Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 585 (14.8.1936)
- Date
- 1936-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 585 vom 14. August 1936 a ■ Jeden SoanCar» billige t-enen- . Sondetiotirten mit der (lern, Allg. Zeitung nach POLEN und CZERNOWITZ I Nächste Abfahrten: 16. und 93. August 19)6 I , »Äelding?.n *»««*«»» » » »•« H Keisebüro I 1 a r1 *11 » 11 « g H e". l, ttotenturnutr. 96, R-24-2-S6.87 S ,M schaftliche Gesetze und administrative Maßnahmen in Mittel- und Osteuropa wird ein jüdischer tferufsstand nach dem anderen seiner Arbeit und Existenz beraubt. Maßlose antisemitische Verhetzung und Boykottterror werden in vielen Ländern von den Regierungen geduldet und sogar gefördert. So besteht heute in Europa em Judenproblem, wie es seit vielen Jahrhunderten in diesem Ausmaß nicht existiert hat. Es handelt sich bei der Judenfrage heute nicht tnehr um Wahrung der Mincritätenrechte und fast nicht mehr auch um Wahrung der bürgerlichen Gleichberechtigung, sondern um die Frage der elementarsten physischen Existenz. Täglich gibt es Exzesse gegen Juden, Ueberfälle, Pogrome. So leben heute im Herzen Europas Millionen Juden als verfemte und verfolgte Parias; sie werden ökonomisch expropriiert, politisch terrorisiert und faktisch als Fremde behandelt. Und was das Schlimmste ist: die öffentliche Meinung der Welt, die die einzige Appellationsinstanz ist, wird immer stumpfer. Ein Wort über das jüdische Problem in Deutschland: Der Kampf gegen die Juden politik des deutschen Nationalsozialismus wird von den Juden weitergekämpft werden müssen, solange diese Politik, besteht. Es geht nicht allein um die Rechte der deutschen Juden, denn der Nationalsozialismus hat die Diffamierung des Gesamtjudentums proklamiert, und wo immer in der Welt gegen Juden gehetzt wird, ist die deutsche Propaganda daran beteiligt. Der Irrglaube mancher deutscher Juden, daß die Lösung in der Schaffung eines neuen jüdischen Ghettos in Deutschland bestehen könnte, ist absurd. Juden können nach einem Jahrhundert der Emanzipation gleichberechtigt leben oder als Parias untergehen. Die Rückkehr ins Ghetto ist ihnen nicht mehr gegeben. Deswegen kann es kein Kompromiß mit der nationalsozialistischen Judenpolitik geben, vielmehr muß der Kampf so lange weitergehen, bis das deutsche Judentum wieder im vollen Besitze seiner Gleichberechtigung sein wird. Der Aufbau Palästinas bedeutet nicht die Preisgabe der Gleichberechtigung, denn ohne ein starkes Galuth-Jüdentum im Rücken wird auch das jüdische Palästina nicht die Funktionen erfüllen können, um derentwillen es geschaffen wird. Die Judenfrage in Rußland ist eine Konsequenz der allgemeinen Tendenzen des dortigen Regimes. Nirgends ist die Gleichberechtigung der Juden mit mehr Konsequenz durchgeführt wie dort, und die Regierung hat auch vieles getan, um die jüdischen Massen zu produktivieren. Um so bedauerlicher ist es, daß Zionisten in Rußland verhaftet werdeh, die hebräische Sprache faktisch in Bann getan ist'und russischen Juden, die sich mit diesen Zuständen nieht abfinden können, nicht einmal die Möglichkeit der Auswanderung gegeben ist. Diese Haltung der Sowjetregierurig ist sinnlos. Ebenso absurd ist fes; 'daß'der Korhmühismus in der Welt In dem Kampf des jüdischen Volkes in Palästina Partei gegen uns nimmt. in der Zeit der unfaßbaren Verschlechterung der jüdischen Situation ist das Wunder des jüdischen Palästinas verwirklicht worden und ist dort ein Judentum entstanden; das stark genug ist, einem vier* monatigen . brutalen Terror Stand zu halten. Aber auch die