Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 581 (31.7.1936)
- Date
- 1936-07-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite o DIB NEUE "WELT Nr. 581 vom 31. Juli 193Ä l.-IWJW'l ABRAHAM SACK Du IM Uieß mit mit Sftaß... Abraham Sack (Warschau) gehört zu den stärksten Talenten der neueren jiddischen Literatur. Seine Sprache ist knapp, seine Bilder klar, der dramatische Ausdruck überzeugend. In naturalistischer Manier weiß der Autor Irdisches und Ueberirdisches darzustellen und selbst den grauenhaftesten Geschehnissen, für deren Gestaltung er eine Vorliebe hat, einen Schimmer des Menschlichen zu geben. Als charakteristisches Beispiel für Sacks Schaffen veröffentlichen wir — in der Uebersetzung von M. S. Brafmann — einige Kapitel aus der Erzählung „Der Tod trieb mit mir Spaß ..," Elf Jahre mochte ich alt gewesen sein, als ich infolge einer Erkältung zu husten begann. .Von Tag zu Tag wurde der Husten stärker und mein Gesicht blässer. In unserem kleinen Städtchen gab es damals einen einzigen Arzt, ein junges, adelages Dcktorlein, wahrscheinlich eben erst von der Universität gekommen — einen jener „Meister", die „auf des anderen Bart scheren lernen" und: auf dem Weg aus dem Nichts in die Ewigkeit auf dieser sündigen Welt Station machen und die Menschheit mit ihrer Kunst beglücken, in jedem Städtchen kleine, draußen am Rande gelegene Friedhöfe anzulegen ... Zu diesem Arzt führte mich mein Vater: jener untersuchte mich vom Scheitel bis zur Sohle, beklopfte jede Brust- und Rückenstelle mit den Fingern, dann mit einem Hämmerlein, horchte von allen Seiten durch ein dünnes Köhrchen... einmal, noch einmal und sagte schließlich ganz leise und geheimnisvoll zu meinem Vater: „...nicht gut!/., die Lungen!..." Als mein Vater hörte „Lungen....", blieb er stehen wie angewurzelt, zu Tode erschrocken, ein Zittern erfaßte ihn am ganzen Körper, auf der Stirne bemerkte ich Angstschweiß... scnneiäiicn faßte er sich ein wenig, wischte sich aus dem Aug' eine Träne und sagte mit gebrochener, zu Herzen gehender, flehender Stimme: „...Herr Doktor!... ein Sohn... ein einziger Sohn!... Herr D o k t o r!" Das jagte mir panischen Schrecken ein, diese Stimme, diese Betonung, diese Haltung, ich horchte mit Zittern und Furcht auf die Antwort meines „Retters"... Der aber schwieg eine Weile, legte dann die Stirn in Falten, den Kopf auf eine Handfläche und sagte: mein Vater müsse gleich morgen mit mir in die Stadt hineinfahren und den berühmten Spezialisten Bergmann konsultieren... Wir gingen langsam nach Hause. Der Vater war ganz zusammengebrochen, er ging mit hängendem Kopf schweigend neben mir, dann nahm er mich bei der Hand und führte mich, ohne ein Wort zu sprechen... ' ,. Dieses Händehalten und Heimführen bestärkte mich in meiner Furcht und ich meinte, schon... schon.., sei es 'mit mir zu Ende... „Wir fahren morgen nach G____" (so hieß die Stadt)«' sagte mein Vater plötzlich und blickte mir forschend in die Augen. Ich konnte diesen Blick nicht ertragen und senkte mein Auge. „Ich will... ich will..., daß die Mutter heimkommen soll...", brachte ich stammelnd .hervor, ohne den Blick emporzuheben. (Sie war damals verreist.) „Wozu das?"..., sagte der Vater; „bis wir von G. zurück sind, wird auch Mutter schon da sein." Wir kamen bei unserem Haus an, ich wollte nicht hineingehen und blieb draußen bei unserer Scheune stehen, hinter der sich die große Spielwiese meiner Freunde befand. „Du sollst mit keinem Jungen spielen... komm gleich^ ins Zimmer hinein..." befahl der besorgte Vater. Es war ein warmer Mainachmittag. Draußen auf der Wiese spielten, tanzten, jubelten und sangen meine Freunde. Und ich? ... Hunderte Maikäfer flogen umüer und bunte, farbenprächtige Schmetterlinge flatterten von Blüte zu Blüte, Bienen summten, trunken vom Seim, den Blumen, Vögel aller Art sangen und musizierten... Die ganze frohe, lichte Datur war erwacht und lud zu Tanz und Spiel ein. Ich nahm mich zusammen, verscheuchte alle düsteren Gedanken, unterdrückte Angst und Kummer und wollte hin zu meinen Freunden... Da erstand aber vor meinen Augen ein Bild: Ich sah wie aus weiter Ferne immer* näherrückend Scheindel... Das war ein junges, zartes, schönes Mädchen, welches uns gegenüber wohnte. Sie war schwer krank und saß den ganzen Tag beim Fenster und sah uns zu. Von Woche zu Woche wurde sie kränker und blässer, der Körper schrumpfte zusammen, die Wangen fielen ein, die Augen sanken tiefer ein.