Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 583 (7.8.1936)
- Date
- 1936-08-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIB NEUE WELT Nr. 583 vom 7. August 1936 ABRAHAM SACK det Ud UM mit mit Sfiafi... XSchlußteil) Nachmittags warteten wir noch stundenlang, bis wir endlich in das Ordinationszimmer des berühmten Doktor Bergmann eintreten durften. Der Doktor, ein hoher, stattlicher Mann mit gepflegtem schwarzem Bart, angetan in einen feinen schwarzen Rock, einen goldenen Zwicker auf der Adlernase, nahm uns sehr freundlich, auf. Er ersuchte meinen. Vater, ihm die Krankheitsgeschichte zu erzählen. Bzt Vater berichtete ihm alles — aber in russischer Sprache, so daß ich davon nichts verstehen konnte. "Heber Aufforderung des Doktors legte ich meinen Rock und mein Hemd ab — dann ging er daran, mich gründlich zu untersuchen. Er beklopfte mir Brust und Rücken mit seinen langen, dünnen Fingern. Dann sprach er mit meinem Vater über das Ergebnis seiner Untersuchung. Er sprach zu meinem Vater jiddisch ... Und obwohl ich mir alle Mühe gab, zu verstehen, was er ihm sagte, konnte ich doch kein Wort genau hören, weil er sehr leise sprach. Eines aber konnte ich bemerken — nämlich daß das, was er meinem Vater sagte, sehr geheimnisvoll sein mußte ... Das merkte man an der ganzen Art ihrer Unterhaltung, und dann wandte er sich freundlich an mich auf Jiddisch, in gutem, echtem, kleinstädtischem Jargon: „..Wo lernst du'...?" „Im Cheder, Herr Doktor!" „So. Da wirst du Jetzt eine Freude haben, einen richtigen und langen Jomtow! ..." Und zum Vater gewendet, vollendete er den Satz: „Das Kind darf den ganzen Sommer hindurch nicht in den Cheder gehen! ..." Zu einer anderen Zeit ... O Gott! So eine Botschaft! Einen ganzen Sommer nicht in den Cheder gehen! ... Es wäre ein Glück, ein Fest, ein Jubilieren und Tanzen! Ein Frohlocken und Lustigsein!... Einen ganzen Sommer! Unfaßbar, welches Glück dies für mich bedeutete ... Ja, zu einer anderen Zeit ... Jetzt aber, in dieser Lage, hatte diese ganze Botschaft für mich — keinen Reiz! Im Gegenteil: meine Angst und meine Sorge wurden noch größer! Heute, jetzt wollte ich ja in den Cheder gehen. Jetzt verzichtete ich gerne auf dieses Glück ... Ich will in den Cheder! Ich will! Ich will! ... Aber: der Doktor sagt nein, darum nein! Beim Verlassen des Ordinationszimmers streichelte der Doktor mein Haar und sagte zu meinem Vater: „Ich hoffe, er wird gesund sein! ..." Daheim begann eine völlige Veränderung meiner Lebensweise. Von dem Tage an, an welchem das Wort „Lungen" in unseren Sprachgebrauch Eingang fand, wurde ich mit größter Sorgfalt behütet, beschützt, mit Aufmerksamkeit beobachtet und über alles gefüttert ... Die teuersten Bissen, das Beste vom Besten, alles Gute und Schmackhafte, Gesunde und Nahrhafte war für mich bestimmt ... Es schien, als ob sich alle Nachbarn mit meinem Vater vereinigt hätten, um eine einzige Aufgabe, ein einziges Ziel zu erreichen: mich, den Verlorenen, wenn es nur irgendwie ging, zu retten ... Und sie waren sich darüber einig, es könnte, wenn die Mutter da wäre, sich das Schreckliche überhaupt nicht ereignen ..." Ja, meine Mutter! Meine Mutter konnte nicht des Glückes teilhaftig sein, daheim bei ihren Kindern zu bleiben. Schon monate lang, war sie nicht zu Hause. Sie mußte mithelfen, den Lebensunterhalt verdienen, und das tat sie in der Weise, daß sie' als Wirtschafterin in einem Gutshof, der einem entfernten Verwandten gehörte, angestellt war. Dort mußte sie, so erzählte mir der Vater, schwer arbeiten, aber es ging anders nicht ... Ehe sie die Stellung angenommen hatte, konnte niemals daheim das Allernotwendigste, beschafft werden. Für das