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Die neue Welt · 1936-08-14 · Heft 585 (14.8.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 585 (14.8.1936)
Date
1936-08-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 585 vom 11 August 1936 1 ■»-■•■' ■ DIE NEUE WELT Seite 3 Das Schicksal der Juden Polens Die polnischen Delegierten gaben dem I. Jüdischen Weltkongreß in einem Augenblick folgende Aufklärung Über die Lage der polnischen Judenheit: Die über drei Millionen zählende polnische jüdische Bevölkerung, die Im Kampf für bürgerliche und politische Gleichberechtigung, nationale und kulturelle Rechte steht, muß auch um die elementarsten Hechte auf Existenz und Sicherheit, auf lieben und Vermögen ringen. Die antisemitische Agitation, die schon seit Jahren von gewissen Parteien betrieben wird, hat sich breit über das Land ergossen und ist in große Teile der polnischen Gesellschaft schon tief eingedrungen; sie wirkt besonders auf die Jugend. Diese Agitation wird von Tag zu Tag schärfer und der Hauptzweck ist — die vollständige Vernichtung der polnischen Judenheit. Physischer Terror und wirtschaftlicher Boykott haben im Laufe des letzten Jahres einen außergewöhnlichen Umfang angenommen. Die Agitation, die frank und frei in Wort und Schrift ^getrieben wird, bemüht sich, die jüdische Kultur und Religion zu schänden und schlecht zu machen und die jüdische Bevölkerung wie einen Fremdkörper auszuscheiden. Die Agitation hat ihr Ziel schon in weitem Umfang erreicht: Man macht die Juden verantwortlich für alles Unglück und al|e Mißerfolge, die im Lande vorkommen; sie sind verrufen als Verbreiter von Unmoral, als Verderber der Kultur, man redet den polnischen Massen ein, daß die Juden die Ursache ihres materiellen Loses seien. Da gegen diese Agitation nicht zur rechten Zeit von selten der verantwortlichen Faktoren die nötigen Maßnahmen getroffen wurden, hat sie zu fortwährenden antijüdischen Exzesspn geführt, die an verschiedenen Orten Menschenopfer gefordert haben und die In vielen Fällen die Vernichtung jüdischen Vermögens zur Folge hatten. Die antisemitische Bewegung hat letztens sogar zu einer Beschränkung des rituellen Schächtens geführt, die die jüdische Würde schwer beeinträchtigt und beleidigt hat und die die Existenz tausender jüdischer Familien .untergräbt. Seit Jahren bemühen sich verschiedene Faktoren, 4as Gebiet der jüdischen wirtschaftlichen Tätigkeit einzuschränken. Juden werden aus verschiedenen wirtschaftlichen Positionen verdrängt, zu staatlichen und kommunalen Stellen und Aemtern, Institutionen und Unternehmungen nicht zugelassen. In jüdischen Gassen herrscht unbeschreibliche Not und nicht zu schildernder Hunger. In der letzten Zeit erhalten wir auf unsere berechtigten Mahnungen nach Gleichberechtigung und nach Existenzmöglichkeiten als Antwort die Forderung, aus Polen auszuwandern — aus einem Lande, mit dem wir seit vielen Jahrhunderten verwachsen sind, an dessen Aufbau wir mitgeholfen und für das wir unser Blut vergossen haben. Die 314 Millionen polnischen Juden werden sich aber durch keinerlei Gewaltmittel terrorisieren lassen; ungeachtet unbeschreiblicher Not und Leiden werden sie sich nicht selbst aufgeben. Die breiten jüdischen Volksmassen werden niemals den Mut und den Glauben an ihre Kraft verlieren. Sic suchen Hilfe in eigener Tätigkeit und im Kampf für ihre Rechte und hoffen auf eine bessere Zukunft mit dem nicht aufzuhaltenden Sieg des Rechtes und der Gerechtigkeit. Bei dem Kampf, den die polnische Judenheit für ihre Position führt, drücken wir die Ueberzeugung aus, daß wir Unterstützung und solidarische brüderliche konstruktive Hilfe beim ganzen jüdischen Volk finden werden. WARNER. BAXTER _____ ® JSL« AB HEUTE BURO-IMPEMAL-STAFA-VOTJVPAfcKKINO Beginn der Generaldebatte Dank an die Republik Masaryks und Benesch' RegelmäBiger Reisedienst nach __Polen Ii Czernouitz Nächste Abfahrten: 23. und 30. August Ausküntte: Dr. S. Totkor, Reisebüro ,ln die Welt« (W. M. Renner] Wien IX, Ltechtensteln8fraBe2ibeim Schottenring), Tel. A-14-EC4 Reserviert euch jetzt schon Plätze für die Reisen zu den hohen Feiertagen! Am Montag, 10. August, begann die Hauptaussprache, die von Berichten der Delegierten über die Situation der Juden in den einzelnen Ländern eingeleitet wurde. Der Rabbiner Dr. Hugo Stränsky, einer der Delegierten aus der Tschechoslowakei, führte aus, die tschechoslowakische Delegation sei glücklich, daß sie auf dieser Tagung, die für die politische und religiöse Freiheit und Gleichberechtigung der Juden kämpfen wolle, betonen können, daß diese Werte in der Tschechoslowakei nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich verwirklicht sind. Die Tschechoslowakei ist heute der einzige Staat in Europa, der große Minderheiten hat und dessen Parlament jüdische, auf Grund demokratischer Wahlen gewählte Abgeordnete als Repräsentanten der Jüdischen Partei angehören. Diese Vertretung und die Gesetze des tschechoslowakischen Staates schließen jegliche antisemitischen Verfügungen auß. Das tschechoslowakische Volk ist von dem alten und starken liberalen Geist beseelt, der gegen den Antisemitismus ist und dessen Verfechter die Gründer des tschechoslowakischen Staates Thomas G. Masaryk und Dr. Eduard B e n e s c h sind. Der Sinn dieser Staatsmänner für die Gerechtigkeit verdiene die Dankeserklärung des Weltjudentums von dieser Tribüne aus. Das anständige Vorgehen den Juden gegenüber in der Tschechoslowakei gehe jedoch nicht aus irgendeiner Zuneigung für die Juden hervor, sondern aus der Erkenntnis der reinen und allgemeinen Wahrheit, erkämpft im Geiste Masaryks, aus der Ueberzeugung, daß es notwendig ist, jedem seine Gleichberechtigung und Freiheit zu gönnen. Dieser Geist ist auch in der tschechoslowakischen Verfassung verankert und schließt jedes Zugeständnis an die Politik der Effekte oder die Rassenpolitk aus. Rabbiner Hugo Stränsky gedachte auch des tschechoslowakischen Juden Stephan Lux, der,t um für den Gedanken der Freiheit und der. Gerechtigkeit zu wirken, angesiohts der Völkerbundversammlung seinem Leben ein Ende machte. Zur Ehrung des Märtyrers Stephan Lux erhoben sich alle Anwesenden von ihren Sitzen. Ein Antrag Strickers Vor Beginn der Generaldebatte in der Sitzung vom 10. August protestierte Oberbaurat Robert Stricker im Namen der österreichischen territorialen Gruppe gegen die Versuche, politische Fraktionen zu bilden, die zu einer Sprengung des Kongresses, ja sogar zu einer dauernden Spaltung in den Reihen der Kongreßgruppen führen könnten. Solche. Tendenzen dürfen nicht zugelassen werden. „Wir sind", erklärte Stricker, „zu einer gemeinsamen Aktion vereint hierhergekommen und wollen nicht in Parteien gespalten zurückkehren. Der Jüdische Weltkongreß soll sich ausschließlich auf territoriale und nicht auf politische Gruppen stützen. Außerhalb der Zionistischen Organisation haben keine zio- . nistischen Parteien zu bestehen." Strickers Antrag stieß auf den Widerstand der Linken, deren Redner, Ing. Reiß (Warschau), die Darlegungen Strickers als eine Einschränkung der „demokratischen Linie" des Kongresses bezeichnete, worauf der Kongreß beschloß, diese Frage dem Organisationskomit.ee zur Erwägung und Berichterstattung zuzuweisen. * In der gleichen Sitzung sprach Dr. Mayer Ebner (Rumänien). Er führte aus, daß ein einheitliches Judentum ohne Differenzierung von Parteien notwendig sei, da es um die Lebensfrage des Diaspora-Judentums gehe. Für die Tschechoslowakei referierte außer dem bereits erwähnten Rabb. Stränsky noch Fritz Jellinek und begründete einige konkrete Vorschläge und forderte Zusammenarbeit der Juden mit d,em Völkerbund, uu4 der internationalen V JPttM»» Auf die Ausführungen des Hochkommissärs Sir Neill