Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 584 (11.8.1936)
- Date
- 1936-08-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 584 vom 11. 'August 1938 DIU NBÜÄ WEIT Seit« 3 Die Arbeil des Jüdischen Weltkongresses Von unserem Korrespondenten Caf 6 Freiwirth II. Pratetstraße <tls modernstes Familien-Cafe vollständig renoviert Eröffnung Donnerstag, den iS. August Au aller Welt Wohnbauaktion für Juden in Saloniki Die Regierung hat der Organisation zur Errichtung von Wohnhäusern für die seit dem Brand des Carupbejl-Viertels nur notdürftig untergebrachte ärmere jüdische Bevölkerung «leben Millionen Drachmen zur Verfügung gestellt. Exzesse in der Bukowina In der Stadt Stanesti (Bukowina) kam es nach einer Versammlung der Cuzistcn zu Angriffen auf jüdische Passanten, auch wurden in zahlreichen jüdischen Wohnungen die Fensterscheiben eingeschlagen. Auch in Putila haben antisemitische Exzedenten jüdische Passanten attackiert. Die jüdischen Einwohner Alter Aberbach, Chaskel Linder, Hendel Kroncnfcld, Maicr Linder und Hermann Bermann wurden mißhandelt. — Beim Besuch des katholischen Bischofs Robu in der Gemeinde Moldawitza wurde er auch von , einer jüdischen Delegation begrüßt. In der Antwortrede sagte Bischof Robu, die katholische Kirche verurteile aufs schärfste Judenverfolgungen. Juden nach Peru Die HIAS-ICA-Emigration Association (HIOEM) gibt bekannt, daß mit Rücksicht auf die MögUchkclt einer verstärkten jüdischen Einwanderung in P e r u in nächster Zeit die Arbelt de« Verbandes auf diese» Land ausgedehnt wird. Das Einwandererhilfskomitec in Peru wurde reorgaidsicrt und steht gemeinsam mit den dortigen jüdischen Organisationen den Einwanderern — es kommen jetzt monatlich etwa «30 Einwanderer an — bei. In Peru leben 1500 Juden, die hauptsächlich in Lima und Coloa konzentriert sind. Nach Palästina Der Dampfer „Galilä a" hat soeben 430 jüdische Einwanderer, unter ihnen rund 300 aus Polen und 62 Jugendliche aus Deutschland, nach Haifa gebracht. „Finsternisprobe" für Huligans Im Stadtteil Lcszno (Warschau) ... drangen Huligans gegen 10 Uhr abends in einige jüdische Wohnungen ein und demolierten die Einrichtung. Zerstört wurde die Wohnung der Witwe Silberberg. Ein Rabbiner wurde barbarisch mißhandelt. Der 16jährige Ber Ucze wurde erheblich verletzt. Während der in Warschau zwecks Prüfung eines von Flugzeugen unternommenen „Gasangriffs" durchgeführten /.Finsternisprobe" nützten Huligans die Finsternis aus, um in einer Reihe jüdischer Geschäfte und Wohnungen in den nichtjüdischen Vierteln von Warschau die Auslagen- und Fensterscheiben zu zertrümmern, Petition an den Völkerbund Acht Weltverbände, unter ihnen das American Jewish Committee und die Alliance IsraeUite Universelle, haben dem Völkerbund eine vierzigtausend Worte umfassende, mit Dokumenten belegte Petition unterbreitet, in der gefordert wird, daß die nächste Völkerbundversammlung sich mit der Lage der Juden in Deutschland befasse. In der Petition wird darauf hingewiesen, daß die gesetzgeberischen Maßnahmen in Deutschland in ihren Auswirkungen auch internationale Rechtsverhältnisse berühren und daß die Massenauswanderung die Gefahr einer Verschärfung schwieriger Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt anderer Länder mit sich bringe. < Antisemitismus in U. S. A. Eine kolportierte antisemitische Aeüßerung des Vorsitzenden der Republikanischen Partei und Leiters der Wahlkampagne für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Alfred L. Landon, Mr. John Hamilton, hat dazu geführt, daß zwei führende jüdische PersönUohkeltcn aus Kansas City sich an den Präsidentschaftskandidaten Gouverneur Landon in dieser Sache gewandt haben. Nach Rücksprache mit ihm gaben sie die Erldärung ab, daß der republikanische Präsidentschaft«- kadldat frei von Antisemitismus und sonstigen Vorurteilen religiöser oder anderer Art sei. Im übrigen wird in der Erklärung