*» bis an einem Freitag durch unser Städtchen die Kunde lief: Scheindel, das junge, zarte Geschöpf, hat ihre Seele ausgehaucht... Eine Stunde vor dem Lichteranzünden wurdesie, in aller Eile, beerdigt. Das ganze Städtchen war dabei und die guten alten Leute sagten damals: „...das junge Wesen hat das letzte Stückchen Lunge ausgespjen.. „Lunge! Lunge!... auch bei mir die Lungen"1 Und da erinnerte ich mich auch an ihren Gesang, an jenes ewige traurige Klagelled, das sie oft von ihrem Fenster aus uns zurief: ...Oh! Menschen!... gute, brave Menschen!... ich geh' von dieser Welt vor der Zeit...! Oh! Menschen! und ich bin noch so jung! ...oh! Menschen!... Der Vater kam heraus, nahm mich bei der Hand, führte mich ins Zimmer. Alle Nachbarinnen waren ver» lamiaelt, sie umdrängten mich, jede blickte mich forschend und prüfend an, jede raunte der anderen ein geheimnisvolles Gutachten zu.., und dann schob man mir ein Stück weißen Kuchen, dick mit Butter bestrichen, in den Mund.,» dazu eine Schale warmer Kuhmilch, eben gemolken... „Trink... trink das Ganze!... Es sei zur Gesundung", sagte die eine, ,,Gott schicke ihm baldige Genesung", die andere und der Vater sagte: „Amen!",., 2, Zeitig morgens weckte mich der Vater: „... Aufstehen! Wir fahren..." Während des Ankleidens hustete ich ununterbrochen und der Vater sah mich die ganze Zeit mit erschrockenem Blick an. Dieser nervöse, schmerzhafte Blick ging mir durch Mark und Bein und ich nahm alle meine Kräfte zusammen, um dem Husten Einhalt zu gebieten und ihn womöglich ganz zu unterdrücken. Doch vergebens. Je mehr ich ihn bändigen, ersticken, unterdrücken wollte, desto mehr strebte er nach Luft und von Zeit zu Zeit brach er um so heftiger aus, machte mich fast erbrechen, rötete mein Gesicht und ließ mich kaum mehr zur Ruhe kommen..« Solche Augenblicke waren schrecklich: der Vater stand da, gebeugt, mit erschrockenen, verzweifelten Augen, mit ziternden Händen und bot das Büd eines Geschlagenen, Gemarterten... Es ist begreiflich, daß dieser Anblick meine Angst und Furcht vervielfachte und daß ich mich quälte« Mit einer Sorgfalt, die mir ganz ungewohnt war, kleidete mich der Vater an. Eine Weste und noch eine darüber und einen wollenen Schal um den Hals und warme, echt schafwollene Handschuhe und warme Socken, gute, feste Schuhe.., und alles war ihm noch zu wenig, war noch zu wenig arm, zu wenig verläßlich, zu wenig sicher. Wir gingen schweigend nebeneinander, auf den Marktplatz, wo die Fuhrleute schon warteten. Wir stiegen in den ersten Wagen, der eben zur Abfahrt in die Stadt bereit war. Zusammen waren wir acht ,Passagiere', „Wijo!", und es ging vorwärts Unser Wägelchen lief dahin durch die ruhigen und verschlafenen Gäßchen unseres Städteis. Krumme, holperige, löcherige Gäßchen, mit denen ich so vertraut war, dessen Häuschen mir zutraut waren, dessen Einwohner ich alle höchstpersönlich mit Namen kannte... „Ist dir nicht kalt?", fragte mich der Vater von Zeit zu Zeit und richtete mir, obwohl ich stets verneinte, den Schal, achtete darauf, daß der Rock'gut geschlossen sei, und beobachtete mich unausgesetzt. Rasch verließen wir das Städtel und fuhren über staubige Landstraßen dahin. Bergauf, bergab. Für Abwechslung sorgte die Natur: da bot sie uns eine schöne, schnurgerade, staubfreie Straße an, die wir dankend annahmen und in Windeseile dahinglitten, vergnügt und freudig