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Die neue Welt · 1936-09-30 · Heft 597 (30.9.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 597 (30.9.1936)
Date
1936-09-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 597 vom 30. September 1936 DIE NEUE WELT Seite 3 Sammlung oder Zerfall? Zu den Wahlen in die Wiener Judengemeinde Am 8. November findet die Neuwahl der Leitung der Wiener Judengemeinde statt und die Wähler werden zu entscheiden haben, ob das Wiener Judentum — wie in den letzten vier Jahren — von Zionisten repräsentiert werden soll oder von Assimilationsjuden; von Männern, die auf dem Boden des jüdischen Volkstums, d. h. der untrennbaren jüdischen Einheit und der jüdischen Solidarität stehen, oder von solchen, die nur ein gemeinsames formales religiöses Bekenntnis, darüber hinaus aber keine gegenseitige jüdische Verpflichtung anerkennen und außerhalb des konfessionellen Bereiches alles mögliche sein wollen: Deutsche, Tschechen, Polen, Magyaren etc., nur keine Juden. Um diese Entscheidung wird es am 8. November gehen. Alle anderen Momente werden eine untergeordnete Rolle spielen. Um die sachliche Geschäftsführung, die in den letzten vier Jahren von der zionistischen Majorität besorgt wurde, kann es keinen großen Streit geben. Der Gemeindehaushalt ist ausgeglichen. In einer Zeit, da alle öffentlichen Institutionen mit einer schweren Schuldenwirtschaft zu kämpfen haben, ist es gelungen, die Judengemeinde aktiv und finanziell unabhängig zu erhalten. Und das nicht etwa auf Kosten oder durch Preisgabe irgend eines Verwaltungsgebietes. Im Gegenteil! Auf dem Gebiete der Religionspflege, der Fürsorge, des Schulwesens, des Spitals und der Altersversorgung wurden Erweiterungen vorgenommen. Gegen die sachliche Gemeindewirtschaft kann die assimilatorische Opposition also schwer zu Felde ziehen. Schon darum nicht, weil sie an ihr durch dreieinhalb Jahre, bis zu ihrem Austritte aus dem Vorstande, aktiv teilgenommen hat und bis dahin alle Entscheidungen auf diesem Gebiete mit ihrer Zustimmung getroffen wurden. Da also kann es keinen Kampf geben, höchstens ein Geplänkel. Uebrigens hat die assimilatorische Opposition, welche durch die „Union österreichischer Juden" repräsentiert wird, den Kampfraum bereits abgesteckt. Sie hat klar und deutlich zum Ausdrucke gebracht, um was es ihr geht. Die Leitung der „Union" hat lange vor den Wahlen ihre, die Judengemeinde betreffenden Wünsche und Anklagen in einer Beschwerde an die österreichische Regierung und an den Bürgermeister Schmitz niedergelegt. Schon der Umstand, daß die Leitung der „Union" nicht die Entscheidung durch die Judenschaft haben wollte, sondern die nichtjüdische Behörde zum Eingreifen in innerjüdische Angelegenheiten angerufen hat, ist bezeichnend. Das allein könnte als Beweis dafür dienen, wes Geistes Kinder die Leiter der „Union" sind. Aber tausendmal mehr besagt der Inhalt dieses Schriftstückes:. Haßerfüllte Denunziation, Herabsetzung und Verdächtigung großer Teile der österreichischen Judenschaft, Verlangen nach Ausschaltung ganzer jüdischer Bevölkerungsschichten vom Mitbestimmungsrechte, Zertrümmerung des jüdischen Selbstverwaltungsrechtes. In diesem Dokumente, das ein untilgbarer Makel in der Geschichte des österreichischen Judentums bleiben wird, sprechen die Führer der „Union" aus, daß es mehrere Judentümer gibt. Ein von der „Union" vertretenes, das sich „angepaßt" hat, vaterlandstreu und „zuverlässig" ist. Dann ein „nichtbodenständiges", das sich nicht anpassen kann und die „Ueberfremdung" der Judengemeinde herbeigeführt hat. Und schließlich ein nationales, zionistisches Judentum, welches, so behauptet die „Union", die Jugend irreführt und vom Wege des guten Oesterreichertums abbringt. Das nichtbodenständige und das zionistische Judentum, so stellen die Unionisten vor der Regierung fest, haben das vaterlandstreue und „bodenständige" Element verdrängt. Und sie fordern Abhilfe, die letzten Endes darin besteht, daß man den Gemeindevorstand auflöst, einen Regierungskommissär einsetzt und — nicht zuletzt — einem großen Teil der Judenschaft wohl die Steuerlast aufbürdet, aber das Wahlrecht nimmt, weil er nicht „anpassungsfähig", nicht „bodenständig", nicht „zuverlässig" ist. * Die Führer