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Die neue Welt · 1936-09-16 · Heft 594 (16.9.1936) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 594 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 5§4 vom* 16. Septeinljef i§& Mi A «j ■ itM i i i' ü A - ■■•■=■" -1 Dil NEUß WELT Seite 7 >,»•;';r- '.nj> t<Uedaü*$tu*deH Ikxck UascUanaU 569? llllllllll« „ß* neues Hm mtkaff Alis einer Predigt vori JoaehimPrinz KadWötfsUtUl Und dennoch sind wir dal Von j* vertrieben, immer vom Sturm erfaßt — War denn auf Erden schwerere Lebenslast? Hat je ein Joch Nacken schwieliger gebogen, Dunkler Führung Pflug Furchen tiefer gesogen? War irgend Tod und Grauen je so näh? Und dennoch sind wir da! Und dennoch hob die Stirn sich wieder und wieder, Und dennoch stiegen Gebet, Lobsang und Dankeslieder. Drang nur ein Spalt Luft, Licht in stickigen Kerker: Er fand uns überm Buch, an Gottes Werken Werker. Nie brach das Herz entzwei, Was auch geschah: Und dennoch sind wir da! Furchtbarer Fug du der Tränen und Würgergier, Alle Tage durch kauerst du, dräuend im Winkel stier, Alle Nächte durch stehst du knirschend an unserm Lager, Auf Wehruf, Schwur und Flehn warst du der Antwortsagcr. Nichts sprach uns zu als wilden Hasses Ha — Und dennoch sind wir. da! Und dennoch sind wir da und müssen bleiben. Saugend am Drangsal als wie an Honigscheibeii. Hingehn die andern, dürfens. Unsre Stunde Blüht einmal aus gebärerischer Wunde. Dann wissen wir, warum ER uiisro Qualen sah, Dann, dann in des Posaunenschalles heiigem Ja, Dann sind wir da! Aus „Die Stimme spricht" (Im Schooken-Verlag, Berlin). Ha&cU UastUanaUuttd l(Mn(äjtftuc-Bcäud^ Von Dr. Max Grunwald Das Kewer-Messen r In. manchen Gegenden des Ostens wird an den :¥ijj£eri vor Soöcfr'Hascnimäh das „Feld-(Friedhof-) und Kewer-( Grab-) Messen" geübt. Zum Feldmessen gehören zwei, meist drei Frauen. Die eine hält zwei Bäumwollknäiiel in Händen, von denen jede der anderen Frauen je einen Fäden abrollt, um ihn um Gras oder einen anderen, von der Friedhofserde stammenden Gegenstand zu wickeln. Während^sie so die Innenseite des Friedhofes timschreitet, verrichtet, ihnen folgend, die Auftraggeberin Gebete für die Angehörigen. Das Kewermessen besorgt eine einzelne Frau, indem sie, während die Bestellerin betet, das Grabmal mehrfach mit einem Faden umwickelt und dabei spricht: „Teurer Vater (Mutter n, dg!.'), deine Tochter N. N. ist hergekommen, um dein Kewer zu messen. So bemühe du dich, für sie, ihren Mann und ihre Kinder vor Gott zu bitten. Erinnere dich deiner Liebe zu ihr" usw. Diese Vermesserinheh bringen die so gewonnenen Fäden an einem Montag oder Donnerstag in den zehn Bußtagen in die Synagoge, um Dochte zu machen, aus denen dann Wachslichter angefertigt werden; eines „für die Gesunden", ein anderes „für die Toten". Unter den letzteren werden vor allem Adam und Eva, die Patriarchen usw. genannt. Auch die Chanukkahlichter und die Lichter für Cheder und Bethamidrasch werden gleichzeitig hergestellt. Das „lejbedige Licht" (für die Lebenden) zündet die Hausfrau am Vorabend des Jomkippur zu Hause an, das „tojte" (für die Toten) oder „Neschome-( Seelen-) Licht" wird in der Synagoge angezündet. Auch für Kranke wird das „Feld gemessen" und ein der Fadenlänge entsprechend langes Stück an Arme verschenkt. „Zu SHches" Der Borchu am Sabbatausgange, mit dem die Selichothzeit beginnt, heißt „der lange Borchu". Bei den Spaniolen beginnt man mit den Selichoth am 2. Elul. Dieser Monat heißt, bei tonen „Rachamim" (Barmherzigkeit). Die Selichoth werden dort, auch spaniolisch gesagt, ebenso viele Gebete an den hohen Festen und das Sündenbekenntnis. An den Selichothtagen geht der Schamraes dort, wo das „Schulklopfen" noch