allgemeine Weltlage darf das Judentum nicht verzweifeln lassen. Die Geschichte hat uns Geduld und langen Atem-gelehrt. ' Es dauert manchmal lange, bis sich der Rechtsgedanke durchsetzt, aber er setzt sich durch. ' Das jüdische Volk wird auch diese schlimme Zeit überdauern. Wir müssen uns organisieren, unsere Rechte immer wieder proklamieren. * Der Kongreß hielt seine zweite Sitzung am Sonntag, den 9. August nachmittag, ab. Es wurde eine Reihe Ausschüsse gebildet, darunter ein politischer Ausschuß, ein'Ausschuß zur Veretidigung der Juden vor dem Antisemitismus, ein Boykottausschuß, ein wirta c h a f t .1 i c h e r und ein finanzieller Ausschuß. Der zweite Sityungsiag Sachliche Beratungen Seine zweite Sitzung, die sachlicher Beratung gewidmet war, hielt der Weltkongreß am Sonntag, den 9. d., nachmittags ab. Der jüdische Soziologe und Statistiker Jakob Lestschinsky hielt ein Referat über „Die Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa". Drei große Nachkriegsereignisse — so führte er aus — haben die ökonomische und rechtliche Lage der jüdischen Massen in der Mehrzahl der europäischen Länder in einer Weise radikal geändert, daß die Frage der nationalen Existenz des jüdischen Volkes ganz neu gestellt ist: 1. Der Sieg der mittelständischen Ideologie und des mi'ttelständischen Wirtschaftssystems gebar einen ökonomischen Nationalismus, der zur Hinausstpßung der jüdischen Massen aus ihren wirtschaftlichen Positionen und zu ihrer Isolierung innerhalb der Gesellschaft geführt hat. 2. Der Zerfall der großen Nationalitätenstaaten (Rußland und Oesterreich) stellte die jüdischen Minderheiten zahlreichen nationalen Mehrheitsvölkern gegenüber, die in einem rapiden Tempo einen Prozeß der Kommerzialisierung durchmachen und .in der jüdischen Mittelschicht eine scharfe Konkurrenz sehen. Die Nationalisierung der Städte geht über die Köpfe der Juden hinweg, die bis dahin das maßgebende Element in den. Städten waren. 3. Die ungeheuer schnelle und intensive Assimilation der jüdischen Massen in Sowjet ruß 1 a nd, wo sie absolute wirtschaftliche und juridische Gleichberechtigung genießen, hat eklatant erwiesen, daß auch bei faktischer Gleichberechtigung die Existenzfrage der Juden als Volk weit von einer Lösung entfernt ist. Wo der Mittelstand zur Macht gekommen ist — das ist der Fall in Ländern, wo fÜnf Millionen Juden leben (Deutschland, Oesterreich, Polen, Rumänien, Litauen, Lettland) — geht der Prozeß der Entrechtung und der grausamen Hinausstoßung vor sich. Die Besserung des Schicksals dieser fünF Millionen entrechteter und ökonomisch ruinierter Juden muß die Hauptsorge des Jüdischen Weltkongresses sein. Von den 500.000 Juden, die Anfang 1933 in Deutschland gelebt haben, verblieben dort noch 40Ö.000; 130.000 zerstreuten sich , über mehr als 60 Länder. Die ökonomische Ausglicderung der deutschen Juden vollzog sich durch Hinausatoßung ans den Intelligenzberufen im Gesetzeswege und durch ihre Isolierung in der Wirtschaft durch ungesetzliche Methoden, wie Verbot an öffentliche Institutionen, Beamte, Parteimitglieder^ usw., bei Juden zu kaufen, Schaffnug von Markt-Ghetti, durch Boykottterror vor den jüdischen Geschäften und durch Expropriierung, das heißt durch den gegen jüdische Großfirmen ausgeübten Zwang, ihre Geschäfte an Arier zu ganz niedrigen Preisen abzugeben. Das Resultat in wenigen Jahren ist, daß, abgesehen von der ungeheuren Auswanderung, 20 bis 22 Prozent aller deutschen Juden auf Wohltätigkeit angewiesen sind. Rein wirtschaftlich verschlimmert sich die Lage der österreichischen Juden, wenn auch