strahlen zu mir dringen, als Licht auf raeinen neuen Weg." Das Ende Das letzte Bulletin über den Zustand des kranken Bürgermeisters wurde Dienstag am späten Nachmittag ausgegeben. Es stellte fest, daß keine Wendung zum Besseren eingetreten sei. Temperatur 39,2. Außerordentliche Herzschwäche. Unterzeichnet war das Bulletin von den Professoren Marcus und Citron. Mitglieder des Stadtrates hielten dauernd Dienst am Krankenlager, während draußen eine riesige Menge in banger Sorge wartete. Am Abend versammelten sich die Aerzte, die Mitglieder des Stadtrates, die Angehörigen und Freunde Dizengoffs im Hause. Um 11 Uhr abends wurde dem Kranken eine Injektion verabreicht. Eine halbe Stunde später nahm er noch etwas Tee zu sich. Dann schlummerte er friedlich dem Ende entgegen, das Mittwoch um 4 Uhr früh eintrat. Trauerfeierlichkeiten Die Nachricht vom Ableben Meir Dizengoffs hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Sofort wurden Trauerfahnen ausgehängt, ungeheure Menschenmassen sammelten sich vor dem Sterbehaus an und zogen später stumm an dem Sarge, der im Tel-Aviver Museum, dem ursprünglichen Wohnhaus Dizengoffs, aufgebahrt worden war, vorüber. Schon um 11 Uhr vormittags hatten über zehntausend Einwohner auf diese Weise von ihrem toten Bürgermeister Abschied genommen und bis 9 Uhr abends wurde diese stumme Defllierung fortgesetzt. Alle Theatervorstellungen, Konzerte und sonstige öffentliche Veranstaltungen wurden abgesagt. Am Donnerstag ruhte bis zum Schluß der Beisetzung, die für 10 Uhr vormittags angesetzt war, jede Arbeit in Tel-Aviv. Aus allen Teilen des Landes trafen Abordnungen der jüdischen Siedler ein. Das städtische Gericht wurde am Mittwoch, nachdem Friedensrichter Zuckermann einen Nachruf auf Dizengoff gehalten hatte, geschlossen. Das erste Kind, das nach dem Tode Dizengoffs am Mittwoch in Tel-Aviv geboren wurde, erhielt zum Andenken an den verstorbenen Bürgermeister den Namen Meir. Mehr als 120.000 Menschen folgten dem Sarge. Die zehn Kilometer lange Strecke des Trauerzuges war voll von Menschen. Die Menge schritt schweigend hinter dem Sarge, nur hie und da hörte man Frauen weinen. Eine Abteilung des Roten Magen David versah die Sanitätsdienste. Hinter dem Sarge schritten Formationen des Makkabi. des Hapoel, des Bctar, der Scouta, anderer jüdischer Jugendorganisationen und die Schulkinder. Der High Commissioner war durch seinen persönlichen Adjutanten vertreten. Unter den Trauergästen sah man den Vizebürgermeister Israel Rokach, den Gouverneur des Süddistrikts, Major Robert Crosby und seinen Stellver- Bemerkungen ludenfrage und Sittengesetz Zu dem in Genf tagenden Eurpoäischen Nationalitätenkongreß führt die Wiener katholische „Reichspost" (16. September 1936) aus, daß es notwendig sei, das Lebensrecht aller in einem Staat lebenden minderheitlichen Volksgruppen anzuerkennen. Höchst beachtenswert ist der Schluß der Ausführungen, der lautet: „Die Regelung des Verhältnisses von Volkstum und Staat sowie von Volk zu Volk im Sinne der Lebensmöglichkeiten auch für denjenigen Volksteil, welcher innerhalb der staatlichen Gemeinschaft den schwächeren Teil darstellt, ist ebenso eine sittliche wie eine politische Notwendigkeit. Hemmungen, die einer solchen Regelung Im Wege stehen, können nur auf der Grundlage des ewigen Sittengesetzes überwunden werden, das das Fundament jeglicher Gemeinschaft bildet, die Bestand haben soll." Die „Reichspost" schließt: „Die Volksgruppen wollen den Staat bejahen; sie können es, wenn auch der Staat sie verneint." Mit