Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 587 (21.8.1936)
- Date
- 1936-08-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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fette* Dfi3 NEUE WELT Nr. 587 vom 21. August 103« hm QedjutUkis Aätad Harns Der Unvergeßliche Am 20. Ab d. J. wäre Achad Haam (Ascher Ginzburg) 80 Jahre alt geworden. Seit seinem Tode sind fast zehn Jahre vergangen, ein Zeitraum, der von großen Geschehnissen für die jüdische Welt angefüllt ist. Und doch strahlt, je mehr wir uns von seinem leiblichen Dasein entfernen, desto leuchtender der Strahl seines Geistes, desto raumgreifender wird der Einfluß seines Denkens. Vieles, was falsch verstanden oder falsch interpretiert wurde, erscheint heute in seiner wahren Gestalt. Insbesondere die Pole Geistiges Zentrum — Nationale Heimstätte haben ihre Divergenz verloren. Trotzdem Achad Haams Name überall, wo um geistige Dinge und Werte gerungen wird, populär ist, erscheint es doch — hauptsächlich für die jüngere Generation — notwendig, einen Querschnitt durch das Leben und das Werk des großen Mannes zu geben. Eine polemische Auseinandersetzung zwischen kulturellem und politischem Zionismus, gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht in der leidenschaftlichen Weise von einst. Herzls politische Konzeption des Zionismus hat sich die Priorität erobert, während Achad Haams Anhänger aus seiner großen nationaljüdischen Idee ein schwächliches Gebilde schufen, das schließlich in dem sogenannten Brith-Schalomismus schändliche Gestalt gewann. Achad Haams Lebenslauf Am 18. August des Jahres 1856 wurde in dem Städtchen Skwira in der Ukraine Ascher Ginzberg geboren. Dieser Name trat sehr bald hinter dem literarischen Pseudonym zurück, das sich der junge Schriftsteller gab: Achad Haam, das heißt „Einer aus dem Volk". . Seine Schriften sind heute, wie zu seinen Lebzeiten, Kampfschriften, die aus einer besonderen philosophischen und jüdischen Anschauung Kritik an den Ereignissen des Tages üben. Er wurde so bis zu seinem Tode — er starb am 2. Jänner 1922 in Tel-Aviv — der große Warner äes jüdischen Volkes. Wie alle diese großen Gestalten, hatte er zwar Schüler, aber er selbst blieb einsam. Seine Warnung erhielt den Wert von seiner reinen Persönlichkeit her. Die politische Entwicklung aber .stürmte sehr heftig über die Warnung hinweg. Achad Haam war und ist der große Antipode einer reinen Politik im jüdischen Volk, Er trug, im Gegensatz zu den Menschen, die aus dem Westen kamen und mit westlichen- Ideen die neue Epoche des Judentums einleiteten und begründeten, Traditionen und Wissen als einen selbstverständlichen Fundus in sich. Achad Haam entstammte einer reichen chassidischen Familie und sog sich innerhalb einer streng orthodoxen Erziehung mit rabbinischem Wissen voll. Die große Wende im Leben der jüdischen Jünglinge seiner Zeit war die Begegnung mit der H a s k a 1 a, jener großen Aufklärungsbewegung, die den Osten so stark umgestaltet hat. Auch er wurde von der Sehnsucht nach der Welt und ihrer Bildung erfaßt. So kam er 1878 nach Odessa. In den Jahren 1882 bis 1884 bemühte er sich vergeblich, ohne Reifezeugnis an den Universitäten Wien, Berlin und Breslau zum Studium zugelassen zu werden. Dann wandte er sich dem freien Studium der Theologie, Soziologie und Geschichte zu. Odessa war damals ein Mittelpunkt der Chowewe Zion-Bewegung, die zur Vorläuferin des Zionismus wurde. Im Jahre 1889 erschien sein Aufsatz, der ihm den großen Ruf in der jüdischen Welt eintrug: „Nicht dies ist der Weg" (Lo su ha'Derech). Im Zusammenhang mit seinen Ideen gründete er einen jüdischen Orden, dem er den Namen „B n e Mosche" gab. Dieser Orden sollte der Träger für seine Ideen werden, die das Wiedererwachen des nationalen Gefühls bei den Juden zum Ziele hatten. Von nun an wurde Achad Haam mehr und mehr der geistige Mittelpunkt und der geistige Führer der nationaljüdischen Bewegung. In Odessa gehörte er über ein Jahrzehnt zum Palästina-Komitee. 