bescheidenste Leben reichte es nicht hin. Mein guter Vater hatte zwei „Berufe", zwei „Einkunftsquellen": Erstens war er ein „Lehrer" ... und zweitens ein „Schreiber" ... Diese doppelte Tätigkeit, dieser Doppelverdienst reichte gerade auf „Wasser für den Scholet" ... .Und gar unsere Wohnung, das war fast ein „Palast" ... Eine Kammer, welche die wundervolle Eigenschaft hatte, allen Zwecken zu dienen. Bei Tag zum Leben, Essen, Unterrichten, als Schreibstube, als "Empfangssalon für hohe Besuche (ein Bauer oder eine Bäuerin, die einen Brief erhalten haben oder schreiben wollen ... und weder den empfangenen lesen, noch den zu schreibenden schreiben konnten ...) und bei Nacht: als Schlafzimmer für uns alle. Aber dieser Palast hatte auch eine Einrichtung, ein „Meublement" ... Ein Holzbett, ein Bett aus Eisen und eine Scblafbank (die tagsüber auch als Sitzbank Dienst tun mußte) waren die Einrichtung unseres Zimmers; ein Tisch, einige alte Sessel und eine altmodische Kommode bildeten den Rest unserer Einrichtung. Aber wir besaßen auch Wandschmuck: Bilderl Das eine stellte Moscheh Rabenu mit den beiden Lichoth, das andere Noah mit der Arche dar, und überdies ein B'ild des Kaisers, vor welchem jeder Bauer, der uns besuchte, mit einer tiefen Verbeugung den Hut zog ... In einer EcKe befand sich außerdem eine Photographie: es War ein Onkel, der in Amerika lebte und von Zeit zu Zeit einige Dollar herüberschickte ... Das also war unser Hab und Gut.,» Das Haus, in welchem sich unsere Wohnung befand, war ein altes, verfallenes Gebäude mit einem schadhaften Dach und ganz verfaulten Dachschindeln, so daß bei einem etwas stärkeren Regen das Wasser in Strömen her einfloß,., Man mußte £roße Töpfe unterstellen, die das Regenwasser auffingen. In diesem Hause hatten Not und Elend ihren Sitz aufgeschlagen und herrschten mit allem Pomp, mit aller Verschwendung, die bedeutenden (und auch unbedeutenden) Herrscherhäusern eigen ist,.. Unser Essen war sehr kärglich. Niemals wurde ich sätt. Stets hatte ich einen Gast, der sich Hunger nannte und, mich niemals in Ruhe ließ. Der Vater kaufte Sontag ein großes Brot, das für die ganze Woche reichen sollte, und wenn wir Donnerstag feststellen mußten, daß der Rest nicht ausreichen werde, erfaßte uns alle ein Schreck, denn mehr als ein Laib Brot in der Woche war ganz unmöglich. Der Vater begann dann die Portionen kleiner zu schneiden, immer rechnend und kalkulierend, ob es reichen werde oder nicht. Auch die anderen Speisen waren niemals in einer Menge (von der Güte ganz zu schweigen) vorhanden, um auch nur den schreienden Hunger zu stillen... Bis auf eine Sache: Tee! Tee war da, soviel du wolltest, so oft du wolltest, zu jeder Tageszeit, zu jeder Mahlzeit: beginnend beim Frühstück, zum Mittag-, zum Nachtessen..» So lebten wir in Not, in ständiger Sorge, in den denkbar schlechtesten Verhältnissen — bis die Mutter auf das Gut kam. Da wurde unser Los leichter und erträglicher. Der Verdienst des Vaters, zusammen mit dem der Mutter, erlaubte schon, ab und zu eine halbwegs entsprechende Mahlzeit auf den Tisch zu bringen, und manchmal schickte die Mutter ein Stück Butter, Käse und ein Körbchen Eier mit Nachbarn herüber, die zu uns ins Städtchen kamen... Der Vater vertauschte die Rollen und wurde — Hausfraul Er mußte selbst aufräumen, die Betten richten, kochen, backen, Geschirr waschen, Kartoffeln schälen, das Fleisch einsalzen und „koscher" machen... In ganz kurzer Zeit hatte er die Kunst der Hausfrau erlernt und stellte auch in dieser Lage seinen „Mann",.» Gerade um diese Zeit wurde ich krank. Mehrmals im Tage mußte ich viel warme Milch mit viel Butter trinken, drei- oder viermal täglich nahm der