Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 585 (14.8.1936)
- Date
- 1936-08-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT » Nr. 585 vom 14. August 1936 Geschulter Uorbeter du Salut des oUen Votkes 2utn 25. TAckttag* faef UtaJiU Nur ein lyrischer Dichter könnte Israels ganz gerecht werden! Denn Israels Malerei ist ein Farbe gewordenes Gedicht. Ein schlichtes Volkslied, kindlich, im biblischen Sinne einfältig: alles Gemüt, Empfindung und nochmals Gemüt. Mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation und seiner Rasse versenkt sich Israels in die Natur, dorthin, wo sich die Aeußerungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen: in das Leben der Armen und Elenden. Israels schildert die Mühe und Arbeit wie der Psalmendichter, der das Leben köstlich nennt, wenn es Mühe und Arbeit gewesen. Aus Israels spricht Versöhnung, etwas von der heiteren Buhe des Philosophen, der alles verzeiht, weU er alles versteht, Israels ist kein Uebermensch, und — er will keiner sein. Mensch-sein genügt ihm. Max Liebermann. Jozef Israels hat nur wenige Werke jüdischen Inhalts, nur wenige mit biblischen Stoffen gemalt; einige Jugendarbeiten, Aaron findet die Leichen seiner' Söhne, Hanna weiht Samuel, die Sintflut, gehören der historischen Epoche an, sind kaum weiter bekannt geworden, ein paar Bildnisse jüdischer Persönlichkeilen, darunter die Ellern und Schwiegereltern, gehen über konventionelle Gestaltung nicht wesentlich hinaus, einige Köpfe allgemeinen Charakters enthüllen schon mehr vom Wesen des jüdischen Menschen, und dann die großen Werke der Reifezeit: der Sohn des alten Volkes, die jüdische Hochzeit, der Geldzähler, der Gesetzesschreiber und schließlich die biblische Szene „Smil und David" — das ist alles Nur ein kleiner Bruchteil seines großen Gesamtwerkes sind diese wenigen Schöpfungen, aber sie sind programmatisch, ja mehr, sie sind Bekenntnisse: Das mag weniger von seinen biblischen Bildern gelten. Sein großes Saul-Bild fordert zum Vergleich mit Rembrandts Schöpfung heraus, mit jenem erschütternden Dokument seelischer Zerrüttung durch oerzehrende Eifersucht und blindwütenden Haß; über der Szene Dunkel und Düster, schwere Schwüle, wie vor dräuendem Gewitter. Nichts von solch grandioser Tragik bei Israels. TP ie nach durchwachter Naclit erhebt sich müde der König, ballt die Faust wie ein Felsstück, stützt brütend das Haupt, beschattet das Antlitz, doch hell öffnet sich die weite Landschaft, und der junge David schaut hoffnungsfroh in die Ferne; an dem Lage aber hat neben dem König eine weibliche Gestalt sich niedergelassen wie das Mitleid in persona. Das Mitleid! Es spricht vernehmlich aus so vielen seiner Werke, das Mit-Leiden, Mit-Erleiden, das helfen wollende Erbarmen, wie für unser Gefühl nur das hebräische Wort Rachamanuth es vollinhaltlich auszudrücken oermag. Mit-Leiden ihit Krankheit und Not und Tod in den Hütten der Armen, der Fischer, Mit-Leiden mit den Tapferen, die den Kampf ums Dasein führen in den Fluten, >n Sturm und Wetter dort draußen auf der See, Mit-Leiden mit den Volksgenossen wie mit jedem Menschen, den hartes Geschick getroffen und der stark und stolz sein Schicksal trägt — mit der S e elenstärke des Juden. .Und ein anderes spricht mit gleicher Macht aus diesen Menschen: das tiefe Gefühl für die Verbundenheit der Familie. Es sind die Bande der Familie, durch die in seinen Bildern die Menschen, Mann und Weib und Kind, zusammengefügt werden, heim einfachen Mahl, bei harter Arbeit wie bei stillem Spiel, bei bangem Nachsehen und bei sehnsuchtsvollem Erwarten, lieber die Vereinigung de.r '■ Familie um den Tisch hat er vielleicht das Tiefste gekündet, ivas hierüber gesagt werden kann; erhaben sind diese Szenen in ihrer Einfachheit und tiefen Innerlichkeit, im wahrsten Sinne religiös. „Sollte darin vielleicht noch etwas Jüdisches stecken?" fragt einmal sein Freund Jan Veth, der Maler und der feine Beobachter, „in dieser mächtigen Vorliebe für die, in all ihrer Einfachheit durch ihn wahrlich erhaben gesehenen, alttestamentarisch aufgefaßten Familie!" — Es ist schon so! Kein Zufall darum, daß die einzige Darstellung, die er dem jüdischen