gesagt, daß Roosevelt und Landon, beide Kandidaten der großen Partelen, der Demokraten und Republikaner, von Juden nach den die amerikanische Nation bewegenden Fragen beurteilt werden müßten und dementsprechend auch eine Wahl erfolgen soUtc. Jüdische Gemeinden in Abessinien Das Mitglied des Rates des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens, Adv. Carlo Alberto V i t e r b o, hat sich nach Addis Abeba begeben, wo er sich längere Zeit zwecks Gründung einer jüdischen Gemeinde in der abesslnischen Hauptstadt und einer zweiten in der als Handelsknotenpunkt wichtigen Stadt D i r e D a u a, wo mehrere hundert jüdische Familien wohnen, aufhalten wird. Adv. Viterbo wird in Abessinien in engen Kontakt mit den Fallasch a-Siedlungen treten. Goga bea Hitler Wie aus Berlin gemeldet wird, wurde der seit einiger Zeit in Berlin weilende Chef der antisemitischen , christlichnationalen Partei Rumäniens, Octavian Goga, von Adolf Hitler in einer längeren Audienz empfangen. Goga hat auch mit anderen politischen Persönlichkeiten des Deutschen.Reiches wichtige Unterredungen gepflogen. Noch vor kurzem haben Octavian Goga, Prof. C u z a und Vaida Voevod ausposaunt, daß sie demnächst die Regierung in Rumänien übernehmen werden. Die beiden ersteren sind nicht nur Anhänger einer extrem-antisemitischen Richtung, sondern auch Befürworter einer prodeutschen und antifranzösischen Orientierung Rumäniens. Durch das energische Eingreifen des Außenministers Tituiescu wurden sie vorläufig in den Hintergrund gedrängt. Genf, 9. August. Die erste Sitzung des Jüdischen Weltkongresses — eine Nachtsitzung im festlich beleuchteten Saal des Cohseil General — hat rund 300 jüdische Delegierte aus der ganzen Welt versammelt. Es ist 9 Uhr abends. Sabbatschluß. Den feierlichen Eröffnungsakt hat der Präsident des Vorbereitenden Exekutivkomitees Stephen W i s e vorgenommen. Er, der Vorbereiter und Organisator dieses Kongresses, führt seine Aufgabe mit Würde und Enthusiasmus durch. Stephen Wises Eröffnungsrede verkündet den inneren Sinn des Weltkongresses: Kein Ruf an die niehtjUdischc Welt, sondern ein Appell an die Juden selbst! „Juda erwache'." ist das Motto dieses Kongresses und sein Ziel die Zusammenfassung der jüdischen Kräfte zu eigener Tat. Wie schon bei anderen Gelegenheiten fordert Stephen Wise mit besonderer Energie die Handhabung der Boykottwaffe gegen den reichsdeutschen Nationalsozialismus. Er bedauerte die Abwesenheit der Juden Deutschlands, denen er die aufrichtige und herzliche Sympathie des Kongresses aussprach, ebenso wie das Fehlen der jüdischen Vertreter aus Sowjetrußland, die, so hoffe er, auf dem nächsten Kongreß schon vertreten sein würden. Das große Referat über die Lage der Juden in der Welt hielt Dr. Nahum Goldmann. Er führte aus, daß man das jüdische Problem nur im Zusammenhang mit den weltpolitischen Tendenzen betrachten könne.. Heute, in der Epoche des brutalen Staatsegoismus, sei in erster Linie die jüdische Minderheit getroffen. Die beiden Reden schufen die ideologischen Grundlagen des Kongresses. Uebcr die weitere Arbeit des Kongresses erfahren wir: Der' Sonntagnachmittag ist drei großen, Wirtschaftsberichten gewidmet. Der erste, den der bekannte Nationalökonom Jakob Lestschinsky vorlegt, befaßt sich mit der Wirtschaftslage der Juden> in den jüdischen Massenzentren, der zweite, von Dr. Tartakowcr erstattet, gilt der Frage der Emigration der Juden aus jenen Ländern, wo ihre wirtschaftliche und moralische Existenz gefährdet ist. Der dritte, der Israel Efroikin zum Verfasser hat, beschäftigt sich mit der konstruktiven Hilfe. ff|^f@£V»(p3ffV8Sfc >ür Gelegenheitskäufe Wien VIII, Stadtbahnviadukt 23 bei Lerchenfelderstraße Telephon: ^21-5-31 ki Am gleichen Sonntägnachmittag hält Leon Kubowitzky (Belgien) ein Referat über die Organisation der künftigen Jüdischen Weltkongresse als ständigen Organismus des jüdischen Lebens.' Für Sonntag