Vater mich bei der Hand und führte mich durch die Felder spazieren und wenn ich einmal gehen wollte, ohne von ihm geführt zu werden, gewährte er es nur unwillig und rief mir jeden Augenblick zu: „Nur langsam, langsam, mein Kind, geh', bitte, langsam..." Eine Ermahnung, die ganz überflüssig war, weil ich ohnehin sehr langsam ging. Der Frühling war da. Alles blühte und duftete. „Riechst du? Ja? Atme den Duft der Blumen ein, das macht gesund!" sprach oft der Vater zu mir, wenn wir über blumenbesäte Wiesen gingen. Aber — all das machte mich traurig: das lange Spazierengehen, ohne mit den Freunden spielen zu dürfen, das Abgeschlossensein, Behütetsein, und sogar das Nicht-in-den-Cheder-gehen während des ganzen Sommers, legte sich wie Blei auf mein kindliches Gemüt, bedrückte mein Herz und in mein jugendliches Gehirn griff mit scharfen Nägeln ein teuflisches, -unheimliches Ungeheuer Wurzel, welches mir zuflüsterte: „Du wirst sterben!" Gott! Ich werde sterben...! Der Vater schrieb an die Mutter wegen meiner Krankheit. Erschrocken, ganz verstört, kam sie sofort einem Bauernwägelchen nach Hause gefahren, um zu sehen, wie es um mich steht. Und merkwürdig, ich weiß nicht, was es gewesen ist: als die Mutter ins Zimmer trat, fühlte ich mich ganz gesund, ich hatte das Empfinden, niemals krank gewesen-zu sein, schon gar nicht, es etwa jetzt in diesem Augenblick zu sein, und als ich HeUnkekt Von Alfred Werner Achtzigtausend Worte hat die Thora, acht zig tausend blutige Tränenworte — doch sind mehr der Dulder, die gestorben, auf verbrannten Lippen Lob und Lehre, Lange Jahre bin ich blind gewesen, babelgläubig, bösen Geistern hörig ro wie töricht war mein besseres Wissen, o wie sundhaft war mein starkes Handeln! Doch nun kehr ich heim von stolzer Ausfahrt — Tand mein Steuer, närrisch Tuch mein Segel —; schamgebeugt, doch wieder fromm, das ferne Land der Bibel wie im Traum begreifend. Sieh, schon schimmert mir die schöne Küste sanft entgegen, milde Quellen rauschen: Finde zu dir selbst, du Weitgeirrter, geh nicht ab vom sichern Weg nach innen l Achtziglausend Worte eingegraben sind mir mit dem harten Griffel Gottes, mit den Fingern last ich ab die Zeichen, daß ich sie im Dunkel lesen lerne .,. Aus Alfred Werners Gedichtbuch „Gebet aus der Tiefe" X^erlag £er. Buchhandlung Fritz Sußmann; Wien)] mich in den Spiegel sah, mußte ich mit hellster Freude feststellen, daß ich eigentlich schon weit besser aussehe, als ich früher je ausgesehen hatte... „Da du ohnehin den ganzen Sommer nicht in den Cheder gehen darfst, so ist es besser, wenn du mit mir auf den Gutshof kommst!" Es war Mitte Juni. Die Sonne lockte mich täglich zeitlich morgens aus dem Schlaf hinaus auf die saftgrünen Felder, hinaus in die bereits erwachte Natur, wo ich stundenlang umhertollte, alles, aber wirklich alles ganz vergaß... Ich wurde ein Kind der Natur, lebte in ihr, wurde eines ihrer Geschöpfe, sog ihren Atem ein, erfreute mich an ihren Schönheiten. An mein Kranksein hätte ich nicht mehr gedacht, wenn mich nicht die Mutter täglich daran erinnert hätte: jeden Morgen kam sie und führte mich in den Kuhstall. Sie selbst melkte in ein mitgebrachtes Geschirr Milch, die ich, wie sie sagte, „auf einen Zug" austrinken mußte, „zum Gesundwerden". Und daheim machte sie mir stets frische Kuchen mit viel Butter und Eiern. Ich bekam eine frische Farbe und fühlte mich von Tag zu Tag kräftiger, gesünder ... Eines Tages spielte ich wieder mit meinen Freunden im Felde. Wir liefen durch die Felder bis an die Grenze der Gutsbesitzung. Plötzlich vernahm Ich ein Weinen. Neugierig lief ich dorthin, woher das Weinen kam. Durch ein offenstehendes Fenster blickte ich in das Innere eines Zimmers und gewahrte folgendes Bild: In der Mitte des Zimmers steht ein Sarg, In welchem ein Mädchen, tot, Hegt; gekleidet in weiße, neue Festgewänder, das Haar frisch gewaschen und gekämmt; eine spitze Nase in einem gelben Gesicht, ein kielner, zarter Mund, halb offen, so daß man eine Reihe winziger weißer Zähn| erblicken konnte. Auf der Brust ein kleines schwarzes Kreuz. Zu beiden Seiten brennen zwei hohe Wachskerzen. Um den Sarg knien die Angehörigen und weinen still vor sich hin,.