dort der Ausgliederungsprozeß -in .zarteren Formen, vor. sich geht. In Polen, Rumänien, Litauen und Lettland wurden gesetzliche Beschränkungen gegen die Juden nicht eingeführt, aber faktisch werden die Juden auf vielen Gebieten eingeschränkt. In Staatsunternehmungen sind die Juden vollkommen ausgeschaltet. gegenüber. Die Zahl der "Juden; die auf Auswanderung" angewiesen sind, um sich dem wirtschaftlichen, zuweilen auch dem politischen Druck entziehen zu können, wird heute» auf j ä h r 1 i c h, 200.000,, davon 120.000 allein in Polen, geschätzt. Die jüdische Emigration der Nachkriegsjahre beträgt aber jährlich weniger als 50.000, also kaUm ein Drittel derjenigen der Vorkriegsperiode. Dabei geht die Mehrzahl der Auswanderer nach Palästina. Üie Verschlechterung der jüdischen Erhigrations-« läge gegenüber der Vorkriegsperiode ist auf gesetzliöhd Einschränkung der Zahl der Einwanderer in den ein-: zeihen Staaten, auf die Praxis der Einwanderungsbehörden zurückzuführen. Die jüdische Emigration stellt heute nicht nur , ' ein sozialpolitisches, sondern vor allem ein wirtschaftliches und nationales Problem dar. Die Hilfsarbeit für die jüdischen Emigranten Ist somit. «U jüdischer Emigrationspolitik umzubauen. Aufgäben einer solchen Emigrationspolitik wären! a). Maximale Ausnutzung, der existierenden Einwähd'erungsmöglichkeiten; b) Schaffung von neuen Einwanderungsmöglichkeiten; c) Organisierung und berufliche Ausbildung der Auswanderer; d) erneuter Uebergang zur Kolonisationsarbeit. Eine Konsolidierung aller auf dem Gebiete. der jüdischen Emigrations-arbeit tätigen Faktoren und eine möglichst breite Verankerung dieser Arbeit in den Volksmassen ist notwendig. Das jüdische' Emi'grationsproblem muß in seiner ganzen Breite vor'den Äugen der Kulturwelt aufgerollt werden, damit die Mächte zu einem Eingreifen veranlaßt werden.' Daraus erwächst die Notwendigkeit des Anschlusses des gesamten jüdischen Emigrationsapparates an den J ü d i sehen Welt ko ngreß, der der, Emigrationsarbeit den starken gesellschaftlichen und nationalen Hintergrund zu sichern und Verhandlungen mit den einzelnen Regierungen sowie mit dem Völkerbund und den anderen internationalen Körperschaften auf sich zu nehmen vermag. Der Kongreß .soll auch den Plan eines jüdischen Em i grta t i o n skongresses und einer jüdischen Emigration sb a n k verwirklichen. kauft man für Jähr zehntel Ihre Möbel müssen daher nicht nur schön und modern, sondern auch gut und dauerhaft sein. Viele, die mir vertraut haben, sind bestens zufrieden, da meine Möbel trotz hoher Qualität auch zeitgemäß billig sind. Große Auswahl Tei.izah lungen! Möbelhaus IdaSmaiHi, ¥IB8, lerchenfelderstr; 12 In allen vier Ländern befindet sich der Kreditapparat zu zwei Dritteln oder zwei Fünfteln in den Händen des Staates und kommt der herrschenden nationalen Mehrheit in ihrem Kampf gegen den jüdischen Mittelstand zugute. Die ganze Kapazität der Regierung auf ökonomischem Gebiet wird im Interesse des jungen nationalen Mittelstandes zum Schaden des jüdischen. Mittelstandes ausgenützt. Das Resultat ist eine ungeheure Deklassierung und Verarmung der jüdischen Massen. In Litauen und Lettland sind 25 Prozent, in Polen und Rumänien 35 Prozent der jüdischen Bevölkerung auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Handel und Handwerk, wo zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung tätig sind, sind von einem Tag auf den anderem mit Untergang bedroht, die jüdische Intelligenz ist verzweifelt und hoffnungslos, der Abteilungsprozeß der höheren und mittleren jüdischen