Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 595 (22.9.1936)
- Date
- 1936-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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für. 895 vöm 22. S«pt§ffl!ber 1Ö36 mammmsut m** % Weltpolitik der Woche Obwohl auf den bisherigen Völkerbundtagungen nicht viel für das friedliche Zusammenleben der Völker herausgekommen ist, blicken doch Millionen Augen erwartungsvoll nach Genf. Die heurige Septembersession sieht sich vor große Aufgaben gestellt. Zunächst soll die Locarno -Konferenz vorbereitet werden, eine Besprechung der Mächte England-Belgien-Frankreich- Deutschland-»Italien, welche seinerzeit einen umfassenden Nichtangriffspakt abgeschlossen haben. Heute hat sich die Situation wesentlich geändert: Deutschland hat aufgerüstet und Ist aggressiv geworden, Frankreich hat sich durch einen Pakt mit Sowjetrußland gegen einen deutschen Angriff gesichert. Ferner wird es in Genf eine — wahrscheinlich — sehr lebhafte Palästina-Debatte geben. Die politische Welt steht, soweit die Presse Stimmungen wiederzugeben vermag, unter dem Eindruck der Nürnberger Reden. Denn der nationalsozialistische Parteitag hatte nicht bloß die Aufgabe, ein paar hunderttausend Parteigänger stramm aufmarschieren zu lassen, sondern auch den Zweck, die Richtlinien der deutschen Außenpolitik, ihre Wünsche und Beschwerden, kundzutun. Wie immer, gab es auch diesmal grelle Parolen, insbesondere den Versuch, das nationalsozialistische Deutschland als den berufenen und vom Schicksal erkorenen Retter der europäischen Kultur vor dem Bolschewismus hinzustellen und den einzelnen „demokratischen" Staaten Angst vor dem sowjetrussischen Bolschewismus einzujagen. Die Aufnahme dieser Führerreden in der Welt war nicht sehr günstig. Man roch den Braten und war verstimmt. Es wurde klar, daß Hitler-Deutschland eine Lösung aller Abkommen mit Sowjetrußland* befürworte und anstrebe, um vorläufig den Westen in Ruhe zu lassen und sich bei beschänktem Risiko auf den Osten xu stürzen. Noch nie — stellte die ganze zivilisierte Presse #est — wurden so scharfe, gehässige, hysterische Töne gegen einen Staat angeschlagen, zu dem man in normalen Beziehungen steht, mehr noch: mit .dem, man sozusagen kollegiale Wirtschaftsabkommen getroffen hat. Die deutsche Attacke ist, wie gesagt, mißlungen. Man ist entschlossen, sich nicht bluffen zu lassen. Man will nicht auf die Diagnose „Hie Bolschewismus — hie Nationalsozialismus" hereinfallen. Frankreich hat erkannt, daß die Russenfeindschaft Hitlers an dem Tag begann, wo über den Abschluß eines russisch-französischen Sicherheitspaktes kein Zweifel mehr bestand. Die englische Presse hat bei .all ihrer Nüchternheit und Zurückhaltung ein feines Ohr für die Zwischentöne auf dem Nürnberger Parteitag bewiesen. Alle Schattierungen, von der überlegenen Ironie bis zum beißenden Spott, finden sich in der englischen Presse. Und was den Inhalt der-Ze> tungskommentare anlangt, lassen sich die „Basler Nachrichten" (18. September) von ihrem Londoner Korrespondenten folgendes Zitat melden: „Man möchte verzweifeln an einer Nation, die solches (die Tirade auf dem Nürnberger, Fest) unbesehen, hln-': nimmt. Das Deutschland eines Goebbels und Streicher zur Rettung der europäischen Zivilisation berufen!" * Die Mandatskommission wird sich mit Palästina in einem Augenblick zu beschäftigen haben, wo, der Kommandant der britischen Streitkräfte in Palästina, General I. G, D111, Im Begriffe ist, seine Machtbefugnisse — militärische, politische, administrative — auszuüben. Wiewelt Dill zu, gehen bereit ist, darüber lassen' seine bisherigen Verfügungen keine Deutung