erfolgt, von Tür zu Tür mit dem Rufe: „Auf zu Sliches!" Sodann wird: nochmals „Schul geklopft". An Jtosch Haschnanah und Jomkippur unterbleibt das „Schulklopfen41, ebenso am Morgen nach Jomkippur. Man soll an diesen Tagen unaufgefordert zum Gottesdienst gehen. Da in den Selichothtagen groß und klein mindestensbis Mittag fastet, wird schon vor Tage* und zwar mit Kuchen „angebissen". Am Sabbat vor den Selichoth wurde bestimmt, wer Selichoth sagen und wer Schofar blasen sollte, damit die so Ausgewählten Zeit hätten, zu Als die Juden noch Juden waren, haben sie noch mit Lust an. Purim M a s k e n getragen und ihre ,,Rauhnacht" gefeierV und sind in die Gewänder der Könige und der Pagen hinein gekrochen > denn das ganze Leben w ar en sie d e maskier t. Die europäischen Tragödien haben uns hie verschont, Sie werden es auch jetzt nicht tun. Wir erleben schon jetzt, duß viele — in dem Prozeß der sogenannten „Rückkehr zum Judentum" — die Brunnen der Väter ausgraben, aber ach, sie graben neben sich, statt in sich. Hat man nämlich in sich, in seinen eigenen Adern, den Strom der Väter erkannt, dann kann dieser Strom vor unserem Herzen nicht halt machen, und das Resultat müßte ein neues Herz sein, einfach ein neues Herz. Das ist es, was uns nottul. Die Zeit hat uns in den eigenen. Brunnen geworfen. Es ist in Wahrheit ein großes, Weites Bassin, ein Bassin für Menschen, welche lernen sollen, in ihm zu schwimmen. Wir haben uns noch nicht entdeckt. Alles ist uns noch fremd. Wir sind noch Kaspar Hausers. Wir haben noch die Trägheit des Herzens in uns selbst. Sie zeigt sich überall. Wir sind eine zähe, dickflüssige, unbewegte Masse. Wir leben, intGetriebe. Die Hebe, die Größe des Herzens ist noch nicht aufgebrochen. Dabei werdet ihr sie brauchen, bitter nötig wie Brot. Denn wir sind innerlich arii Ersticken. Ohne Liebe gibt es kein Leben und keine Freude. Es gibt aber heute keine andere Predigt als die der Liebe und der Freude. Die „tausend, Engelszungeh", von denen das Neue Testament redet, haben wir. Was es weiter fordert, ist eine Forderung der einzigen Weisheit, die man heute verantwortlich sagen kann, die Forderung der Liebe. Es ist an der Zeil, diese Predigt allen Menschen zu predigen, damit Kaspar Hauser mit dem erstarrten Herzen nicht äls Harlekin durch die Welt tanzt. Es wäre der Totentanz des morsch gewordenen Lebens. Vor uns liegt die Welt. Wer einmal in Italien eine Nacht erlebt hat, diese dunklen Nächte, aus denen die, Umrisse der Zypressen herauswachsen und durch die die. Glühwürmchen fliegen'-- weiß, daß! uns die Rückkehr in das lebendige Leben frommt. Wir müssen die Juden fröhlich machen. Wir müssen den Juden Leben geben. Wir In .Safed, der obergaliläischen Stadt, wo seit dem Mittelalter zahlreiche Juden leben und die jüdische Mystik ihren Ausgang genommen hat, ist es zu blutigen Angriffen der Araber gekommen. Üben; Bei den Spaniolen wird von Gemeindemitgliedern, die dafür Spenden widmen, während des Selichoth- Sjagens Öel in die Lampen gegossen, wie auch sonst eine Ejhrung darin besteht, daß jemand Oel in das Ewige J^iieht gießen darf. , Lejkech bejten Am Erew Jomkippur ist (im Kaukasus) der Zugang zu den Friedhöfen am größten. Dabei geht es bei müssen sie aus dem Staub heben. Sie müssen — ih der Entdeckung ihres eigenen Seins und in Wasser, das ihnen aus den Brunnen der Väter entgegensprudelt — ihre eigenen menschlichen Kräfte und Schönheiten entdecken. Der Brunnen der Väter, fließt wieder. tVir hissen, woher wir stammen. Beugt euch über den Brünnen, tief, daß ihr das Wasser berührt, das tiefe, kühle Wasser. Werft den Menschen des einstigen Lebens hinein — Brunnen sind deshalb tief, weil man. in ihnen alles Alte t>ersenken kann. Und seht euer menschliches Juden-* antlitz im Spiegel des Wassers. .