nicht zu hemmender Intensität drängt sich im Zusammenhang mit dieser Feststellung die Frage der jüdischen Minderheit auf. Die „Reichspost", welche hier die Anwendung des ewigen Sittengesetzes verlangt, würde zweifellos in Verlegenheit kommen, wenn man dieses auch auf die Juden angewendet wissen wollte. In diesem Punkt hat sie oft genug versagt. In der gleichen Nummer, in der sie so schöne Worte für die Lösung der Minderheitenfrage zur Hand hat, schreibt sie: „Es nützt wenig, n-*)T r' *w*Um»*rr<,-wi\*.enr+>-rmm ür Gelegenheitskäufe Wien VIII. s t a d t bah n v n d u k t 23 ne Leichen^elrieistraKf Telephon' A-21-5-31 treter Gerald Foley. Die Konsuln der fremden Mächte waren vollzählig erschienen. (Dizengoff war belgischer Generalkonsul.) Vor dem in einen Tallis gehüllten Sarg schritt Dizengoffs Chauffeur, der auf einem Kissen die Orden des verstorbenen Bürgermeisters trug. Im Zuge geschlossene Delegationen des Jischuw. ' Eine Gruppe sephardischer Juden sprach laut Trauerpsalmen. Zehn Wagen führten die Kränze mit. Sämtliche Fenster und Balkons auf dem Wege des Zuges waren stark besetzt. Einige überlastete Balkons stürzten ein, wodurch mehrere Frauen verletzt wurden. Am Grabe wurden keine Reden gehalten. Nur das „El mole rachamim" wurde gesprochen. M. M. Ussischkin, Präsident des Keren Kajemeth, warf die erste Scholle in das Grab, es folgten die Witwe Dizengoffs, die Mitglieder der Exekutive der .Tewish Agency, die Oberrabbiner, die Mitglieder dfr Ptaritrates und des Waad Leumi. Wahrheiten auszusprechen und nicht danach zu handeln." Das gilt leider auch von ihr. Der englische Konig wird zensurtiert Die Wiener Presse veröffentlicht einen von einer Zeitungskorrespondenz ausgeschickten Bericht über den Abschied des englischen Königs von Wien, worin es hieß: Um halb 12 Uhr verließ der König unter vielen Ovationen das Hotel. Das Ziel dieser Fahrt war die Klinik Professor Dr. Heinrich Neumanns im Allgemeinen Krankenhaus. Professor Dr. Neumann, den der König selbst mit seinem Wagen aus seiner Wohnung abgeholt hatte, führte gemeinsam mit dem Direktor des Allgemeinen Krankenhauses Hofrat Dr. Otto Glaser den Gast vorerst durch die Klinik . . ." Die „Wiener Neuesten Nachrichten" konnten ihren Lesern den Besuch des englischen Königs nicht vorenthalten. Aber die Geschichte mit dem „nichtari9chen" Professor Neumann ging dem deutschblütigen Blatt wider den Strich. Es half sich. Es vertilgte den Satz: „den der König selbst mit seinem Wagen aus seiner Wohnung abgeholt hatte". Die Ehrung des Juden Dr. Neumann durch König Eduard wagten die „Wiener Neuesten Nachrichten" ihren „arischen" Lesern nicht zu bieten. Diese werden zwar das Ungeheuerliche aus den anderen Blättern erfahren, aber für den Schutz der deutschen Ehre und des deutschen Blutes ist genug getan. König Eduard VIII., der Regent über das britische Imperium, zeichnete im Verlauf seines Wiener Besuches zwei Juden aus: den Baron Rothschild und den Professor Neumann. Hoffentlich wird er von der Hitler-Regierung und von den „Wiener Neuesten Nachrichten" nicht wegen Rassenschande angeklagt. Hitler/ der Arbeiter Aus Nürnberg: Zum Abschluß des Parteitages sagte Hitler: „Weil wir wissen, daß der Versuch Äpr Einmischung in unsere deutschen Verhältnisse durch j'Jl d ische Propagatoren kein Ende nimmt, sind wir gezwungen, den Bolschewismus auch außerhalb Deutschlands als unseren Todfeind anzusehen. Wir können mit den jüdisch-kommunistischen Führern nicht diskutieren. Ich kann nicht mit einer Weltanschauung paktieren, die