Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-08-14 · Heft 585 (14.8.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 585 (14.8.1936)
Date
1936-08-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712210--5959-2719648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

PffiiS 20 GrOSCh6ll freffag,dten 14* AugustWH* f *« f ahrgang Nr« 585 V+b«b« Zeitung vom Verleger versendet „Journal expMIö par T6dJteur" BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, »«azjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Bamänlen monatlich Lei 40.—. vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—. vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lira 14.—: Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit B bezeichnet« Anzeigen sind entgeltlieh. Redaktion u. Verwaltung: IX, UniversUätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitaft Der I. Jüdische Weltkongreß Narfitrag von der Eröffnungssitzung REVU HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER ORBIS POLEN Abfahrt: Jeden Sonntag Anmeldungen: Poln. Reisebüro „O R BIS" l. KSmtnerstrane 41, R-21-5-78 Oesterreichisches Verkehrs-Biiro f. Frietfrichstrane 7, B.sr-soo, i. Graben 20, u-s9.o*3i Die Leidtragendem die Juden Die spanische Revolte hat sich aus kleinem Format zu einer gewaltigen Kraftprobe zwischen zwei Gruppen und zwischen zwei politischen Anschauungen entwickelt. Sie gibt Anlaß zu Betrachtungen aller Art, vornehmlich zu Auseinandersetzungen, welche je nach Sympathie oder Antipathie ihren Ausdruck auch in der. Weltpresse finden. Die Gefahr internationaler Verwicklungen wurde durch die Anstrengungen Frankreichs, zu einem allgemeinen Neutralitätsabkommen zu gelangen, vorerst gebannt. Aber nur gebannt. Vorüber ist diese Gefahr noch nicht. Inzwischen geht der Kampf. weiter: Gemetzel,„Terror, Verwüstungen, Menschenopfer... unter'•^'emJ^Aspekt weltanschaulichen Ringens. Wir Juden müssen auch ideologisch Zurückhaltung üben. Keinerlei Wohlwollen oder Mißwollengegenüber einem der kämpfenden Teile vermag unsere Situation zu klären. Auf jeden Fall sind wir Mißdeutungen ausgesetzt: Wir können nicht sagen, daß die Aufständischen, die sogenannten Nationalisten, ihrem. Kampf gegen die spanische Republik den Sinn einer Abwehr des Bolschewismus unterschieben. Wir hüten uns, auszusprechen, daß die legitime Regierung Spaniens tatsächlich in der Lage sein wird, Spanien das seelische Gleichgewicht zu geben, dessen es' so sehr bedarf. Rechts oder links — wir befinden uns in der Klemme. Wir liegen in der Mitte, bedroht so lange, als der Kampf fortdauert.: Die b o 1 s c h e w i s t i- ■ sehe Knute hat uns viele, zu viele Opfer gekostet. (Der Jüdische Weltkongreß in Genf weiß' Erschütterndes darüber zu berichten.) Der antisemitische. Rechtsradikalismus schürt überall gegen uns und will uns sogar für die spanischen Vplksfrorit-Grausamkeiten verantwortlich machen. Wir weisen .beiderlei, Deutungen, Unterstellungen, Verdächtigungen zurück. Wir verkennen die Gefahren nicht; die uns von der. extremen Rechten oder extremen Linken drohen. Was wir — auch für Spanien — wünschen, ist die Wiederherstellung der Ruhe, die Schaffung eines Zustandes, der ein Leben nach den Gesetzen menschlich-sittlicher Ordnung gewährleistet. Wie wir den Vorwurf zurückweisen, daß jüdisches Kapital die aufständischen Nationalisten unterstützt, so lehnen wir die Verleumdung ab, daß es jüdische Drahtzieher der kommunistischen Wühlereien in Spanien gibt. Wieder sind es nationalsozialistische, hakenkreuzlerische Stimmen, die uns verdächtigen, ah den spanischen Greueln als Urheber beteiligt zu sein. Wir sind weder die Urheber noch die Nutznießer. Wir Juden sind die Leidtragenden der tragischen Geschehnisse in Spanien. Londoner Meldungen besagen, daß die auf-' ständischen Generäle jüdische Bewohner marokkanischer Städte mit Kontributionen belegen. Aus Paris kommt die J,-T.-A.