gestimmt — dort erwartete uns ein Fahrweg zwischen Feldern gelegen, der zu seinem besonderen Vergnügen in kurzen Abständen Grube auf Grube folgen ließ, die überdies mit spitzen, großen Steinen angefüllt waren, so daß diese sich mit unseren Rädern trafen, einander innig begrüßten und... brrrr,,, durch alle Nerven hindurchsangen und unser Wägelchen nach dieser Musik hin und her tanzen ließen Je länger wir fuhren, desto wärmer wurde mir. Die Königin Sonne erhob sich an dem wolkenlosen Himmel. Zu beiden Seiten des Weges zogen sich bunte, blühende Felder und Gärten hin, ein munteres Leben, Zwitschern, Summen, Singen und fröhliches Treiben der ganzen wierdererwachten Naturwelt umgab uns. Das fesselte mich, ließ mich für eine Weile an alles vergessen, an .Vater, an mich selbst, an die „furchtbare" Diagnose des Doktorleins. j, M wenn nicht unsere lieben Mitreisenden gewesen wären..„ Ja, wenn nicht mein Vater den langen Weg ausgefüllt hätte. Womit?, Eine Frage, wenn acht Juden und Jüdinnen, gute Brüder und Schwestern, Kinder eines einzigen Gottes, in einem Wägelchen zusammensitzen. Und so führte man ein Gespräch über — alles: über das Wetter, die Ernte, den Markt, die Nachbarn, die Steuern, den Rebben *— schließlich über mich. Mein Vater erzählte von meinem „Unglück". Lungen! Lungen!... Und besonders die eine, eine gute und liebe Frau, fragte meinen Vater nach diesem und jenem aus. Alles wollte sie wissen; wann und wie und wo ich begonnen hätte, zu husten, zu welchen Tageszeiten besonders stark und schwach, was ich den ganzem Tag treibe, was ich esse und nicht esse, was ich trinke und nicht trinke, wann ich schlafen gehe und wieder aufstehe, wie ich im Cheder lerne, wer mein Rebbe sei, bei welchem Doktor wir gewesen, was er gesagt, getan(.und verschrieben, zu wem wir jetzt fahren, weshalb wltf fahren.. , tind wenn mein guter Vater ihr all das gesagt hatte, begann sie erst zu fragen, », Jetzt bekam sie erst für den Fall Interesse, und wenn eine Frau Interesse bekommt,.. Gott behüte! Ich muß sagen, sie meinte es ehrlich; sie wollte mir helfen, mich retten, mich am Leben erhalten. Und um das zu tun, erzählte sie so zwischen den Fragen von diesem und jenem, der ebenfalls krank gewesen sei und dem dies und jenes passiert wäre... „Nicht bei uns gedacht", „Er sieht schlecht aus!.,.", stellte sie mit Kennerblick fest. Und wie auf einen Wink drehten sich alle nach mir um und blickten mich an: mit einem Blick, der etwa sagen wollte; „.,. der Arme., der Unglückliche,.. wie haben wir Mitleid mit Ihm!*»» Gott erbarme sich * seiner.*;.»," Als mein Vater dieses fachmännische Urteil hörte, richtet er von neuem noch besorgter meinen Wollschal, knöpfte meinen Ueberrock noch fester zu und mir ward heiß zum Zerspringen, ich badete mich in Schweiß, und hielt es einfach nicht mehr aus... aber geh und schrei, geh und rühr dich, wenn jene sagt, du siehst schlecht aus, und wenn dich alle angaffen, bedauernd, bemitleidend ... Aber damit nicht genug, begann es erst jetzt. Es kamen Ratschläge, gutgemeinte Ratschläge, mit welchen Mitteln ich, der „Verlorene", zu retten wäre, Der eine: der Vater müsse mit mir sofort zu einem Wunderrabbi fahren, zu einem Rabbi. Der andere: der Vater müsse mit mir sofort zu einem Kräutersammler fahren, der Heilmittel gegen jede Krankheit besitzt, besser als alle Medizinnen; der mehr verstehe als alle Doktoren und Professoren, Dozenten und Gelehrten zusammengenommen: seine Heilgräser, seine Heilkräuter haben Tote lebendig gemacht.», Wahre .Wunder habe er bewiesen, und bs« welse sie jeden Tag von neuem, wenn man nur zu ihm komme.,, Das spricht man von mir?, Das meinte man mich?, Das waren Ratschläge für mich, für meine Rettung?, Ja, Ja..,, Und diese Stimmung, diese Szene mit dem Bedauern, Bemitleiden, Raten prägte sich mir. tief in mein noch naives und kindliches Gemüt: es wurde mir klar, daß es nach all dem Gesehenen und Gehörten sehr