Schicht nimmt katastrophale Formen an, die jüdische Jugend* erstickt in dem neugeschaffenen sozialen und kulturellen Ghetto. Die jüdischen Massen versuchen, in die Kleinindustrie, in die Großindustrie einzudringen. Da man ihnen Widerstand entgegensetzt, werden sie zu billiger Schwarzarbeit gedrängt. In den letzten fünf- Restaurant Stefanie Hugo u. Julie Herlinger geb. Zollner iKr J ||, Taborstraße 12 Bekannt gute Küche, gepflegte Getränke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Garten zehn Jahren ist die Zahl der jüdischen Arbeiter in Polen von 200.000 auf 300.000 angewachsen, bildet aber immer noch einen kleinen Prozentsatz der zur Arbeit drängenden deklassierten und verarmten Judenmassen. Die katastrophale Lage der Juden in den erwähnten Ländern bringt eine Anarchie und eine Panik in das gesamte Wirtschaftsleebn dieser Länder und desorganisiert und paralysiert die normale ökonomische Entwicklung. Judisdie Emigration und Emogrationspolitik Dr. A. Tartakower (Lodz), referierte über „Jüdische Emigration und jüdische Emigrationspolitik". Das jüdische Emigrationsbedürfnis, das bereits vor dem Weltkrieg überaus groß war, ist gegenwärtig um ein Vielfaches jener Periode gestiegen. Dem stehen nur sehr wenige Emigrationsmöglichkeiten Indische Soziallulfe In seinem Referat über „Ziele und Methoden der jüdischen Sozialhilfe" führte der Präsident des Verbandes jüdischer Gesellschaften in Frankreich Dr. I. Je- Ir'oykin aus, die jüdischen philanthr.opls.chen Einrichtungen, bisher die Spitze der jüdischen öffentlichen Tätigkeit darstellend, seien angesichts der neuen immensen Aufgaben völlig unzureichend. Deswegen muß der Kongreß ein Z e n t r a Ii büro für jüdische soziale Hilfe schaffen. ' Jefroykin forderte die Schaffung einer Zentralen jüdischen Volkshilfe, die der Verwaltung des vom Weltkongreß zu schaffenden ZentraibÜros für jüdische Sozialhilfe zu unterstellen wäre. Dieser Volksfonds soll diejenigen Judengruppe'n unterstützen, die durch antisemitische. Verfolgung oder internationale Katastrophen notleidend geworden sind. Die Ereignisse der Nachkriegszeit, insbesondere die ernste Lage der Juden in Polen, - die Tragik der Juden in Deutschland, die Not der Judcnheiten in den anderen mittel- und osteuropäischen Ländern, haben dazu geführt, daß das jüdische Hilfswerk einen internationalen Charakter angenommen hat. Sämtliche Jüdische Gemeinden, Vereine und Organisationen der Welt, welche immer ihre Aufgaben auch sein mögen, haben sich mit einem bestimmten Prozentsatz ihres Budgets an der Bildungund der Erhaltung dieser „Jüdischen Volkshilfe" (J. V. H.), zu beteiligen. Das jährliche, jüdische Sozialbudget in aller Welt wird auf etwa 50 Millionen Golddollar geschätzt. Wenn nur ein geringer Prozentsatz hievoh in den Fonds der „Jüdischen Volkshilfe" fließt; würde allein dies eine solide und permanente Basis für den Fonds bilden. . * Die Organisation des Kongresses Leon Kubowitzki erstattete in der gleichen Sitzung Bericht über die Organisation des Kongresses. Das Organisationsstatut für die weiteren Kongresse muß vorsehen, daß die Delegierten auf demokratischer Grundlage mit einem vierjährigen Mandat gewählt Werden. Der Kongreß soll jedes zweite Jahr, der vom Kongreß eingesetzte Zentralausschuß jedes halbe Jahr zusammentreten. Nach Kubowltzkis lief erat nahm der Kongreß den Bericht des Veriflzlerungsausschusses entgegen, an den sich eine lebhafte Debatte knüpfte. Takte fade Au$miVnwk übernehme Interventionen, Inkassi usw. günstigst. »Unter „Sehr verläßlich" an die Administration dieses Blattes