1891 bis 1893 bereiste er Palästina und schrieb bei seiner Rückkehr kritische Aufsätze über das Kolonisationswerk. 1895 erschien sein großes Buch „Am Scheidewege" (al paraschath derachim). 1897 gründete er die hebräische Zeitschrift „Haschiloach", die zur führenden hebräischen Zeitschrift wurde. 1897 war der erste Kongreß. Achad Haam nahm als Gast teil. Nach Beendigung des Kongresses schrieb er eine leidenschaftliche Kritik der neuen zionistischen Bewegung und setzte sich von nun an mit immer stärkerem Ausbau seiner Ideen in Gegensatz zu Theodor Herzl. Er bekämpfte dessen politischen Zionismus und wurde so zum Schöpfer des „Kulturzionismu s". In Theodor Herzls Ideen, insbesondere auch aber in dem utopischen Roman „Altneuland" sah Achad Haam eine Gefahr für die nationaljüdische Bewegung. 1908 übersiedelte Achad Haam nach London. 1912 besuchte er zum drittenmal Palästina und schloß mit der Veröffentlichung seiner Beobachtungen den dritten Band seines Werkes ab. Resigniert und krank, siedelte Achad Haam nach dem Weltkrieg nach Palästina über. Hier hatte er den alten Kreis russischer Zionisten um sich, von dem einige ihm nahestanden. Seine kritischen Augen waren müde geworden, er hat kaum noch geschrieben. Man sah ihn noch bei den miy&8lt&M$$#l&k$tm im Jahre 1925. Er starb zwei Jahre später. Die Herausgahe seiner Memoiren hat er nicht mehr erlebt. Die Gegnerschaft su Theodor Herzl Im September 1897 erschien in der hebräischen Zeitschrift „Haschiloach" ein Aufsatz von Achad Haam über den I. Zionistenkongreß. Achad Haam erkannte den Wert der Zusammenkunft als Demonstration an, aber es gehe darum, sich dem moralischen Ziel zu nähern, sich von der Inneren Knechtschaft zu befreien ... Achad Haam rief auf: „Nicht, um heute oder morgen den Judenstaat zu gründen, kamen wir nach Basel, sondern um laut und vernehmbar der Welt zuzurufen: Das judische Volk lebt noch und will welterleben! Diesen Ruf müssen wir immer von neuem wiederholen, nicht, damit die Völker uns erhören und unseren Wunsch erfüllen, sondern vor allem, damit wir selbst den Widerhall unserer Stimme in den Tiefen unserer Seele vernehmen, vielleicht erwacht sie und erhebt sich von ihrer Oesunkenheit." Dieser Aufsatz rief lebhaften Widerspruch hervor. Der Vorkämpfer der Chowewe Zion M. L. L i 1 i e n b 1 u m und Dr. Markus Ehrenpreis wandten sich scharf gegen die Auffassung Achad Haams. Der Kampf dauerte weiter. Das Wichtigste für Herzl war, „das Volk zusammenzufassen als Machtinstrument und als wollendes Wesen; denn der geraeinsame Wille erschien ihm als die wesentlichste Voraussetzung für eine Staatsbildung". (Alex Bein, „Theodor Herzl".) Achad Haam hingegen ging davon aus, daß sich die Juden nur dadurch, daß sie sich seit den Tagen der Propheten auf die Kraft des Geistes stützten, als Volk bewahrt haben. Ein Staatsgedanke, der sich nicht auf die nationale Kultur stütze, verleite das Volk zu nationalem Machtstreben und schneide damit den Faden ab, der es mit seiner Vergangenheit verbinde. Bei Herzl ging es um die Juden h e i t, bei Achad Haam um das Juden tum. Achad Haams Lehre 1. Die nationale Bewegung muß von ethischen Impulsen getragen sein. Sie darf daher nicht an den Eigennutz des Einzelnen