schlecht um mich stand... Mir wurde erst wohler zumute, als wir den hohen Berg erklommen hatten und ich von oben schon die Turmspitzen der großen Stadt erblicken konnte. Diese Stadt, die Großstadt, hatte für mich einen gewaltigen Reiz. Meine Freunde hatetn mir von ihr wahre Wunder erzählt und schon seit langer Zeit zog sie mich mit magnetischer Gewalt an: Die Stadt... mit ihren hohen und dicken Mauern, mit ihren wundervollen schweren eisernen Toren, mit ihren so wunderlichen Wächtern, großen, schönen und hohen Gebäuden, riesigen Kasernen, in denen, wie man mir erzählt hatte, so viele Soldaten wohnen..-, Ah, Soldaten! und Offiziere! — und dort... dort in der Ferne sieht man den großen und weiten Platz vor der Hauptkaserne, auf welchem die Soldaten exerzieren, und ich habe fast vergessen, in der Stadt gibt es noch ein großes, unfaßbares, unverständliches Wunderwesen: ... die Bahn, die Eisenbahn!!... Ja, ja, dieses rätselhafte Ding, das sie alle Bahn nennen, das allein flieht,.. flieht... ohne Menschenkraft, ohne Pferde, bloß angetrieben, wie man bei uns im Städtel sagt, durch Dampf!... Meine Augen begannen zu leuchten, mein Herz hastiger zu schlagen, in mir wurde alles fieberhaft erregt, aufgewühlt, gespannt... da, da noch ein wenig und wir sind dort: mit jeder Umdrehung der Räder kommen wir dem heißersehnten Ziele näher... Alles wird klarer, deutlicher, schon kann man alles genau erkennen und unterscheiden, oh, dieses Meer von Häusern, Gassen, Gärten, Mauern, Menschen... Schon vernehme ich deutlich das Kommando eines Offiziers: Kompagnie! Marschieren! Marsch!,., und ich sehe wie sie sich in Reih und Glied ordnen und im Takt unter Trommelgewirbel marschleren,., eins, zwei, drei... Wir fahren schon durch das äußere Tor, jetzt durch die ersten Gäßchen... Plötzlich!... Pfpfpfpfpfpfpf — „Die Bahn flieht!...", ruft der Vater aus. Mit weit ' aufgerissenen Augen starre ich das Wunder an. Plötzlich: Die Bahn bleibt stehen!! Station! Und dann wieder: pfpfpfpfpf —! Sie flieht weiter!... Wunder! Wunder! Ich bin von meinem Sitz aufgesprungen und blicke ihr nach. Unser Pferd ist vor der dahinsausenden Bahn erschrocken und wül weglaufen, Reißau3 nehmen. Unser Fuhrmann springt vom Bock und packt es, hält es fest... Doch mich kümmert das gar nicht. Ich starre auf das Wunder: Wagen reiht sich an Wagen, ohne Ende... Personenwaggons mit kleinen winzigen Fenstern, aus denen Menschen herausgucken und mir zuwinken ...?! Mir zuwinken?! ... Lastenwaggons mit Kohle und Holz und Fässern und Ballen und da, oh, wie herrlich, ein Waggon mit lebenden Ochsen! Lebende Ochsen... Hurrah! Das Tempo wird rascher, die Waggons fliegen vorbei, werden in der Ferne immer winziger und entschwinden ganz... Und oben: oben sieht, man Wolken!... Graue, fast schwarze Wolken! „Das ist der Dampf! Der Dampf, der die Bahn zieht!", belehrt mich der Vater. Unfaßbares Wunder!... Wie oft habe ich mich schon bemüht, selbst eine Bahn zu machen!... Hundertmal... Schienen ausgeschnitzt (mit des Vaters Hilfe), kleine Waggons gemacht — und trotzdem wollten sie nicht allein fahren... Nein! Sie wollten nicht!... Ich mußte sie stets schieben, stoßen... Die ganze Kunst — scheint mir — steckt in diesem Dampf. ... Nun verstehe ich aber wieder nicht: ein Samowar! Ein Samowar wie bei uns daheim hat doch Dampf, sogar sehr viel, oft zu viel und — trotzdem fährt und flieht er nicht?!... Darauf gibt es nur eine einzige Antwort, nur eine Erklärung: Ja, wenn der Samowar Räder hätte! ... Also, wenn unser Samowar Räder hätte, müßte er fliehen,., (Schlußteil folgt.) Quartier fUr acht Tage bei einem Gesinnungsgenossen, womöglich im XVI. Bezirk oder in der Nähe desselben, sucht ein Ingenieur aus Tel-Aviv ab 9. August. Geboten wird als Gegenleistung bei einer Palästina-Reise Quartier in Tel-Avlv. — Angebote sind umgehend an das Palästina-Amt in Wien, I., Marc-Aurel-Straße 5 (Telephon U-28-3-78) zu richten.