zu. Denn es scheint, daß England, bevor es zu entscheidenden Maßnahmen schreitet, noch ein wenig verhandeln will. Genf wird sich also nur auf den englischen Bericht über die Vorkommnisse bis zur Ernennung Dills stützen können, vielleicht sogar bloß auf weniger als das. Das jüdische Volk erwartet also nicht von Genf, sondern von London und Jerusalem eine Klärung der palästinensischen Lage. Es. erwartet von General Dill, daß er 1. die Ruhe wiederherstelle, 2. dem Jischuv die Möglichkeit gibt, sich bei eventuellen späteren Exzessen arabischer Terroristen selbst zu verteidigen, 3. der britischen Regierung als Mandatsmacht und dem Völkerbund die Notwendigkeit eines starken jüdischen Palästina zu deklarieren und 4. den Arabern ein für allemal vor Augen zu führen, daß keinerlei Gewaltakt und keinerlei konspirative Tätigkeit imstande sein werden,, die Verpflichtungen des Mandats einseitig zu ihren (arabischen) Gunsten zu deuten und auszuüben. Die Araber müssen wlsswo, daß jüdische Einwanderung, jüdischer Bodenerwerb,' jüdische Kolonisation von allen Reibungen ungestört weitergeführt werden. Das erwartet das'jüdische Volk von General Dill, von der britischen Mandatsmacht. Jedwede Einschränkung dieser primären Verpfllcfcfcjngen wird auf den, entschiedensten jüdischen Widerstand stoßen. o. r. Wie ei gemacht wird Aus London (J. T. A.): Es ist hier in England bekannt, mit welchen Terrormitteln und moralischen Torturen jüdische Geschäftsleute in Deutschland, namentlich In der Provinz, gezwungen werden, ihre Geschäfte an Nazikreise um einen Pappenstiel zu „verkaufen". Nun bringen die Londoner Zeitungen einen Fall, der alle bisherigen übertrifft: In einer süddeutschen Stadt zwangen die Nazis einen allseits hochgeachteten jüdischen Kaufmann, ihnen sein Geschäft Zu übergeben. Das Objekt war zur Vermögenssteuer mit einem Wert von 36 0.0 00 Reichsmark angesetzt. Die Nazis brachten den Kaufmann durch allerlei Druckmittel so weit, Ihnen das Objekt für 75.000 RM abzugeben. Als es zum Zahlen kam, hinterlegten sie bloß 55.000 RM mit der Ausrede, daß der Kaufmann Inzwischen etwas von dem Warenbestand verkauft hat. Der Käufmann wollte daraufhin seine Heimatstadt verlassen und meldete sich für Berlin ab. Da nun Juden, auch wenn sie nur in eine andere Stadt innerhalb Deutschlands ziehen, eine Garantie für Reichsfluchtsteuer in der Höhe von 25 Prozent ihres Vermögens hinterlegen müssen, wurde dem Kaufmann vorgeschrieben, beim Finanzamt 9 0.0 0 0 RM zu hinterlegen. Bei der Vermögensbewertung wurde nämlich nicht der Verkaufspreis, sondern die Bewertung zur Vermögenssteuer, also 360.000 RM, zur Grundlage genommen. Die „erlösten" 55.000 RM wurden dem Kaufmann abgenommen und es wurde, ihm aufgetragen, zwecks Vermeidung von „Weiterungen", die restlichen 3 5.0 00 RM zu erlegen. Die Ratlosigkeit und die Qüalen des auf diese Weise von allen Seiten gerupften und beraubten Kaufmannes sind nicht zu beschreiben. Die Zahl der Selbstmorde unter den jüdischen Kaufleuten, die zur Liquidierung ihrer Geschäfte gezwungen werden, und die um ihre Zukunft bangen müssen, wächst immer mehr an. Oft sind es gerade diejenigen, die noch etwas von Ihrem Besitz zu retten vermögen, die den Freitod den Unannehmlichkeiten und Torturen des Verkehrs mit ihren nationalsozialistischen Erpressern und den behördlichen Schikanen vorziehen. Lloyd George pveislHifler uumaditdieRussen lür die deutsche Judenhetze verantwortlich Aus London: Lloyd George, der in Deutschland zweimal mit Hitler zusammenkam, gibt im „Daily Telegraph", und im „Daily Express" seine Eindrücke wieder. Er führt u. a. aus: Deutschland ist jetzt voller Hoffnung und