Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 590 (1.9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2711613-2712150-2712215--5998-2719692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 590 vom 1* Öetflemljer 162Ö DIE NEUE WELT Seite 3 RUNDSCHAU Auf Kosten der Juden Zahlreiche Blätter, auch in Oesterreich, -können nur mit Mühe ihre wohlwollende Stellungnahme gegenüber den spanischen Aufständischen, die jetzt „Nationalisten" heißen, verbergen. Insbesondere die sogenannte betont nationale Presse begleitet die Aktionen der Rebellen-Generäle mit viel Sympathie. Und da diese Presse zumeist auch antisemitisch ist, versucht sie zu Beweisen, daß eine negative Stellung der Juden zu den faschistischen Aktionen im spanischen Bürgerkrieg diesen nur schaden könne. Die zionistische These lautet anders. Sie besagt, daß es überall, wo Juden in größerer Zahl inmitten eines „Wirtsvolkes" leben, eine Judenfrage gibt, die gewöhnlich brutal behandelt wird. Ob rechts, ob links — darauf kommt es nicht an. Aus Casablanca meldet „United Press" unter dem 28. August:. . „Um die in den letzten Wochen erheblich zusammengeschrumpfte Kriegskasse wieder neu zu füllen, hat General -Franco. sich entschlossen, von der jüdischen Bevölkerung in Spanisch-Marokko besondere. .Kriegssteuern' einzuheben. In Tetuan besetzten Truppen des Generals das große Gebäude der israelitischen Bank und zwangen damit die Juden zur Zeichnung einer Anleihe von beträchtlicher Höhe. Die Kriegssteuern müßten, so ordnete General Franco weiters an, wenn irgend möglich, in englischer Währung gezahlt werden. In El Asara und Larache mußten die Juden teilweise ihren Schmuck verkaufen; um die neuen Steuern zahlen zu können." Die „Wiener Neuesten Nachrichten", ein deutsch -arisches Blatt, national betont, drucken diese Nachricht unter dem Titel „General Franco besteuert die Juden" ab. Die Zeitung registriert also die Gewalttat des böi ihr beliebten Generals. Da sie dem Ruf des Rebellenführers nicht schaden will, so geschieht der Abdruck .wohl nur aus Freude darüber, daß die Juden wieder einmal herhalten. W i r allerdings finden in dieser Nachricht die Bestätigung des zionistischen Dogmas. „Katholische Rechte bedroht" Immer wieder setzt ein gewisser Teil der katholischen Presse zu einem Sturm gegen die jüdische Arbeit in Palästina ein, gegen die jüdische Arbeit; die sich ebenso auf historische Rechte wie auf die völkerrechtlich anerkannten Mandatsverpflichtungen stützt. Wir kommen nach .Palästina kraft rechtens und nicht aus Wohlwollen zu uns. Das ist die Rechtslage. Sie wird oft genug verbogen. So hat beispielsweise die Wiener " katholische „Reichspost" im Vorjahre die Welt mit' der Behauptung zu erregen versucht, daß die Juden in Palästina die Rechte der Christen auf die heiligen Stätten, schmälern wollen und daß die vergrößerte jüdische Einwanderung eine Gefahr für die katholische Kirche in Palästina bedeute. Und erst vor kurzem reproduzierte dieselbe ,;Reichspost" einen Aufruf christlicher Araber Palästinas, die sich angeblich ebenfalls bedroht fühlen und — im Zusammenhang mit den blutigen Terrorakten arabischer Banditen — die Abstellung der jüdischen Einwanderung verlangen. Wir haben in beiden Beschwerdefällen auf die Unstichhältigkeiten der Argumente hingewiesen, welche die jüdische Gefahr beweisen wollen. Nun liegt eine Tatsache vor, welche unseren Standpunkt, daß nämlich die katholischen Beschwerden durchaus nebulos sind, bestätigt. Aus Genf wird u. d^27. August gemeldet: „Die, Ständige Mandatskommission des