* Ich blieb wie versteinert stehen. Ja: ich sah von Angesicht zu Angesicht den Tod...! Den Tod! Das also war er, der Schrecken, der mich peinigte, mein Leben verdunkelte, meinem Vater. Kummer bereitete ... Das war der Tod... Das Bild, das ich in diesem Häuschen gesehen, grub sich tief in mein Gemüt, ließ mir keine Ruhe mehr, verfolgte mich zu jeder Zeit, an jedem Ort. „Ich werde sterben —. ich werde st erb enü ..!** Dieser unheimlich Gedanke ließ mich nicht los. Ich ging nicht mehr mit meinen Freunden spielen, mied die Felder und Wälder, ging nicht ins Dorf und blieb allein für mich im Hof. Eines Abends, ehe (ich mich schlafen legte, fragte ich: „Mutter, hat dir der Vater erzählt, was der Doktor gesagt hat?" „Natürlich hat er mir erzählt." „Was hat der Doktor gesagt?" „Du hast doch auch gehört, was er gesagt hat!" „Nein. Ich weiß nichts. Ich habe , nichts verstanden von dem, was der Doktor gesagt hat. Bitte, sage mir» was hat der Doktor gesagt?" „Der Doktor hat nichts gesagt!" „Hat er nicht gesagt, daß ich gesund würde?" „Aber natürlich wirst du gesund werden, mein Sohn." „Vielleicht nicht .. . Mutter!!" : „Weshalb denn solltest du, behüte Gott, nicht gesund werden?" „Vielleicht werde ich sterben! . . . sterben . . ." „Geh, dummer Bub. Pfui, schweig d.och . . . red' nicht so dummes Zeug —" Ich blieb, halb entkleidet, sitzen. „Nun, so leg' dich doch schlafen, mein Kind!" ' Ich folgte. Dann wollte Ich wieder beginnen: ,„ , , Mutter! ..." „/Genug, genug, leg' dich schon schlafen» mein Kind." „Mutter . .". ich bitte dich, mach das Weht größer * i * ich habe so Angst..." Die Mutter drehte ein wenig die JUampe auf und legte sich schlafen. „Schlaf, mein Kind, es ist schon sehr spät ..." Ich schlief aber nicht. Ich lag mit offenen Augen in der Dunkelheit und sah die ganze Zeit auf das Lichtlein — es wurde immer kleiner und winziger ... Dann plötzlich ein letztes Aufflackern und es ging ganz aus ... So, sagt man, geht auch die menschliche Seele aus . . . Ermüdet schloß ich die Augen und schlief ein. Plötzlich sehe ich ein weites Feld und darinnen ein kleines, zartes Menschleln, zitternd und zappelnd, Von hinten kommt ein Ungeheuer heran, ganz schwarz, mit glühenden Augen, immer größer werdend, mit langen, dürren Händen und langen, spitzen Krallen, und schon... schon streckt es seine Arme aus gegen das kleine Menschleln — da dreht sich das Menschleln um, schrickt im ersten Augenblick ein wenig zurück, aber dann fängt es an — zu lachen ... laut, lauter zu lachen ... immer kräftiger und freudiger, immer stärker Uttd, wilder zu lachen . . . Alles in ihm lacht, die Augen, der Körper, das Gesicht, die Arme, der ganze Mensch lacht und lacht: je mehr das Menschleln lacht, d.esto größer und kräftiger wird es, bis es riesengroß unoVmttchtlg dasteht . , , und es wird heller und schöner, lichter und fröhlicher, und es lacht, es lacht, es lacht . . . während das Ungeheuer, der Tod, immer kleiner und winziger wird» bis es schließlich verschwindet ... In Schweiß gebadet erwache ich-, , . Die Sonne scheint durch das Fenster herein ... Ich fühle mich gesund und stark! Geheilt, gerettet.,,! .(Aus dem Jiddischen von M, S, $ r a t,m. a a n,).