appellieren; sie muß der Sorge um die Gesamtheit, um das ganze Volk entspringen. Darum bezeichnet es Achad Haam als falsch und schädlich, wenn die damaligen Zionisten (bei der nach dem russischen Pogrom von 1882 entstandenen großen jüdischen; Auswänderungsbewegung) die Juden dadurch zur Uebersiedlung nach Palästina bewegen wolltön, daß sie ihnen eine materielle Besserung ihrer Lage in Aussicht stellten. Wer, getrieben von eigensüchtigen materiellen Motiven, nach Palästina statt nach Amerika wandert, der wird persönlich enttäuscht werden und der Sache des Volkes nicht nutzen. Das Motiv der Einreihung in die nationale Bewegung darf nicht die Not sein, sondern die Liebe. Nur die Liebe zum Judentum und zu dem Ideal, das mit dem Worte „Zion" bezeichnet wird, kann zur jüdischen. Befreiung führen. Darum ist die wichtigste Aufgabe die Erweckung der Herzen zu dieser Liebe. 2. Die Sehnsucht nach der Wiedergeburt des Volkes darf keinen „pseudo-messianischen" Charakter annehmen. Als Pseudo-Messianismus empfindet Achad Haam die Vorstellung, es könne eine „Lösung der Judenfrage" durch Sammlung aller Juden der Welt in Palästina in absehbarer Zeit bewerkstelligt werden. Dies sei nur in den Tagen des Messias möglich, am „Ende der Zeiten", und den Menschen ist es nicht, gegeben, das „Ende zu drängen". Was wir tun können, ist die Konz e nt ration des Volkes, die zugleich Konzentration des Geistes sein müsse, damit , von einem lebendigen Zentrum aus das ganze jüdische Volk wieder zum Leben erweckt wird. 3. Das Judentum ist nicht ein Volk wie jedes andere, sondern ein Volk mit einer bestimmten Tradition, die sich durch dreitausend Jahre in ihm befestigt, seinen Charakter und sein Denken gebaut hat, die verbunden ist mit einem großen ethischen Ideal, um dessentwillen das jüdische Volk lebt. Die Gefahr für die Fortexistenz des Volkes liegt in der Auflösung dieses geistigen Gehalts, und daher ist das wichtigste Ziel die Errichtung eines geistigen Zentrums, aus dem heraus sich die Kraft des Volkes Budik und Ackcd Uocm Von nun an mattest du über uns, Meister, den Lichtstäb in Händen — Zu dir, dem Streiter für Wahrheit, dem mächtigen Geist, mir uns wenden. Voll reiner Gesinnung bist du, demütig, der immerdar Reine, Unmandelbar treu — und fragst nicht danach, roas ein anderer meine. Du schreitest auf eigenem Wege, die scharfen Augen lichttrunken, Still hütend im brennenden Herzen den letzten göttlichen Funken. (Aua BlaUJfs „An Achad Haam". Uebersetzung von Elli Abr^anisoiin.) Unzerstörbar/ unbesiegbar! Warum wir Juden sind: Törichte Fragel Frage das Feuer, warum es brennt! Frage die Sonne, ^»rum sie scheint! Frage den Baum, warum er wächst! So frage den Juden, warum er Jude ist. Wir können nicht anders! Es ist in uns ohne unser Zutun! Es ist da, urlebendig und gottcsgcwaltig. Es ist ein Gesetz unserer Natur! Es ist da, wie die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde, wie die Liebe des Menschen zu seiner Heimat, es sprudelt hervor aus den dunklen Tiefen unseres Herzens. Es ist ein Bestandteil unseres Herzens! Es ist unzerstörbar, u neb siegbar, unwiderlegbar, weil da Herz unzerstörbar, unbesiegbar, unwiderlegbar ist. Achad-Haam, „Drei Stufen" 1898. erneuern kann. Dieses Zentrum müsse in einer normal lebenden jüdischen Gemeinschaft in Palästina verankert sein. Das wichtigste Element des Volkslebens ist die hebräische Sprache. Zu ihr muß das Volk wieder den Weg finden. Adiad Haams Werke Die Werke Achad Haams sind in einer von ihm selbst veranstalteten Gesamtausgabe erschienen, die in vier Bänden unter dem Titel „AI Peraschath Derachim („Am Scheidewege") seine Essais zu Fragen des Zionismus, der hebräischen Literatur, des Judentums und der jüdischen Philosophie enthält. Die vor dem Krieg in Odessa erschienene Ausgabe (erster Band 1895, vierter Band 1913) ist lange vergriffen, und der Jüdische Verlag (Berlin) hat das große Verdienst, im Jahre 1921 eine Neuausgabe besorgt zu haben, zu der Achad Haam ein neues Vorwort schrieb, in welchem er zu der politischen Lage Stellung nahm und eine Interpretation der Balfour-Deklaration gab. Der Jüdische Verlag hat auch bereits im Jahre 1904 einen Auswahlband in deutscher Uebersetzung von Prof. Israel Friedländer herausgegeben, dem 1916 ein zweiter Auswahlband (Ubersetzt von Dr. Harry Torczyner) folgte. Diese Ausgabe wurde abgelöst im Jahre 1923 durch eine deutsche Gesamtausgabe, für die außer den beiden bereits Genannten Ernst Müller und Hugo Knöpfmacher verantwortlich sind. Leider sind jedoch bis* her nur zwei Bände erschienen, die den beiden ersten Bänden der hebräischen Ausgabe entsprechen (während die erwähnten Auswahlbände auch spätere Aufsätze enthielten). Hoffentlich wird der Verlag auch die beiden späteren Bände bald herausbringen, damit dieses für die jüdische Erziehung und« Einführung in die Grund-« Probleme der jüdischen Renaissance enorm wichtige Werk auch solchen zugänglich wird, die noch nicht die hebräische Sprache beherrschen. In englischer Sprache erschien eine Auswahl von Leon Simon, dem unermüdlichen Vorkämpfer Achad Haams im englischen Sprachgebiet. Achad Haams Briefe, umfassend einen Zeitraum von 25 Jahren, seit 1896 bis 1921, sind 1924 in sechs Bänden im Verlag Benjamin Harz (gedruckt in Tel- Aviv) erschienen. Die Briefe sind eine Fundgrube zur, Geschichte der zionistischen Bewegung und zeigen iü lebendiger Spiegelung den weitverzweigten Einfluß; Achad Haams. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Frankreich: Schlafwagen Paris—Toulon. Amerika: Staatsanwalt unter Mordanklage —« Männer ohne Namen — Der Weg ins Ungewisse — Rex, der König von Arizona — Schuldige Hände — Ihre letzte Nacht — Das Gericht der Totengräber — Rätsel um' eine Frau — Desperados •— Liebe vor dem Frühstück. — Opernring — Der Schlaumeier. Filme unter Arierparagraph Raub der Sabinerinnen — Die letzte Fahrt der „Santa Margareta" — Mädchenmarkt — Die Fahrt ins Blaue — Boccaccio — Der Holzschnitzer vom Erzgebirge — Befehl ist Befehl — Mister X. — Der Dämon vom Hlmalaya — Puppenfee — Die Drei uro Christine — Arzt aus Leidenschaft — Der Hundefänger — Weiberregiment — Rosemarie — Metropolitan — Sie heiratet ihren Chef. Von neuen Filmen Heute: „Rosemarie". Im Opern- und Elite-Kino findet heute die Uraufführung der musikalischen Komödie der Metro „Rosemarie" mit Jeanette MacDonaid, Nelson Eddy und Allan Jones in den Hauptrollen statt. Regie: W. S. Van Dyke. Regie der Opernszenen: Wilhelm von Wymmetal. Musikalische Schlager in „Singlng Kid". Die vier Jacht-Club-Boys, von Schallplatten her bekannt, sieht man hier zum erstenmal in Europa und den berühmten Dirigenten Cab Calloway mit seiner Neger-Band im Wettstreit mit AI Jolson. Musik und Texte von E. Y. Harburg und Harold Arien. Mit diesem Film der Warner Bros, eröffnet das Rotenturm-Kino heute, Freitag, die neue Saison. Ein Barlton erobert Amerika. Zum erstenmal in der Geschichte der Oper ist es dem amerikanischen Bariton Lawrence Tibbett gelungen, die großen Erfolge der berühmten Tenöre zu überflügeln. Lawrence Tibbett spielt und singt neben Virginia Bruce die Hauptrolle in dem Film „MetropoUtan",. der ab 21. d. M. im Schotten«« ring-Kino und Lustspieltheater laufen wird,