die Befreluung des in den Zuchthäusern konzentrierten asozialen Abschaums der Menschheit durchführt. Aus rassischen Erwägungen im Interesse unseres deutschen Volkes haben wir Nationalsozialisten Front gegen den Bolschewismus gemacht. Wir wollen nicht, daß, wie in Rußland, 98 P r ozent aller führenden Stellen im deutschen Volke von Juden besetzt werden. Wir wollen auch nicht, daß die aus dem eigenen Volke stammende Intelligenz hingeschlachtet wird, wie es anderwärts der Fall ist. Der deutsche Arbeiter wird nicht übersehen, daß an der Spitze des Reiches ein Mann steht, der vor 25 Jahren selbst noch Arbeiter war, während die Juden, die 98 Prozent aller FUhrerstellen in Sowjetrußland besetzen, sich bisher in keiner ehrlichen Weise ernährt haben." Es ist zu erwähnen, daß Hitler selbst in „Mein Kampf" naiv erzählt, daß er in seiner Wiener Zeit einige Tage lang als Hilfsarbeiter bei einem Bau beschäftigt war, dabei ständig mit seinen Arbeitsgenossen in Streit lag und schließlich diese Arbeit aufgab, weil ihm ein Freund, der mit ihm den Aufenthalt im Männer-Asyl teilte, gesagt hatte, wenn man einmal so weit herabgestiegen sei, Handlangerarbeit zu tun, komme man nie mehr herauf. B Aus Warschau, 15. September. (J. T. A.) Der Adjutant des verstorbenen Marschalls Pilsudski, Major M. A. Lepecki, ist von einer Reise durch Sibirien zurückgekehrt. Er hat auch Biro-Bidschan berührt und teilt mit: „Ich habe in Biro-Bidschan oft Vergleiche mit dem jüdischen Leben in Palästina gezogen, das ich ebenfalls persönlich kennen gelernt habe. Es fällt au£ daß in Biro-Bidschan nichts von dem außerordentlichen, geradezu mitreißenden Enthusiasmus zu merken ist, den man in Palästina auf Schritt und Tritt antrifft. Fehlt aber auch die inbrünstige Begeisterung, so herrscht doch Zufriedenheit und Selbstsicherheit. Was die religiösen Interessen betrifft, so läßt sich hier im Zusammenhang mit der neuen Sowjetverfaasung ebenso wie im übrigen Rußland in letzter Zeit eine gewisse Entspannung feststellen. Gewiß, eine Synagoge besteht in Biro-Bidschan nicht, aber ich habe gehört, daß es, insbesondere in den kleineren Siedlungen, religiös eingestellte Juden gibt. Daß Biro-Bidschan Entwicklungsmöglichkeiten hat, steht außer Frage, ebenso sicher aber Ist es, daß es keine Antwort auf das Judenproblem, nicht einmal auf das der V/. Millionen Juden in Sowjetrußland selbst darstellt. Es ist nichts als ein Mittel, die Lage vieler Juden individuell zu verbessern; vorläufig nur von Juden in Rußland, da die Einwanderung von Juden aus anderen Ländern bisher ganz unwesentlich ist. Möglich, daß angesichts des geringen Dranges Sowjet russischer Juden nach Biro-Bidschan und andererseits des Wunsches der Sowjet-Behörden, die dortige jüdische Bevölkerung zu vergrößern, die bisher so verschlossenen Tore dieses Gebietes mit der Zelt in einem gewissen Umfang auch für Juden aus dem Ausland werden geöffnet werden. Der Plan, tausend jüdische Familien aus Polen nach Biro-Bidschan zu bringen, steht damit vielleicht im Zusammenhang." I>as Oberhaupt von Biro'fÜdsdian als „Trotzkist" verhaltet Aus Moskau (J. T. A.): Der Vorsitzende des Exekutivkomitees der jüdischen autonomen Provinz Biro- Bidschan, Professor Josef L i b e r b e r g, wurde als „demaskierter Trotzkist und Konterrevolutionär" aller seiner Aemter in der Partei und Reglerungsadministration entkleidet und in Haft genommen. Der Prozeß gegen ihn wird später stattfinden. ■ Wer Sammlung will und nicht Zerfall,! wählt am 8. November die „ZiOni$ti$Che Ufte"