Vertrauen. Es Ist ein glücklicheres Deutschland. Ein Mann hat dieses Wunder vollbracht. Er ist geborener Menschenführer, eine magnetische Persönlichkeit mit einem furchtlosen Herzen. Er hat das Volk gegen Feinde geschützt, von denen es umgeben war. Die Alten vertrauen ihm, die Jungen vergöttern ihn. Hitler ist der George Washington von Deutschland. Lloyd George zweifelt nicht an Hitlers aufrichtigem Friedenswillen. Die Deutschen, schreibt er, wollen nicht gegen die Engländer kämpfen Und haben auch ktilne. Rachegefühle gegenüber den Franzosen, aber es herrscht ein wirklicher Haß gegen den Bolschewismus. Der heftige antideutsche Feldzug in der russischen Presse und im Moskauer Radio hat in Deutschland den Verdacht wieder aufleben lassen, daß die Sowjetregierung Unheil gegen Deutschland plane. Leider — so fährt Lloyd George fort -—führen die deutschen Führer dies auf den Einfluß prominenter russischer Juden zurück,'und so wird die. Stimmung gegen die Juden, die gerade in-G 1 e i c h g ü 11 i g k e i t sich aufzulösen im Begriffe war, noch einmal aufgerührt. Das deutsche Temperament hat ebensowenig Freude an Verfolgung yrte das britische; nach einem Zornesausbruch kommt wieder eine' Zeit der Toleranz. Jeder, der Deutschland Gutes wünscht — wie auch, ich es tue —, wünscht ernstlich, daß Goebbels' hochtrabende Reden nicht eine neue a n t ijüdIsche Manifestation hervorrufen; denn eine solche würde viel dazu beitragen, die frisch grünenden Blätter von „good will", die auf den versengten Schlachtfeldern zu sprießen begannen, zum Welken zu bringen. „Daily Express" leitet den Artikel von ' Llgyd George mit der ironischen Bemerkung ein: „Lloyd, George erklärt die Judenhetze, indem er die Russen für sie verantwortlich macht. Herr Lloyd George, der Immer von den Juden in England unterstützt wurde, wird diese seine Behauptung seinen alten Anhängern gegenüber zu erklären und, zu entschuldigen haben. Wie schade, daß manche unserer ausgezeichneten Reisenden, wenn sie ins Ausland kommen, nichts von der dort sich abspielendeh Unterdrückung sehen. In ihrer Heimat die Freiheit genießend, vergessen sie, diese als die größte Wohltat zu preisen, die ein Mensch empfangen kann." Alle Schulbücher richtige Auflägen, für antiquarische all crbilllgsle Prttiiel Größte Auswahl? Spesenf t eie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im Sdiulbücherantiquarlat Hermann Tuchner, Wien II. Ick«Taböritrafle 52 / Tel. R-M-4-20 Der Patriot Chafnt Salomoti Aus Chi kago (J. T. A.): Präsident Roosevelt hat an die „Patriotic Foundation" ein Schreiben gerichtet, in dem er den Plan, dem um den Sieg der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung verdienten aus Polen stammenden jüdischen Bankler Chalm Salomon ein Denkmal zu errichten, aufs wärmste begrüßt. Das Denkmal wird Salomon zusammen mit den amerikanischen Freiheitsheiden George Washington und Robert Morris darstellen. Er schreibt: „Ich erfahre mit aufrichtiger Genugtuung, daß die unschätzbaren Dienste, die Chalm Salomon der Sache der amerikanischen Revolution geleistet hat, eihe wenn auch späte Anerkennung finden sollen. Die Geschichte war lange Zelt merkwürdig still über die selbstlose, großzügige finanzielle Hilfe, die den kämpfenden Kolonien durch diesen Bankier aus Philadelphia gewährt worden ist. Es Ist unbestritten, daß Chaim Salomon in einer kritischen Periode der Revolution dem Kongreß durch große, zinsenlose Kredite rettend zu Hilfe kam. Die Dankesschuld der Nation an das Andenken Salomons wird zum Teil dadurch abgetragen werden, daß der Plan, In Chikago ein Salomon mit seinen Mitpatrioten George Washington Und Robert Morris darstellendes