Völkerbundes hat folgende neun auf Palästina sich beziehenden Petitionen, dio ihr anläßlich ihrer 29. Tagung vorlagen, zurückgewiesen: 1., E|ne. Petition des Grafen Lemos, Präsidenten des Komitees der Katholiken von Palermo, in der der Völkerbund aufgefordert wurde, die Rechte der" Katholiken in Palästina zu verteidigen. Die Abweisung erfolgte, weil die Petition „zu vage."' sei, als daß man auf sie eingehen könnte," Zu vage! Ohne. Beweise! Blöße Stimmungsmache! Der Völkerbund, weiß nun, woran er ist. Und die breite Oeffentlichkeit wird es von nun an ebenfalls wissen. Das jüdische. Palästinaweyk -ist ein positives Aufbauwerk. Es bedroht niemandes Rechte. Weder die der Christen, noch die der Araber. Wenn Hitler das erfahrt ♦ ♦ ♦ Nach der Doktrin des relchsdeutschen Nationalsozialismus' ist der Jude — jeder Jude, nicht nur der in Deutschland lebende — ein Untermensch, den man aus' der Gesellschaft der Völker ausmerzen, verfemen, verstoßen muß. Dem deutschen Beamten ist es verboten, beim Juden zu kaufen, mit dem Juden Verkehr zu pflegen, ihn zu grüßen, ihm — o wehe! — die Hand zu drücken. Derdeutschen Reichswirtschaf tsminis-ter Dr. Hjalmar Schacht hielt sich dieser Tage in Paris auf, wo er als deutscher Beamter mit dem Juden Leon Blum zusammenkam. Es ergab sich, daß er, der reichsdeutsche Staatsbeamte, mit dem Juden Blum sprach, Verkehr mit ihm pflegte, ihn grüßte, ihm — o wehe! — die Hand drückte. Und nicht nur das. Auf die Frage, wie es ihm in Paris ergangen, wie er mit seinen Pariser Besprechungen zufrieden sei, erwiderte Dr. Schacht: Wie könne es ihm ergangen sein, wenn er mit einem Mann wie Leon Blum zu konferieren das Glück gehabt habe. Also ein Kompliment — und zweifellos ein aufrichtiges — für den Juden L6on Blum aus dem Mund eines deutschblütigen Mannes. Wenn Hitler das erfährt?! Nicht auszudenken. Meir Großmann Aktions-Komitee hat zu beschließen. Auf dem Weg nach Zürich n ■ Mittwoch, den 19. August. Gestern morgen, nach einer Beratung von 12 Stunden, ist die dringende Session der Assefat Haniwcharim geschlossen worden. Der Jischuw hat seine Forderungen gestellt: Bewaffnung der Juden, Bestrafung der Schuldigen, Unterdrückung des Terrors, Entschädigung, Fortsetzung der Einwanderung. Starke, würdige Worte, leiddurchdrungen! Die Assefat Haniwcharim hat einstimmig die Gefühle der palästinensischen Judenheit zum Ausdruck gebracht. Und doch haben alle gefühlt, daß die rasch zusammengerufene und im Expreßtempo geführte Sitzung nur ein Vorspiel zu einer zweiten, viel wichtigeren Sitzung war — zu der Session des Aktions-Komitees in Zürich. Schließlich ist die Zukunft Erez Israels keine Angelegenheit des Jischuw allein, insbesondere in einer Zelt, wo dieser wie belagert ist. Das letzte Wort hat die Weltjudenheit. In Zürich muß und kann man bestimmen, was weiter zu geschehen hat. Wenn man den Jischuw nach der Assefat Haniwcharim und besonders nach deren Ausführungsorgan, dem Waad Leumi, beurteilen wollte, käme man zu sehr pessimistischen Betrachtungen bezüglich seines Kampfgeistes und seiner Stoßkraft. Ein enttäuschendes Bild. Ein verzerrtes Spiegelbild der wirklichen Kräfte, welche jetzt Palästina bauen. Fünf Jahre sind vorbei, seitdem man die gegenwärtige nationale Versammlung des palästinensischeri Judentums gewählt hat. Seit 1931 hat sich der Jischuw fast verdoppelt; neue Menschen sind hinzugekommen. Das Land und die Probleme haben sich grundsätzlich geändert. Aber der Jischuw wird immer noch durch Menschen repräsentiert, die der palästinensischen Wirklichkeit so