Leben entnommen, eine religiöse Trauung ist: das junge jüdische Paar, vom Gebetmantel bedeckt, tauscht die Ringe, tief versunken in die Zeremonie, und die Angehörigen nehmen daran innerlichst Anteil, in engster Verbundenheit — sie assistieren nicht nur, sie existieren durch ihre Teilnahme, durch ihre fromme Hingebung; wie in Rembrandts religiösen Schöpfungen, so ist auch hier Frommsein der Inhalt ihres Daseins. Das gibt der'Wirklichkeitsdarslellung das U eberreale— die alltägliche Szene wird verklärt durch den Strahl goldenen Lichts, der über das junge Paar sich ergießt wie ein überirdischer, himmlischer Glanz. Wie bei Rembrandts Helldunkel wird auch hier magisches Licht Mittel der Vergeistigung, und man mag in solcher V er geistigling wohl eine Besonderheit jüdischer Gestaltiingsvreise erblicken, die strenge Zeichnung tritt zurück, die Form löst sich auf, damit Wesenheit in Erscheinung tritt, damit die Seelentiefe jüdischer Menschen sich offenbart. So wandelt sich das Wirklichkeitsbild, der Natureindruck in der Seele des schaffenden Künstlers und erhält dadurch erst Sinn und Bedeutung. Der Prozeß einer solchen Wandlung läßt sich an einem seiner bedeutendsten Werke verfolgen» am „Sohn des alt en Volke s". Die erste Fassung — ein Aquarell — zeigt die kleine, hagere Gestalt des Trödeljuden mit dem Kind im Arm, sitzend auf der Schwelle seines Ladens, eingetaucht in sein Milieu, eine alltägliche Erscheinung, treulich der Wirklichkeit entnommen — man kennt seinen Namen — Jakob Städel — aber der Maler sieht doch mehr in diesem jüdischen Menschen. Er sieht ihn schicksalhaft eingefügt in diese armselige Welt, sieht in ihm das Schicksal — nicht nur im einzelnen, sondern in einer Gemeinschaft, Da wächst die Gestalt im engen Rahmen, die weitere Umgebung schwindet, die armselige Einzelerscheinung wird zum Emigkeits-Typus gesteigert, wahrhaft monumental! Nicht eigentlich die Geschichte des jüdischen Volkes hat Israel gemalt, eher sein Schicksal, oder ' besser, die Seele des Volkes, die ja nicht nur Produkt seiner Geschichte ist — nicht alle Aeußerungen, nicht alle Nuancen, aber doch die ganze Spannweile der jüdischen Seele, vom materialistischen ,,Geldzähler" bis zum entmaterialisierten „Thoraschreiber". Ein alter Jude in dunklem Gemach beim Zählen des Geldes. Wie er mit angstvollem Blick, mit zitternder Gier jedem Geldstücke nachschaut, fürchtend, es könnte ihm entfliehen, wie er die Kassette umklammert, daß niemand sie seinen Händen entreiße, ein jüdisches Antlitz, ein jüdischer Typus, eine jüdische Seele, aber ins Tragische gewendet. Und seltsam ergeht''s dem Beschauer vor dem Original — es ist locker, gelöst in graublauen Wasserfarben gemalt — Mitleid ergreift ihn, es verschwimmt vor seinen Augen, als würden seine Blicke feucht, wie Nebelschleier dringt es aus dem Bilde — es entschwindet, doch aus dem brauenden Nebel drängt ein anderes — ganz ähnlich im Bau — immer stärker, immer klarer: der Thoraschreiber. Wir wissen vom Maler, wie dies Bild entstanden, fern der holländischen Heimal, im heißen Marokko. Ein Zufall liatte ihn in das Haus des jüdischen Gesetzesschreibers geführt. Kaum konnten die beiden durch Worte sich verständigen, aber zwei jüdische Seelen hielten schweigend Zwiesprache miteinander und verstanden sich — ein Erlebnis, in dem die Träume der Kindheit dem Greise zur Wirkliclikeit wurden. Dies große Seelenerlebnis ist im Bilde geformt: Es ist, als wüchse die Gestalt wurzelgleich heraus aus dem aufgerollten Pergament, als erwüchse dieses mächtige Haupt mit dem wallenden Barl aus der leuchtenden Helle der ausgebreiteten Lehre, als formte die „Leuchte Schachrith, Mussaf, auf Schofarblasen und Thora« Leinen, sucht Stelle für die hohen Feiertage. Auch Provinzgemeinden. Referenzen auf Wunsch. A. H e s s e s, Wien II, Ferdinandstraße 4/9. der Lehre" dieses jüdische Antlitz, wie sie seit Jahrtausenden schon den jüdischen Menschen, die jüdische Seele geformt hat. Wie ein Prophet vergangener Tage erscheint ihm der schreibende Greis — er schreibt seinem Volke ewiggültige Gesetze —. Hier hat das Heroische, hat die Seelen große des j ü di sehen M ensc h e n monumentale Gestaltung