der „Union" haben sich mit dieser denunziatorischen Eingabe an der Judenschaft schwer versündigt. Dreifach versündigt! Erstens: Sie haben der Regierung und der Oeffentlichkeit das Bild eines moralisch tiefstehenden Judentums geboten, das nicht davor zurückschreckt, sich selbst zu besudeln, eines Judentums, in welchem ein Teil den anderen preisgibt, um sich so die Gunst eines Dritten zu erkaufen. Unter den jüdischen Eigenschaften, die dem Nichtjuden Respekt abzwingen, steht die jüdische Solidarität allen voran. Die Führer der „Union" haben sich bemüht, zu beweisen, daß diese achtenswerte jüdische Eigenschaft, das Gefühl der Solidarität, nicht besteht. Sie haben damit das österreichische Judentum erniedrigt, zur Enttäuschung der Gutgesinnten und zur Freude seiner Feinde. Zweitens:. Sie haben den Antisemiten aller Schatiterungen den Stock in die Hand gedrückt, mit welchem man die Juden am härtesten schlägt. Sie haben in einer Zeit des fürchterlichsten Angriffes auf das Judentum, seine Widersacher der Mühe überhoben, alle giftigen Anklagen gegen das Judentum zu erhärten. ... Sie haben an Stelle des antisemitischen Beweises die jüdische Selbstbeschuldigung gesetzt. Und dann das dritte Verbrechen. Es wiegt schwerer als die beiden ersten, welche sich nach außen hin auswirken. Das dritte Verbrechen der Führer der „Union" wirkt sich nach innen aus. Sie sind bestrebt, das österreichische Judentum zu spalten und die Teile gegeneinander zu verhetzen. Der Jude, der vor dreißig Jahren nach Wien gekommen ist, soll im Juden, der vor zehn Jahren gekommen ist, den Eindringling, den Fremden, den Feind sehen, mit dem es keine Gemeinschaft gibt. Die Juden, welche aus verschiedenem Milieu kommen, sollen nicht trachten, sich einander anzupassen, sie sollen einander bekämpfen, einander verachten. Der nichtzionistische Jude soll im zionistischen Juden den Feind erkennen und im jüdischen Palästina eine drohende Gefahr. In den Tagen, da die Juden nicht eng genug zueinander stehen können, da die Solidarität die einzige Rettungsmöglichkeit bietet, sollen die Juden auseinandergerissen werden. Warum? Damit die Assimilation, welche das Heil in der gegenseitigen Entfremdung der Juden sucht, und die überall, zuletzt und in schrecklichster Weise in Deutschland, Schiffbruch erlitten hat, in Oesterreich ihre Auferstehung feiern, die verlorene Herrschaft über die Wiener Judengemeinde wieder erringen soll. Nicht Sammlung, sondern Zerfall! Das wollen die Führer der „Union", dazu bekennen sie sich offen in der schmählichen Denunziation an die österreichischen Behörden, dazu bekennen sie sich versteckt und offen in ihren Aufrufen und Artikeln. Und darum geht es ihnen jetzt bei dem Kampf um die Führung der Judengemeinde. Der Wähler wird vor eine Entscheidung gestellt: Sammlung oder Zerfall! Heilanstalt Dr. Hauser für Rheumatismus, Gicht, Gelenks- und Nervenkrankheiten Itchias-Schnellkur l,Schottenring17.Tel.A-17-0-66 BoI§diewi§mu§ und Judaismus Die republikanische Pariser Tageszeitung „L'Oeuvre" schreibt in ihrer Nummer vom 14. September unter vorstehendem Titel: Der Propagandaminister des Deutschen Reiches hat nicht viele Ideen im Gehirn, aber an den wenigen hält er fest. Zum hundertsten Male hat er in Nürnberg seine Fanfaren gegen die Juden losgelassen: Der Bolschewismus ist krankhafter und verbrecherischer Wahnsinn, welcher von den Juden erfunden wurde und von den Juden dirigiert wird ... Rußland ist in den Händen der Juden ... Jüdische Diktatur in der ganzen Welt ... Sowjetjuda usw. Die scharf-scharfe ■» JP die den wildesten Bart in einem Schwung umlegt, ist Der Dr. Goebbels ist ein Ignorant oder ein Lügner. Es ist widersinnig, Bolschewismus mit Judaismus zu vermischen. In der russisch-kommunistischen Partei von heute gibt es viel weniger Juden als in den Parteien, welche vor der russischen Revolution bestanden haben, weit mehr Juden waren unter den Menschewiken und unter den bürgerlichen Kadetten zu finden. Die beiden obersten Führer Rußlands, Lenin und Stalin, strafen die Hitlerische Theorie Lügen. Lenin war reinblütiger Russe und Stalin ist Georgier.' Litwinow ist zwar Jude, aber sein Vorgänger Tschitscherin, welcher viel radikaler war wie er, war Russe aus altem Adel. Nehmen wir die Liste der