entsprechen, wie das Kamel dem Tempo der' Herzl-Straße in Tel-Aviv. Gemäß dem Menschenmaterial ist die Assefat Haniwcharim eine wohlfeile Ausgabe des Aktions- Komitees. Es fehlen die Kräfte, welche in dem wirklichen täglichen Leben des Landes wirken — die Landwirte, die Industriellen, die Kaufleute, unparteiische, objektive Persönlichkeiten. Deshalb fühlt man nicht die Atmosphäre der Straße mit ihren Lebensinteresseh und Stimmungen. Gefährlich ist die Kluft zwischen einem repräsentativen Organ und jenen, in dessen Namen man spricht. Nicht umsonst fühlt der Jischuw oft, daß er irgendwie verwaist ist. richtige Auflagen, für antiquarische allerbilligste PreiseS Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im Schulbücherantiquariat Ecke Taborstraße 52 / Tel. R-41-4-20 Es ist eine dramatische Situation. Die palästinensische Judenheit lechzt nach einer starken, führenden Hand, die rings um sich die besten Kräfte zu sammeln vermag! Anstatt dessen sieht es immer — noch den Waad Leumi vor sich, der schon vor fünf Jahren machtlos war. Donnerstag, den 20. August. Auf dem Schiffe, das uns yon Haifa nach Triest bringt, befinden sich acht Mitglieder des Aktions-Komitees, die nach Zürich fahren. Sie vertreten alle Parteien. Den linken Block, die Allgemeinen Ä und die Allgemeinen B, den Misrachi, die Judenstaatspartei. Es ist dies genau ein Siebentel des Akttous- Komitees. Niemand will auf dem Dampfer eine politische Debatte führen, aber von Zeit zu Zeit durchbricht man dennoch die sich auferlegte Disziplin und es geht ein ruhiges Gespräch los, das alle Zeichen von Aufrichtigkeit an sich trägt. Womit fahren wir nach Zürich, was wollen wir von dort dem jüdischen Volk mitbringen? Was wird jetzt nach innen und nach außen getan werden? Diese Fragen beschäftigen das Hirn. Sie verlangen klare Erledigung. Man fühlt, daß man mit allgemeinen Redensarten, jetzt nicht mehr auskommen kann. Real, wie das geflossene Blut der Ermordeten, wie die frischen Gräber auf dem Friedhof in Tel-Aviv sind die Probleme des Zionismus, dessen Wurzel sich in der Galuth und dessen letzte Ausläufer sich in Palästina befinden. Die wichtigste Aufgabe, sagen die meisten, besteht darin, unter allen Umständen Einigkeit und Frieden zu schaffen. Die Sammlung der besten Kräfte — nicht zwecks Demonstration, sondern für einen schweren täglichen Kampf — ist höchstes Gebot der Stunde. Weder die zionistische Exekutive in London und Jerusalem noch der Waad Leumi haben bisher verstanden, die Mobilisation der Besten durchzuführen. Die erfolgreichste und fähigste Exekutive ist nicht imstande, die lange, unübersehbare Kampffront zu bewältigen. Das Aktions-Komitee muß eine große politische Kommission wählen, aber diese muß ein echtes Instrument und kein Spielzeug in den Händen der Exekutive werden. Neue frische junge Kräfte sind für diese Posten erforderlich. Delegationen des Aktionsi Komitees mUssen die Welt bereisen, einerseits um die jüdischen Massen zu: beeinflussen, andererseits um Verbindung zu suchen mit politischen Faktoren, welche uns in der schweren Lage helfen können. ✓„Olppio des Unrietfc" im Variete ab Dienstag, den 1. September Tägl.4u.8Uhr,Sonn-u.Feiertage2,5u.8Uhr Internationale Darier-Stars 7 Taflift voraus Kartenverkauf Freitag, den »1. August. Eine wunderbare Reise, das Meer still und durchsichtig blau. Der Himmel klar, die Sonne mild. Aber wer kann an all diesen guten und schönen Dingen Freude haben, wenn Herz und Hirn dort in Palästina sind, wo man seine Familie zurückgelassen hat und mehr als seine Familie: das Teuerste und Nächste, den unbeendeten Bau des Heimes? So wandert man das enge Schiffsdeck auf und ab, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, bis man einander, wieder begegnet und das gestrige Gespräch wegen Zürich wieder aufnimmt. Ich hoffe, sagt jemand, man'wird nicht mehr lachen, wenn man über Schutz,, militärische Einheiten, Gas und ähnliche Dinge Betrachtungen anstellen wird. Die letzten Ereignissse haben wohl die' leichtsinnigen Zyniker und Spötter ernüchtert/Es ist wirklich eine unangenehme Angelegenheit, aber genau so. wie man über den Tod oder über einen Brand nachdenkt, während man eine. Versicherung eingeht, genau so muß man an Morde, Gewehre und Schüsse denken, wenn man für die Sicherheit von 400.000 Juden und von hundert Millionen Pfund Vermögen sorgt. Genug Dilletantismus, genug naive Bescheidenheit!, Wir müssen sofort der Zukunft in die Augen sehen — der Zukunft und den Gefahren, die sie mit sich bringt. Das Aktions-Komitee ist verpflichtet, ein Sicherheits- Departement zu schaffen, das von einem verantwortlichen 1 j Mann geführt zu werden hat. ' , Die Aufgabe dieses Departements besteht, darin, alle Angelegenheiten des Schutzes in Evidenz zu halten. — des Schutzes von Leben und Vermögen sowie des Schutzes von Industrie und Landwirtschaft. Sabbat, den 22. August. In der zweiten Klasse haben sich Juden zusammengefunden, um das Mincha-» Gebet zu verrichten und eine Predigt über Tagesfragen zu hören. Ich bin leider zu spät gekommen. Habe bloß eine geistreiche Erklärung zu der Stelle gehört: „Zedek, zedek tirdow". (Lauf der Gerechtigkeit nach!) „Dort, wo Zedek verschwindet, geht es den Juden schlecht. Mit Zedek leben wir und mit Zedek fallen wir. Und das jüdische Nationalheim werden, wir bauen mit Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit." Wie der lang geschweifte Rock des Redners war, so altmodisch klangen die Worte, welche er dem ältesten Buch der Welt entnommen hat. Ein naives Volk sind die Juden. Sie glauben immer noch, daß die Welt nach dem Prinzip des „Zedek, zedek tirdow!" geführt werde. Es wird dunkel, man bringt die mit Ungeduld erwartete Depesche aus Jerusalem. Sie ist brutal kurz: „Seit Mittwoch (Tag der Abreise) sind acht'Juden schwer verwundet worden; die Engländer haben 5, die Araber. 50 Mann verloren." < Also der Terror und die Gefechte dauern an. Die Zahl der Ermordeten hat sich vergrößert. Wie lange noch soll es so gehen? Sonntag, den 23. August. Der Hafen von Brindisi ist fast tot. Man hört bloß das Geschrei der syrischen jungen Faschisten, die;ma,n zu Gast nach Italien gebracht hat. Ungeduldig stürze'n: wir uns auf englische und schweizerische Zeitungen, sind aber bald enttäuscht. Verdammt wenig Nachrichten über Palästina! Die Welt hat eine andere Unterhaltung; Spanien und Moskau. Wo das Menschengeschlecht hüllenlos seine wirklichen Leiden offenbart. Und wirklich;, wie können denn die arabischen Mordtaten mit den Schlächtereien von Spanien konkurrieren? Wir Juden und insbesondere Palästinenser sind unverbesserlich egozentrisch; Uns kommt es vor, daß sich die ganze Welt um uns dreht. Närrisch. Die Stelle „Zedek, zedek tirdow" interessiert niemanden'. Wir fahren weiter. Es entspinnt sich wieder ein Gespräch über die Aufgaben des Aktions-Komitees.' Eine Reihe von Problemen: Die Stellung gegenüber der Kgl. Kommission; Kampf gegen die Gefahr der Einstellung der Einwanderung; die Rettungsaktion für den Jischuw, um eine- Krisis zu vermeiden; Delegation naefc London; die Formulierung unserer konkreten konstruK»