-Nachricht: „Bei einem in Barcelona gefangenen Offizier des aufständischen Heeres wurde ein Programm gefunden, das von den Aufständischen nach ihrem Siege verwirklicht werden sollte. Punkt 4 dieses Programmes lautet: Austreibung der Juden aus Spanien. Meldungen aus Spanisch-Marokko be* sagen, daß sich die Lage der Juden, und zwar sowohl der eingeborenen als auch der zugewanderten, immer tragischer gestaltet. Die jüdischen Banken werden gezwungen, die Aufstandsbewegung finanziell zu unterstützen. Die alteingesessenen Juden sind meist Abkömmlinge der im Mittelalter aus Spanien vertriebenen. Daneben gibt es eine auf niedriger sozialer Die Eröffungsrede des Präsidenten Dr. Stephen W i s e gipfelte in der Feststellung, daß es das Ziel des Kongresses sei, sich darüber klar zu werden, welche Maßnahmen zur Rettung der vom Untergang bedrohten großen Teile der Judenheit zu ergreifen wären. Der Jüdische Weltkongreß wird, führte Stephen Wise aus, die folgenden Funktionen ausüben: 1. Die Juden der verschiedensten Länder und der verschiedensten Ansichten, die sich auf keinem anderen Felde treffen, hier zusammenzubringen. 2. Die Juden auf einer neuen Ebene zusammenzubringen — nicht auf einer des Gebens und Nehmens, sonders des Austausches von Meinungen über alle jüdischen Probleme zum Zwecke ihrer Lösung. 3. Die Juden des einen Landes werden sich mit den Problemen und den Erfahrungen der Juden anderer Länder befassen und sich Rat holen. Dr. Stephen Wise fuhr fort: Antisemitismus ist eine Herausforderung nicht nur an die Juden, die am meisten durch ihn betroffen werden, sondern er ist eine Herausforderung an die Zivilisation, die in der westlichen Welt den Namen Christentum trägt. Diese christliche Zivilisation kann' es sich weder vom moralischen noch vom geistigen Gesichtspunkt leisten, es einzig, und allein den unmittelbaren jüdischen Opfern zu überlassen, eine Antwort auf den Antisemitismus zu geben. : 1,. ' Der AnttWemlHsnitt^' ist" eines der-' größten" Probleme der Zivilisation, denn er stellt die Zivilisation in Frage. Hätten sich die. Weltmächte dem Hitlcrtum zu einer Zeit entgegengestellt, als es . noch wenig mehr denn eine antisemitische Wahlparole war, so hätte vielleicht heute die westliche zivilisierte Welt nicht aufgefordert werden müssen, sich der stetig zunehmenden Gefahr dieser wachsenden barbarischen Macht, die Nazi-Deutschland heute darstellt, entgegenzustellen. Wie dem sei, wir Juden müssen eine Antwort auf den Antisemitismus geben. Der Mangel an einer Organisation der Judenheit war eine Ermutigung für unsere Feinde und ein Antrieb für sie, uns anzugreifen. Der Mangel an einer Organisation der Judenheit ist es auch, der an der Indolenz der außerjüdischen Welt die Schuld trägt. Warum sollte sich die öffentliche Meinung der Welt die Mühe geben, jüdische Probleme anzurühren, wenn die Juden selbst — abgesehen von Momenten besonderen Druckes und erhöhter Angst — sich der Sorglosigkeit hingeben? Wie sollten sich die Nichtjuden mit dem Schicksal der Weltjudenheit befassen, wenn es eine organisierte Weltjudenheit gar nicht gibt? Hätten einzelne Menschen oder ganze Nationen es gewagt, die Juden so brutal zu behandeln, hätten sie nicht eine vollkommen unorganisierte Gemeinschaft vor sich gesehen, die weder bereit noch willens ist, sich zu verteidigen, es sei denn durch unorganisierte und unkoordinierte Proteste, hinter denen sich stets die Furcht verbarg, daß die Menschen oder Gruppen, die diese Proteste unterzeichneten, als miteinander in Beziehung stehend denunziert werden könnten? Der Erste Jüdische Weltkongreß repräsentiert noch nicht alle Juden, er ist erst ein vorbereitender Schritt zur Organisation der Weltjudenheit, aber er repräsentiert schon heute große Massen des jüdischen Volkes in den Ländern, in denen die Juden in Massen leben, ich nenne nur: Vereinigte Staaten, Polen, Palästina. Der jüdische Jischuw in Palästina ist wie nie zuvor auf die Probe gestellt worden, er besteht sie mit grenzenlosem Mut und edelstem Heldentum. Ein Volk, Stufe stehende, einen berberischen Dialekt sprechende Schicht von ackerbautreibenden Juden." Juden flüchten, Juden ergreifen den Wanderstab. Kaum der Hakenkreuz-Hölle des Dritten Reiches entronnen, nach Spanien gekommen, um hier ein neues Leben zu beginnen, werden sie gezwungen, ins Ungewisse zu gehen .. das Leid tragend, das ihnen das Schicksal der Minderheit aufgebürdet hat.;. welches trotz schwerster direkter Provokation sich weigert, in Verteidigung seiner selbst und seiner heilig-' sten Güter zur Gewalt zu greifen, hat seine Fähigkeit, ein nationales Leben aufzubauen, unter Beweis gestellt. 