Malcolm erwiderten Rev. M. L. Perlzweig (London) und Stephen W i s e. Der Witwe Israel Z a n gw i 11 s wurde eine herzliche Ovation dargebracht. Um Mitternacht gab Ing. Reiß die von uns unter dem Titel „Das Schicksal der Juden Polens" an anderer Stelle gebrachte Erklärung über die Lage der Juden in Polen ab. Schwierigkeiten bei der Debatte Aus Genf wird uns berichtet: Das Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses befaßte sich zu Beginn der Hauptaussprache mit einem Vorschlag, die Debatte überhaupt abzubrechen, nachdem eine Reihe Länderdelegationen infolge des seitens der diplomatischen Vertretungen der betreffenden Länder auf sie ausgeübten Druckes, nichts Ungünstiges zu berichten, sich in ihrer Berichterstattertätigkeit ge- Botschaift aus Palästina Der I. Jüdische Weltkongreß erhielt am 11. August ein Telegramm von David Ben Gurion, Mitglied der Exekutive (Palästina), das lautet: „In einer Zeit von Prüfung und beispielloser Verfolgung habt ihr euch versammelt. Grausame Feinde, das Zeichen Kains auf ihrer Stirne und die Lehre des Rassenhasses a.uf der Zunge, haben sich gegen uns im Galuth, wilde Räuberbanden gegen das Werk unserer Befreiung in Erez-Israel erhoben. Es droht die Gefahr, daß die Tore der Heimat geschlossen werden. Dringender denn je stellt uns diese Stunde vor die Vereinigung und Mobilisierung aller Kräfte zur Verteidigung. Laßt uns nicht den Nacken beugen vor jenen, die uns unsere Rechte nehmen wollen. Wir werden auf unsere volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung im Galuth nicht verzichten, und keinen Augenblick vor der vollen Verwirklichung des Traumes von unserer Erlösung in der Heimat zurückschrecken. Ich wünsche dem Kongreß, er möge den Geist des Volkes, seine Einheit, seine schöpferische Fähigkeit und seinen Kampf stärken, er möge dem Volk Kraft und Ehre geben, er möge seine Bemühungen stärken, die schnelle und volle nationale Befreiung in seinem Lande herbeizuführen." Ben Gurions Botschaft über die Lage in Palästina wurde in der «speziell der Palästina-Frage gewidmeten Sitzung vom 11. August abends gewidmet. Sämtliche Redner stellten fest, daß das Jüdische Nationalheim in Palästina von allen Mächten der Welt garantiert, vom Völkerbund in Obhut genommen und Großbritannien zur Verwaltung übergeben worden war; daß demnach eine Störung des Aufbaues des Nationalheims etwa durch Einschränkung der jüdischen Einwanderung und des Bodenkaufs einen Bruch des Mandats und des dem jüdischen Volk gegebenen Versprechens bedeuten würde. Die Redner stellten weiter fest, daß gemäß der Balfour-Deklaration und dem Mandat das jüdische Volk das Recht hat, seine Massen bis zur Grenze der Aufnahmsfähigkeit Palästinas im Lande anzusiedeln, wo sie sich frei entwickeln können. Durch die jüdische Arbeit im Lande werde kein Araber beeinträchtigt, im Gegenteil: Kapital und Arbeit der Juden haben den Arabern neuen Wohlstand gebracht und den arabischen Arbeitern angemessene Löhne und einen höheren Lebensstandard verschafft. Sämtliche Redner appellierten an die britische Mandatarmacht, das ihr anvertraute Mandat Uber Palästina dem Wortlaut und dem Geiste nach zu erfülen, die jüdische Einwanderung und die jüdische Aufbauarbeit zu erleichtern und die friedlichen jüdischen Arbeiter gegen die Elemente dßr Wüste in einer Weise zu schützen, daß allen weiteren Unruheversuchen vorgebeugt wird, hemmt fühlen. Insbesondere sind es die polnische, die rumänische, die österreichische, die litauische und die lettische Delegation, die erklärten, sie seien aus ersichtlichen Gründen nicht in der Lage, über die Situation der Juden in ihren Ländern die ganze Wahrheit zu sagen. Die Exekutive kam zu dem Beschluß, die Generaldebatte dennoch fortzuführen, aber ihr einen allgemeinen Charakter zu geben, so daß Uber die Lage der Juden in den erwähnten Ländern keine Sonderangaben