erfahren. Dr. A. G all ine r. RUNDSCHAU Da stimmt etwas nicht Kürzlich erschien das Memoirenwerk des «nglischen Generals Sir John Monash „Die Siege in Frankreich 1918", worin die Dolchstoßlegende der Herren Ludendorff und der nationalsozialistischen Agitatoren und Politiker ad absurdum geführt wird, in neuer Auflage. Das Organ der deutschen Reichswehr „Militär-Wochenblatt" schreibt bei dieser Gelegenheit: „Bemerkenswert ist Liddel Harts Urteil über Sir John Monash in der Besprechung des Buches in den „Times": .Seine Leistung legt Zeugnis ab von der soldatischen Befähigung der jüdischen Rasse (der Monash angehörte). Kein Soldat der Westfront zeigte 'mehr Verständnis für die komplizierte moderne Kriegführung als er, und zeigte sich eher geeignet, sie zu meistern." Das Blatt der Reichswehr zitiert also ohne jede Einschränkung die Bemerkung des bedeutendsten modernen Militärschriftstellers Major Liddel Hart Uber die ausgezeichneten militärischen Eigenschaften der jüdischen Rasse, personifiziert durch den General Monash, von dem der Plan zum Durchbruch der deutschen Front (der schwarze 8. August von 1918) stammt. (General Monash, der die australische Armee an der Westfront der Alliierten führte, gehörte zu den glänzendsten Offizieren des Weltkrieges. Er starb in seiner Heimatstadt Sidney). Nach dem deutschen Reichskanzler steht der Jude niedriger als ein Tier. Nach dem deutschen Armeeführer aber war der genialste Offizier des Weltkrieges einer, der auf dem jüdischen Friedhof in Sidney begraben wurde. Da stimmt also etwas nicht. luden/ Neger/ Araber Von der Stellungnahme zu den'Juden braucht heute nichts mehr gesagt zu werden — die Herren des Dritten Reichs, die kleinen und die großen, haben ihre Formel: — minderwertige, habgierige, blutdürstige, der Welt zum Verderben reichende Rasse, die vertilgt werden muß. Aber für die Zeit der Olympiade muß man ihr Schonzeit geben. Jüdische Sportler und Olympiabesucher können risikolos nach Berlin kommen... Für die Zeit der Olympiade. Nachher? Nachher fängt das alte Lied .wieder an... Auch die Neger sind artfremd. Auch vor ihnen muß das deutsche Blut und die deutsche Ehre geschützt werden. Da nun aber der Olympia-Gedanke es erfordert, wurde auch bei ihnen die Ausnahme gemacht... zumal sie als Amerikaner starten. Man mußte sich also die Schwarzen gefallen lassen. Und die Schwarzen stellten ihren Mann, gaben der nordisch-germanischen, will sagen deutschen Rasse viel zu schaffen; das Goebbels-Blatt „Angriff" klagt darüber, daß die Amerikaner Negerhilfe zu den Olympischen Spielen mitgebracht haben. Jeder würde — so schreibt der „Angriff" — „die Yankees als die große Enttäuschung der Spiele betrachtet haben; denn ohne Neger in der amerikanischen Mannschaft würden die Deutschen den Weitsprung, die Italiener den 800-Meter-Lauf, die Holländer den 100-Meter-Lauf gewonnen haben. Die deutschen Olympia-Veranstalter sind also über die Erfolge der Neger erbittert und Hitler behält den Neger-Siegern den Händedruck vor. Er brüskiert sie, obwohl sie als Amerikaner starten. Daß die Amerikaner selbst aus dieser Brüskierung keine Konsequenz ziehen, gehört zu den beschämenden Unbegreiflichkeiten unserer Zeit. Bezüglich der Araber liegt die Sache so, daß sie bisher in den nationalsozialistischen Kulturdebatten keine große Rolle gespielt haben. Man weiß nur, daß auch s 1 e zu den „Nlchtariern" gehören, zu jenen, mit denen ein echter hitlerdeutscher Mann keine Berührung haben darf. Aber auch hier versteht die Hakenkreuz-Mentalität aus ihrer Verachtung für den Araber Nutzen zu zieheu — sobald es um die Befriedigung des Judenhasses geht. Die semitischen Wüstensöhne werden nämlich von deutschen Nationalsozialisten mit Geld, Gewehren und Bomben ausgestattet und von Instruktoren gelehrt, wie man am geschicktesten Terrorakte begehen kann. Die palästinensischen Araber-Banditen sind die gelehrigen Schüler reichsdeutscher Hakemkreuzler. Das einwandfreie Material hierüber befindet sich in den Händen der Palästina-Regierung. Juden, Neger, Araber sind artfremd und gefährlich für neudeutsches Blut und neudeutsche Seele. Aber wenn man ihrer bedarf, dann drückt man beide treublaue Augen zu,