't Der Jüdische Weltkongreß, schloß Dr. Wise, zieht weder die Möglichkeit eines jüdischen Staates, noch eine? jüdischen Ueberstaates in Betracht, auch wird der Kongreß keine Klagemauer sein. Es soll keiner Gruppe furchtsamer oder assimilationssüchtiger Juden gelinget, den Kongreß als den Ausdruck des Willens und der Zielstrebigkeit eines Volkes zu negieren. Wohltätigkeit iat am Platze, wenn wenige in Not sind, die Mehrheit aber in gesicherten Verhältnissen lebt. Aber solange Hitlerismus existiert, ist mit Wohltätigkeit allein nichts . getan» tun in erster Reihe Selbstschutz, Selbstverteidigung — nicht mit physischer Gewalt, sondern moralisch, politisch und wirtschaftlich — not. Die; zionistische Bewegung stellt die erste' An-. strengung dar, jüdisches Leben und jüdische Werte . zu verteidigen. Wir wollen in diesem Sinne weiter gehen." Diejenigen jüdischen Körperschaften apostrophierend, Mie aus heimatlichem Patriotismus eine gesamt jüdische.' Organisation ablehnen, wie Bnei Brit, Hilfsvereü} der. Juden in Deutschland, Anglo-Jewish Board of . Deputies,: American Jewish Committee usw., stellte Dr. Wise fest, daß es nicht Engländer , oder Franzosen oder Amerikaner oder Belgier' sind,vdie angegriffen werden, sondern. Juden,-' Juden, Juden. Die' Juden sind ein Volk. Die Hitler^FUrie^' ist gegen, die jüdische ,Rasse losgelassen, auch gegen die' Angehörigen des mosaiischen Glaubens, die gestern nicht Juden sein wollten und heute nicht Deutsche sein können.; Dr. Wise wandte sich an ' diejenigen, die dem Kongreil ferngeblieben sind, weil sie seit den Tagen Theodor H e r z 1 s nichts zugelernt haben. Wie wird, sagte er, di* Geschichte über diejenigen „guten Juden" urteilen,- die auch angesichts einer grenzenlosen Unterdrückung, ökonomischen und politischen Unsicherheit und kulturellen Sterilität es abgelehnt haben,'mit ihren, jüdischen Brüdern zusammenzukommen. Ueber uns, die wir eine große Verantwortung übernehmen, wird die Geschichte jedenfalls urteil««, daß wir ohne Furcht an eine große Aufgabe herangetreten sind. Wir glauben an unsere Fähigkeit, unser eigenes' Volk zum Verständnis seiner Aufgaben zu bringen und an das Gewissen der Menschheit zu appellieren." Langanhaltender Beifall scholl dem ausgezeichneten Redner und glühenden jüdischen Patrioten entgegen. Nahuan Gold mann zur jüdischen Weltlage Dr. Nahum Goldmann als Bevollmächtigter der, Zionistischen Organisation und des Comite" des Dölegations Juives bei den internationalen Instanzen in Genf, hielt das Referat über die Lage der Juden in der Welt und versuchte, die allgemeinen Grundlinien aufzuzeigen, die die heutige jüdische Situation kennzeichnen. Er führte ungefähr aus: Das entscheidende Charakteristikum der jüdischen Lage in den Ländern der Diaspora ist, daß das Judentum nicht Herr seines Schicksals ist; Man hatte nach dem Weltkriege geglaubt, daß es mit-einem großen Sprunge möglich sein würde, eine gesicherte Rechtsordnung im Zusammenleben der Völker zu. stabiUsieren. Die letzten Jahre haben bewiesen, daß dieser Glaube eine Illusion war. Wir stehen heute in der dramatischen Phase einer historischen Auseinandersetzung und wir sind in der ersten Reihe ihre Opfer. Wir sind überall eine schwache Minorität. und daher wenden sich die Gewalttendenzen der Zeit in erster Reihe gegen uns. Die neue Rechtsordnung nach dem Weltkrieg hatte den Juden die Emanzipation in Ländern gebracht, .in denen sie vorher nicht durchgeführt war, und hatte ihnen in * den verschiedenen Friedensverträgen Minoritäterirechte gewährt, garantiert durch den Völkerbund. Diese Garantie bedeutet heute fast nichts mehr, weil der Völkerbund nicht mehr die Macht hat, den Schutz der Minoritäten durchzuführen. Auch die Garantie der jüdischen Rechte durch' die einzelnen Konstitutionen bedeutet heute .nur sehr wenig. Mit Ausnahme des Dritten Reiches hat zwar kein europäischer Staat bisher die jüdische Cleichberechti.» gung offiziell annulliert, aber faktisch wird sie dauernd mit Füßen getreten. Durch „V/ahlrechtsforhieh'' wird ihnen in vielen Ländern die Möglichkeit einer parlamentarischen Repräsentanz genommen. Durch wirt*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.