abends ist die Generaldebatte angesagt, die bis Montag, den 10. August, nachmittags dauern soll. Anschließend daran beginnen die Kommissionen ihre Arbeit. Sieben Kommissionen sind vorgesehen, und zwar für 1. Politik, 2. Wirtschaftsfragen, das heißt die Hilfsorganisation, 3. den Kampf gegen den Antisemitismus, 4. die wirtschaftliche Selbstbehauptung und Boykott, 5. die Verfassungs- und Organisationsfragen, 6. Finanzen, 7. Nominationen, das heißt die Bearbeitung der personellen Probleme. < Am Dienstag, den 11., soll eine große Aussprache über die Lage in Palästina erfolgen, am Donnerstag über die Lage der Juden in Deutschland. Hierbei wird Georg Bernhard ein Referat über das Flüchtlingsproblem halten. Warum wir diesen Kongreß abhalten I Gespräch mit Stephen Wise Genf, 8. August. Ueber die Gründe und den Sinn des Jüdischen Weltkongresses äußerte sich Präsident Stephen Wise folgendermaßen: „Ein Blick in die Welt, in der wir leben, gibt die Antwort. Das Judentum der ganzen Erde steht heute vor einer Krise, wie die Juden Deutschlands im Jahre 1932. Nicht daß in anderen Ländern, etwa in Amerika, ein Hitler zu erwarten ist, obgleich niemand diese Gefahr mit Sicherheit ausschließen kann. Aber man sehe: Im November des Jahres 1932, kurze Zeit vor dem Beginn des Dritten Reiches, entsandte ich einen begabten Juden nach Deutschland. ,Was sollten wir in Amerika tun, falls Hitler zur Macht gelangt?' fragte er überall. Und überall stellte er fest, daß niemand auch nur im entferntesten an eine solche Möglichkeit glaubte! Ein berühmter deutscher Jude antwortete ihm: .Sagen Sie dem Oberrabbiner, er möge sich um die polnischen und die rumänischen Juden kümmern. Wir deutschen Juden werden für uns selbst zu sorgen wissen.' Der große deutsche Jude, der diese Worte sprach, sitzt heute im Ausland in einer kleinen Familienpension ... Ist das nicht eine Lehre?" Stephen Wise, der den Namen des berühmten deutschen Juden nennt, der aber aus Mitgefühl für den tragischen Irrtum, den so viele andere Juden ebenfalls begangen haben, verschwiegen bleiben soll, fährt lebhaft fort: „Vielleicht, vielleicht drohen uns nicht dieselben Ge-' fahren. Aber wenn Roosevelt dank seiner fabelhaften-und wundervollen Staatsleitung Amerika nicht nach dem Jahre 1932 gerettet hätte, wäre auch in diesem Lande eine starke und gefährliche antisemitische Bewegung entstanden. Eine Woche vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler safl ich mit einigen Herren im amerikanischen jüdischen Zentralkomitee zusammen, darunter dem früheren Vizebürgermeister von New York, Bernard Deutsch, der uns fragte: „Wenn Hitler zur Macht kommt, was werden wir dann unternehmen?" — Einer unserer Führer antwortete: ,Wlr werden diese Brücke überqueren, wenn wir vor ihr stehen ...' " Billige und bequeme B RUT-Son de rr eisen nach Polen u. Czemowitz am 16. und 83. August 1936 „IRUT", Wich I, Karlsplatt 1. Telephon U-44-5-79 Stephen Wise hebt die Stimme. Der Ton wird warnend, füllt sich mit beschwörender Eindringlichkeit: „Heute machen die Juden in England, in Frankreich, in Amerika genau denselben Fehler wie einstmals die Juden Deutschlands. Sie stehen vor einer Gefahr, dl« sie nicht sehen, weil sie sie nicht sehen wollen. Ich behaupte mit vollem Bewußtsein: Hätten die deutschen Juden vor vierzig Jahren regelmäßige Zusammenkünfte mit den^ russischen und polnischen Juden abgehalten, so würden sie vielleicht gelernt haben, wie man sich wappnen muß, um nicht dieselbe Tragödie zu erleiden. Die Tragödie Osteuropas ist heute das Drama Mitteleuropas* Sie kann morgen das verhängnisvolle Trauerspiel des Westens sein." In drei Leitsätzen faßt Stephen Wise das Programm zusammen: „1. Das jüdische Volk in allen Ländern muß erkennen, daß der Kampf des Antisemitismus nicht gegen die deutschen, die französischen, die englischen Semiten, sondern gegen die Semiten als solche geführt wird. Al3 Juden haben wir das Recht und die Pflicht, alle Angelegenheiten, die uns als Juden nahegehen, gemeinsam zu erörtern und zu prüfen. 