Denkmal zu errichten, durchgeführt werden wird. Ich wünsche dem Unternehmen vollen Erfolg." Der RadiO'Priester Aus Chikago (J. T. A.): In der „Social Justice", dem Organ des „Radio-Priesters" von Detroit Pater Charles E. Coughlin, wird in Abrede gestellt, daß Coughlin Antisemit sei. Eine' solche Einstellung, heißt es in dem Artikel, wäre „unlogisch, unchristlich und unpraktisch". Es wird darauf hingewiesen, daß Pater Coughlins .Angriffe auf die „Geldwechsler" sich nicht auf Juden allein beschränkt hätten, sondern auch gegen hervorragende Kathollken und Protestanten gerichtet gewesen seien. Es gäbe keine Judenfrage In den Vereinigten Staaten, wird In dem Artikel weiter ausgeführt,, wenn gewisse furchtsame Juden aufhören würden, den Einbrecher unter dem Bett zu suchen, Und wenn manche andere Bürger jüdischer Rasse .mutig genug wären, den unsozialen Juden ebenso wie den unsozialen Christen öffentlich zu verurteilen, da beide den armen Juden und den armen Christen , die ganze Geschichte der menschlichen Zivilisation hindurch ausgebeutet haitn. Deutsche Juden dürfen nfcht nach Oesterreich Aus Wien (J. T. A.): Der Vertreter der Jüd. Tel.- Agentur konnte .". auf Grund ihm zugegangener zuverlässiger Mittellungen feststellen, daß unbeschadet des vor kurzem zwischen Deutschland und Oesterreich getroffenen Abkommens über den' gegenseitigen Verkehr und Aufhebung der bisher gegen Oesterreich bestandenen sogenannten 1000-Mark-Sperre den deutschen Juden nicht erlaubt ist, nach Oesterreich zu reisen. Während Arier jetzt in Ihre Pässe den Stempelvermerk „Gültig a u c h für O e st e vre i c h" eingetragen erhalten, wird dieser Vermerk Juden grundsätzlich, und ausnahmslos versagt. Da diese Praxis -r. wie der J. T. A.-VCrtreter festr zustellen Gelegenheit hatte — von allen PaßAbteilungen der Polizeiämter in Deutschland 'geübt wird, handelt es sich offenbar um eine von der deutschen zentralen Regierungsstelle ausgehende, geheime Anordnung, : Rumänische Antisemiten tinter deutscher Führung , Aus Paris: '„Paris Soir" veröffentlicht ein ,Inter-> view mit dem rumänischen demokratischen Führer Doktor Lupu, der aus Brüssel, wo er an der Weltfriedenskonferenz teilgenommen hat, in Paris eintraf. Dr. Lupu erklärte u. a.: Die rechtsextremistischen Parteien in Rumänien entwickelten sich unter der wohlwollenden Aufsicht, um nicht zu sagen unt.er dem direkten Schutz, der gegenwärtigen sogenannten liberalen Regierung. Diese extremistischen Parteien , haben in Deutschland ausgebildete und mit deutschem ßelde bezahlte bewaffnete Milizen geschaffen. Inzwischen hat durch den plötzlichen Abgang des. Herrn Titulescu die hitlerlstische Politik in Rumänien einen neuen starken Aufschwung genommen. Titulescu hatte sich der' Faschisierung Rumäniens widerstzt. Unsere geschätzten Leser werden auf die jüdiaohe Buchhandlung Hermann-Tuchner (siehe Inserat!) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher, 'diese antiquarisch zu sehr ermäßigten Preisen «rhältlich sind. Leihbücherei eröffnet. Gebühr 10 Groschen.pro Tag. Keine Nebengebühren! Für Anfragen Telephon R-4X-4-20. fSZ Zukunft ihrer Kinder SSÄ Landschulhelm Florenz Höhere Schule und Internat Schulbildung bis zum Ablturlum Für Knaben und Mädchen von 6-7I8 Jahren Unier Leitung bewährter Pädagogen Studienberechtigung in fast allen Staaten, Sprachenpflege HauahOltStCtlUle, Stenographie, Schreibmaschine Werkunterricht, Landu. Gartenarbelt 7. Vorbereitung für Auswanderungsländer 8. Hausärztliche Ueberwachung, Individuelle Förderung 9. Schönste Umgebung, gutes Klima» Sport, im Sommer 3 Monate am Meer 10. 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