erfolgen. Die polnische Delegation setzte eine Sonderkommission ein, die eine auf dem Kongreß zu verlesende Erklärung Uber die jüdische Situation in Polen abfassen wird. Es sprachen sodann Rabbi Edward Israel aus Baltimore, Dr. Mayer Ebner, Rumänien, Oberrabbiner Nurok, Lettland, I. Naiditch, Paris, und Berl Locker, Palästina. Naiditch schlug die Gründung einer internationalen Jüdischen Bank für Wirtschaftshilfe an die Juden in verschiedenen Ländern mit dem Sitz in London und Filialen in jenen Ländern, wo Juden unter wirtschaftlicher Diskriminierung leiden, vor. Beantragt wurde, daß der Kongreß unter Berufung auf Art. 124 der Sowjetverfassung von der Sowjetregierung fordern solle, daß diese den Juden alle beschlagnahmten Synagogen zurückgibt, und alle wegen Erteilung religiösen Unterrichts verhafteten Juden freiläßt. Der Politische Ausschuß befaßte sich mit diesem Antrag. W. Latzky-Bertoldi, einst Minister der ukrainischen Regierung, empfahl dem Politischen Ausschuß die Annahme folgender Forderungen, die dem Kongreß als Resolution und der Exekutive als Richtlinie bei ihren Verhandlungen mit der russischen Regierung dienen sollen: 1. Allen Juden, die Rußland verlassen wollen, soll die Erlaubnis zur Auswanderung erteilt werden. 2. Der hebräische Unterricht soll legalisiert und hebräische Literatur ins Land gelassen werden. 3. Die Verfolgung von Z i o n i s t e n soll aufhören, die verhafteten und verbannten Zionisten sollen freigelassen werden. 4. Die Regierung soll die Organisierung jüdischer religiöser Gemeinden mit juridischen Rechten, die Errichtung religiöser Schlachthäuser, Mazzoth-Bäckereien und anderer religiöser Institutionen durch die Gemeinden erlauben. 5. Erlaubnis zur Schaffung jüdischer Seminare zwecks Ausbildung von Rabbinern und Lehrern. Dr. S. Margoshes erklärte, die Lage der Juden in den Vereinigten Staaten bilde einen Silberstfeif an der Wolke des Weltantisemitismus. Die antisemitischen Gruppen in den USA, haben keine größere Bedeutung. Morris M y e r berichtete über die Lage in England und kündigte an, daß die britische Delegation einen Plan finanzieller Unterstützung an jede bedürftige jüdische Gemeinschaft unterbreiten wird. Pinchas Horowitz appellierte an die Juden, nicht den Mut-zu verlieren. Der hervorragende italienisch-jüdische Dichter Dr. Angelo Orviato (Florenz), Delegierter des Verbandes jüdischer Gemeinden Italiens, erklärte, das von Mussolini geführte Italien biete das e d e 1 s t e Muster völliger Gleichberechtigung der Juden. Dr. Gregory Wolf (Kaunas) sprach über den antideutschen Wirtschaftsboykott. — Der Kongreß - veranstaltete eine erhebende Gedächtnisfeier für Nahum S o k o 1 o w, Leo M o t z k i n, Bernard S. Deutsch, Reichsrabbiner Angelo Sacerdoti und Dr. Victor Jacobson. (J. T. A.) Fortsetzung der Diskussion In der Morgensitzung vom 11. d. wurde die Generaldiskussion fortgesetzt. Es sprachen: Abraham Goldberg (New York), Joseph Fränkel (Oesterreich), Rabbi Sagalowitsch (Belgien), Maurice Laseron (Aegypten), Leon R e c a n a t i (Griechenland), Elie Gozlan (Algerien), E. N. Prylucki, R. Z ilb erst ayn, Rabbi S. Brot (Polen), J. Hamburg und S. Singer (Rumänien). Abraham G o 1 d b e r g forderte in seiner Rede den Jüdischen Weltkongreß auf, eine Kommission einzurichten, deren Aufgabe es wäre, die Abwesenden zu sammeln und Einigkeit und Vollständigkeit zu stärken. Er betonte, daß die Erklärung der polnischen Delegation in sich selbst 'bereits eine Rechtfertigung für die Einberufung eines Jüdischen Weltkongresses ist, da er fähig war, die Einigkeit zwischen allen Fraktionen der polnischen Delegation herzustellen. Inu* ausländische Hausbesitzer verwalten ihre I WIENER durch behördlich konz. Realicätenkanzlei | Dr. MAIR PAIS §| Wien I, Franz Josefs >Kai 1, Tel. R-21-5-30 s Erstklassige Referenzen!

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