2. Wir Juden müssen die jüdische Welt wachrufen. Sie weiß nicht, wie ungeheuer ernst es umi ihre Sache steht. Man bedenke: Nicht einmal ein Prozent des jüdischen Vermögens ist in Palästina investiert. Nicht einmal ein Zehntel Prozent ist für die deutschen Juden'—* für die größte aller jüdischen Tragödien! — geopfert worden! Die Juden sind nicht wach. Sie wollen nicht der Wahrheit ins Auge sehen. Das große Ziel unseres Kongresses ist es, sie wachzurütteln! : 3." Wir müssen Instrumente schaffen, die nicht mehr, einfach philanthropisch wirken, sondern im Dienste der?1wirtsch af tlich en Wiederaufrichtung stehen, wo immer sie notwendig ist. Aber dieses große und bedeutsame Werk kann nur vollbracht werden, wenn die Juden wach sind und wach sein wollen." Diskussion über Bezeichnung der Tagung Aus Genf berichtet die J. T. A.: Bei den.Beratungen der Exekutive, die der Tagung des Weltkongresses vorangingen, entspann sich eine Diskussion darüber, ob für die Tagung die Bezeichnung „Jüdischer Weltkongreß" beibehalten oder an ihrer Stelle die Bezeichnung „W eltkongreß jüdischer Verbände" gewählt werden solle. Die Delegierten der A r« beitergruppen setzten sich für die neue Bezeichnung mit der Begründung ein, daß der Kongreß nicht au« allgemeinen, direkten Wahlen hervorgegangen, sondern von einzelnen Verbänden und Organisationen beschickt worden sei. Ein endgültiger Beschluß soll während der Kongreßtagung erfolgen. ' Vorläufig bestehen 40 Delegierte von Arbeitergruppen aus Palästina, Polen und Amerika auf der Aenderung des Namens. Dr. Stephen S. Wise, Richter Julian William Mack, Louis Lipsky und Ahe Goldberg führen im Auftrage der Exekutive Verhandlungen mit den Arbeiterdelegierten, um diese zu bewegen, ihre Forderung nach Aenderung des Kongreßnamens fallen zu lassen. Die endgültige Tagesordnung des Kongresses sieht die Schaffung einer ständigen Körperschaft als Repräsentanz verschiedener jüdischer Gemeinschaften in der Verteidigung jüdischer Rechte vor, ferner Beratungen über den Schutz der bürgerlichen, politischen und wirtschaftlichen Rechte der jüdischen Minderheiten in denjenigen Ländern, in denen Minderheitenrechte anerkannt sind. Abwehr judenfeindlicher Propaganda und Verteidigung jüdischer Interessen gegen die Auswirkung judenfeindlicher Maßnahmen; Regelung der jüdischen Wanderung durch Schaffung eines Zentralbüros, das die gesamte Emigrationstätigkeit koordinieren soll, Koordinierung aller durch öffentliche Sammlungen geförderten Hilfsaktionen unter öffentlicher Kontrolle, Wiederaufbau und Wiederherstellung der wirtschaftlichen Existenz derjenigen, die nicht auswandern können, und Erleichterung der Auswanderung nach Palästina in Zusammenarbeit mit der Jewish Agency. Englands Politik in Palästina Aus London wird berichtet: In der soeben erschienenen Nummer der Zeitschrift „Great Britain and the Gast" wird erklärt, die Regierung lehne offenbar eine vorübergehende Einstellung der Einwanderung als Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung tn Palästina ab. Aber nach der in einem bis zwei Monaten zu erwartenden Beendigung der Unruhen werde die Frag© neuerlich erwogen werden. Was immer entschieden werden sollte — so heißt es in dem Leitartikel — das Mandat bleibt aufrecht. Darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Aber das Mandut aufrechterhalten, ist, wie jedermann wissen sollte, an sieh keine Politik: die Politik liegt In der Interpretation, Verschiedene Interpretationen sind möglich. Die Juden legen den Nachdruck auf den „Aufbau" eine» Jüdischen Nationalheims in Palästina, manche von ihnen gehen so weit zu sagen, daß dies der primäre Zweck des Mandates sei und ohne ihn England Uberhaupt nicht in Palästina wäre. Die Araber andererseits weisen auf die erklärte Verpflichtung der Mandatar-