Mitglieder des „Politbureau" vor. Unter zehn Mitgliedern nur ein Jude, Kaganowitsch. Die anderen: Stalin, Molotow, Vorochilow, Kalinin, Ordjonikize, Andreiev, Kossior, Mikoian, Tchoubar sind Russen, Ukrainer oder Georgier. Betrachten wir die Liste des Rates der Volkskommissäre, welcher 1935 vom Siebenten Sowjetkongreß gewählt wurde. Der Präsident ist Molotow, ein reinblütiger Russe, die drei Viizepräsidenten sind Meylakow, Rutzutak und Antipoff, keiner ein Jude. Unter den 16 übrigen Mitgliedern sind vier Juden. Selbst innerhalb der „Komintern", der schwarzen Hölle des Dr. Goebbels, findet man nur wenig Juden. Der { erste Präsident war wohl der Jude Sinowjew (er und sechzehn seiner Freund wurden im vorigen Monat erschossen), aber jetzt ist der Vorsitzende der Bulgare Dimitroff, weichen die Herren Goebbels und Goering noch vom Leipziger Prozeß her gut kennen, wo dieser nichtjüdische kommunistische Teufel wegen des Reichstags- J Xtknceittl Z«h«*$*k Wckt uit^&^d **Hd fr ZAHNPASTA Erzeugt nach den von der W. V. d. Zahnärzte Wiens approbierfen Rezepten und unter ständiger Kontrolle der zahnärztlichen und pharmakognostlschen Institute der Universität in Wien. brandes die Nazis in die Enge getrieben hat. Schließlich sei festgestellt, daß im Auslande fast überhaupt kein Jude die „Komintern" vertritt. Wir haben oben gefragt, ob Dr. Goebbels ein Ignorant oder ein Lügner ist. Man muß sich für die zweite Annahme entscheiden, denn es ist unmöglich, daß er alle diese Fakten nicht kennen sollte. WockebSfdeQd RosduHaschana „Alles, was dir der Zaddik gebietet, mußt du tun} nur wenn er dir verbietet, am Rosch-Haschana sie ihm zu kommen, mußt du nicht gehorchen." Rabbi Nachman aus Brazlaw. Heiligung der Feste Diejenigen, welche den traditionellen Festen keinen Geschmack abgewinnen können, beweisen damit, daß ihre Seele leer und ihr Inneres profan ist. Aus einem Brief Ch. N. Bialiks. Das eherne Gesetz der Gallith Das antisemitische Problem ist auch in Südafrika sehr ernst. Die Grünhemden-Bewegung hat heute schon das ganze südafrikanische Judentum in einen Zustand höchster Erregung und Sorgen versetzt. Bericht aus Capetown. „Lebenstedt* und Selbstschutz" Wir werden nicht aufhören, die Regierung anzuklagen, die mit den Führern der Mörder verhandelt, ihr Prestige stärkt und ihre Hoffnung erhalt, durch das Vergießen des Blutes Israel den Krieg zu gewinnen. Bomben und Kugeln werden uns nicht niederztvingen. Auf unser Lebensrecht und die Hoffnung unseres Volkes werden wir nicht verzichten. Und wenn wir über die anderen verzweifeln müssen, so werden wir uns auf uns selbst zu stützen wissen. Aus der hebräischen Presse, Palästina, August 1936. Der irdische Weg nach Zion Die Chibbat-Zion-Bewegung ging den Weg aller. Ideale. Die schwächsten Elemente} die leicht zu Enthusiasmierenden, die in den ersten Tagen der großen Verheißungen sich hatten mitreißen lassen, fielen ab, so wie sich in der harten Wirklichkeit die Schwierigkeiten der mühevollen Aufgabe enthüllten. Sie waren bereit gewesen, sich auf Adlersflügeln in das Gelobte Land tragen zu lassen; aber der Weg dahin erwies sich allzubald als sehr irdisch. Nur die Stärksten blieben bei der Fahne, Aus Schmarjahu Levins „Lebenserinnerungen", Falsche „Romantik" Die Primitivität der Fellachenwirtschaft ist keineswegs natürlich, sondern die Folge' ihrer verhängnisvollen Verelendung. Sie hat eine Entwicklung genommen, die zu allem anderen als zu einem paradiesischen Zustand führte. Seine Genügsamkeit kommt nicht aus dem Wunsch, friedlich unter seinem Feigenbaum zu sitzen. Sie ist erzwungen. Erich Brauer, „Fellachen in Palästina", Herbert Samuels Nachlaß Die Berichterstatter der englischen Blätter nennen den seinerzeit vom jüdischen Gouverneur Herbert Samuel gegen den Protest der Araber und Juden ernannten Großmufti den „Hauptbösewicht" und die „gefährlichste Figur im Lager der Araber*' und meinen, daß seine Entfernung viel zur Befriedung der Lage in Palästina beitragen würde. „Pester Lloyd", 11. September 1936. In-u« ausländische Hausbesitzer verwalten ihre WIENER durch behördlich konz. Realitätenkanzlei | Dr. MAIR PAIS H Wien I, Franx-Josefs.Kai 1, Tgl. R21-S-30 Hl Erstklassige Referenzen!

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