* In einer Novelle, die in den Märchenwätdem Asiens spielt, erzählt der Dichter: An.dem Ufer des Meeres, dort, wo die Felsenstücke bis in das Meer, hineinragen, sitzen Kormorane, die großen Begleiter, des Meeres. Jeden Augenblick, wenn die Brandung sich gegen das Ufer wirft, spült sie die starken Tiere mit, reißt sie tief ins Meer hinunter, und es dauert eine Zeit, bis sie wieder auf den Felsstücken] sitzen. Und der Dichter überlegt: Seit Menschen'* gedenken sitzen sie da. Warum fliegen sie nicht weiter in das Land hinein, auf die sicheren Felsen, die das Ufer selber bilden? Und idi denke: Seit Jahrtausenden sitzen mir, so am Ufer des Völkerlebens, umspült, umbrahdei und oft in die Tiefe gerissen. Warum? Weil das Meer, das Symbol des ewigen Lebens, das salzige, starke, gute, tückische Meer unser Leben, und unser Schicksal ist. Nur diejenigen werden heruntergespült, die, nicht wissen, warum es um sie brandet. Und die« jenigen bleiben stark — auch in der Brandung die ein starkes und schönes Herz haben. Deshalb betet wohl der Psalmisti »Ein neuen Herz erschaff in mir, o Gott, und einen neuen, festen Geist erweck in meinem Innern." Und Goethe, der, auch ein großer Psalmist mar, nennt es das „heilig glühend Herz", Das heilig glühend Herz — das, Herr, erschafft in unserm Innern. Branntwein und Leckereien recht lustig zu, was man] durch die russische Redensart „Trunkene werden nicht gerichtet" erklärt. Diese Stimmung erleichtert auch! gegenseitige Aussöhnung. Zu dem gleichen Zweck] erbittet man voneinander eine Leckerei („LejkacÜ bejten"). Die persischen Juden besuchen im Elul am frühen Morgen den Friedhof. Vor dem Eingange setzen sich die Männer nieder und sagen, meist persisch, die Selichoth. Fläschchen mit Rosenwasser und. Aepfel gehen dabei von Hand zu Hand, um einen Segen darüber zu sprechen. Während des Gebetes an* Grabei eines Verstorbenen wird dieses mit Rosenwasser be« netzt, und an die Ecken sowie auf die Mitte wird jei ein Apfel gelegt. Beim Verlassen des Friedhofes werden; nach dem bekannten Brauch auf dem Grabe ein Gras« halm und ein Steinchen, die man vorher geküßt hat, hinterlassen. Bei. den Spaniolen wird: der zur Thorä Aufgerufene bei der Rückkehr zu seinem Sitze zum Schutze vor dem bösen Blick mit Kölnischwasser be« sprengt. Jomkippur als Freudentag In Daghestan spielen manche Juden zum Zeitvertreib am Nachmittag des Jomkippur auf dem Syhägogenhofe Billard oder Würfel. In Derbend ziehen junge Mädchen in Gruppen mit Harmonikarausik durch! die Gassen. Vereinzelt wird Karten gespielt. Die abessinischen Juden (Falascha) fasten wohl, stimmen aber heitere Hymnen an, Männer und Jünglinge führen Tänze auf. Nach ihrer Aussage sollen diese die Freude über die von Gott gewonnene Versöhnung ausdrücken. Der Brauch erinnert an den im Talmud (Taanith 26 b)J erwähnten Tanz der Mädchen am Jomkippur, der sich bei den Juden Antiochiens, nach Chrysostomus („contra Judaeos"), bis ans Ende des vierten Jahrhunderts erhalten zu haben scheint. Am Abend vor. dem Schlußgebet des Jomkippur streuen die Falascha Getreidekörner auf die Dächer ihrer Hütten und auf den Boden für die Vögel, wie es ähnlich in Europa am „Schabbat Schira" geschieht; und wie hier die Eingeweide der Kapparoth für die Vögel aufs Dach geworfen werden. Der Mensch, sagen sie, soll, wenn er selbst auch hungern muß, doch die Selbstüberwindung üben, die erste , ihm zugängliche Nahrung der schwachen Kreatur zu überlassen. Auch sieht man einen Beweis dafür, daß Gott die Gebete erhört hat, und eiit günstiges Vorzeichen darin, daß diese Körner von den Vögeln verzehrt werden.

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